Nicolas Gonzales, VfB Stuttgart

Top-frisierte Fußballer Alles nur Haarspalterei?

Stand: 18.01.2021 15:49 Uhr

Obwohl die Friseursalons geschlossen sind, präsentieren sich einige Profifußballer gut gestylt im Fernsehen. Die Vereine beteuern, die Spieler schnitten sich selbst die Haare. Was zumindest im Trend läge.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Seit Tagen tobt eine Debatte darüber, ob sich die gut bezahlten Bundesliga-Fußballer heimlich von Coiffeuren frisieren lassen. Die Vereine geben sich gelassen - und gehen davon aus, dass sich die Profis entweder selbst frisieren oder die Haare von ihren Partnerinnen machen lassen.

Kein großes Thema?

Die Frisuren-Frage im Fußball sei aktuell kein großes Thema, erklärte Trainer Pellegrino Matarazzo vom VfB Stuttgart. "Man sollte nicht alles größer machen, als es eigentlich ist." Einmal habe er einen Spieler angesprochen, der offenbar einen neuen Haarschnitt hatte. Er habe ihm geantwortet, dass seine Frau ihm die Haare geschnitten habe.

VfL-Wolfsburg-Manager Jörg Schmadtke zeigte sich im "Aktuellen Sportstudio" sichtlich genervt von der aktuellen Frisuren-Debatte. Der Profi-Fußball gerate im Lockdown immer mehr unter öffentlichen Beschuss. "Wenn man sieht, dass sich die Friseur-Innung zu den Frisuren der Spieler äußert, ist das auch ein Zeichen dafür, dass der Druck aus der Gesamtbevölkerung größer wird." Die Fußballvereine fürchten ein Spielverbot, falls der Lockdown in dieser Woche weiter verschärft wird.

Jörg Schmadtke, Sportgeschäftsführer VfL Wolfsburg | dpa

Jörg Schmadtke, Sportgeschäftsführer VfL Wolfsburg Bild: dpa

"Weiß nicht, was daran verwerflich ist"

Auch Christian Streich, Trainer des FC Freiburg, nahm Fußballprofis vor Kritik aus der Friseurbranche in Schutz. "Wenn mich nicht alles täuscht, können sie sich selbst die Haare schneiden", sagte er mit Blick auf seine Spieler. Auch Freundinnen oder Mitbewohner der Profi-Kicker könnten dies tun. "Viele dieser Jungs haben diese Gerätschaften zum Haareschneiden, die früher nur Friseure hatten, bei sich zu Hause", erklärte Streich. Die Spieler wüssten, wie sie ihre Frisuren gestalten. "Ich weiß nicht, was daran verwerflich ist."

Freiburgs Trainer Christian Streich

Freiburgs Trainer Christian Streich

Brandbrief des obersten Friseurmeisters an den DFB

Die Debatte hatte Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des deutschen Friseurhandwerks, in der vergangenen Woche losgetreten. Man sehe sehr wohl, dass die Haare vieler Fußballer von Profis gestylt worden sind, sagte der oberste Friseurmeister der Deutschen Presse-Agentur. In einem Brandbrief an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) warf Esser den Profikickern vor, sich illegal die Haare schneiden zu lassen. "Mit großer Verwunderung mussten wir feststellen, dass ein Großteil der Fußballprofis sich mit frisch geschnittenen Haaren auf dem Platz präsentierte", schrieb er. Das seien Frisuren, die nur Friseure mit Profi-Equipment schaffen würden.

Die Stars sollten auf dem Fußballplatz auf Styling und Konturen verzichten, so die Forderung der Branche. "Wir wollen, dass die Fußballer optisch Solidarität mit den Friseuren zeigen. Das heißt: Haare wachsen lassen", appellierte Esser in dem Brief an den DFB.

Harald Esser, Vorsitzender Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks

Die Spielergewerkschaft reagierte - und nannte die Kritik Haarspalterei. "Wenn jemand gegenwärtig mit frisch gestylten Haaren auftritt, bedeutet das nicht, dass das Resultat eines Normenvorstoßes sein muss", erklärte Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Trotz der geschlossenen Friseursalons im Lockdown existierten hinreichend Ausweichmöglichkeiten für die modebewussten Kicker. Es gebe auch in der Familie sowie im Klub "Personen, die ein Talent für Haarstyling" hätten.

Mehr Umsatz mit Haarpflege-Produkten

Tatsächlich erleben die "Selfmade-Frisuren" derzeit Hochkonjunktur. Im Corona-Jahr ist die Nachfrage nach Haarpflege-Produkten gestiegen. Laut Zahlen des Industrieverbands Körperpflege und Waschmittel (IKW) stieg der Umsatz 2020 in diesem Bereich um rund 2,5 Prozent. Offenbar machten sich viele Verbraucher in den letzten Monaten zuhause die Haare schön.

Auch wenn sich viele Männer im Home Office einen Drei-Tage-Bart wachsen ließen, griffen sie verstärkt zu Schere und Rasierer. Nach Angaben einer Sprecherin von Procter & Gamble stieg 2020 der Absatz für Haartrimmer- und Bart-Styling-Produkte.

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020, als die Friseure sechs Wochen waren, nahmen viele Deutsche ihr Styling selbst in Angriff. Laut Umfragen schnitten sich 14 Prozent der Bundesbürger selbst die Haare, elf Prozent nahmen Hilfe von der Familie und Freunden in Anspruch.

Manche Friseure schneiden heimlich

Dass einige Friseure auch während des Lockdowns Kunden und Kundinnen heimlich - wahrscheinlich vor allem zuhause - frisiert haben, gilt als offenes Geheimnis. In mehreren Medien wie zum Beispiel der "Frankfurter Rundschau" gaben Friseurmeister zu, in ihrer Wohnung Haare von Stammkunden zu schneiden. Die Angst, wirtschaftlich nicht den Lockdown zu überleben, sei größer als die Angst, erwischt zu werden.

Mehrere Friseure berichteten von vermehrten Bitten der Kunden, mal eben schnell die Haare geschnitten zu bekommen. Manche Kunden böten sogar den doppelten Preis, weiß Thomas Trapp, Vorstand des Landesinnungsverbands Friseurhandwerk Hessen, von Kollegen.

Auch an TV-Moderatoren ist Kritik geäußert worden. Auch diese sollten sich überlegen, ob sie sich die Haare nicht länger stehen lassen, meint Verbandspräsident Esser. TV-Studios sind nicht vom Lockdown betroffen. Es müssen dort lediglich die Hygieneregeln eingehalten werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Januar 2021 um 18:35 Uhr.