Montage bei Renault | Bildquelle: AFP

Wirtschaft mit Problemen Krise legt Frankreichs Schwächen offen

Stand: 10.10.2020 03:30 Uhr

Frankreich rutschte durch die Covid-Krise tiefer in die Rezession als viele Nachbarn. Woran liegt das? Derzeit kämpft die Regierung mit allen Mitteln um den Erhalt von Jobs und Unternehmen.

Von Martin Bohne, ARD-Studio Paris

Der jüngste Konjunkturausblick der Industriestaaten-Organisation OECD fiel für Frankreich nicht sehr schmeichelhaft aus: Um 9,5 Prozent dürfte die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr zurückgehen. Zum Vergleich: Für die Eurozone insgesamt sagt die OECD ein Minus von 7,9 Prozent voraus, für Deutschland sogar nur einen Rückgang um 5,4 Prozent.

Der Ökonom Xavier Timbeau führt das zum einen auf den besonders harten Lockdown in Frankreich zurück. Aber der Forscher sieht auch strukturelle Gründe. Er führt die Spezialisierung Frankreichs auf den Tourismus und den Luftfahrtsektor, also auf "Wirtschaftszweige, die besonders von den Corona-Auswirkungen betroffen sind. Gerade der Flugzeugbau ist ja so etwas wie Vorzeigebranche der französischen Industrie".

Konzentration auf wenige Wirtschaftszweige

Ein Flugzeug steigt über einem Airbus-Gebäude in Toulouse in die Luft | Bildquelle: Airbus
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Der Flugzeugbau - wie hier bei Airbus in Toulouse - gehört zu den Vorzeigebranchen Frankreichs.

Überhaupt leide die französische Industrie seit Jahrzehnten unter Schwindsucht. "Das war eine strategische Entscheidung, schon vor cirka 30 Jahren, dass sich das Land auf einige wenige Wirtschaftszweige konzentrieren soll, darunter die Luxusgüterindustrie", sagt Timbeau. "In anderen Sektoren wanderte die Produktion ins Ausland ab, man akzeptierte so eine schleichende Deindustrialisierung. Auf den technologischen Wandel ist Frankreich so nicht ausreichend vorbereitet. Und dafür zahlen wir jetzt einen hohen Preis".

Verantwortlich für diese strategische Ausrichtung ist der Staat, der in Frankreich eine unvergleichlich größere Rolle in der Wirtschaft spielt als in Deutschland. Dieser Sonderweg hat Tradition. Nach dem Zweiten Weltkrieg trieb eine Verwaltungselite die lange verschlafene Modernisierung der Wirtschaft voran, mit dem Staat als zentralem Akteur. Es wurden ganze Wirtschaftszweige aus dem Boden gestampft: Ein Bericht des Rechnungshofes listet 1800 Unternehmen auf, in denen der Staat heute noch als Minderheits- oder Mehrheitskationär seine Finger im Spiel hat.

Für die westlichen Industriegesellschaften sei das ohne Beispiel, sagt Eileen Keller, die Wirtschaftsexpertin des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg. "In Frankreich arbeitet jeder sechste Arbeitnehmer im privaten Sektor in Unternehmen, in denen der Staat beteiligt ist. Und es gibt kein Land in der OECD, wo so viele Menschen in Staatsunternehmen arbeiten, wo der Staat eine Mehrheit hat wie in Frankreich", sagt Keller.

Staat mischt sich bei Unternehmen ein

Der Staat fühlt sich auch berufen, in der Unternehmenspolitik mitzumischen. Vor allem, wenn es um den Erhalt von Arbeitsplätzen geht. Er fördert nach Kräften die Herausbildung von weltweit agierenden Großunternehmen - wie es Wirtschaftsminister Bruno Le Maire in der derzeit tobenden Übernahmeschlacht zwischen den beiden führenden Wasser- und Müllaufbereitungsunternehmen Veolia und Suez wieder deutlich machte: Das Interesse der französischen Nation sei es, "dass es einen französischen Champion gibt, der international mitmischt. Ich werde niemals aufhören, Druck auf beide auszuüben, damit ein Abkommen zustande kommt", sagte Le Maire.

Die dirigistische Rolle des Staates könne auch ihr Gutes haben, sagt der Wirtschaftswissenchaftler Timbeau. Aber allzu oft wirke sich das nachteilig auf die Unternehmensentscheidungen aus. "Das führt oft zu einer Ausnahmestellung französischer Unternehmen im internationalen Vergleich. Besonders, was die Unternehmenskultur und die Managementstruktur angeht. Die sind schlecht angepasst an die moderne Welt."

Hohe Steuer- und Abgabenlast

Eine weitere Besonderheit des französischen Wirtschaftsmodells ist die hohe Steuer- und Abgabenlast. In der OECD-Statistik steht dabei Frankreich ganz oben. Einerseits macht das die Finanzierung eines der großzügigsten Sozialsysteme in der Welt möglich. Anderseits würden die Unternehmen durch teilweise produktionsfeindliche Steuern belastet, so Timbeau. "Frankreich braucht dringend eine Reform der Unternehmenssteuern", sagt er.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron | Bildquelle: REUTERS
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Die Gelbwesten-Proteste brachten die Reformen von Frankreichs Präsident Macron ins Stocken.

Emmanuel Macron war vor 2017 angetreten, die alten Zöpfe im französischen Wirtschaftsmodell abzuschneiden. Er startete auch mit Elan, zog einige wichtige Reformen durch, senkte die Steuerlast, machte das Land zu einem begehrten Platz für ausländische Investoren. Aber dann kamen die Gelbwesten. "Das ist ein Wendepunkt in Macrons Präsidentschaft", sagt Timbeau. "Die Reformagenda kam ins Stocken, er musste einige Geldgeschenke machen und seine Politik wurde seitdem konfuser."

"Was immer es auch kosten mag"

Und dann kam auch noch Corona. Und mit der Verhängung des Lockdowns ein "Koste-es-was-es-wolle-Versprechen" des Präsidenten. Alles werde in die Wege geleitet, "um unsere Arbeitnehmer und unsere Unternehmen zu schützen. Was immer es auch kosten mag."

Kredite und Hilfen für corona-geschädigte Unternehmen, Aussetzung der Sozialabgaben und eine außerordentlich großzügige Kurzarbeitsregelung. Und obendrein noch ein 100 Milliarden Euro schweres Konjunkturprogramm. Das lasse die Staatsschulden explodieren, sei aber doch die richtige Antwort auf die beispiellose Krise, meint der Ökonom Timbeau.

Macron fordert neue Strategie

Macron schlägt derweil neue Töne an: Das Rad der Globalisierung und Liberalisierung müsse zurückgedreht werden, Frankreich brauche eine neue Strategie: "Die besteht darin, unsere Abhängigkeit von Importen in strategischen Sektoren wie der Medikamentenproduktion zu verringern", sagte Macron. "Aber wir wollen auch unsere Unternehmen besser vor räuberischen Investoren anderer Mächte schützen und Schlüsselindustrien nach Europa zurückholen.

Das werde aber nicht so einfach, meint Timbeau, weil man erstmal das verloren gegangene industrielle Netz wieder herstellen müsse. "Wenn überhaupt, geht es nur im europäischen Rahmen und wird viel Zeit in Anspruch nehmen", sagt der Ökonom.

Dass die Entwicklung eher in die andere Richtung geht, zeigt die gerade angekündigte Schließung des Bridgestone-Werkes in Nordfrankreich mit fast 1000 Beschäftigten. Der japanische Reifenhersteller will aus Kostengründen seine Produktion in Osteuropa konzentrieren. Eine ganze Riege von Regierungsmitgliedern empörte sich und versucht nun, die Japaner zum Einlenken zu bewegen - bislang ohne Erfolg.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 10. Oktober 2020 um 15:39 Uhr.

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