Flugzeuge unter anderem der Germania auf dem Vorfeld des Flughafens in Düsseldorf | Bildquelle: dpa

Flugverkehr in Europa Ferienflieger in Bedrängnis

Stand: 07.02.2019 20:58 Uhr

Air Berlin, Germania, Thomas Cook - der europäische Flugverkehr organisiert sich neu. Die kleinen Airlines werden zwischen den großen Fluggesellschaften und den Billigfliegern aufgerieben.

Von Günter Marks, tagesschau.de

Etwas mehr als ein Jahr hat es nach der Pleite von Air Berlin gedauert, bis mit der Germania die zweite deutsche Fluglinie Insolvenz anmeldete. Nun kündigte auch der britische Touristikkonzern Thomas Cook an, seine Airline-Sparte mit der deutschen Condor aufzugeben. Der europäische Markt für Flugverkehrsbetreiber organisiert sich neu.

Der Hamburger Luftfahrtexperte und PR-Unternehmer Cord Schellenberg sagte im Interview mit tagesschau.de, dass sich die kleinen Anbieter aufreiben würden zwischen den großen Fluggesellschaften und den sogenannten Billigfliegern. Seit Jahren finde eine harte Konsolidierung auf dem Markt statt.

Cord Schellenberg
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Cord Schellenberg, Luftfahrtexperte und PR-Unternehmer: "Ein gewisses Klientel guckt bei diesen Reisen nicht auf den letzten Euro." Das sei das attraktive Segment.

Wettbewerber bekämpfen oder heiraten

"Die etablierten Airlines wie Lufthansa und British Airways haben sehr viel dafür getan, Wettbewerber entweder zu bekämpfen oder zu heiraten oder in die Familie aufzunehmen", sagte Schellenberg. Aber auch Billigflieger wie Ryanair und Easyjet seien immer größer geworden.

Ryanair übernahm aus der Insolvenzmasse des ehemals zweitgrößten deutsche Fluglinie Air Berlin einige Flugzeuge. Mittlerweile gründete der irische Low-Cost-Carrier in Polen eine Ferienfluggesellschaft. Auch Easyjet gründete eine Tochter in Österreich und übertrug Ende Januar 130 seiner 318 Airbus-Flugzeuge auf den neuen Standort.

Einerseits wollen die beiden Unternehmen durch die Verlagerung der Logistik und die daran gebundenen Lizenzen für das Starten und Landen in der EU einem möglichen Chaos nach dem Brexit entgehen. Andererseits sind die Aktionen laut Schellenberg deutliche Zeichen dafür, dass sie in dem Bereich weiter wachsen werden.

Vier Prozent mehr Passagiere

"Der Wettbewerb im internationalen Luftverkehr bleibt intensiv", sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Klaus-Dieter Scheurle, nun nach der Germania-Insolvenz. Die deutschen Flughäfen hätten mit 244 Millionen Fluggästen im vergangenen Jahr vier Prozent mehr Passagiere als 2017 gezählt. In Europa legten die Passagierzahlen stärker zu - um sechs Prozent. Der BDL erwartet viele Ausfälle und Verspätungen von Flügen in Ferienzeiten - ähnlich wie im vergangenen Jahr.

"Wir müssen damit rechnen, dass der Sommer 2019 auch schwierig werden wird", sagte Scheurle. Als Gründe für die Verspätungen im letzten Jahr nannte BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow unter anderem Engpässe im europäischen Flugsicherungsraum, Streiks, viele Gewitter. Aber auch die Integration der pleitegegangenen Air Berlin sei nicht schnell genug gegangen.

Die Pleite von Germania wird nach Branchenschätzung dagegen langfristig wohl keine negativen Folgen auf das Flugangebot haben. Durch die Marktregulierungen würden Engpässe schnell kompensiert, so der BDL. "Germania war 30 Jahre lang sehr erfolgreich mit seinem ganz spezifischen Geschäftsmodell: günstige Kostenstruktur, einfache kurze Wege und Flugzeuge, die sowohl von Germania eingesetzt werden können, als auch am Leasingmarkt platziert werden", sagte Schellenberg. Am Ende sei für das Unternehmen jedoch die Kapitaldecke zu dünn und die Konkurrenz zu groß gewesen.

Ein Mann geht mit seinem Koffer am Flughafen Münster/Osnabrück an einem leeren Germania-Schalter vorbei | Bildquelle: dpa
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Germania-Schalter am Flughafen Münster/Osnabrück. Die Pleite von Germania wird langfristig wohl keine negativen Folgen auf das gesamte Flugangebot haben.

Viel Nachfrage und Kapital

Laut Schellenberg haben Ferienfluggesellschaften wie Thomas Cook mit Condor und Tui mit Tuifly viel weitreichendere Probleme. Sie stünden nicht mehr wie früher allein im Wettbewerb mit anderen Ferienfluggesellschaften, die auch vielleicht 50 oder 60 Flugzeuge unterhalten. Wettbewerber seien mittlerweile genauso die Lufthansa-Gruppe mit Swiss, Austrian Airlines und Brussels Airlines genauso wie Ryanair und Easyjet, "die im Hunderter-Paket Flugzeuge bestellen". "Diese Gesellschaften machen mittlerweile alle dasselbe", sagt Schellenberg. "Sie wollen in Metropol-Regionen fliegen, wo viel Nachfrage und Kapital seitens der Passagiere vorhanden ist. Und sie wollen zum großen Teil aufgrund ihrer auf Freizeit ausgerichteten Marken Privatreisende fliegen. Das ist deren Kernmarkt."

Die Ferienfluggesellschaften seien in Bedrängnis, weil sie attraktive Ziele hätten, so Schellenberg. Es geht vor allem um die Sommer- und Herbstferien. "Ein gewisses Klientel schaut bei diesen Reisen nicht auf den letzten Euro", sagt er. "Das heißt, das ist das attraktive Segment der Ferienfluggesellschaften, in das die anderen nun hineinstoßen."

Der Fluggast scheine seine Markentreue, die er womöglich über Jahrzehnte aufgebaut hat, dann aufzugeben, wenn es ein zusätzliches Angebot gebe, das ihm doch einen besseren Preis gebe oder einfach neue Ziele biete, so Schellenberg. "Ryanair fliegt inzwischen sogar nach Marrakesch." Und schon werde ein Urlaubsziel gepusht. Die Ferienfluggesellschaften würden nicht in dem Maße mitwachsen können. Darüber hinaus erwarte der Urlaubsgast bei Tui oder bei Condor eine ganze Ferienorganisation, die sie erst aufbauen müssten, so Schellenberg.

Condor Maschine | Bildquelle: picture-alliance / dpa/dpaweb
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Eine Maschine der Condor von Thomas Cook. Die Ferienfluggesellschaften seien in Bedrängnis, weil sie attraktive Ziele hätten, so Schellenberg.

Größeres Risikopotenzial

Ryanair und Easyjet sind insofern flexibler als Tui und Condor beziehungsweise Thomas Cook - zumindest was Änderungen der Strategie angeht. Ein Urlaubsziel wie Marrakesch kann funktionieren, muss es aber nicht. Wenn es nicht funktioniert, suchen sich die Billigflieger wieder ein anderes Ziel. Sie hätten "ein größeres Risikopotenzial, das sie nutzen können", so Schellenberg.

Zuletzt wurde jedoch bekannt, dass die Tuifly am Airport Nürnberg einen Teil der dortigen Germania-Flugverbindungen zum Start des Sommerflugplans übernimmt. Das würde bedeuten, dass das Unternehmen im Gegensatz zum Konkurrenten Thomas Cook eine expansive Strategie verfolgt. Vielleicht sieht sich Tui aber nur genötigt, anderen Konkurrenten zuvorzukommen. Die Insolvenz von Germania wird nach Einschätzung von BDL-Chef Scheurle zumindest dazu führen, dass die Marktanteile ausländischer Airlines steigen und die Anteile deutscher Firmen sinken. Die Zentralisierung auf dem Flugverkehrsmarkt geht weiter.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Februar 2019 um 21:35 Uhr und tagesschau24 um 15:00 Uhr.

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Günter Marks, tagesschau.de

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