Flugreisende sitzen mit ihren Koffern in einem Wartebereich im Terminal 1 im Airport Hamburg. | dpa

Erwartung des Branchenverbands Flughafen-Chaos soll im Herbst enden

Stand: 08.07.2022 14:15 Uhr

Das Chaos an den Flughäfen geht weiter. Der Luftfahrtverband sieht frühestens ab Herbst eine Rückkehr zum normalen Betrieb. Ausländische Hilfsarbeiter kommen für den Sommer-Reiseverkehr zu spät.

Von Bianca von der Au

In diesen Sommerferien brauchen Flugreisende starke Nerven und Glück, dass ihr Flug nicht kurzfristig ausfällt oder gestrichen wird. Fast täglich kündigen Airlines neue Flugstreichungen an. Um das "System zu stabilisieren", wie es erst gestern von der Lufthansa hieß. Nun hat sich der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft mit vorsichtig optimistischen Tönen zu Wort gemeldet. "Ab Herbst wird der Flugverkehr voraussichtlich wieder geregelt laufen", sagte eine Verbandssprecherin gegenüber tagesschau.de. Sofern es nicht zu einer neuen Corona-Welle komme.

Der Branchenverband macht vor allem den hohen Corona-Krankenstand für das aktuelle Chaos an den Flughäfen verantwortlich. Dadurch und weil viele Arbeitskräfte während der Pandemie freiwillig Jobs in anderen Bereichen gesucht hätten, fehle es derzeit an Personal an den Flughäfen.

Kurzfristige Abhilfe nicht in Sicht

Kurzfristig könnten hier nach Ansicht des Bundesverbands der Luftverkehrswirtschaft ausländische Arbeitskräfte helfen. Seit vorgestern liegt die Genehmigung durch die Bundesagentur für Arbeit vor, dass 2000 Hilfskräfte aus der Türkei für die Abfertigung an deutschen Flughäfen vorübergehend ins Land geholt werden können.

Allerdings werde damit nur der Verwaltungsakt der Visa-Vergabe beschleunigt, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur. Die Rekrutierung liege bei den Flughafenbetreibern beziehungsweise bei den von ihnen beauftragten Unternehmen. Zudem müssen die Länder die sogenannten Zuverlässigkeitsprüfungen der einzelnen Mitarbeiter durchführen. Diese dauerten im Schnitt vier bis acht Wochen. Von kurzfristiger Abhilfe bei Personalengpässen beim Check In oder beim Ein- und Ausladen der Koffer kann also keine Rede sein.

Nur die Hälfte der Hilfskräfte wird gebraucht

Zumal sich die Bodenverkehrsdienstleister nun auch zu Wort gemeldet haben und die von der Bundesregierung beschlossene Zahl von 2000 türkischen Hilfsarbeitern gar nicht für erforderlich hält. Man wolle nur etwa die Hälfte der angekündigten Aushilfskräfte aus der Türkei einstellen, hieß es gestern vom Arbeitgeberverband der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr.

Dessen Vorsitzender, Thomas Richter sagte, die Unternehmen hätten weniger als 1000 Helfer angefordert. Zum einen weil sich die Firmen teils höhere Anforderungsprofile vorgestellt hätten. Auch komme für manche Anbieter die Unterstützung zu spät. Der Arbeitgeberverband rechnet zwar mit ersten Einsätzen bereits im August, aber der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport geht bislang von September aus. Dies dürfte für wichtige Teile des Feriengeschäfts schon zu spät sein. Allerdings ist der September nach Verbandsangaben für viele Flughäfen der reisestärkste Monat - das gilt unter anderem für die Flughäfen in Frankfurt und Berlin. Hier könnte das zusätzliche Personal die Situation entspannen.

Verband fordert langfristige Lösungen

Ohnehin ist die aktuelle Arbeitsgenehmigung für die Flughafen-Aushilfskräfte aus der Türkei nur bis Anfang November gültig. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, kurz BDL, hingegen geht davon aus, dass man langfristig auch ausländischer Mitarbeiter für den Flugbetrieb brauche. Denn der heimische Arbeitsmarkt sei leergefegt, so eine Sprecherin. BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow sagte bei einem Pressegespräch, man brauche langfristige Lösungen - bei der Rekrutierung von Arbeitskräften, aber auch bei der Technik sowie bei behördlichen Prüfungen. "Wir brauchen in Deutschland ein Einwanderungs-Erleichterungsgesetz." Von Randow forderte zudem eine schnellere Bearbeitung bei der behördlichen Zuverlässigkeitsprüfung, der sich alle neuen Beschäftigten unterziehen müssen.

Langfristig werde auch die Digitalisierung dazu beitragen, dass Abläufe für Passagiere am Flughafen unkomplizierter werden. "Wir wollen perspektivisch Passagierprozesse an Flughafenstandorten mit Biometrisierung und Digitalisierung deutlich vereinfachen." Kurzfristige Abhilfe für die Reisenden ist damit allerdings nicht in Sicht.

Fliegen wird teurer

Kurzfristig erhöhen erste Airlines aber schon die Ticket-Preise. Bei der Lufthansa-Tochter Eurowings wird Fliegen künftig um zehn Prozent teurer. Eurowings-Chef Jens Bischof sagte gegenüber der Rheinischen Post: "Wir haben Kostensteigerungen, die allein bei Eurowings einen dreistelligen Millionenbetrag ausmachen." Anders als durch eine Preisanpassung seien "die Belastungen des Ölpreis-Schocks nicht zu schultern", fuhr Bischof fort. Die Zeit der Ultra-Billigtickets sei "ganz klar vorbei". Fliegen werde teurer und müsse auch teurer werden.