Lieferfahrzeuge von Flaschenpost fahren auf dem Gelände eines Logistikzentrums | Bildquelle: dpa

Flaschenpost und Durstexpress "Ein Klima der Angst"

Stand: 06.11.2020 21:05 Uhr

Die Oetker-Gruppe plant, ihren Online-Lieferdienst Durstexpress mit dem Konkurrenten Flaschenpost zu fusionieren. Im Vorfeld wurde nach SWR-Recherchen auf die Belegschaft beider Firmen massiv Druck ausgeübt.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Mitten in der Corona-Pandemie will die Oetker-Gruppe ihren Online-Lieferdienst Durstexpress mit dem Konkurrenten Flaschenpost fusionieren. Eine Milliarde Euro soll für die Übernahme des Getränkeliefer-Startup geflossen sein.

Mitarbeiter erheben jedoch schwere Vorwürfe: Im Vorfeld des Milliardendeals sei auf die Belegschaft beider Firmen massiver Druck ausgeübt worden, berichten sie den SWR. So erzählt ein Mitarbeiter von Flaschenpost, der anonym bleiben möchte, er habe von der geplanten Übernahme erst durch die Medien erfahren. Gerüchte habe es schon länger gegeben, nur die Summe habe ihn dann doch umgehauen.

Der Online-Informationsdienst Deutsche Startups hatte die Nachricht verbreitet, dass die Oetker Gruppe das Getränke-Startup Flaschenpost für eine Milliarde Euro übernimmt. "Die in zahlreichen Medien genannte Kaufsumme kommentieren wir nicht", erklärte ein Unternehmenssprecher der Oetker Gruppe auf Anfrage gegenüber dem SWR.

Das Geschäftsmodell des Startups aus Münster: Kunden bestellen und bezahlen Getränke online via App, und innerhalb von zwei Stunden erfolgt dann die Lieferung frei Haus. Das Unternehmen spricht von mehr als zwei Millionen Bestellungen im Jahr, die wickeln 8000 Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit an 22 Standorten in ganz Deutschland ab.

Klagen über extreme Arbeitsbedingungen

Aus Sicht von betroffenen Mitarbeitern erscheint die Milliardenübernahme fast schon obszön. "Die Braut sollte hübsch gemacht werden", kommentiert ein verbitterter Mitarbeiter diese Rekordsumme. Dafür hätten sie knapp über Mindestlohn im Akkord schuften müssen.

Team- und Schichtleiter hätten unbezahlte Überstunden leisten müssen, die Fahrer hätten oft nicht pünktlich Feierabend machen können, es hätte Probleme beim Arbeitsschutz gegeben und Mitarbeitern, die unverschuldet wegen Krankheit fehlten, sei schnell gekündigt worden.

Das Unternehmen habe die Tatsache ausgenutzt, dass viele Mitarbeiter Teilzeitkräfte waren und es keine betriebliche Mitsprache gab. Vor der Übernahme habe man offensichtlich die Mitarbeiterkosten in der Bilanz niedrig halten wollen. "Schlimmer als die Flaschenpost geht es nicht", ist sein Fazit.

Flaschenpost sieht lokales Problem

Mit den Aussagen konfrontiert, antwortete das Unternehmen gegenüber dem SWR, die Vorwürfe aus der Düsseldorfer Niederlassung stellten "aus unserer Sicht kein repräsentatives Stimmungsbild dar, sondern sind sehr standort- und personenspezifisch". Es gebe "sichtbaren Fortschritte", wie die Einführung von Maßnahmen zur Arbeitserleichterung oder zuletzt eine flächendeckende Gehaltserhöhung in der Logistik. Das Thema Arbeitsschutz und -sicherheit habe höchste Priorität, zusätzliche Fahrten bzw. Schichtverlängerungen basierten auf Freiwilligkeit und Überstunden würden voll vergütet.

Dennoch bleibt das Verhältnis zwischen Belegschaft und Arbeitgeber am Standort Düsseldorf angespannt. Als einige Mitarbeiter im April, einen Betriebsrat wählten, zog Flaschenpost dagegen vor Gericht. Betroffene behaupten, dass Mitarbeitern, die sich engagiert hatten, gekündigt wurde.

Streit über Betriebsratsgründung

Das Unternehmen erklärte gegenüber dem SWR, das Gründungsverfahren am Standort Düsseldorf sei nicht transparent, rechtskonform und fair abgelaufen. Ein Beschluss des Arbeitsgerichts Düsseldorf habe dies bestätigt. Die Kündigungen hingen mit der Wahl eines Betriebsrates zusammen, sondern der mangelhaften Führung des Standortes begründet.

Mohamed Boudih, NRW-Landesbezirksvorsitzender der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG), bewertet den Vorgang anders. Der Beschluss des Arbeitsgerichtes Düsseldorf sei nicht rechtskräftig, die Betriebsratswahl sei laut Gericht zwar anfechtbar aber nicht nichtig gewesen, darum habe die NGG Beschwerde eingelegt und man warte nun auf eine Entscheidung der nächsten Instanz.

Nach Boudihs Einschätzung war das bisherige Management des Startups nicht arbeitnehmerfreundlich, darum verbinde die NGG mit der Übernahme auch die Hoffnung, dass sich die Situation verbessert: "Die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften gehört bei Oetker eigentlich zum guten Ton. Darum erwarten wir, dass sich die Politik im Unternehmen auch ändern wird und dass die Missstände behoben werden."

Ähnliche Strukturen bei Durstexpress

Doch nach Recherchen des SWR sieht das in der aktuellen Praxis anders aus, denn es gibt bereits ein Unternehmen der Oetker-Gruppe mit einem ganz ähnlichen Geschäftsmodell: Durstexpress mit 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Voll- und Teilzeit im Headquarter in Berlin sowie in 14 Logistikzentren in zehn Städten.

Gespräche mit zahlreichen ehemaligen und aktiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Durstexpress, Vertragsunterlagen und Gehaltsabrechnungen, die dem SWR vorliegen, dokumentieren auch hier ganz ähnliche Probleme wie bei Flaschenpost.

"Im Verantwortungsbereich von Dr. Oetker wurden bei Durstexpress Berlin im letzten Jahr Gewerkschafter entlassen, um Betriebsratswahlen zu verhindern. Das ist der Öffentlichkeit seit über einem Jahr bekannt. Dr. Oetker scheint nicht fähig oder nicht willig zu sein basale Arbeitgeberpflichten wie regelmäßige korrekte Lohnzahlung und gewerkschaftliche Koalitionsfreiheit in seiner Getränkeliefersparte zu garantieren." kritisiert Sören Winter von der Freien Arbeiter*Innen Union Leipzig (FAU) gegenüber dem SWR die Situation.

Die vom Verfassungsschutz beobachtete anarcho-syndikalische FAU lehnt die bestehenden Gewerkschaften ab und engagiert sich in den vergangenen Jahren vermehrt in der Startup- und Gig-Economy-Branche, die von den klassischen Arbeitnehmerorganisationen bisher oft vernachlässigt wurden.

Kein zuverlässiges Einkommen

Neben zahlreichen Problemen mit Lohnabrechnungen, geringeren Arbeitszeiten in den neuen Verträgen, die dem SWR vorliegen, sei nach Ansicht der FAU das größte Problem, dass bei Durstexpress Leipzig zum Oktober 60 Prozent der Arbeitsstunden der Teilzeit-Kommissionierer gekürzt wurden und 30 Prozent der Arbeitsstunden der Teilzeit-Fahrer. Ähnliches gebe es auch aus anderen Niederlassungen zu berichten, sagt Winter. Viele Kolleginnen und Kollegen kämen so nicht auf die vertraglich vereinbarten Mindeststunden.

Durstexpress erklärte gegenüber dem SWR dazu, dass es aufgrund der schwankende Nachfragen keinen garantierten Anspruch auf Extrastunden zu favorisierten Zeiten gebe.

Weiter Einnahme- und Jobverluste befürchtet

Mitarbeiter aus Leipzig befürchten durch die Fusion mit Flaschenpost, das eine eigene "Lagerhalle mit Fuhrpark" nur wenige hundert Meter im gleichen Industriegebiet betreibt, nun massive Einnahmeverluste.

Dagegen wehren könnten sie sich nicht, denn wie bei dem Startup aus Münster würde auch bei der Oetker-Tochter gewerkschaftliche Arbeit direkt verhindert, kritisiert Winter. FAU-Vertreter seien von Niederlassungsleiter des Geländes verwiesen worden, das Verteilen von Informationsmaterial nicht zugelassen.

Durstexpress stehe betrieblicher Mitbestimmung grundsätzlich offen gegenüber, erklärt das Unternehmen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen aber von einem "Klima der Angst". Sie befürchten, dass Sie am Ende den Preis für den in der deutschen Startup-Szene gefeierten Milliarden-Exit zahlen müssen - mit schlechteren Arbeitsbedingungen, weniger Gehalt oder Jobverlust.

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