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Baukredite und Sparkonten Was die Zinswende im Alltag bedeutet

Stand: 19.02.2022 10:21 Uhr

Immer mehr spricht dafür, dass die Zeit von Null- und Negativzinsen zu Ende geht. Darauf müssen sich die Deutschen einstellen - denn eine Zinswende macht die einen zu Gewinnern, die anderen zu Verlierern.

Von Steffen Clement und Naïma Kunze, hr

Fast zwei Jahre ist Lisa-Marie Laufenberg aus Offenbach auf Immobiliensuche. Der Traum der 26-Jährigen: Ein Eigenheim mit drei bis vier Zimmern und Garten oder Balkon. Die bislang niedrigen Zinsen ließen auch die Immobilienpreise immer weiter klettern. Ein Reihenhaus im Offenbacher Neubaugebiet kostet so gut und gerne 800.000 bis 900.000 Euro. "Hinten dran ist direkt die Schnellstraße und obendrüber fliegen die Flieger", erzählt Laufenberg von ihren Besichtigungsterminen.

Bau- und Hypothekenzinsen sind schon gestiegen

Und nun steigen auch noch die Zinsen. Denn für Menschen, die vom Eigenheim träumen, hat die Zinswende bereits begonnen. Lange lagen die Kreditzinsen unter einem Prozent, und daran hatte man sich schon fast gewöhnt. Doch das ist nun Vergangenheit. Anfang der Woche kostete ein zehnjähriges Darlehen 1,24 Prozent Zinsen. "Das hängt damit zusammen, dass die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen, die relevant sind für die Bepreisung von Hypothekenkrediten, in der letzten Zeit deutlich gestiegen sind", erklärt Stefan Schneider, Chefvolkswirt für Deutschland der Deutschen Bank Research. Die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW Fritzi Köhler-Geib geht davon aus, dass sich diese Entwicklung auch so fortsetzen wird und die Zinsen weiter leicht steigen werden.

Das würden dann wiederum Kreditnehmer zu spüren bekommen. Denn schon wenige Prozentpunkte können bei oft sehr hohen Immobiliendarlehen schnell Tausende Euro ausmachen. Steigende Zinsen und gleichbleibende Immobilienpreise beschreibt Lisa-Marie Laufenberg als "Worst-Case-Szenario". Sie hofft daher, dass die Immobilienpreise sinken und die Zinsen nur leicht steigen. Bis dahin hat Laufenberg den Traum vom Eigenheim erst mal auf Eis gelegt. Sie und ihr Mann sind gerade in eine neue Wohnung gezogen - zur Miete.

Auch steigende Sparzinsen wieder möglich

Martin Orben aus Schöneck in Hessen hat seinen Hauskredit im nächsten Jahr abbezahlt. Er hofft sogar auf steigende Zinsen. Denn das Geld, das er als Rücklage für Reparaturen am Haus oder den Führerschein seiner beiden Töchter auf seinem Tagesgeldkonto angespart hat, wird aktuell aufgrund der Inflation sogar weniger, dazu droht der Strafzins. "Dass ich noch Geld mitbringen muss, damit jemand mein Geld verwahrt, das ist natürlich eine ganz neue Dimension", so Orben.

Dabei gab es schon einmal andere Zeiten: 2002 hat er noch 4,1 Prozent Zinsen auf sein Tagesgeldkonto bekommen. Bei 50.000 Euro über dem Freibetrag zahlt man aktuell aber sogar minus 0,5 Prozent, also Strafzinsen: In diesem Fall 250 Euro pro Jahr. Schon eine Zinserhöhung auf ein Prozent würden 500 Euro Zinsen im Jahr abwerfen. Würde der Wert auf 4,1 Prozent stiegen, so wie auf dem alten Tagesgeldkonto von Orben, wären es sogar 2050 Euro Zinsen pro Jahr.  

Doch bis die Sparerinnen und Sparer endlich wieder auf ein positives Vorzeichen hoffen dürfen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Dieses Jahr sei es noch nicht so weit, sagt der Chefvolkswirt der ING Deutschland, Carsten Brzeski. "Aber im Laufe des Jahres 2023 sollte es endlich so weit sein".

Hohe Inflationsrate bringt Zinswende in Sicht

Und wer sich jetzt fragt: "Zinswende - warum eigentlich?", der muss nur auf die Inflationsrate blicken. Im vergangenen Jahr lag die bei 3,1 Prozent in Deutschland. Da sind die Folgen für Finanzexperten wie Professor Volker Wieland von der Frankfurter Goethe-Universität klar: "Wegen der anhaltenden Inflation ist davon auszugehen, dass auch die EZB ähnlich wie andere Notenbanken - vielleicht etwas später - ihre Geldpolitik straffen muss und die Zinsen dann auch vielleicht zum Jahresende anhebt", so Wieland, der als Mitglied des Sachverständigenrats zu den wichtigsten Beratern der Bundesregierung gehört.

Die Zinswende bleibt nur dann aus, wenn die Inflationsrate doch wieder stark zurückgeht und sich dem Ziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent nähert. Die Chefvolkswirte von sechs großen Banken in Deutschland, die das ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus dazu befragt hat, winken da alle ab. Niemand rechnet damit, dass die Inflationsrate in Deutschland im Jahresschnitt wieder auf zwei Prozent sinkt. Also sollte sich jeder und jede darauf einstellen, dass die EZB die Zinswende in diesem Jahr tatsächlich beginnt.

Über dieses Thema berichtete das Wirtschaftsmagazin plusminus am 16.02.2022 um 21.45 Uhr.