Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt | dpa

EZB-Ratssitzung Was die Zentralbank tun kann

Stand: 11.03.2021 08:19 Uhr

Auf der heutigen Sitzung wird sich die Europäische Zentralbank (EZB) mit steigenden Anleiherenditen und höheren Inflationserwartungen beschäftigen. Was kann die Notenbank gegen diese Entwicklung tun?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Wenn die Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) heute zu ihrer monatlichen Ratssitzung zusammenkommen, dürften die gestiegenen Anleiherenditen und die höheren Inflationserwartungen im Mittelpunkt der Beratungen stehen. Weitreichende geldpolitische Beschlüsse werden dennoch nicht erwartet. "Die EZB wird nicht auf den Anstieg der Anleiherenditen reagieren", urteilt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Bank ING in Deutschland.

Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann spielt den Renditeanstieg herunter, sieht derzeit keinen Handlungsbedarf für die EZB. Denn der jüngste Anstieg der Anleiherenditen bedeute keine Verschlechterung der Finanzierungskosten von Unternehmen, Haushalten und Staaten. "Die Finanzierungsbedingungen sind im historischen Vergleich weiter sehr günstig", so Weidmann am vergangenen Mittwoch. Die Währungshüter sollten die Entwicklung aber im Auge behalten und die Hintergründe sorgfältig analysieren.

Nachdem die massenhaften Ankäufe von Anleihen - Instrumente, mit denen sich Staaten und Unternehmen Geld beschaffen - durch die EZB die Renditen dieser Papiere bis Anfang des Jahres immer weiter sinken ließen, hat sich der Trend zuletzt umgekehrt. "Der jüngste Renditeanstieg der Anleihen spiegelt die Aussicht auf eine kräftige Konjunkturerholung und die gestiegenen Inflationserwartungen wider", sagt Robert Greil, Chefstratege der Privatbank Merck Finck.

Gefährliche Spirale

So notierten Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit zuletzt noch bei minus 0,3 Prozent, im Herbst hatte die Rendite kurzzeitig noch bei minus 0,6 Prozent gelegen. Dennoch verharren die Renditen im Minus. Der Bund, sprich der Steuerzahler, muss den Besitzern also keine Zinsen zahlen, er bekommt sogar noch Geld von ihnen - auch wenn es weniger wird.

Das Problem steigender Anleiherenditen ist aber, dass sich eine gefährliche Spirale daraus entwickeln kann, denn eine wieder anziehende Inflation schürt die Erwartung steigender Leitzinsen seitens der Notenbank. Für Unternehmen bedeutet das: Die Darlehen werden teurer. Der weitgehend kreditfinanzierte Aufschwung der Wirtschaft könnte also ins Stottern geraten, noch ehe er richtig in Schwung kommt.

Riesiger Spielraum vorhanden

Was also kann die EZB tun? Sie verfügt grundsätzlich über entsprechende Instrumente, um einen Anstieg der Anleiherenditen zu bekämpfen. So könnte sie das wöchentliche Volumen ihrer Anleihekäufe erhöhen. Der entsprechende Spielraum dafür ist vorhanden, stehen doch der Notenbank immer noch fast eine Billion Euro von dem Anleihekaufprogramm PEPP mit einem Gesamtvolumen von 1,85 Billionen Euro zur Verfügung. Das Programm müsste hierfür also nicht ausgeweitet werden.

"Genau aufgrund der hohen Unsicherheit in der Krise haben wir ja das PEPP auch mit einer größeren Flexibilität ausgestaltet als andere Programme, um eben immer wieder auf Entwicklungen reagieren zu können, die schwer vorhersehbar sind, aber eben auch vorkommen können in der jetzigen Situation", erläutert Weidmann.

Bisher keine Anhebung der Anleihekäufe

Gebrauch gemacht hat die Notenbank von dieser Möglichkeit bisher nicht. Sie erwarb eigenen Angaben zufolge in der vergangenen Woche Anleihen im Gesamtvolumen von 18,2 Milliarden Euro, nach 16,9 Milliarden in der Woche davor. Manche Analysten hatten stattdessen eine Erhöhung der Ankäufe auf mehr als 20 Milliarden Euro erwartet, um den Investoren zu signalisieren, dass die Notenbank nicht gewillt ist, den Anstieg der Renditen weiter zu tolerieren.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde kann es zunächst auch mit verbalen Interventionen versuchen, um die Renditen zu drücken. Auf diese Weise, ohne auch nur einen Euro auszugeben, hatte Lagardes Vorgänger Mario Draghi, einst die Spekulationen gegen den Euro beendet, in dem er drohte, sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ("Whatever it takes") den Spekulanten entgegen zu stellen.

Kontroverse Debatte

Im EZB-Rat gab es zuletzt unterschiedliche Einschätzungen, was in der derzeitigen Lage zu tun ist. Während Jens Weidmann keinen Handlungsbedarf sieht, bewerten EZB-Direktor Fabio Panetta und Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras die Entwicklung als "unerwünscht", besonders mit Blick auf die schwierige Wirtschaftslage vieler Südländer.

"Je stärker wir uns bemühen, bei den Renditen gegenzusteuern, desto besser sind die Aussichten für die Wirtschaft im Euroraum. Und je schneller wir dies erreichen, desto stärker wird unser Wachstumspotenzial sein", sagte der aus Italien stammende EZB-Chefvolkswirt Panetta. Auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel machte deutlich, dass man sicherstellen werde, dass sich die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen nicht verschlechtern.

Auch Zinssenkungen denkbar

Verschiedene EZB-Vertreter hatten in den letzten Tagen auch Zinssenkungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen. An den Finanzmärkten war sogar spekuliert worden, dass die Notenbank ihren negativen Einlagesatz für Banken noch tiefer ins Minus drücken könnte. Der Satz liegt aktuell bei minus 0,5 Prozent. Doch ein solcher Schritt gilt unter Ökonomen als extrem unwahrscheinlich, denn er würde die ohnehin labilen europäischen Banken weiter belasten. Zudem sei er auch nicht notwendig, nachdem der Euro in den letzten Tagen bereits deutlich an Wert verloren habe, unter die Schwelle von 1,20 Dollar gesunken sei. Dadurch habe sich die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Güter auf den Weltmarkt verbessert, erläutern die Volkswirte.

Auch eine weitere Absenkung des Leitzinses halten die Experten für eine Drohkulisse. Ein solcher Schritt wäre in einer Zeit steigender Inflationssorgen genau der falsche Weg, sagt eine Mehrheit der Ökonomen. Laut einer Reuters-Umfrage rechnen sie nicht mit einer Abkehr vom Nullzins bis Mitte nächsten Jahres. Die EZB werde angesichts der gestiegenen Inflation ein Auge zudrücken und einen kurzfristigen Anstieg über die Zielgröße von zwei Prozent hinaus tolerieren, so der allgemeine Tenor der befragten Volkswirte. Auch glauben die Ökonomen, dass der Druck in Richtung einer strafferen Geldpolitik für Amerikas Notenbank Federal Reserve zunächst größer sein dürfte als für die EZB.