Wirecard-Schriftzug an der ehemaligen Zentrale des Unternehmens | AFP

Aus im regulierten Handel Wohin mit den Wirecard-Aktien?

Stand: 15.11.2021 10:32 Uhr

Nach Ende des heutigen Handelstages verschwindet die Wirecard-Aktie aus dem regulierten Börsenhandel. Was bedeutet das und was sollten betroffene Anleger mit ihren Papieren tun?

Von Bianca von der Au, ARD-Börsenstudio

Seit dem Höchststand im Herbst 2018 hat die Wirecard-Aktie 99,9 Prozent ihres Wertes verloren. Damals kostete ein Papier des inzwischen insolventen Zahlungsdienstleisters aus Aschheim bei München fast 200 Euro - heute sind es nur noch ein paar Cent.

Der Traum vom umjubelten Tech-Konzern "made in Germany" war brutal geplatzt, als Wirecard im Sommer 2020 seine Bilanz nicht vorlegen konnte und kurz danach einräumen musste, dass in eben dieser Bilanz ein Loch von 1,9 Milliarden Euro klaffte. Danach folgten die Insolvenz und der dramatische Börsenabsturz.

Viele Aktionäre haben ihre Wirecard-Papiere noch

Für Anleger, die an das Unternehmen glaubten, war ein Totalverlust die Folge. Gar nicht mal wenige von ihnen hätten die Aktien noch immer im Depot, sagt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Die meisten Anleger haben ihre Wirecard-Aktien noch. Das liegt sicher auch daran, dass oftmals der Gedanke ist: Wenn ich keine Aktien mehr habe, habe ich auch keine Ansprüche mehr. Das ist nicht so."

Die DSW rät Wirecard-Aktionären, über einen baldigen Verkauf der Papiere nachzudenken. Die Frankfurter Wertpapierbörse schließt mit Ablauf des heutigen Tages Wirecard-Aktien aus dem regulierten Markt aus. Und auch ein Handel im sogenannten Freiverkehr wird an der Deutschen Börse nicht möglich sein.

Warnung vor Ausbuchung der Aktien

Marc Tüngler von der DSW warnt davor, dass Wirecard-Aktien als wertlos ausgebucht werden könnten. Das wäre schlecht für Anleger. "Wenn Aktien wertlos ausgebucht werden, macht das die Bank, von der man ein Schreiben bekommt. Dann hat man einen Verlust realisiert, den man normalerweise mit Aktiengewinnen verrechnen kann." Dies sei aber nur noch beschränkt möglich bis zu einer Grenze von 20.000 Euro.

Der Schaden für Anleger ist enorm. Er wird auf mehrere Milliarden Euro beziffert. Viele Fragen sind offen: Auch die nach der Rolle der Wirtschaftsprüfer. Im konkreten Fall EY, die seit 2009 die Bilanzen von Wirecard geprüft und positiv testiert hatten. Ein von der Bundesregierung als geheim eingestufter Prüfungsbericht wurde am Freitag vom "Handelsblatt" veröffentlicht. Darin heißt es, die Wirtschaftsprüfer von EY hätten schon 2015 wesentliche Defizite in der Buchhaltung von Wirecard gefunden und zahlreiche Warnsignale übersehen.

Edgar Löw, der als Professor für Rechnungslegung an der Frankfurt School Wirtschaftsprüfer ausbildet, ist darüber fassungslos. "Dass hier, sagen wir mal, vermutlich viele Warnzeichen nicht beachtet wurden, das kann ich bestätigen", sagt Löw. Es habe schon damals einen Prüfungsstandard gegeben - der also nicht neu sei. Dieser beschäftige sich mit potenziellen Betrugsfällen und besage: "Es gibt Indikatoren, wo Betrug stattgefunden haben könnte. Und viele dieser Indikatoren haben angeschlagen, insofern ist sehr fragwürdig, warum das nicht entdeckt worden ist", so Löw.

Schadensersatzforderungen bis 2023 möglich

Damit beschäftigen sich nun Gerichte. Das letzte Kapitel im Fall Wirecard ist also doch noch nicht beendet. Anleger können laut Deutscher Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz noch bis Ende 2023 Schadensersatzforderungen gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY geltend machen. Dazu muss die Aktie nicht mehr im Depot des geprellten Anlegers sein.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. November 2021 um 09:41 Uhr in der Wirtschaft.