Weizenfeld in der Region Lugansk, Ukraine | picture alliance/dpa/TASS

Ukraine-Konflikt Große Risiken für Weizen- und Ölpreise

Stand: 02.02.2022 15:11 Uhr

Der Ukraine-Konflikt wirbelt die Rohstoffmärkte mächtig durcheinander. Nicht nur Gas, Öl und Sprit kosten mehr. Auch Nudeln, Brot und andere Getreideprodukte könnten teurer werden.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die steigenden Gaspreise sind seit Wochen in der Berichterstattung omnipräsent. Kein Wunder, bekommen so doch viele Verbraucher die Folgen des Ukraine-Konflikts unmittelbar im eigenen Geldbeutel schmerzlich zu spüren. Dabei sind die anziehenden Gaspreise nur eine Facette der vielfältigen Auswirkungen der Krise zwischen Moskau und Kiew auf den Rohstoffmärkten.

Weit weniger im Fokus der medialen Öffentlichkeit stehen dabei die Weizenpreise. Diese waren im Januar zeitweise kräftig gestiegen - parallel zu den wachsenden Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Beobachter an den Rohstoffmärkten betrachten die Entwicklungen in der Ukraine-Krise mit großer Sorge; sie befürchten, dass Russland in sein Nachbarland einmarschieren könnte.

Weniger Weizenlieferungen wegen Ukraine-Konflikt?

Es bestehe offenbar die Sorge, dass bei einer weiteren Eskalation der Krise oder gar einer militärischen Auseinandersetzung die Weizenlieferungen aus der Ukraine und Russland beeinträchtigt werden könnten, betont Carsten Fritsch, Rohstoff-Experte der Commerzbank. "Im Extremfall könnten Lieferungen von bis zu 16 Millionen Tonnen Weizen aus Russland und der Ukraine betroffen sein."

Das Agraranalyse-Unternehmen SovEcon erachtet das Risiko von Lieferproblemen in Folge des Ukraine-Konflikts hingegen als eher gering und verweist auf das Jahr 2014: Damals führte die Annexion der Krim durch Russland zu keinen Unterbrechungen der Getreideexporte aus der Schwarzmeer-Region.

Russland und Ukraine sind wichtige Weizenexporteure

Fakt ist: Die beiden Schwarzmeerländer zählen zu den wichtigsten globalen Weizenexporteuren. Laut Schätzungen des Internationalen Getreiderats (IGC) dürften Russland und die Ukraine im laufenden Erntejahr 2021/2022 nach der EU auf den Plätzen zwei und drei liegen - noch vor Australien und den USA. Zusammen exportieren Russland und die Ukraine etwa 60 Millionen Tonnen Weizen. Damit bestreiten sie knapp 30 Prozent des globalen Weizenhandels.

Die Möglichkeiten, dass andere Staaten einen großen Angebotsausfall seitens der Ukraine und Russlands ausgleichen könnten, sind daher begrenzt. Das nicht vollständig auszuschließende Risiko von Lieferengpässen spreche für einen höheren Weizenpreis in den kommenden Wochen, ist Commerzbank-Experte Fritsch überzeugt.

Inflationäres Umfeld stützt Weizenpreise

Zuletzt gab es am Markt zwar Gewinnmitnahmen nach der jüngsten Weizenpreisrally, doch die Risiken bleiben Beobachtern zufolge bestehen. Das Börsen-Bonmot, wonach politische Börsen "kurze Beine" haben, könnte sich im konkreten Fall womöglich nicht bestätigen.

Hinzu kommt: Der Weizenpreis wird auch durch die global steigenden Inflationsraten gestützt. In einem inflationären Umfeld steigen die Preise von Agrarrohstoffen nämlich häufig mit Verspätung.

Risikoaufschläge am Ölmarkt

Zu den großen Inflationstreibern gehört dabei auch der Ölpreis. Der Preis für das "schwarze Gold" ist im Zuge der wachsenden Spannungen zwischen Moskau und Kiew zuletzt ebenfalls massiv gestiegen. Neben nachlassenden Nachfragesorgen im Zuge der Omikron-Welle ist dafür auch der Ukraine-Konflikt maßgeblich verantwortlich.

Wie am Weizenmarkt hält auch am Ölmarkt die Angst vor Lieferausfällen die Preise hoch. Schließlich ist Russland einer der größten Erdölförderer der Welt. Die Rohstoff-Experten der Commerzbank veranschlagen den Risikoaufschlag am Erdölmarkt mittlerweile auf rund zehn Dollar.

Ölpreise auf mehrjährigen Höchstständen

Seit Jahresbeginn zog der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent um mehr als 13 Prozent an. Mit einem Anstieg über die 90-Dollar-Marke konnte Brent zuletzt sogar ein Sieben-Jahres-Hoch markieren. Auch der Preis für leichtes US-Öl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) notiert auf einem mehrjährigen Hoch. Das Plus im laufenden Jahr beläuft sich auf rund 16 Prozent.

Damit dürfte das Ende der Fahnenstange aber noch nicht erreicht sein. "Die Preise für WTI und Brent zeigen eine außergewöhnliche relative Stärke in einer schwachen saisonalen Phase", unterstreicht Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. Dies spreche für weiteres Aufwärts- und Inflationspotenzial. "Die 100-Dollar-Marke wäre ein Ziel."

Benzin so teuer wie nie

Die steigenden Energiepreise verteuern wiederum die Produktion von Stickstoffdüngern. Für viele Düngerfabriken wird die Herstellung unwirtschaftlich, sie drosseln ihre Produktion. Das dürfte die Weizenpreise abermals treiben, befürchten Agrarrohstoffexperten, denn mit weniger Dünger dürften auch die Getreide-Erträge niedriger ausfallen.

Die Anleger an den Rohstoffmärkten, aber auch die Verbraucher müssen sich daher auf steigende Preise für Öl und Weizen gefasst machen. Erst gestern war an den deutschen Tankstellen der Preis für einen Liter Super-Benzin der Sorte E10 auf ein Rekordhoch gestiegen. Auch Diesel kostete so viel wie noch nie. Sollte die Lage an der russisch-ukrainischen Grenze eskalieren, dürfte das jedoch nur ein Vorgeschmack auf deutlich höhere Preise gewesen sein.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Februar 2022 um 06:41 Uhr und um 10:00 Uhr in den Nachrichten.