Euro-Banknoten | dpa

EU-Vermögensvergleich Schlechtere Startchancen in Deutschland

Stand: 17.01.2022 12:26 Uhr

16,4 Billionen Euro: So hoch ist das gesamte Privatvermögen in Deutschland. Doch die absolute Zahl sagt wenig über die Verteilung in der Gesellschaft aus - und auch nichts über den Vergleich zu anderen EU-Staaten.

Von Michael Grytz, ARD-Studio Brüssel

Der junge Italiener Giuseppe Giorgio lebt in der irischen Hauptstadt Dublin. Seit sechs Jahren arbeitet er in der Konditorei Opera am Rande der Stadt. Er hat seine Heimat Italien verlassen, um in Irland ein besseres Leben führen zu können. Giorgio meint: "Ich habe viele Jahre in Italien gearbeitet, aber hatte weder einen Vertrag noch soziale Absicherung. In Irland hatte ich ab dem ersten Tag einen Vertrag und bekam viel Unterstützung von der Regierung. Hier ist es viel besser ist als in Italien."

Michael Grytz

Irland, ein Paradies für junge Menschen? Hier bekommen die Menschen mehr Kinder als in den meisten anderen Ländern Europas. Irland ist das zweitjüngste Land in der EU mit vielen guten Jobs und wenig Hürden für Unternehmensgründungen. Maurizio Bruno, Giorgios Chef, ist seit 2006 hier: "Ich habe mein Geschäft in Irland aufgemacht, und es hat mich zwei Tage gekostet - für Dinge, für die ich in Italien Monate gebraucht hätte", so Bruno. Heute beliefert er viele Cafés, die wiederum die jungen Leute der Tech-Konzerne Apple, Facebook oder Google beliefern.

Deutschland wird von vielen EU-Staaten überflügelt

Vor nicht allzu langer Zeit galt das Land noch als Krisenstaat in der EU. Heute steht Irland gut da. Aber wo rangiert Deutschland im Vergleich dazu? Ein Blick auf das Medianvermögen - also die Grenze zwischen der nach Vermögen reicheren Hälfte der Gesellschaft und der ärmeren Hälfte - ist deutlich aussagekräftiger als etwa das Gesamtvermögen. 

Beim Mediannettovermögen liegen die Belgier weit oben. Die Iren landen auf Platz fünf in der EU, vor Giorgios alter Heimat Italien, das auf Platz sieben liegt. Deutschland steht mit 39.000 Euro nur auf Platz neun. Ein Grund: Die Deutschen besitzen wenig Immobilien. Die Zahlen stammen aus einer Studie der europäischen Stiftung Eurofound und sind vor der Corona-Krise erhoben worden. Seitdem sind Immobilien und Aktien vielerorts im Wert aber deutlich gestiegen. Deren Besitzer sind zwar deutlich reicher geworden, aber sie stellen insgesamt nur eine Minderheit dar.  

Die Vermögenssituation junger Menschen ist noch deutlicher: Junge Belgier sind weit oben, die jungen Polen auf Platz fünf, Irland auf sieben, Italien auf elf. Deutschland landet auf dem vorletzten Platz mit 9600 Euro. Ein Grund: Es gibt in Deutschland besonders viele junge Single-Haushalte.  

Zu wenig Anreize für Vermögensaufbau?

Dem Vermögensforscher Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin reicht diese Erklärung aber nicht. Ein anderer Grund sei, "dass Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren im europäischen Vergleich hat, entsprechend können die jungen Erwachsenen keine Vermögen ansparen. Es ist zweitens natürlich auch die stiefmütterlich in der Vergangenheit behandelte Vermögensbildungspolitik in Deutschland. Es wurden zu wenig Anreize gesetzt, Vermögen gezielt aufzubauen", so Grabka.

Zwar sind europäische Vergleiche wegen einer Vielzahl an unterschiedlichen Faktoren - Lebenshaltungskosten, Steuern, staatliche Zuschüsse, zum Teil auch fehlender Daten - schwierig. Dennoch sind Trends erkennbar. So kritisiert Wirtschaftsexperte Grabka vor allem die große Vermögensungleichheit in Deutschland.

Ein Grunderbe als Startkapital

Sein Vorschlag: 20.000 Euro Grunderbe für jeden zum 21. Geburtstag. Was würden junge Leute mit solch einem Startkapital tun? Eine Umfrage ergibt sehr unterschiedliche Antworten. "Viel reisen und das Geld zum Großteil zum Fenster rausschmeißen", sagt ein junger Mann, ein anderer meint: "Ich glaube, ich würde die anlegen." Eine junge Frau sagt: "Ich würde es wahrscheinlich als Eigenkapital für eine Immobilie zurücklegen."

Grabka schränkt ein: "Diese sollen sie natürlich nicht für reine Konsumzwecke ausgeben, sondern zielgerichtet zum Beispiel für die Aufnahme eines Studiums, für die Gründung eines Unternehmens oder auch für den Immobilienerwerb, um grundlegend am Anfang des Lebens die Startvoraussetzungen zum Vermögensaufbau für die gesamte Jugend zu verbessern."

Das ist in Irland offenbar einfacher; hier verdient die junge Generation deutlich mehr als in Italien oder Deutschland. Giorgio will jetzt den Traum einer eigenen Immobilie erfüllen; dann soll seine Freundin nachkommen. Haus bauen, Familie gründen, Vermögen aufbauen: In Deutschland ist schon der erste Schritt zurzeit für die meisten jungen Menschen undenkbar.

Über dieses Thema berichtete das Europamagazin im Ersten am 16. Januar 2022 um 12:45 Uhr.