Tesla in Dublin | picture alliance / NurPhoto
Analyse

Autokonzern bricht Rekorde Warum Teslas Erfolg auch ein Warnsignal ist

Stand: 27.10.2021 16:43 Uhr

Teslas Erfolgsgeschichte an der Börse scheint keine Grenzen zu kennen. Über 1000 Dollar ist die Aktie schon gestiegen - und der E-Auto-Hersteller nun 1 Billion Dollar wert. Doch damit sind Risiken verbunden.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Tausendsassa, Exzentriker, Visionär - Elon Musk wurden schon vielen Titel verpasst. Nun ist ein weiterer hinzugekommen: reichster Mensch, der je auf diesem Planeten gewandelt ist. Dank des rasanten Kursanstiegs der Tesla-Aktie hat Musk seinen ewigen Konkurrenten Jeff Bezos im Milliardärs-Ranking von "Forbes" erneut von Platz eins verdrängen können. Das Finanzmagazin schätzt Musks Vermögen auf erstaunliche 271,3 Milliarden Dollar - so hoch wie kein anderes Vermögen eines Milliardärs vor ihm.

Davon kamen allein 41 Milliarden Dollar in den vergangenen drei Tagen hinzu. Hintergrund ist die rasante Kursrally der Tesla-Aktie: Eine Mega-Bestellung des US-Autovermieters Hertz hatte das Papier in der Spitze bis auf 1094 Dollar befördert.

Wertvoller als alle deutschen Hersteller zusammen

Bereits in der Woche zuvor hatte Musk mit beeindruckenden Quartalszahlen kräftig an seinem Tausendsassa-Image gefeilt. Demnach lieferte Tesla im dritten Quartal 72 Prozent mehr Fahrzeuge aus als im Vorjahr und verdiente mit 1,6 Milliarden Dollar so viel wie noch nie zuvor in einem Vierteljahr. Während andere Autokonzerne unter den weltweiten Lieferengpässen ächzen, gleitet Tesla scheinbar mühelos durch diese schwierigen Zeiten.

Doch all das reicht wohl kaum, um die Diskrepanz beim Marktwert zwischen Tesla und etwa den deutschen Autoherstellern zu begründen: Während Tesla nunmehr Mitglied im elitären "Eine-Billion-Dollar-Club" ist, also einen Börsenwert von über einer Billion Dollar hat, bringen die deutschen Autokonzerne Daimler, BMW und VW zusammengenommen nicht einmal ein Drittel dessen auf die Waage.

Psychologische Effekte treiben die Aktie

Mojmir Hlinka vom Schweizer Vermögensverwalter AGFIF International sieht den steilen Kursanstieg der Tesla-Aktie eher psychologisch begründet. "Dahinter steckt der sogenannte Availability Bias, also das Verfügbarkeits-Fehlverhalten. Durch die Welt geht gerade ein grüner Ruck, überall lesen Anleger über grüne Themen, Tesla ist in aller Munde", so Hlinka gegenüber tagesschau.de.

Dieser sogenannte "Availability Bias" gehört zu den Verzerrungen, die der spätere Nobelpreisträger Daniel Kahneman und sein Kollege Amos Tversky schon in den frühen 1970er-Jahren beschrieben haben. Auf die Börse übertragen besagt er, dass Anleger eher geneigt sind, in Aktien von Unternehmen zu investieren, wenn diese in den Medien stark präsent sind.

Wird Tesla das nächste Apple?

Tesla wurde von vielen Branchenkennern bereits mit der Apple-Aktie verglichen. Auch Hlinka sieht hier Parallelen: "Aus der Tesla-Aktie ist eine Identifikations-Aktie geworden. Die Tesla-Aktionäre bilden eine regelrechte Community. Es gibt Studien wonach das Gros der Tesla-Fahrer selbst in Tesla investiert ist."

Eine solche starke Identifikation mit einer Aktie birgt natürlich auch Risiken, insbesondere werden Informationen zu dem Unternehmen dann häufig nur noch sehr selektiv wahrgenommen. Negative Nachrichten, die nicht ins Bild passen, werden ignoriert.

Hohe Bewertung, große Fallhöhe

Eines dieser Negativ-Argumente ist der hohe Preis der Tesla-Aktie. "Die Tesla-Aktie ist nach herkömmlichen Maßstäben viel zu teuer, die Fallhöhe entsprechend groß", so Hlinka. "Zumal die Konkurrenz nicht schläft und gerade im asiatischen Raum mit Herstellern wie BYD starke Rivalen erwachsen."

Der Anlageexperte verweist aber auch auf das Beispiel der sogenannten FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google): "Auch hier waren die Bewertungen exorbitant hoch. Doch im Nachhinein haben sie sich als absolut gerechtfertigt erwiesen."

Starkes Gewicht im Index

So positiv die jüngste Kursrally der Tesla-Aktie für Elon Musk und bereits investierte Privatanleger auch sein mag: Für den Gesamtmarkt ist sie auch ein Warnsignal. Mittlerweile beläuft sich das Gewicht von gerade einmal fünf Unternehmen im breit angelegten Aktienindex S&P 500 - Apple, Microsoft, der Google-Mutter Alphabet, Amazon und Tesla - auf stolze 23 Prozent.

Zum Vergleich: Im Januar 2020 standen die damals fünf wertvollsten Konzerne - Facebook, Apple, Amazon, Microsoft und Google - für 19 Prozent des S&P-500-Werts. Eine Handvoll von Unternehmen dominiert somit zunehmend den US-Leitindex und damit auch die Richtung der globalen Finanzmärkte.

Risiko durch steigende Zinsen

Das mag in "Bullenmarkt"-Zeiten, in denen die Börse nur die Richtung nach oben kennt, kein großes Risiko sein. Rückblickend haben die starken Kursgewinne der großen Tech-Konzerne auch den US-Indizes, in denen sie stark gewichtet sind, in den vergangenen Jahren zu einer herausragenden Bilanz verholfen.

Ganz anders könnte sich die Lage aber in Zeiten steigender Zinsen darstellen. Sie sind nach Einschätzung von Experten Gift für die Technologiebranche. Stark wachsende Unternehmen haben meist einen hohen Bedarf an Fremdkapital. Ob diese Argumentation auch auf die finanziell gut ausgestatteten Tech-Riesen wie Apple & Co. zutrifft, ist allerdings fraglich.

Enorme Abhängigkeit der Finanzmärkte

Es bleibt die große Abhängigkeit der Finanzmärkte von dem Schicksal einiger weniger Unternehmen. Robert Rethfeld, Marktexperte von Wellenreiter-Invest, betont: "Der S&P 500 ist jetzt praktisch davon abhängig, ob sich die Kaufpanik in Tesla weiter fortsetzt oder ob es zu einer Konsolidierung kommt." Letzteres erscheine wahrscheinlich. "Tesla müsste einen ersten Hochpunkt markiert haben."

Die naheliegende Schlussfolgerung: Mit dem Aufstieg von Tesla in den "Eine-Billion-Dollar-Club" ist das Risiko starker Kursschwankungen an den Finanzmärkten nicht gerade kleiner geworden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. November 2021 um 06:17 Uhr.