Auf einem Kontoauszug ist mit einem roten Markierungsstift ein negativer Kontostand gekennzeichnet | dpa

Folgen hoher Preise In der Schuldenfalle

Stand: 07.11.2021 15:51 Uhr

Hohe Mieten, steigende Energiepreise und Lebenskosten treiben immer mehr Menschen in die Verschuldung. Das trifft vor allem jene, die schon jetzt jeden Cent umdrehen müssen.

Von Kerstin Breinig, rbb

Früher musste Josefa Fernandez immer Taschentücher suchen. Heute hat sie auf dem Tisch eine Spenderbox stehen. Viele Tränen fließen im Büro der Schuldnerberaterin. Hier in der Caritas-Schuldenberatung Berlin Mitte kommt der ganze Stress einfach raus. Energiekosten und Miete treiben ihre Klienten in die Schuldenfalle.

Kerstin Breinig
Josefa Fernandez | rbb

"Irgendwann kann man den Rotstift nicht mehr ansetzen", sagt Schuldnerberaterin Josefa Fernandez. Bild: rbb

Inflation beschleunigt Sturz in die Schuldenfalle

Schon jetzt sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 2019 kamen 31 Menschen mit Stromschulden zur Beratung, 2021 waren es bis Ende Oktober schon 79. Und auch die Schuldenhöhe zeigt die Entwicklung: 2019 hatte jeder der Gläubiger im Schnitt 1122 Euro Energieschulden, in diesem Jahr sind es knapp 500 Euro mehr.

Die Zahl der Schuldner, die allein in Berlin Mitte betreut werden, hat sich beinahe verdreifacht. Und aktuell liegen die Preise für Strom, Heizen und Mobilität auf Rekordniveau. Auch die Lebensmittelpreise steigen stetig. "Das Problem haben grundsätzlich alle, dass alles teurer wird. Aber für die, die wenig Geld haben, ist es natürlich besonders schwer", sagt Fernandez. Nächstes Jahr werde es in der Beratungsstelle vermutlich noch schlimmer werden.

Bundesweit deutlicher Anstieg bei Schuldnerberatungen

Im ersten Halbjahr 2021 verzeichneten die gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen in ganz Deutschland einen deutlichen Anstieg der Anfragen. Das geht aus einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Wohlfahrtsverbände hervor. In mehr als einem Viertel (28 Prozent) der Beratungsstellen war die erhöhte Nachfrage auf Miet- und Energieschulden zurückzuführen, zeigt die Studie. Insgesamt beteiligten sich 461 Beratungsstellen.

Maria Loheide, Vorstandsmitglied für Sozialpolitik der Diakonie Deutschland, bezeichnet das als "alarmierend": "Zu Beginn der Pandemie konnten sich viele Menschen noch finanziell über Wasser halten", sagt sie. Inzwischen könnten viele ihre Überschuldung nicht mehr kompensieren. Von Überschuldung spricht man, wenn die Einnahmen nicht ausreichen, um die Lebenshaltungskosten zu finanzieren und die Rechnungen zu bezahlen. Selbstständige und Menschen in Kurzarbeit sind seit der Pandemie verstärkt betroffen.

6,85 Millionen Deutsche galten laut Überschuldungsreport 2021 im vergangenen Jahr als überschuldet - weniger als 2019. Das ist aber aus Sicht des Instituts für Finanzdienstleistungen kein Grund zum Optimismus. Oft zeigen sich die tatsächlichen Härten eines solchen Einschnittes wie den der Pandemie erst mit Verzögerung. Zumindest am Anfang greifen viele noch auf Reserven zurück. Hart wird es, wenn die aufgebraucht sind.

Einmal Schulden, immer Schulden?

Das erlebt auch Schuldnerberaterin Fernandez immer wieder. Die meisten kommen erst, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, wenn die Reserven aufgebraucht sind, wenn Wohnungskündigung und Stromsperre drohen. Viele Schuldner verlieren irgendwann einfach die Kontrolle. "Ganz viele sagen, wenn ich einmal die Miete nicht zahle, dann kann ich die anderen Rechnungen bezahlen", erzählt die Beraterin. Doch alles andere könne zurückstehen - Miete und Strom nicht.

In den Schuldenberatungsstellen ist aber genau das der neue Alltag. Doch auch dann sei noch nicht alles verloren. "Man kommt da auch raus. Aber man sollte uns aufsuchen", so ihr Appell. Erste Aufgabe sei dann immer, Obdachlosigkeit abzuwenden. Viele Vermieter, so die Erfahrung, seien gesprächsbereit.

Am liebsten aber sind ihr die Klienten, die schon frühzeitig eine Beratung aufsuchen. Da habe man noch Handlungsspielraum. Gemeinsam mit den Klienten versucht sie Sparmöglichkeiten zu finden. "Bei manchen ist es so, dass mit Müh und Not ein ausgeglichener Haushalt da ist. Irgendwann kann man den Rotstift nicht mehr ansetzen", sagt Fernandez. Sie rechnet mit mehr Menschen, bei denen Sparen einfach nicht mehr geht. Mit Blick auf die Preisentwicklung werden dann noch mehr Menschen Hilfe brauchen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 09. Juni 2021 um 06:00 Uhr.