Ölpumpen auf einem Ölfeld bei Ponca City, Oklahoma, USA,

Brent unter 100 Dollar Warum Öl jetzt wieder billiger wird

Stand: 16.03.2022 15:11 Uhr

Der Ölmarkt hat einen regelrechten Ausverkauf erlebt. Öl ist wieder fast so billig wie vor dem Ukraine-Krieg. Doch können Autofahrer, Heizöl-Verbraucher und Unternehmen nun wirklich aufatmen?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Am Ölmarkt mangelte es zuletzt nicht an extremen Bewegungen. Erst gestern wurde dem ein neues Kapitel hinzugefügt. Während Autofahrer noch über hohe Spritpreise jammerten, hatte sich die Uhr am Ölmarkt längst weitergedreht. Der Preis für die Nordseesorte Brent stürzte zeitweise um acht Prozent ab und fiel bis auf 97,50 Dollar je Barrel. Die US-Sorte WTI erlebte einen Absturz in ähnlicher Größenordnung.

Ölpreise geben fast alle Kriegsgewinne ab

Heute verzeichneten die Ölpreise zunächst eine Gegenbewegung. Doch die Kursgewinne waren nicht von Dauer; zur Mittagszeit notiert die Nordseesorte bereits wieder in der Minuszone bei 98 Dollar. Der rasante Ausverkauf am Ölmarkt hat die Preise damit wieder fast auf Vorkriegsniveau gedrückt. Nahezu alle seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine angelaufenen Gewinne wurden egalisiert.

Knapp 40 Dollar liegen nun zwischen dem Preis, der aktuell am Markt für ein Fass Brent gezahlt wird, und seinem erst vor wenigen Tagen markierten 14-Jahres-Hoch. Zur Erinnerung: Am 7. März war der Brent-Preis bis auf 137 Dollar gestiegen.

Springt der Iran in die Bresche?

Doch woher rührt das jähe Ende der Ölpreis-Rally? Auch wenn es zuletzt Entspannungssignale aus Kiew und Moskau gab: Eine friedliche Beilegung des Konflikts ist noch in weiter Ferne. "Die Sanktionen gegen Russland dürften auch danach noch für längere Zeit bestehen bleiben und viele Abnehmer vor dem Kauf von russischem Öl zurückschrecken lassen", betont Carsten Fritsch, Rohstoff-Experte der Commerzbank.

Die Ursachen für den Kurssturz am Ölmarkt liegen also weniger in einer gänzlich neuen Einschätzung der wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs, sondern sind anderswo zu suchen. Genauer gesagt: im Iran. Das Land, das auf der Liste der weltweit am meisten sanktionierten Länder jüngst seinen Spitzenplatz an Russland abtreten musste, könnte demnächst als Akteur auf den Ölmarkt zurückkehren.

Renaissance des Frackings

Äußerungen aus Moskau und Washington zufolge dürften die Sanktionen gegen Russland keine Auswirkungen auf die russische Zusammenarbeit mit dem Iran in Atomfragen und damit auf das Atomabkommen haben. Das würde den Weg frei machen für eine Aufhebung der US-Sanktionen gegen den Iran und damit für eine Rückkehr iranischen Ölexporte, erklärt Commerzbank-Experte Fritsch.

Hinzu kommt: In den USA erlebt Fracking, also die Schieferölproduktion, derzeit ein Comeback. Dank der gestiegenen Ölpreise lohnt sich diese ebenso umstrittene wie aufwändige Form der Ölproduktion wieder. Die Zahl der aktiven Ölbohrungen in den Vereinigten Staaten liegt aktuell bei etwa 500. In der Zeit vor Covid lag sie bei über 800. Die US-Energiebehörde EIA rechnet allein für März mit einer Steigerung der US-Schieferölproduktion um 109.000 auf über 8,7 Millionen Barrel pro Tag.

Chinas Null-Covid-Strategie als Belastungsfaktor

Die sich potenziell entspannende Angebotsseite ist allerdings nur eine Ursache der Ölpreisrückgänge, die sich verändernde Situation auf der Nachfrageseite eine andere. Experten verweisen auf die scharfen chinesischen Maßnahmen der chinesischen Behörden gegen neue regionale Corona-Ausbrüche (Null-Covid-Strategie). Millionenmetropolen werden einfach abgeriegelt, die Produktion in den Fabriken gestoppt, Häfen dichtgemacht.

Was für die Weltwirtschaft und auch für deutsche Unternehmen neue massive Probleme in Form von Lieferkettenstörungen und geringeren Absatzmöglichkeiten für ihre Produkte bedeutet, verheißt für die Nachfrage nach Öl ebenfalls nichts Gutes. Sinkt aber die Nachfrage, fällt auch der Preis.

Hat der Ölpreis sein Jahreshoch schon gesehen?

Doch bleibt der Ölpreis jetzt auf niedrigerem Niveau - oder ist der jüngste Kurssturz nur ein kurzes Luftholen, bevor die Preise wieder explodieren? Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest verweist auf die fallenden Wachstumsraten im Reich der Mitte. Chinas Regierung hatte Anfang März mit "rund 5,5 Prozent" für 2022 das niedrigste Wachstumsziel seit drei Jahrzehnten vorgegeben. Rethfeld ist überzeugt: "Das Hoch bei 137 Dollar dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Jahreshoch darstellen."

Das wären dann doch mal gute Nachrichten - für Unternehmen ebenso wie für Verbraucher. Zwar dürfte es noch eine Weile dauern, bis die Bewegungen am Ölmarkt auch bei ihnen ankommen. Aber immerhin: Die Richtung stimmt.

In einer ersten Version fehlte bei der Angabe der US-Schieferölproduktion das Zahlwort Million. Dieses haben wir ergänzt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. März 2022 um 13:35 Uhr.