Joachim Nagel | picture alliance / dpa
Analyse

Bundesbankpräsident-Nachfolge Was von Nagel zu erwarten ist

Stand: 20.12.2021 10:14 Uhr

Bis jetzt war Joachim Nagel vor allem Insidern der Finanzbranche bekannt. Als neuer Bundesbank-Chef tritt er ins Rampenlicht. Wird es mit Nagel zu ähnlichen Konflikten im EZB-Rat kommen wie unter seinem Vorgänger?

Von Oliver Feldforth, HR

Er kennt den spröden Kasten im Norden Frankfurts schon. 17 Jahre war Joachim Nagel bei der Deutschen Bundesbank, die letzten Jahre im Vorstand. Da kümmerte er sich um die Umsetzung der Geldpolitik. 2017 ging er zur staatseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), war dort für die Förderprogramme in der Entwicklungszusammenarbeit mit anderen Staaten zuständig. Zuletzt war Nagel bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), einem weltweiten Verbund der Notenbanken. Er gilt dort als gut vernetzt. Der 55-Jährige ist SPD-Mitglied.

Oliver Feldforth

Wunsch nach anderer Kommunikation?

Die neue Regierung wünscht sich offenbar eine andere Kommunikation der Bundesbank mit der Europäischen Zentralbank (EZB), als das zuletzt unter Nagels Vorgänger Jens Weidmann der Fall war. Die Bundesbank müsse flexibler werden, hört man aus dem Umfeld der Bank.

Zu oft war offenbar der Eindruck entstanden, die Deutschen seien diejenigen, die immer dagegen sind. Und so werden alle genau hinschauen, welche Linie der neue Bundesbank-Chef in der EZB-Geldpolitik anstrebt. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, betont:

Der neue Bundesbankpräsident sollte sich weiter konsequent für Preisstabilität einsetzen. Das ist in Zeiten weltweit steigender Inflationsraten wichtiger denn je.
Joachim Nagel und Jens Weidmann | picture alliance / dpa

Der Neue und der Alte: Joachim Nagel (l.) wird Jens Weidmanns Nachfolger als Präsident der Bundesbank. Bild: picture alliance / dpa

Vorgänger Jens Weidmann gab auf

Nagels Vorgänger Jens Weidmann hat merklich frustriert nach zehn Jahren hingeschmissen, weil er sich im Rat der EZB mit seiner Vorstellung einer stabilitätsorientierten Geldpolitik nicht durchsetzen konnte. Er befand sich mit seiner Position der restriktiveren Auslegung regelmäßig in der Minderheit. Erst fand er beim langjährigen Zentralbankpräsident Mario Draghi kein Gehör, dann war er unter der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde erneut in der Minderheit.

EZB setzt auf Politik des billigen Geldes

Noch immer fährt die europäische Notenbank eine Politik des billigen Geldes, auch um hochverschuldete Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und Frankreich zu stützen. Dabei lässt sie sich auch nicht von der stark angestiegenen Inflation beeindrucken. So wünscht sich Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Bank, dass sich Nagel nicht so an den Rand der Diskussion des EZB-Rats bewege, dass sein Einfluss schwinde.

"Auch ein neuer Bundesbankpräsident wird sich im EZB-Rat notgedrungen in einer Minderheitsposition befinden, weil die meisten Ratsmitglieder ihren Finanzministern helfen wollen und Anhänger einer lockeren Geldpolitik sind", meint Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. In der Tat gilt Nagel wie sein Vorgänger als ordoliberal: Er befürwortet also einen klaren, vom Staat der Wirtschaft vorgegebenen Ordnungsrahmen.

Inflation ist wichtiger Einflussfaktor

Viel wird davon abhängen, wie die Inflation sich im nächsten Jahr in Europa entwickeln wird. Zuletzt lag die Preissteigerung klar über dem, was sich die EZB als Ziel gesetzt hat. Doch seien das nur temporäre Effekte wie durch Corona bedingte Lieferengpässe, so die EZB.

Oder sind es doch eher strukturelle Gründe, die dann auch länger anhalten werden, wie viele Fachleute meinen? So glaubt Carsten Brzeski von der ING an eine hohe Inflation mindestens bis Mitte des kommenden Jahres. Es gebe mehr Faktoren, die die Inflation strukturell nach oben trieben.

Erfahrener Notenbanker - bislang in der zweiten Reihe

Konkurrenz für den Spitzenjob bei der Bundesbank gab es reichlich. Volker Wieland, Wirtschaftsprofessor in Frankfurt am Main und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, wurde genauso genannt wie EZB-Direktorin Isabel Schnabel.

Jörg Kukies, Intimus von Olaf Scholz, galt vielen ebenfalls als Kandidat. Doch der ehemalige Investmentbanker zieht als Wirtschaftsberater mit dem Bundeskanzler ins Kanzleramt und ist somit aus dem Rennen.

Joachim Nagel sei ein mit allen Wassern gewaschener und erfahrener Zentralbanker, meint Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Bis jetzt stand Nagel oft in der zweiten Reihe und schien sich dort auch wohlzufühlen. Als neuer Bundesbankpräsident muss er jetzt ins Rampenlicht.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Dezember 2021 um 11:00 Uhr.