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Marktbericht

Trüber Wochenschluss Rekordjagd an den Börsen gestoppt

Stand: 22.01.2021 23:41 Uhr

Nach ständig neuen Rekordhochs ist der Wall Street am Freitag die Luft ausgegangen. Auch der DAX kam ins Rutschen. Doch nach Ansicht von Experten dürfte das nur ein kurzer Durchhänger sein.

Momentan scheint die Richtung an den Börsen von einem Mann bestimmt zu werden: Joe Biden. Die Aussicht auf ein knapp zwei Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket unter dem neuen US-Präsidenten trieb in dieser Woche die Aktienmärkte auf neue Bestmarken. Anleger reiten auf der "blauen Welle", sagen Marktbeobachter und meinen damit die "blauen" Demokraten, die in den USA jetzt durchregieren können.

Dow fällt etwas zurück

Am Freitag allerdings war es mit dem Ritt auf der "blauen Welle" vorerst vorbei. Die Wall Street gab leicht nach und schaffte keine neuen Rekorde. Der Dow Jones büßte rund 0,6 Prozent ein und schloss unter 31.000 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 und die technologielastige Nasdaq100 verloren 0,3 Prozent.

IBM und Intel enttäuschen

Enttäuschende Zahlen der Tech-Schwergewichte IBM und Intel trübten die gute Stimmung. So erwirtschaftete der Computerkonzern IBM im vierten Quartal weniger Umsatz. Die Aktien von "Big Blue" brachen um fast zehn Prozent ein. Auch die Aktien von Intel sackten ab - um gut neun Prozent. Anlegern missfiel, dass der weltgrößte Chipkonzern nun doch seine Prozessoren weiterhin größtenteils in eigenen Fabriken herstellen will.

DAX beendet gute Börsenwoche im Minus

In Deutschland glänzten die beiden Industrie-Ikonen VW und Siemens mit Milliardengewinnen. Das reichte jedoch nicht, um den DAX nach oben zu bewegen. Der deutsche Leitindex, der am Donnerstag noch auf über 14.000 Punkte geklettert war, fiel um 0,2 Prozent auf knapp 13.874 Punkte. Zeitweise war das Minus noch größer. Trotzdem kann sich die Wochenbilanz sehen lassen. Der DAX legte seit Montag 0,6 Prozent zu.

Angst vor Konjunkturabschwächung

Anleger befürchten, dass die verschärften Corona-Restriktionen den Konjunkturmotor weiter abwürgen. Die Bundesregierung senkt für das laufende Jahr ihre Wachstumserwartung voraussichtlich auf 3,0 Prozent, wie Reuters von einem Insider erfuhr. Bislang war die Regierung von einem Plus von 4,4 Prozent ausgegangen.

Schon jetzt bremsen die Lockdowns die Wirtschaft. Der europäische Einkaufsmanagerindex fiel im Januar unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Commerzbank-Ökonom Christoph Weil rechnet mit einer Rezession der Eurozone im Winterhalbjahr.

Wie stark wird der Wiederaufschwung?

An der Börse wird die Zukunft gehandelt. Sie setzt auf einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung ab Mitte des Jahres. Besonders optimistisch ist Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er prophezeit einen "sehr starken Wiederaufschwung ab dem zweiten Quartal des laufenden Jahres und zwar quer durch die gesamte westliche Welt". Im Laufe der Corona-Krise hätten viele Verbraucher kräftig gespart als in den Vorjahren. Wenn sie nur die Hälfte dieses Geldes ausgeben, brächte das einen enormen Konsumschub im Sommer.

Euro berappelt sich

Die trübe Stimmung an den Finanzmärkten konnte dem Euro nichts anhaben. Die Gemeinschaftswährung notierte zeitweise auf einem Neun-Tages-Hoch von 1,2189 Dollar. Auftrieb erhielt der Euro durch Konjunkturdaten. Die vom Institut Markit erhobenen Einkaufsmanagerindizes gaben im Januar zwar nach, allerdings fiel der Rückgang zum Teil nicht so stark aus wie befürchtet. Unter Druck stand dagegen das britische Pfund.

Siemens verblüfft mit starken Zahlen

Größter Gewinner im Dax mit einem Plus von fast sieben Prozent waren die Papiere von Siemens. Vorstandschef Joe Kaeser verabschiedet sich mit starken Zahlen. Vor allem die Digitalsparte habe dazu beigetragen, sagten Händler. Die Siemens-Aktien erschienen vor diesem Hintergrund zu günstig bewertet. Goldman Sachs erhöhte das Kursziel auf 145 Euro. Von Jefferies hieß es, im Segment Digital Industries sei die Profitabilität beeindruckend hoch gewesen. Höhere Ziele des Industriekonzerns für das gesamte Geschäftsjahr seien nun "sehr realistisch".

Milliardengewinne von VW

Zweitgrößter Gewinner im DAX war VW mit einem Plus von fast zwei Prozent. Die am Mittag veröffentlichten Eckzahlen zur Geschäftsentwicklung 2020 kamen gut an. Demnach hat Europas größter Autohersteller ein Betriebsergebnis vor Sondereinflüssen von zehn Milliarden Euro eingefahren. Das ist zwar nur halb soviel wie im Vorjahr, aber besser als erwartet. Ende Februar sollen die abschließenden Daten folgen. Konkrete Angaben zum Nettogewinn 2020 machte VW noch nicht, die "Dieselgate"-Belastungen waren zuletzt aber spürbar gesunken.

ProSiebenSat.1 spürt Erholung im Werbemarkt

Hoch oben in der Gunst der Anleger standen die Aktien von ProSiebenSat.1. Mit einem Plus von 4,6 Prozent ragten die Titel der Fernsehsenderkette positiv aus dem MDax heraus. ProSiebenSat.1 habe mit ihrem Quartalsergebnis die Analystenprognosen und die eigenen Ziele deutlich übertroffen, kommentierte die US-Bank JPMorgan. Das operative Ergebnis (bereinigtes Ebitda) fiel 2020 nur um etwa 20 Prozent auf rund 700 Millionen Euro, und der Umsatz sank um etwa zwei Prozent auf rund 4,04 Milliarden Euro. Im zweiten Halbjahr zog das Werbegeschäft wieder an.

Taiwanesen bieten mehr für Siltronic

Spitzenreiter im TECDAX war Siltronic. Die Aktien kletterten um fast vier Prozent auf über 145 Euro. Der taiwanesische Chip-Zulieferer Globalwafers stockt seine Übernahmeofferte für den deutschen Waferhersteller. Statt bislang 125 Euro würden nun 140 Euro je ausstehender Stammaktie geboten. Alle weiteren Bedingungen des Übernahmeangebots blieben unverändert. Viele Investoren hatten den Schritt erwartet. Die Aktionäre können damit weiter bis zum 27. Januar überlegen, ob sie die Offerte annehmen.

Cewe verdient mehr mit Fotos

Der Foto-Service und Online-Drucker hat von einem starken Weihnachtsgeschäft profitiert. Der Umsatz stieg im vergangenen Jahr auf rund 727 Millionen Euro - nach 720,4 Millionen Euro im Jahr 2019. Das operative Ergebnis (Ebit) kletterte auf rund 79 Millionen Euro. Die im SDAX gelistete Cewe-Aktie legte nach der Mitteilung kurz vor Xetra-Schluss um 4,5 Prozent zu.

Verzögerungen beim Impfstoff von AstraZeneca

Der britische Pharmakonzern AstraZeneca hat Lieferschwierigkeiten bei seinem Corona-Impfstoff. AstraZeneca habe die EU-Kommission informiert, dass der Konzern nach der für Ende Januar erwarteten Zulassung des Vakzins an die EU deutlich weniger liefern könne als zunächst geplant, räumte ein Unternehmenssprecher ein. Hintergrund seien Produktionsschwierigkeiten an einem Standort. Die Zahl der Impfdosen im ersten Quartal mit 31 Millionen Stück rund 60 Prozent niedriger ausfallen als geplant, sagte ein hochrangiger EU-Vertreter am Abend der Nachrichtenagentur Reuters.

Lust auf Premium-Cognac steigt

Die starke Nachfrage nach Premium-Cognac in den USA und China beschert Rémy Cointreau unerwartet gute Geschäfte. Der Umsatz stieg im abgelaufenen Quartal um rund 25 Prozent auf 350 Millionen Euro. Auch das laufende Quartal habe schwungvoll begonnen. Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr (bis Ende März) behielt Remy Cointreau bei. Weiterhin rückläufig waren angesichts der Pandemie-Beschränkungen die Umsätze im Duty-Free-Bereich. Zudem drücken die nur langsamen Wiedereröffnungen von Bars und Restaurants auf den Absatz in Südostasien.

Gelungenes Börsendebüt von Mytheresa

Der Börsengang des Münchner Luxus-Onlinemodehändlers Mytheresa in New York hat sich als Erfolg erwiesen. Der erste Kurs der US-Hinterlegungsscheine American Depositary Shares - kurz ADS - belief sich auf 35,85 Dollar. Ausgegeben worden waren die Papiere an die Investoren zuvor für 26 Dollar je Anteilschein. Die Papiere schlossen mit 31 Dollar gut 19 Prozent höher.

Mit dem Börsengang in New York sollen internationale Investoren angesprochen werden. Zudem hofft das Unternehmen auf eine höhere Bekanntheit im wichtigen US-Markt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Januar 2021 um 00:26 Uhr.