Händler an der New Yorker Börse | picture alliance/dpa/XinHua
Marktbericht

Kursrutsch nach Moderna-Warnung Omikron verschreckt die Anleger

Stand: 30.11.2021 22:48 Uhr

Die neue Virus-Variante Omikron hat den Anlegern den November vermiest. An den Aktienmärkten gab es kräftige Kursverluste. Auch am letzten Tag des Monats ging es abwärts. Öl ins Feuer goss der Fed-Chef.

Statistisch gesehen zählt eigentlich der November zu den guten Börsenmonaten. Doch im grauen "Corona-Herbst" ist diesmal alles anders. Wegen der Angst vor neuen wirtschaftlichen Rückschlägen durch die Corona-Variante Omikron endete der Börsenmonat November tief im Minus. Die Wall Street verzeichnete erneut deutliche Kursverluste. Der Dow Jones sackte um 1,9 Prozent auf 34.483 Punkte ab. Auf Monatssicht gab er rund drei Prozent nach. Der breit gefasste S&P 500 büßte ebenfalls 1,9 Prozent ein, die technologielastige Nasdaq gab um 1,6 Prozent nach.

Vor einigen Tagen schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Anlagestrategen sprachen wieder vom Goldlöckchen-Szenario (Goldilocks), der besten aller Börsenwelten. Doch die nun entdeckte Virus-Variante Omikron hat die Börsen-Optimisten ausgebremst. Die Anleger fürchten nun einen neuen Rückschlag für die Weltwirtschaft.

Moderna-Chef warnt

Die Warnung des Moderna-Chefs Stephan Bancel sorgte für Unsicherheit weltweit an den Börsen. Der Chef des Impfstoff-Herstellers sieht die aktuellen Vakzine gegen die Omikron-Variante des Coronavirus als weniger wirksam. Es werde wohl länger dauern, bis angepasste Vakzine in ausreichendem Umfang hergestellt werden könnten. In die gleiche Kerbe schlug die US-Pharmafirma Regeneron, die davor warnte, dass auch Therapien weniger wirksam gegen die Omikron-Variante sein könnten.

Fed-Chef will Geldpolitik noch früher straffen

Zudem beschleunigten Äußerungen vom Chef der US-Notenbank vor einem Kongressausschuss die Talfahrt. Fed-Chef Jerome Powell räumte ein, dass die Inflation in den USA möglicherweise nicht nur vorübergehend sein könnte. Zugleich sicherte er zu, dass die Fed ihre Instrumente zur Abkühlung der Preise einsetzen werde. Eine Reduzierung der Anleihekäufe könnte daher früher als beschlossen in Betracht gezogen werden. Damit könnte auch eine Zinswende näher rücken.

Die Hoffnung, dass Powell die Märkte beruhigen könnte, erwies sich als Trugschluss. Einige Börsianer hatten bereits darauf spekuliert, dass die Notenbanken von ihrer jüngsten Tendenz zur Straffung der Geldpolitik demnächst wieder absehen werden, sollte die Pandemie das Wirtschaftswachstum abermals ausbremsen.

DAX in der November-Tristesse

Im Sog der schwachen Wall Street weitete auch der DAX seine Verluste aus. Er verlor 1,2 Prozent und hielt sich knapp über 15.100 Punkten. Zeitweise rutschte der deutsche Leitindex bis auf 15.016 Punkte ab. Damit summierte sich das Monatsminus auf 3,7 Prozent. Dabei hatte es vor einigen Tagen noch nach einem guten Monat ausgesehen. Der deutsche Leitindex war Mitte November auf ein neues Rekordhoch von 16.251 Punkten gestiegen. Doch dann machte die wohl hoch ansteckende Corona-Variante Omikron den Anlegern einen Strich durch die Rechnung. Binnen weniger Tage büßte der DAX gut 1000 Zähler ein.

Stimmungswende an den Märkten

Die Stimmung an der Börse habe mit dem Auftauchen der Omikron-Variante Ende der vergangenen Woche komplett gedreht, meinte der Kapitalmarktexperte Jürgen Molnar vom Broker RoboMarkets. "Die Finanzmärkte dürften die nächsten Tage stark von Nachrichten zur Einschätzung der Omikron-Virusvariante bestimmt bleiben, wobei der Unsicherheitsgrad zunächst hoch bleibt", sagten die Analysten der BayernLB. Unsicherheit ist an der Börse Gift.

Hoffen auf die Weihnachtsrally

Es gibt aber einen Lichtblick: Statistisch gesehen beginnt nun die beste Börsenzeit. Der Dezember gilt als ein positiver Börsenmonat. "Durchschnittlich weist er einen Gewinn von 1,4 Prozent auf", betont Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. Kurz vor den Feiertagen startet in der Regel die sogenannte Weihnachtsrally an den Aktienmärkten. Dabei handelt es sich um ein zeitlich eng begrenztes Phänomen, das sich über die letzten fünf Handelstage im Dezember und die ersten beiden Handelstage im neuen Jahr erstreckt.

Euro auf Berg- und Talfahrt

Der Euro erlebte heute eine wilde Achterbahnfahrt. Zunächst zog er kräftig auf über 1,13 Dollar an, dann sackte er auf 1,1236 Dollar ab, bis er sich am Abend wieder über der Marke von 1,13 US-Dollar behauptete. Die Aussagen von Fed-Chef Jerome Powell gaben dem Greenback zeitweise Auftrieb.

Die geänderte Wortwahl der Fed rückt auch die Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder in den Mittelpunkt. Äußerungen von EZB-Mitgliedern deuten darauf hin, dass sie an der Annahme einer vorübergehenden Inflation noch immer festhalten, auch wenn die deutsche Inflation erstmals seit Jahrzehnten über die Marke von fünf Prozent gestiegen ist. Die Inflation in der Eurozone hat im November mit einem Plus von 4,9 Prozent gar einen neuen Rekordstand erreicht - aufgrund der hohen Energiepreise.

Ölpreise wieder auf Talfahrt

Die Warnung des Impfstoff-Herstellers Moderna vor einer möglicherweise geringeren Effektivität der bisherigen Impfstoffe gegen die neu entdeckte Omikron-Variante verschreckte auch die Rohstoff-Anleger. Die Ölpreise fielen heute kräftig und knüpften damit an ihre rasante Talfahrt vom Freitag an. Der Preis für die Ölsorte Brent aus der Nordsee brach um knapp vier Prozent auf 70,83 Dollar je Barrel ein.

Vor diesem Hintergrund dürfte die OPEC+ bei ihrer anstehenden Sitzung voraussichtlich mit der monatlichen Ausweitung ihrer Fördermengen pausieren, prognostiziert Analyst Vivek Dhar von der Commonwealth Bank of Australia.

Gold wieder billiger

Die angekündigte schnellere Straffung der Geldpolitik in den USA stoppte die Erholung des Goldpreises. Das gelbe Edelmetall verbilligte sich auf 1773 Dollar. Zuvor war der Goldpreis im Tagesverlauf auf über 1800 Dollar geklettert.

Aktien von BioNTech und Moderna unter Druck

Papiere der Impfstoffhersteller, die zuletzt entgegen dem negativen Markttrend eine Sonderkonjunktur erlebten, zählten heute zu den großen Verlierern. BioNTech-Aktien gaben um drei Prozent nach, die Anteilsscheine von Moderna fielen um 4,4 Prozent - nach der Omikron-Warnung des Vorstandschefs. Die Novavax-Titel indes gewannen indes 7,6 Prozent. BioNTech-Chef Ugur Sahin ist zuversichtlich, dass Corona-Impfstoffe auch im Fall von Omikron und folgenden weiteren Virus-Varianten vor schweren Krankheitsverläufen schützen werden.

FDA-Berater empfehlen Corona-Pille von Merck & Co

Die Aktien des US-amerikanischen Pharmakonzerns Merck & Co legten im nachbörslichen US-Handel um ein halbes Prozent zu. Sie profitierten von der Hoffnung auf gute Geschäft mit einem Covid-19-Medikament. Ein Beratergremium der US-Gesundheitsbehörde FDA hat das antivirale Medikament Molnupiravir empfohlen, da nach Ansicht der Mehrheit der Mitglieder der Nutzen des Mittels die Risiken einer Gabe überwiegen. Anfang November hatte Großbritannien als erstes Land der Welt das Mittel zugelassen.

Adler-Aktie auf Rekordtief

Aktien der Adler Group brachen um gut ein Fünftel ein und fielen auf ein Rekordtief. Das Immobilienunternehmen ging bei der Vorlage der Quartalszahlen nicht auf die Vorwürfen des britischen Leerverkäufers Fraser Perring ein. Fragen in einem Analysten-Call wurden nicht beantwortet. Investoren seien enttäuscht, dass Adler die Veröffentlichung der Ergebnisse nicht dazu genutzt habe, sich gegen Perrings Vorwürfe zu verteidigen, sagte ein Börsianer. Leerverkäufer Perring hatte Zweifel an den Bilanzierungsmethoden der Adler Group erhoben.

Easyjet sieht erste Omikron-Auswirkungen

Der britische Billigflieger Easyjet kann die wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Variante Omikron noch nicht genau einschätzen. Da es aber bereits erste Effekte vor allem auf der Kurzstrecke gibt, senkte der Ryanair-Konkurrent seine geplante Kapazität im laufenden Quartal. So plant der Konzern im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres jetzt nur noch mit einer Kapazität von 65 Prozent des Jahres 2018/19, das noch nicht von Corona betroffen war. Im Oktober hatte Easyjet noch eine Aufstockung der Kapazitäten auf 70 Prozent geplant.

Positive Analystenstimme treibt Shop Apotheke

Gegen den düsteren Markttrend waren Aktien der Shop Apotheke gefragt. Sie stiegen um 3,2 Prozent und waren Top-Gewinner im SDax. Die schweizerische Investmentbank Credit Suisse riet zum Kauf der Papiere. Analystin Victoria Petrova begründet ihren Optimismus vor allem mit Online-Verschreibungen für Medikamente, die sich ihrer Ansicht nach im deutschsprachigen Raum in den kommenden Jahren immer mehr durchsetzen dürften.

Großbritannien setzt Facebook unter Druck

Britische Wettbewerbshüter wollen den Facebook-Konzern Meta zwingen, die im vergangenen Jahr übernommene Clip-Plattform Giphy wieder zu verkaufen. Der Zusammenschluss schwäche den Wettbewerb zwischen Online-Diensten in Großbritannien, argumentierte die Kartellbehörde CMA. Der Facebook-Konzern könne damit seine führende Marktposition stärken und Konkurrenten unter Druck setzen. Die Aktien von Meta büßten an der Nasdaq vier Prozent ein.

Inditex-Aktie nach Führungswechsel unter Druck

Ein Führungswechsel bei Inditex verunsicherte die Anleger. Die Aktien brachen um über sechs Prozent ein. Marta Ortega, Tochter des Firmengründers Amancio, übernimmt die Führung des Verwaltungsrats der Zara-Mutter. Parallel dazu ersetzt Oscar Garcia Maceiras Carlos Crespo als Vorstandsvorsitzenden. Die Analysten des Vermögensberaters Kepler Cheuvreux kritisierten das Timing. Die beiden müssten erst noch beweisen, dass sie den Modehändler inmitten der Corona-Krise sicher steuern könnten.

Versicherer UnitedHealth etwas zuversichtlicher

Der US-Krankenversicherer UnitedHealth hat seine Gewinnprognose für das laufende Jahr konkretisiert. Das Ergebnis je Aktie soll nun 17,80 bis 17,95 US-Dollar erreichen bei einem Umsatz von rund 287 Milliarden Dollar. Das Umsatzziel liegt damit über der bislang angepeilten Bandbreite. Beim Gewinnziel wurde das untere Ende der bisherigen Spanne um zehn Cent angehoben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. November 2021 um 09:00 Uhr.