Händler an der New Yorker Börse | picture alliance/dpa/XinHua
Marktbericht

Anleger streichen Gewinne ein Ein Börsentag ohne Rekorde

Stand: 27.07.2021 22:44 Uhr

Vor der morgigen Fed-Sitzung haben sich die Anleger zurückgehalten. Zudem sorgte China für Verunsicherung. Die Wall Street und der DAX gaben nach. Nach Börsenschluss begann das Schaulaufen der Tech-Riesen.

Gleich drei Tech-Schwergewichte enthüllten am späten Abend ihre Zahlen. Der iPhone-Hersteller Apple, der Google-Mutterkonzern Alphabet und der Windows-Konzern Microsoft präsentierten ihre Quartalsbilanzen. Die in vielen Aktienindizes hoch gewichteten Papiere von Apple, Alphabet & Co sind für die jüngste Rekordrally an den US-Aktienmärkten mitverantwortlich.

Gewinnmaschine Alphabet

Vor allem Alphabet überraschte positiv. Sprudelnde Werbeeinnahmen verhalfen dem Google-Mutterkonzern zu einem Umsatzsprung von 57 Prozent auf 61,88 Milliarden Dollar. Das war deutlich mehr als von Analysten erwartet. Der Gewinn legte noch stärker zu. Alphabet konnte den Überschuss nahezu verdreifachen auf 18,53 Milliarden Dollar - nach 6,96 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Firmenchef Sundar Pichai begründete die Entwicklung mit nochmals gestiegenen Online-Aktivitäten der Verbraucher und einer allgemeinen Stärke im Anzeigengeschäft. Die Alphabet-Aktien zogen nachbörslich um vier Prozent an.

Microsoft floriert im Cloud-Geschäft

Dank eines starken Cloud-Geschäfts hat Microsoft die Umsatzerwartungen der Experten übertroffen. Der Gesamtumsatz lag bei 46,2 Milliarden Dollar - 21 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Experten hatten nur 44,2 Milliarden Dollar erwartet. Die Cloud-Sparte Azure wies ein Umsatzwachstum von 51 Prozent auf. Die Microsoft-Aktie fiel dennoch nachbörslich zunächst um 1,8 Prozent.

Tech-Aktien unter Druck

Tech-Aktien standen am Dienstag am stärksten unter Druck. Die Nasdaq 100 büßte rund 1,1 Prozent ein und rutschte unter 15.000 Punkte. Ein Grund war die zunehmende Regulierung in China, die vor allem Tech-Aktien absacken ließ. Die Aufsichtsbehörden greifen immer mehr in die Finanzmärkte, in Branchen und einzelne Unternehmen ein. Nach Ansicht von Commerzbank-Stratege Chris-Oliver Schickentanz reichten die Interventionen schon "bis zur faktischen Enteignung der Anteilseigner".

Wen knöpft sich Peking als nächstes vor?

Nachdem zuletzt vor allem Technologie-Konzerne im Fokus der Regierung standen, dürften sich Investoren vermehrt fragen, welche Branche als nächstes bei der chinesischen Staatsführung in Ungnade fällt. Die Unsicherheit über das weitere Vorgehen der Regierung führte zu einem erneuten Kursrutsch an Chinas Börsen. Der Leitindex CSI 300 rutschte um 3,5 Prozent auf den niedrigsten Stand seit November 2020 ab.

Verluste an der Wall Street

Nach den neuen Rekorden zum Wochenauftakt machten Anleger deshalb heute lieber mal Kasse. Der Dow Jones verlor 0,24 Prozent und konnte sich nur knapp über der Marke von 35.000 Punkten halten. Der breiter gefasste S&P 500 gab um knapp 0,5 Prozent auf 4401 Zähler nach.

Rätselraten um die Fed

Anleger warten gespannt auf die Fed-Sitzung am Mittwochabend. Sie fragen sich, wann die Fed mit ihrer Straffung der Geldpolitik beginnt. Der ultralockere Kurs der Zentralbank wird angesichts kräftig anziehender Inflation und des wirtschaftlichen Aufschwungs zusehends kritisch hinterfragt. Die Fed wird am Mittwoch über das Ergebnis ihrer Beratungen auf der Juli-Sitzung informieren.

"Die Märkte erwarten eine leichte Abkehr von der extremen Lockerheit", sagte Marktexperte John Vail von Nikko Asset Management mit Blick auf die Fed. Die Notenbanker dürften trotz hoher Inflationsraten aber wohl noch keine geldpolitische Trendwende vollziehen. Ein klares Signal zur Rückführung der Anleihekäufe (Tapering) sollte es laut von Bloomberg befragten Ökonomen noch nicht geben. Experte Michael Blumenroth von der Postbank rechnet erst im Herbst mit der Festlegung eines Zeitplans für das Zurückfahren der Anleihekäufe.

US-Häuserpreise explodieren

Die neuesten Konjunkturdaten ignorierte die Wall Street. Zwar hellte sich die Stimmung der US-Verbraucher im Juli leicht auf, das Verbrauchervertrauen legte zum Vormonat um 0,2 Punkte zu. Analysten hatten mit einem Rückgang gerechnet. Dagegen stiegen die Aufträge für langlebige Güter im Juni weniger als erwartet. Zudem beschleunigte sich der Immobilenboom. Die US-Hauspreise erhöhten sich im Mai um 17 Prozent. Dies ist der stärkste Zuwachs seit Sommer 2004.

DAX hält sich knapp über 15.500 Punkten

Mangels Unterstützung vom "großen Bruder" Dow schloss der DAX 0,6 Prozent tiefer bei knapp über 15.500 Punkten. Es war der zweite Minustag in Folge. Zeitweise waren die Kursverluste noch größer.

Euro hält sich über 1,18 Dollar

Der Euro schwankte im Vorfeld der Fed-Sitzung um die Marke von 1,18 US-Dollar. Am Abend notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,1819 US-Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Montag auf 1,1787 Dollar festgesetzt.

Amazon dementiert Bitcoin-Gerücht

Die Rally beim Bitcoin ist vorerst gestoppt: Die Cyber-Devise rutschte zeitweise unter die Marke von 37.000 US-Dollar. Amazon hat einen Medienbericht dementiert, wonach das Unternehmen den Bitcoin bis Ende des Jahres als Zahlungsmittel akzeptieren wolle. Spekulationen auf einen Einstieg Amazons in die Branche hatten die Cyber-Devise zu Wochenbeginn auf mehr als 40.000 Dollar steigen lassen.

"Die jüngste Euphorie um den möglichen Einstieg Amazons in die Branche ist nun wieder einer nüchternen Betrachtungsweise gewichen", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. "Die Erholungsbewegung steht damit auf tönernen Füßen."

Allianz beziffert Hochwasserschäden

Der Versicherer Allianz rechnet wegen der Hochwasserkatastrophe in Deutschland bei seinen Kunden mit Schäden von mehr als einer halben Milliarde Euro. Bisher seien zu dem Unwetter "Bernd" rund 13.000 Schadenmeldungen eingegangen, teilte die Allianz Deutschland mit. "Wir rechnen aber damit, dass sich diese Zahlen in den nächsten Tagen noch deutlich erhöhen werden", erklärte Schadenvorstand Jochen Haug. Derzeit gehe der Versicherer von mehr als 30.000 Sachschäden und mehr als 5000 Fahrzeugschäden aus. Das erwartete Schadenvolumen von über 500 Millionen Euro umfasst nur die Schäden in Deutschland. Zudem ist noch nicht berücksichtigt, dass die Allianz einen Teil ihrer Risiken bei anderen Gesellschaften rückversichert hat.

Deutsche Börse wächst zweistellig

Die Übernahme des Stimmrechtsberater ISS und der Fondsplattform Clearstream Fund Centre haben der Deutschen Börse im abgelaufenen Quartal einen kräftigen Schub gegeben. Der Gewinn legte um ein Fünftel auf 310,9 Millionen Euro zu. Die Nettoerlöse erhöhten sich um 13 Prozent auf 881,7 Millionen Euro. Im klassischen Aktien- und Derivatehandel sowie in der Wertpapierabwicklung konnte der Börsenbetreiber jedoch nicht an das starke Vorjahresquartal anknüpfen. Gerade in einem zyklischen Marktumfeld wie im zweiten Quartal 2021 werde die Bedeutung von Wachstum durch Übernahmen deutlich und das bestätige die Strategie, sagte Finanzvorstand Gregor Pottmeyer.

Die Deutsche Börse bestätigte ihre Jahresziele. Die Erlöse sollen demnach auf 3,5 Milliarden Euro steigen. Beim Betriebsergebnis (Ebitda) wird eine Verbesserung auf zwei Milliarden Euro angestrebt. Im späten Handel bewegte sich der Aktienkurs der Deutschen Börse kaum.

VW stockt Offerte für Europcar auf

Zu den größten Verlierern im DAX zählten die Autoaktien. Die Titel von VW, Daimler und BMW büßten rund zwei Prozent ein. Am Abend bestätigte der französische Autovermieter Europcar Gespräche mit einem Konsortium um Volkswagen zu einem erhöhten Übernahmegebot. Man befinde sich in fortgeschrittenen Diskussionen mit dem Konsortium aus Volkswagen, dem Vermögensverwalter Attestor und dem niederländischen Mischkonzern Pon Holdings zur Übernahme der Europcar-Aktien für einen möglichen Preis von 50 Eurocent je Papier, teilte Europcar mit. Das wären insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro. VW war mit seinem Angebot von 44 Cent je Aktie zunächst abgeblitzt.

Kion traut sich mehr zu

Die Aktien von Kion fielen im MDAX nach anfänglichen Gewinnen um 1,6 Prozent. Der Gabelstaplerhersteller hat nach einem guten ersten Halbjahr seine Prognosen für das Gesamtjahr angehoben. Das MDAX-Mitglied erwartet nun einen Umsatz zwischen 9,7 und 10,3 Milliarden Euro. Bislang hatte Kion 9,15 bis 9,75 Milliarden in Aussicht gestellt. Das bereinigte operative Ergebnis soll zwischen 810 und 890 Millionen Euro liegen - nach bisher 720 bis 800 Millionen. Auch für den Auftragseingang ist Kion optimistischer als bisher.

Metro hebt Jahresprognose an

Beim Handelskonzern Metro laufen die Geschäfte wieder besser. Wegen der Corona-Lockerungen stieg im dritten Geschäftsquartal (bis 30. Juni) der flächenbereinigte Umsatz um 15 Prozent. Angesichts der positiven Entwicklung erhöhte Metro seine Jahresprognose für das Geschäftsjahr 2020/21. Der Konzern erwartet nun einen Rückgang des Gesamtumsatzes um 0,5 bis 3,5 Prozent. Zuvor war er von einem Minus von drei bis sechs Prozent ausgegangen. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) soll zwischen plus 50 Millionen Euro und minus 75 Millionen Euro liegen. Bislang lag die Prognose bei minus 50 Millionen bis minus 175 Millionen Euro.

Jungheinrich empfohlen

Aktien des Gabelstaplerherstellers Jungheinrich waren der größte Gewinner im SDAX mit einem Plus von 3,5 Prozent. Eine Kaufempfehlung der Privatbank Berenberg trieb den Jungheinrich-Kurs nahe an das Rekordhoch vom April. Die mittelfristigen Aussichten für die Ergebnismarge seien ansprechend, schrieb das Bankhaus in einer Studie. Die anstehenden Quartalszahlen sollten weiterhin eine starke Umsatz- und Gewinnentwicklung zeigen. Berenberg erhöhte das Kursziel von 45 auf 53 Euro.

BaFin deckt Fehler im Grenke-Abschlussbericht auf

Die Leasingfirma Grenke hat Details zur Sonderprüfung der BaFin veröffentlicht. Die Finanzaufsicht hat demnach in dem Abschlussbericht des Leasingspezialisten Grenke für das Jahr 2019 einige Fehler gefunden. Aus diesem Grund müsse der Bericht in vielen Punkten korrigiert werden, teilte das Unternehmen mit. So habe das Finanzierungsunternehmen versäumt, zwölf Tochterunternehmen sowie acht weitere Tochtergesellschaften ab dem Zeitpunkt der Beherrschung in die Bilanz mit einzubeziehen. Auf die 2020er-Bilanz, deren Veröffentlichung sich wegen einer Sonderprüfung durch KPMG verzögert hatte, habe dies nach Auffassung des Unternehmens keine Auswirkung. Die jetzt von der Bafin angeführten Aspekte für 2019 seien im Zahlenwerk des vergangenen Jahres bereits berücksichtigt.

MorphoSys erneut unter Druck

Die gestern gesenkte Umsatzprognose von MorphoSys belastete den Aktienkurs weiter schwer. Nachdem die TecDAX-Papiere am Montag um fast neun Prozent abgesackt waren, fielen sie am Vormittag um weitere zehn Prozent auf den niedrigsten Stand seit Ende 2016. Zudem belastete eine gestrichene Kaufempfehlung der Commerzbank den Kurs. Das Biotech-Unternehmen hatte sich am Vortag zurückhaltender zum erwarteten Umsatz in diesem Jahr geäußert. Zudem dürften die Kosten deutlich höher ausfallen als bislang in Aussicht gestellt - wegen der Übernahme des US-Biopharmaunternehmens von Constellation Pharmaceuticals.

Boom beim Holz treibt Dürr an

Die Aktien von Dürr schossen um gut zehn Prozent nach oben. Der Anlagenbauer und Autozulieferer hob angesichts eines Rekords beim Auftragseingang vor allem im Geschäft mit Maschinen zur Holzverarbeitung die Prognosen an. Die Möbelindustrie investiere, und Holzhäuser erlebten einen Boom, erklärte Dürr. Der Umsatz werde im laufenden Jahr auf 3,6 bis 3,8 Milliarden Euro steigen. Bisher hatte das Unternehmen mit 150 Millionen weniger gerechnet. Im Vorjahr hatte das im MDAX notierte Unternehmen noch 3,3 Milliarden Euro umgesetzt.

UPS-Margenausblick enttäuscht

Die Aktien von UPS brachen an der Wall Street um sieben Prozent ein, obwohl der Paketdienst ein starkes zweites Quartal meldete. Der Umsatz sprang um 14,5 Prozent auf 23,4 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn legte sogar um 51 Prozent auf knapp 2,7 Milliarden Dollar zu. Für das laufende Jahr peilt der Paketkonzern jetzt eine operative Marge von etwa 12,7 Prozent an. Laut Analysten war das deutlich weniger als von Experten erwartet.

3M warnt vor steigenden Materialkosten

Die Titel von 3M sanken um 0,6 Prozent. Der US-Mischkonzern, der unter anderem Atemschutz- und Gesichtsmasken sowie Klebstoffe und Haushaltsgüter herstellt, hatte zunächst über eine erfreuliche Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr berichtet und daher seine Prognosen für Umsatz und Gewinn höhergeschraubt. In der anschließenden Telefonkonferenz warnte die Konzernführung allerdings vor steigenden Materialkosten, die höher ausfallen dürften als die Preissteigerungen der eigenen Produkte.