Trader an der New York Stock Exchange
Marktbericht

Rekordjagd vorerst gestoppt Den Börsen geht die Luft aus

Stand: 15.07.2021 22:18 Uhr

An den internationalen Aktienmärkten hat sich die Stimmung etwas eingetrübt. Die Wall Street beendete den Tag diesmal ohne Rekorde. Auch dem DAX ging die Puste aus.

Mit seinen Aussagen im Repräsentantenhaus konnte US-Notenbank-Chef Jerome Powell die Finanzmärkte offenbar nur kurz beruhigen. Die Anleger sorgen sich weiter um die hohe Inflation. Sollte diese nicht sinken, müsste die Fed mit einer schärferen Geldpolitik gegensteuern. Im Juni stiegen die Verbraucherpreise um 5,4 Prozent, so stark wie seit 13 Jahren nicht. Powell bekräftigte, dass die hohe Inflationsrate vorübergehend sei und "in den kommenden Monaten" nachgeben werde

Fed sieht Inflationsanstieg nicht entspannt

Bei einer Anhörung im US-Senat räumte Fed-Chef Jerome Powell am Donnerstag aber ein, dass diese historisch betrachtet "einmalige" Teuerung höher ausgefallen sei als die Fed "oder irgendjemand" erwartet hätte. Sie gehe nicht wie in früheren Konjunkturphasen mit einem heiß laufenden Arbeitsmarkt einher. Vielmehr sei mit der Wiedereröffnung "ein Schock durch das System gegangen" und habe die Teuerung weit über die von der Fed angestrebte Zwei-Prozent-Marke getrieben: "Natürlich sehen wir das nicht entspannt." Solange sich die Inflation wider Erwarten länger hinziehen, müssten die Risiken weiter bewertet werden.

Kommt der US-Wirtschaftsaufschwung wieder ins Stottern?

Zudem mehren sich die Anzeichen für eine Abschwächung des Wirtschaftsaufschwungs in den USA. "Es gibt einige Bedenken, dass die Wirtschaft das maximale Wachstumsniveau erreicht hat", sagte Robert Pavlik, Portfolio-Manager beim Vermögensverwalter Dakota Wealth. "Dies wird eine Zeit höherer Volatilität und unruhigerer Märkte sein."

Keine neuen Rekorde an der Wall Street

Die Konjunktur- und Zinssorgen beendeten vorläufig die Rekordjagd an der Wall Street. Der breiter gefasste Index S&P 500, der in den letzten zwei Wochen fast täglich neue Bestmarken erreicht hatte, rutschte um rund 0,4 Prozent ab. Noch härter traf es die Nasdaq. Die Tech-Börse sackte um 0,7 Prozent ab. Nur der Standardwerte-Index, der Dow Jones, hielt sich knapp im Plus.

Licht und Schatten bei Morgan Stanley

Auch die Berichtssaison brachte keine frischen Impulse. Als letzte der großen US-Banken meldete Morgan Stanley einen Gewinnsprung. Dank des globalen Fusions- und Übernahmefiebers verdiente die Bank im zweiten Quartal unter dem Strich elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Allerdings enttäuschte das Geschäft mit festverzinslichen Wertpapieren. Die Aktien von Morgan Stanley fielen um ein Prozent.

DAX fällt zurück

Mangels Rückenwinds von der Wall Street ging auch dem DAX die Luft aus. Nachdem er gestern noch mit 15.811 Punkten eine neue historische Bestmarke erreicht hatte, büßte er nun rund ein Prozent ein und entfernte sich von seinem Rekordhoch. Händler sprachen von einem Sommerloch beim Blick auf die mauen Umsätze. Die Hochwasser-Katastrophe in Deutschland mit über 50 Toten spielte an der Börse keine Rolle.

Zwei Gewinnwarnungen des Windturbinenherstellers Siemens Gamesa und von dessen Mehrheitsaktionär Siemens Energy vermiesten den Anlegern den Tag. Die Titel von Siemens Energy rauschten um mehr als elf Prozent ab und waren mit Abstand das Schlusslicht im DAX. Die Aktien von Siemens verloren 2,5 Prozent.

Siemens Gamesa und Siemens Energy warnen

Wegen hoher Belastungen aus einer Neubewertung von Windkraftprojekten rechnet Siemens Gamesa im laufenden Geschäftsjahr beim operativen Ergebnis nur noch mit einer schwarzen Null. Analysten hatten laut Goldman mit einem Gewinn von gut 350 Millionen Euro gerechnet. Darunter leidet auch der Mutterkonzern Siemens Energy, der gut zwei Drittel der Aktien von Siemens Gamesa hält. Er hat das Jahresziel für die Profitabilität gestrichen. Im Sog des Kurseinbruchs von Siemens Gamesa und Siemens Energy sackten auch die Aktien des Gamesa-Rivalen Nordex um knapp fünf Prozent ab. Selbst die Papiere von RWE gerieten in Mitleidenschaft. Sie verloren über zwei Prozent. RWE expandiert im Geschäft mit erneuerbaren Energien.

Angst vor Delta

Auch die drohende Ausweitung der Delta-Variante des Coronavirus und die negativen Folgen für die Wirtschaft beunruhigten die Anleger. "Anhaltende Anstiege bei den Virusfällen, die sich scheinbar verlangsamende Erholung der Wirtschaft und der Inflationsdruck sind die Belastungsfaktoren", meinte Analyst Michael Hewson vom Handelshaus CMC Markets auf.

Senkt die Bank of England die Anleihenkäufe?

Hinzu kamen Spekulationen über ein allmähliches Ende der Geldflut der Notenbanken. Michael Saunders von der Bank of England brachte eine Reduzierung der Anleihekäufe durch die britische Notenbank ins Spiel. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern wie Andreas Lipkow von der Comdirect erhöhten die Aussagen des Währungshüters den Verkaufsdruck an den Börsen.

US-Anleiherenditen sinken

Die Aussicht auf anhaltende Anleihekäufe der US-Notenbank trieb die Kurse für US-Staatsanleihen an. Im Gegenzug fielen die Renditen der richtungweisenden zehnjährigen Bonds auf plus 1,30 Prozent. Ihre deutschen Pendants rentierten mit minus 0,34 Prozent ebenfalls niedriger. Das sollten eigentlich positive Nachrichten für den Aktienmarkt sein.

Der Euro gab leicht nach auf 1,1805 US-Dollar. Eine Reihe von US-Konjunkturdaten stärkte den Dollar. So kletterte der Empire-State-Index, der die Stimmung in den Unternehmen in der Region New York misst, im Juli überraschend stark auf ein Rekordniveau. Zudem deuteten wöchentliche Daten vom amerikanischen Arbeitsmarkt auf eine Fortsetzung der Erholung nach dem Corona-Einbruch hin.

Öl wieder etwas billiger

Spekulationen auf eine Angebotsausweitung drückten die Ölpreise. Ein Fass der Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um ein Prozent auf 74,03 Dollar je Barrel (159 Liter). Laut Insidern haben sich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf einen Kompromiss zur künftigen Förderpolitik geeinigt. Das VAE-Energieministerium hat dies allerdings dementiert.

Daimler überrascht positiv

Die Aktie von Daimler gehörte lange zu den DAX-Gewinnern, bevor sie mit dem Gesamtmarkt ins Minus driftete. Daimler hat im zweiten Quartal dem Chipmangel getrotzt und die Erwartungen der Analysten klar übertroffen. Dank der steigenden Verkäufe, höherer Preise und Einsparungen erwirtschaftete der Konzern ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 5,19 Milliarden Euro, wie der Auto- und Lkw-Hersteller in der vergangenen Nacht mitteilte. Analysten hatten den Stuttgartern im Schnitt nur 4,1 Milliarden Euro zugetraut. Im Vorjahreszeitraum hatte der Konzern wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie einen Verlust von 1,68 Milliarden Euro ausgewiesen.

E.ON hochgestuft

Zu den DAX-Gewinnern zählte E.ON. Die US-Bank JPMorgan hat E.ON nach einer beschlossenen Kürzung der zugestanden Rendite auf das eingesetzte Kapital in der Versorgerbranche durch die Bundesnetzagentur von "Neutral" auf "Overweight" hochgestuft und das Kursziel von 10,00 auf 11,50 Euro angehoben. Wie JPMorgan in einer Studie schrieb, sinken nun die damit verbundenen mittelfristigen regulatorischen Risiken. Die Bank erhöhte unter anderem deshalb ihre Schätzungen und rechnet nun mit einer besseren Stimmung auch im Hinblick auf den Kapitalmarkttag im November.

Drägerwerk verdient weniger

Die Aktien von Drägerwerk gaben um über zwei Prozent nach. Der Medizin- und Sicherheitstechnik-Konzern hat im zweiten Quartal beim operativen Ergebnis nicht so gut abgeschnitten wie erhofft. Vor Zinsen und Steuern lag das Ergebnis laut vorläufigen Zahlen bei rund 80 Millionen Euro und damit auch deutlich unter dem Vorjahreswert von 102 Millionen Euro. Allerdings hatte das Unternehmen vor einem Jahr von der Pandemie stärker profitiert. Drägerwerke stellte Atemschutzgeräte für Covid-Patienten und Schutzmasken zur Verfügung.

Pfeiffer Vacuum empfohlen

Im TecDAX fielen die Aktien von Pfeiffer Vacuum mit überdurchschnittlichen Kursgewinnen auf. Das Analysehaus Kepler Cheuvreux hat die Bewertung der Papiere mit einem Kursziel von 190 Euro wieder aufgenommen. Die lange Zeit unterdurchschnittliche Kursentwicklung sehen die Kepler-Experten enden. Sie rechnen sowohl kurz- als auch mittelfristig mit starker Nachfrage in den Märkten, die der Maschinenbauer bedient. Der Wendepunkt bei der Profitabilität dürfte bereits erreicht worden sein, so die Analysten.

Hohe Abschreibungen bei EnBW

Die zunehmend unter wirtschaftlichem Druck stehenden Kohlekraftwerke sorgen bei Energie Baden-Württemberg (EnBW) für Wertberichtigungen und höhere Rückstellungen. Insgesamt betragen die Sondereffekte rund 1,25 Milliarden Euro, wie der Versorger mitteilte. Dies habe jedoch keine Auswirkungen auf die Ergebnisprognose und die Dividende für 2021. Der Wertberichtigungsbedarf wurde mit rund 950 Millionen Euro beziffert. Davon entfallen etwa 700 Millionen Euro auf die klassischen Kraftwerke.

Suse wächst nur beim Umsatz

Die Aktien von Suse brachen um über 13 Prozent ein. Das Betriebsergebnis des erst seit wenigen Wochen börsennotierten Linux-Anbieters Suse ist im zweiten Quartal leicht gefallen. Das bereinigte Ebitda gab von April bis Juni um drei Prozent auf 48,2 Millionen Dollar nach. Der bereinigte Umsatz legte auch dank eines guten Cloud-Geschäfts um neun Prozent auf 136,8 Millionen Dollar zu.

Novem kommt für 16,50 Euro

Der Automobilzulieferer Novem bekommt bei seinem für kommenden Montag geplanten Börsengang das derzeit schwächere Umfeld zu spüren. Der Ausgabepreis für die Novem-Aktie wurde bei 16,50 Euro festgelegt, wie das Unternehmen mitteilte. Der Preis liegt damit am unteren Ende der Preisspanne, die bis 19,50 Euro gereicht hatte.

Netflix holt Spieleexperten

Der Streaminganbieter Netflix forciert offenbar den Einstieg ins Geschäft mit Videospielen. Das Unternehmen hat den als Branchenveteran geltenden Mike Verdu verpflichtet, der bisher bei Facebook für die Zusammenarbeit mit Spieleentwicklern für die VR-Brille Oculus verantwortlich war. Zuvor arbeitete er beim Branchenriesen Electronic Arts. Bei Netflix wird er Vizepräsident für Spieleentwicklung.

Über dieses Thema berichteten am 15. Juli 2021 BR24 um 07:42 Uhr, Inforadio um 09:38 Uhr und Wirtschaft am Mittag im Deutschlandfunk um 13:35 Uhr.