Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A
Marktbericht

DAX deutlich im Minus Begeisterung sieht anders aus

Stand: 29.06.2022 22:13 Uhr

Mäßige Laune allerorten. Die Aktienmärkte finden derzeit keinen Weg aus ihrer von Zins- und Konjunktursorgen geprägten Lethargie. Die Wall Street schaffte immerhin ein kleines Plus.

Mit einem leichten Plus von 0,27 Prozent verabschiedete sich der Weltleitindex Dow Jones zur Wochenmitte aus dem Handel. Überschwängliche Begeisterung sieht allerdings anders aus. Die Sorge um den weiteren geldpolitischen Kurs der US-Notenbank hat die Märkte weiter fest im Griff.

Die zinssensitiveren Technologiewerte konnten sich nur unwesentlich von ihren gestrigen Verlusten erholen. Der Nasdaq 100 ging 0,18 Prozent höher aus dem Handel.

Zuletzt haben sich einige Fed-Vertreter für weitere schnelle Zinsanhebungen stark gemacht und die Ängste vor einem Abwürgen der Konjunktur zu zerstreuen gesucht. Auch US-Notenbank-Chef Jerome Powell signalisierte bei der Zentralbank-Konferenz in Portugal erneut, die Inflation mit allen Kräften bekämpfen zu wollen.

Währenddessen ist die US-Wirtschaft nach endgültigen Berechnungen Anfang des Jahres noch stärker geschrumpft als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im ersten Quartal aufs Jahr hochgerechnet um 1,6 Prozent, wie das Handelsministerium mitteilte. Die Schätzung von Ende Mai hatte bei minus 1,5 Prozent gelegen.

DAX nur noch knapp über 13.000

Auch in Europa lässt das Thema Inflation die Anleger nicht los. Der deutsche Leitindex ging mit einem deutlichen Minus von 1,7 Prozent aus dem Handel, nur drei Punkte über der viel beachteten runden Marke von 13.000 Punkten.

Zwischenzeitlich hatten die neuesten Inflationsdaten aus Deutschland den DAX aus seiner Lethargie gerissen: Im Juni ging die Inflationsrate auf 7,6 Prozent zurück, was deutlich unter den von Analysten erwarteten 8,0 Prozent lag. Prompt grenzte der DAX seine Verluste ein, die ihn schon unter 13.000 Punkte geführt hatten.

Allerdings kann von Entwarnung keine Rede sein. "Es handelt es sich wohl eher um eine Atempause und nicht um einen Wendepunkt in der Inflation", sagte der Chefökonom des Vermögensverwalters HQ Trust, Michael Heise. Der Tankrabatt und das Neun-Euro-Ticket hätten den Preisanstieg um etwa 0,9 Prozentpunkte gedrückt, laufen aber im August wieder aus. "Der Höhepunkt der Inflation dürfte eher im September erreicht werden", sagte Heise deshalb.

Schlechtes Klima in Euro-Unternehmen

Die Stimmung in der Wirtschaft der Eurozone hat sich im Juni nicht so stark wie erwartet eingetrübt. Das Barometer für das Geschäftsklima fiel um 1,0 auf 104,0 Punkte, wie aus den heute veröffentlichten Daten der EU-Kommission hervorgeht. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Experten hatten mit einem etwas stärkeren Rückgang gerechnet. In allen fünf großen Volkswirtschaften der Währungsunion trübte sich die Stimmung ein. Hohe Inflation, Materialengpässe und Unsicherheit über den Fortgang des russischen Krieges gegen die Ukraine gelten aktuell als größte Stimmungskiller.

Euro unter 1,05 Dollar

Nach Veröffentlichung der deutschen Inflationsdaten geriet der Euro unter Druck. Die europäische Gemeinschaftswährung notierte am späten Abend bei 1,0440 Dollar. Die geringere Teuerung in Deutschland könnte möglicherweise etwas Zinserhöhungsdruck von der EZB nehmen.

Ölpreise fallen leicht zurück

Konjunktursorgen ließen die Ölpreise nach vier Handelstagen mit Gewinnen wieder leicht fallen. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete am Abend 117 Dollar. Die US-Lagerbestände an Rohöl sind in der vergangenen Woche überraschend deutlich zurückgegangen. Die Vorräte sanken im Vergleich zur Vorwoche um 2,7 Millionen auf 415,6 Millionen Barrel. Analysten hatten dagegen mit einem Rückgang um 1,0 Millionen Barrel gerechnet.

Zuletzt waren die Ölpreise vor allem durch Angebotssorgen gestützt worden. Vor allem Libyen musste immer wieder wegen Unruhen seine Förderung reduzieren. Den G7-Staaten ist es unterdessen bisher nicht gelungen, einen Preisdeckel für russisches Rohöl umzusetzen. Die Feinunze Gold wurde am Abend bei 1818 Dollar gehandelt.

Uniper kassiert Jahresprognose

Am Abend zog der Energieversorger Uniper seine Jahresprognose wegen der eingeschränkten Gaslieferungen aus Russland zurück. Das Unternehmen prüfe, wie die Liquidität der Gesellschaft weiter gesichert werden könne. Dabei spreche man auch mit der Bundesregierung über mögliche Garantie- und Sicherheitsleistungen, eine Erhöhung der Kreditlinien bei der Förderbank KfW, aber auch über Beteiligungen in Form von Eigenkapital. Die Uniper-Aktie verlor nachbörslich auf der Handelsplattform Tradegate gegenüber dem Xetra-Schlusskurs über fünf Prozent. Die bisherige Ergebnisprognose setzte das MDAX-Unternehmen aus. Seit Mitte Juni 2022 erhält Uniper nach eigenen Angaben nur noch 40 Prozent der vertraglich zugesicherten Gasmengen von Gazprom und muss teuer Ersatzmengen beschaffen.

VW will Kosten senken

Der Volkswagen-Konzern zeigt sich angesichts des hohen Auftragsbestands optimistisch für das zweite Halbjahr. Insbesondere die Nachfrage nach gut ausgestatteten Fahrzeugen sei weiter hoch, sagte Finanzchef Arno Antlitz gegenüber Reuters. Mit steigenden Zinsen und einer möglichen Konjunkturabkühlung werde der Wettbewerb allerdings deutlich zunehmen. Volkswagen müsse daher den Fokus wieder stärker auf Kostensenkungen legen, auch um Preissteigerungen unter anderem bei Rohstoffen wettmachen zu können.

BMW-Chef findet Verbrenner-Ende falsch

Nach dem Beschluss der EU, ab 2035 nur noch klimaneutrale Autos in der Gemeinschaft zuzulassen, hat sich BMW-Vorstandschef Oliver Zipse kritisch geäußert. "In der heutigen Zeit alles auf eine Karte zu setzen, ist ein industriepolitischer Fehler", sagte Zipse gestern in München. Ob die notwendige Ladeinfrastruktur für E-Autos bis 2035 geschaffen werden könne, sei offen. Wie Europa den Zugang zu den entscheidenden Rohstoffen sicherstellen wolle, sei unklar. Hier drohten neue Abhängigkeiten.

BioNTech steigt in Antibiotikaforschung ein

BioNTech will verstärkt in die Erforschung neuer Antibiotika investieren. Wie das Mainzer Biotechunternehmen mitteilte, sollen klinische Tests mit der neuen Plattform im nächsten Jahr beginnen. Im Blick hat BioNTech vor allem Endolysine, für die auch die mRNA-Technologie des Unternehmens genutzt werden soll, die als mögliche Alternative zur Bekämpfung antibiotikaresistenter Bakterien gelten. BioNTech hatte im vergangenen Oktober das österreichische Biotechunternehmen PhagoMed übernommen, das auf die Entwicklung einer neuen Klasse von Antibiotika spezialisiert ist. Resistenzen gegen Antibiotika nehmen in bedrohlichem Ausmaß zu. Herkömmliche Antibiotika stoßen immer mehr an ihre Grenzen, weil sich multiresistente Keime weltweit verbreiten.

Hornbach im Heimwerker-Trend

Die Baumarktkette Hornbach profitiert vom anhaltenden Trend zum Heimwerken. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2022/23 übertraf der Umsatz mit einem Plus von 8,1 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro den Rekordwert des Vorjahres. "Wir sind davon überzeugt, dass die Fokussierung der Verbraucher auf ihre unmittelbare Umgebung und ihr Zuhause ein längerfristiger Trend ist, der sich fortsetzen wird", sagte Konzernchef Erich Harsch. Man wisse aber nicht, wie sich die anhaltende Inflation und geopolitische Unsicherheit in den kommenden Monaten auf das Konsumentenverhalten auswirken würden.

H&M überrascht mit hohem Gewinn

Aktien des Modekonzerns Hennes & Mauritz (H&M) legten zeitweise über fünf Prozent zu. H&M hat im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2021/22 mehr verdient als erwartet. In den drei Monaten bis Ende Mai zog der Vorsteuergewinn um ein Drittel auf 4,8 Milliarden schwedische Kronen (rund 450 Millionen Euro) an. Der Umsatz legte - wie bereits bekannt - um 17 Prozent auf 54,5 Milliarden Kronen zu. Es gebe zudem erste Anzeichen, dass sich die zuletzt angespannte Situation in der Lieferkette schrittweise bessere, teilte der Konzern mit. Sorgen bereitet allerdings die hohe Inflation, die dazu führen könnte, dass die Verbraucher weniger für Kleidung ausgeben.

Durchsuchungen in Deutschland bei Hyundai

Durchsuchungen wegen Diesel-Ermittlungen bei Hyundai und der Tochter Kia belasteten heute die Aktien der beiden Autobauer. Am Markt geht die Furcht vor einer Ausweitung der Ermittlungen und möglichen Schadenersatzzahlungen um. Gestern hatten Ermittler nach Angaben der Frankfurter Staatsanwaltschaft Gebäude in Deutschland und Luxemburg durchsucht, weil die beiden südkoreanischen Autohersteller mehr als 210.000 Dieselfahrzeuge mit mutmaßlich illegalen Abschalteinrichtungen auf die Straße gebracht haben sollen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. Juni 2022 um 09:00 Uhr.