Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A
Marktbericht

Börsen deutlich erholt Endlich Klarheit

Stand: 15.06.2022 22:10 Uhr

Die Börse schätzt Klarheit. Nach dem historischen Zinsentscheid der US-Notenbank konnten sich die Kurse stabilisieren. Die Diskussion über die Folgen der Zinserhöhung steht aber erst am Anfang.

Auch wenn das, was die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) heute Abend zu verkünden hatte, der Börse an sich keineswegs willkommen war, konnten sich die Märkte nach dem historischen Zinsentscheid stabilisieren.

Erstmals seit 1994 erhöhten die Währungshüter den Leitzins um 0,75 Prozentpunkte auf eine Spanne von nun 1,5 bis 1,75 Prozent. Die meisten Marktteilnehmer hatten zuletzt einen Zinsschritt in dieser drastischen Höhe erwartet. Entsprechend wurde die nun erhaltende Klarheit begrüßt. Der Dow Jones ging nach einem kurzen Ausflug ins Minus um 1,0 Prozent höher aus dem Handel.

Die Technologietitel, die wegen ihrer hohen Fremdkapitalquote besonders stark von Zinserhöhungen betroffen sind, konnten sich sogar noch stärker erholen. Der Nasdaq 100 gewann 2,5 Prozent.

Rezessionsdiskussion wird zunehmen

Auch beim DAX stand heute ein dickes Plus von 1,4 Prozent auf der Anzeigetafel. Günstige Konjunkturdaten aus China stützten die Kurse. In der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hatte die Industrie im Mai überraschend wieder mehr produziert. Allerdings war nach sechs Verlusttagen in Folge eine technische Reaktion nach oben überfällig.

In den kommenden Tagen und Wochen dürften sich die Märkte aber intensiv mit der Frage beschäftigen, ob den USA durch den steilen Zinsanstieg eine Rezession droht. Mit diesem aggressiven Vorgehen der Fed hat die Wahrscheinlichkeit dafür auf jeden Fall zugenommen, wie etwa die Analysten der Postbank meinen.

Dringlichkeitssitzung bei der EZB

Auch in der Eurozone stand die Geldpolitik im Fokus. Die Europäische Zentralbank (EZB) nimmt die jüngsten Verwerfungen bei europäischen Staatsanleihen offenbar sehr ernst. Sie hielt heute eine außerordentliche Ratssitzung ab, um die Folgen der jüngsten Verkaufswelle am Anleihenmarkt zu erörtern. Dabei beschlossen die Währungshüter, bei der Wiederanlage der Gelder aus auslaufenden Anleihen künftig höher verschuldeten Euro-Ländern besonders unter die Arme zu greifen. Das bedeutet offenbar, dass die Anleihen der betroffenen Länder bevorzugt gekauft werden sollen. Die Renditen für Schuldenpapiere der südlichen Länder waren zuletzt besonders stark gestiegen. Am vergangenen Donnerstag hatte die EZB eine Reihe von Zinserhöhungen angekündigt.

Euro auf Berg- und Talfahrt

Die Zinserhöhung der Fed macht den Dollar als Anlagewährung gegenüber dem Euro attraktiver. Daher gab die Gemeinschaftswährung im Vorfeld des Fed-Entscheids nach, konnte sich danach aber wieder etwas über der Marke von 1,04 Dollar stabilisieren.

Weniger Wachstum und höhere Inflation in Deutschland

Das Münchener ifo-Institut hat seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 2,5 Prozent gesenkt. Bisher waren die Experten von 3,1 Prozent Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) ausgegangen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum von 2,1 Prozent. Die Ökonomen erwarten eine anhaltend höheren Inflation: Im laufenden Jahr werde die Teuerungsrate 7,4 Prozent betragen, auch 2023 werde die Rate noch bei durchschnittlich 4,2 Prozent liegen.

Ölnachfrage gebremst?

Die Ölpreise gaben nach einem Ausblick der Internationalen Energieagentur (IEA) nach. Ein Barrel der Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich auf 120,30 Dollar. Der jüngste Anstieg der Rohstoffpreise und düstere Wirtschaftsprognosen dürften das Nachfragewachstum am Ölmarkt bremsen, erklärte die IEA in ihrem Monatsbericht. Auch die Straffung der amerikanischen Geldpolitik lastete auf den Notierungen. Höhere Zinsen bremsen die Wirtschaft und damit den Ölverbrauch. Zudem sind in den USA die Lagerbestände an Rohöl in der vergangenen Woche gestiegen.

Metro verkauft Geschäft in Belgien

Metro treibt seinen Umbau voran und trennt sich von seinem Verluste schreibenden Geschäft in Belgien. Der Verkauf an den Investor Bronze Properties sei vollzogen worden, teilte der Großhandelskonzern am frühen Nachmittag mit. Über die finanziellen Details sei Stillschweigen vereinbart worden. Der Verkauf führe zu einmaligen Kosten von etwa 150 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (Ebitda) soll wiederkehrend um durchschnittlich 20 Millionen Euro steigen, hieß es. Das Immobilienportfolio von elf Standorten bleibe bei Metro. Das belgische Geschäft, das sich auch verstärkt an den Endverbraucher wendet, steht seit mehreren Jahren unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Der Verkauf habe keine Auswirkungen auf die Prognose im laufenden Geschäftsjahr, erklärte Metro.

MTU stark im DAX

Im DAX gehörte die Aktie des Triebwerkherstellers MTU zu den stärksten Werten. Die Berenberg Bank hat das Papier mit einem Kursziel von 230 Euro zum Kauf empfohlen. Nach Einschätzung des Analysten Ross Law stützt die derzeitige Erholung des globalen Luftverkehrs die ambitionierten Produktionspläne der Flugzeugindustrie.

MorphoSys-Aktie gefragt

Im TecDAX gewann die Aktie des Biotech-Konzerns MorphoSys 4,8 Prozent. Die Anleger begrüßten eine Vereinbarung mit der US-Firma Human Immunology Biosciences (HIBio) für das Nierenmedikament Felzartamab und die Krebstherapie MOR210. Neben einer Vorauszahlung von 15 Millionen US-Dollar für MOR210 bei Vertragsabschluss haben die Bayern für beide Programme künftig Anspruch auf mögliche Meilenstein-Zahlungen in Höhe von bis zu einer Milliarde Dollar.

Neue Fantasie bei Gerresheimer

Im MDAX sprang die Aktie des Verpackungsspezialisten Gerresheimer um mehr als 15 Prozent nach oben. Ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg über eine abgelehnte Offerte des Finanzinvestors Bain für das Unternehmen sorgt für Kaufinteresse. Bereits gestern Abend nach Börsenschluss hatte die Aktie um mehr als zehn Prozent zugelegt. Bislang hatten die Papiere in diesem Jahr rund ein Viertel an Wert verloren.

Südzucker und Cropenergies setzen sich höhere Ziele

Die im SDAX notierte Südzucker-Aktie gewann 7,4 Prozent. Der Zucker- und Lebensmittelkonzern strebt jetzt im Geschäftsjahr 2022/23 (bis Ende Februar) ein operatives Konzernergebnis von 400 bis 500 Millionen Euro an. Bisher waren 300 bis 400 Millionen Euro geplant. Im ersten Geschäftsquartal bis Ende Mai lag das operative Ergebnis nach vorläufigen Zahlen mit 160 Millionen Euro gut dreimal so hoch wie ein Jahr zuvor. Maßgeblich getragen wurde die Entwicklung von den Ergebnissen der Biosprit-Tochter Cropenergies, die am Vormittag ebenfalls ihren Jahresausblick angehoben hatte. Bei Cropenergies soll das operative Ergebnis im laufenden Geschäftsjahr bei 165 bis 215 Millionen Euro liegen statt der bisher angepeilten 105 bis 155 Millionen Euro.

Hennes & Mauritz mit mehr Umsatz

Der schwedische Modekonzern Hennes & Mauritz erholt sich weiter von der Corona-Pandemie. Zwischenzeitlich hatte sich das Wachstum des Inditex-Konkurrenten wegen der Auswirkungen des Ukraine-Kriegs und der Lockdowns in China verlangsamt. Im zweiten Geschäftsquartal (bis Ende Mai) kletterte der Umsatz im Jahresvergleich um 17 Prozent auf 54,5 Milliarden Schwedische Kronen (5,1 Milliarden Euro). Damit übertraf das Unternehmen die Erwartungen von Analysten. Das Unternehmen will am 29. Juni seinen Halbjahresbericht vorlegen.

BP setzt auf Erneuerbare Energien

Der britische Ölkonzern BP steigt bei einem der weltweit größten Projekte für Erneuerbare Energie in Australien ein. Das Unternehmen erklärte, einen Anteil von 40,5 Prozent am 36 Milliarden Dollar teuren "Asian Renewable Energy Hub" sowie den Betrieb der Solar- und Windkraftanlagen zu übernehmen, die sich über eine Fläche von 6500 Quadratkilometern erstrecken sollen. Das Gesamtprojekt soll eine Kapazität von 26 Gigawatt haben. Außerdem sollen dort jährlich 1,6 Millionen Tonnen grüner Wasserstoff produziert werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Juni 2022 um 09:00 Uhr.