Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Nasdaq unter Druck Zinsängste drücken Tech-Aktien

Stand: 23.11.2021 22:17 Uhr

So schnell kann es gehen an der Börse. Gestern noch auf Rekordniveau, zeigen die Anleger wegen Zinsängsten den Tech-Aktien nun die kalte Schulter. Der Leitindex Dow stabilisierte sich derweil.

Die Aussicht auf eine raschere Straffung der US-Geldpolitik hat heute das Handelsgeschehen an der Wall Street bestimmt und vor allem bei Anlegern im Technologiesegment für Zurückhaltung gesorgt.

Während sich der US-Standardwerteindex Dow Jones im Plus hielt und bei 35.813 Punkten um 0,55 Prozent höher aus dem Handel ging, gab die Technologiebörse Nasdaq nach, wobei im späten Geschäft die Verluste eingegrenzt wurden. Der marktbreite S&P-500-Index, in dem sowohl Technologie- als auch Standardwerte enthalten sind, bewegte sich nur leicht und schloss bei 4690 Punkten um 0,17 Prozent höher.

Am Ende des Tages verlor der Nasdaq-Composite-Index ein halbes Prozent Prozent auf 15.775 Zähler. Der Auswahlindex Nasdaq 100, der wie der marktbreite S&P-500-Index am Vortrag noch Rekorde feierte, sank um 0,45 Prozent auf 16.306 Punkte.

Powells Nominierung schürt Zinsängste

Die aktuelle Zinsdiskussion schadete heute besonders den Technologieaktien. Gestern schon hatten sich die Anleger vor allem im späten Geschäft in größerem Stil aus dem Markt verabschiedet, nachdem die Nominierung Jerome Powells für eine weitere Amtszeit als Chef der Notenbank Federal Reserve (Fed) durch Präsident Joe Biden bekannt wurde. Die Tech-Aktien knüpfen heute an diese Entwicklung an, nachdem sie zuvor sehr gut gelaufen waren.

Powell hat gestern Abend nach seiner Nominierung auf den rasanten Preisanstieg hingewiesen. Zwar hätten Anleger wegen der unsicheren Inflationsdynamik bereits mit einer Anhebung der Leitzinsen gerechnet, sagte Jochen Stanzl, Marktanalyst beim Handelshaus CMC Markets. "Die Bestätigung Powells im Amt führt aber nun dazu, dass der Markt gleich drei Leitzinsanhebungen im kommenden Jahr einpreist."

US-Ölreseven werden freigegeben

Positiv sei jedoch, dass Präsident Joe Biden wegen der rasant gestiegenen Energiepreise die Freigabe von 50 Millionen Barrel Rohöl aus der strategischen Reserve angeordnet habe, hieß es. Der Schritt erfolgt nach Angaben des Präsidialamtes in Absprache mit ähnlichen Maßnahmen in China, Indien, Japan, Südkorea und Großbritannien.

Auch dieser Schritt war erwartet worden, die Ölpreise zogen trotzdem an. "Der Markt ist von der Ankündigung der US-Regierung nicht beeindruckt", sagte Andrew Lipow, Chef der Beratungsfirma Lipow Oil Associates. So sei die freigegebene Menge lediglich eine Leihgabe an den Markt. Außerdem wäre sie im Rahmen der jüngst beschlossenen Gesetze zum Schuldenabbau ohnehin verkauft worden.

Entscheidend für die weitere Preisentwicklung dürfte die Reaktion des Ölverbunds Opec+ sein. Seit Sommer weiten die 23 Förderländer, angeführt durch Saudi-Arabien und Russland, ihre Produktion schrittweise aus. Dem zugleich deutlichen Preisanstieg sind sie jedoch nicht mit einer stärkeren Ausweitung begegnet, was Kritik aus den Verbrauchsländern auf sich gezogen hat.

DAX fällt unter 16.000 Punkte

Mit dem zweiten Verlusttag in Folge scheint die Aktienrally am deutschen Aktienmarkt erst einmal vorbei zu sein - zumal heute das Minus mit 1,11 Prozent auf 15.937 Punkte deutlicher ausfiel als gestern. Zudem wurde die Marke von 16.000 Punkten auch auf Basis der Schlusskurse wieder aufgegeben. Das Tagestief lag bei 15.866 Zählern, das Hoch bei 16.054 Punkten.

Desaströse Corona-Zahlen

Die dramatische Corona-Entwicklung, inklusive der aktuellen politischen Diskussion über neue Lockdowns und Impfpflichten, lastete heute auf dem Markt. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag am Dienstag bei 399,8. Es gab binnen eines Tages 45.326 Neuinfektionen und 309 Covid-19-Todesfälle. Das Infektionsgeschehen steigt weiter exponentiell und ungebremst, wie der Verband Akkreditierter Labore in der Medizin mitteilte.

Mit der Entwicklung, besonders mit der Aussicht auf neue Lockdowns so wie aktuell in Österreich, gerät das konjunkturelle Erholungsszenario der Börse ins Wanken. Entsprechend ziehen sich die Anleger zurück. Sollte Deutschland dem Beispiel Österreich folgen und ebenfalls einen Lockdown beschließen, dürfte die Anlegerstimmung noch einmal erheblich sinken, glaubt auch Analyst Craig Erlam vom Broker Oanda.

Bange Blicke in Richtung Federal Reserve

Hinzu kommt die Aussicht auf möglicherweise schneller als gedachte Zinserhöhungen in den USA. Zwar will die EZB trotz vieler Zweifel bis auf weiteres locker bleiben, die Anleger blicken dafür aber nach Washington. US-Präsident Joe Biden hat mit seiner Nominierung des bisherigen Fed-Chef Jerome Powell für eine zweite Amtszeit der Federal Reserve für jedenfalls viel Bewegung an den Kapitalmärkten weltweit gesorgt.

Der Euro bleibt unter Druck

Dem Analysten Edison Pun vom Brokerhaus Saxo Markets zufolge rechnen einige Investoren inzwischen sogar mit bis zu vier US-Zinserhöhungen im kommenden Jahr. Da ähnliche Schritte in der Eurozone noch in weiter Ferne liegen, geriet der Euro erneut unter Verkaufsdruck.

Er handelt im US-Handel etwas über seinem Eineinhalb-Jahres-Tief von 1,2240 Dollar. Etwas gestützt wurde der Euro im Verlauf durch robuste Konjunkturdaten aus der Eurozone. Der Einkaufsmanagerindex des Instituts IHS Markit stieg im November an, obwohl Ökonomen einen Rückgang erwartet hatten. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1259 (Montag: 1,1278) US-Dollar fest.

Prinzipiell kommt ein niedrigerer Euro der heimischen Exportwirtschaft zwar zugute, gleichzeitig verteuern sich aber auch die Importe, insbesondere Öl- und Gasprodukte, die auf dem Weltmarkt in Dollar gehandelt werden. Auswirkungen hat Powells Nominierung auch auf den US-Rentenmarkt. Dort steigt die Rendite auf 1,66 Prozent, traditionell ein vielbeachteter Indikator für Zinserwartungen. Auch der deutsche Rentenmarkt tendierte heute leichter.

Zinssensitive Aktien profitieren

Unter den Einzelwerten im DAX herrschte größtenteils Tristesse. Unter der Führung von e.on, deren Aussagen zu den Mittelfristzielen des Unternehmens nicht gut aufgenommen wurden, fielen die meisten Einzelaktien zurück. Aber es gab auch Gewinner. Mit der Deutschen Bank sowie den beiden Versicherungsaktien Allianz und Münchener Rück waren zinssensitive Werte gesucht.

Höhere Zinsen erhöhen die Zinsmarge dieser Branche. Deutsche Bank waren Tagessieger im DAX. Im Gegenzug sind Technologieaktien in einem Umfeld steigender Zinsen nicht gefragt, Delivery Hero standen am Ende.

T-Aktie gegen den Markt etwas besser

Besser als der Markt hielt sich im DAX die T-Aktie, die sogar leicht zulegte. In einem schwächeren Gesamtmarktumfeld ist das zwar nicht ungewöhnlich, heute aber kamen weitere Nachrichten um den Bonner Konzern hinzu. Denn im jahrelangen Rechtsstreit um den dritten Börsengang der Deutschen Telekom ist den Klägern nun ein Vergleich angeboten worden. Bereits an den Vortagen waren entsprechende Gerüchte am Markt, die nun bestätigt wurden.

Türkische Lira auf Rekordtief

Neben dem leicht erholten Euro steht am Devisenmarkt mal wieder die türkische Lira im Fokus. Diese ist nach Aussagen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan weiter eingebrochen und sinkt zum Dollar und zum Euro auf Rekordtiefstände. Gegenüber dem Dollar betrugen die Tagesverluste zeitweise zehn Prozent. Der Dollar stieg im Gegenzug erstmals über zwölf Lira.

Erdogan forderte am Morgen eine "wettbewerbsfähige" Lira. Ein noch schwächerer Wechselkurs solle Investitionen und Arbeitsplätze fördern. Schon in den vergangenen Wochen war die Währung unter Druck geraten. Durch die Schwäche der Landeswährung verteuern sich auch in der Türkei besonders importierte Produkte, was die ohnehin hohe Inflation von rund 20 Prozent weiter anheizt.

Aareal-Bank-Übernahme könnte schwierig werden

Die Finanzinvestoren Centerbridge und Advent wollen 29 Euro je Aareal-Aktie zahlen, wie am Morgen bekannt wurde. Das Institut würde damit an der Börse mit rund 1,74 Milliarden Euro bewertet. Eine Investorenvereinbarung zur Vorbereitung der Offerte sei bereits geschlossen worden.

Das angekündigte Angebot sei im besten Interesse des Unternehmens, hieß es von der Bank. Dass die Mindestannahmeschwelle von 70 Prozent schnell erreicht wird, hält Warburg-Analyst Andreas Pläsier aber für unwahrscheinlich, denn ein aktivistischer Investor ist beim Konzern engagiert. Erst am Freitag war bekannt geworden, dass dieser seinen Anteil von 3,08 auf 7,80 Prozent aufgestockt hat.

Im Zusammenhang mit dem Angebot legte am Abend die Aufsichtsratsvorsitzende Marija Korsch ihr Amt nieder. Zum Nachfolger im Aufsichtsratsvorsitz habe der Aufsichtsrat Hermann Wagner gewählt, der dem Gremium seit 2015 angehört und den Prüfungsausschuss leitet.

Delivery Hero gibt Aktien aus

Anteilsscheine des Essenslieferanten verloren deutlich 4,8 Prozent. Delivery Hero hatte am Abend bekanntgegeben, dass im Rahmen eines Optionsprogramms neue Aktien ausgegeben werden. Der Vorstand habe mit Zustimmung des Aufsichtsrats beschlossen, 591.854 neue Stammaktien oder 0,24 Prozent des Grundkapitals an Bezugsberechtigte eines Aktienoptionsprogramms auszugeben. Der Platzierungspreis für diese neuen Aktien wurde auf 122,50 Euro festgesetzt.

Thyssenkrupp-Aktie ertholt sich

Ein Anteilsverkauf durch den schwedischen Finanzinvestor Cevian setzte zunächst die Aktie des Industriekonzerns im MDAX unter Druck, sie hat sich aber im Verlauf wieder erholt. Cevian hat ein Paket von 6,9 Prozent der Anteile an Thyssenkrupp verkauft. Die Preisspanne für die rund 43 Millionen Aktien hatte bei 10,20 bis 11,29 Euro je Anteilsschein gelegen.

Smartphone-Markt leidet unter Lieferengpässen

Die Smartphone-Verkäufe werden laut der Analyse-Firma Gartner weiter von der Bauteile-Knappheit gebremst. Im vergangenen Quartal seien durch die Engpässe vier bis fünf Prozent weniger der Handys verkauft worden. Vor allem betroffen seien einfache und ältere Modelle, die nicht für den superschnellen 5G-Datenfunk gerüstet sind. Die Knappheit werde noch mindestens zwei Quartale lang spürbar sein, so Gartner. Dies könne die Auslese in der Branche beschleunigen. Insgesamt schrumpften die Smartphone-Verkäufe nach am Dienstag veröffentlichten Berechnungen von Gartner im dritten Quartal im Jahresvergleich um 6,8 Prozent auf rund 342,3 Millionen Geräte.

Zoom-Aktie bricht ein

Der Videokonferenzdienst Zoom floriert nach dem anfänglichen Boom in der Corona-Pandemie nicht mehr so stark. In den drei Monaten bis Ende Oktober stiegen die Erlöse gegenüber dem Vorjahreswert um 35 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar, wie die Firma gestern nach US-Börsenschluss mitteilte. Im vorherigen Vierteljahr hatte das Plus noch bei 54 Prozent gelegen, in dem davor bei 191 Prozent. Zoom war in der Corona-Krise zunächst einer der großen Gewinner gewesen und hatte stark vom Trend zum Homeoffice profitiert. Die Anleger reagieren heute heftig, die Aktie verlor an der Nasdaq über 17 Prozent.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. November 2021 um 18:00 Uhr.