Fed-Chef Jerome Powell spricht bei einer Anhörung im US-Kongress | REUTERS
Marktbericht

Zinswende kommt früher Fed bewegt kaum die Märkte

Stand: 22.09.2021 22:00 Uhr

Die Fed hat einen baldigen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik und eine erste Zinserhöhung für 2022 angekündigt. Eigentlich war die Zinswende erst ein Jahr später geplant. Die Märkte reagieren trotzdem gelassen.

Der große Paukenschlag war es nicht, den Fed-Präsident Jerome Powell am Abend verkündete. Zwar signalisierte er erneut wie schon vor drei Wochen bei der virtuellen Notenbank-Konferenz von Jackson Hole, dass die US-Notenbank die Anleihenkäufe voraussichtlich noch in diesem Jahr drosseln werde. Einen genauen Zeitplan nannte er jedoch erneut nicht und vertröstete auf die nächste Fed-Sitzung in einem Monat. Der geldpolitische Ausschuss FOMC habe über das Tempo des beabsichtigen Ausstiegs diskutiert, sagte Powell nach der Zinssitzung. Wahrscheinlich sei es angemessen, den Prozess Mitte 2022 zu beenden. Das heißt: Bis Mitte des nächsten Jahres sollen die Anleihenkäufe eingestellt werden.

Erste Zinserhöhung in den USA 2022

Wie erwartet beließen die Währungshüter den Leitzins am Mittwoch zwar noch in der Spanne von null bis 0,25 Prozent. Allerdings signalisierte die Fed, dass es bereits nächstes Jahr eine Erhöhung geben könnte. Bislang war eine Zinswende erst ein Jahr später angepeilt.

Wachstumsprognose reduziert

Zudem reduzierte die Fed die Wachstumsprognose für dieses Jahr - von sieben auf 5,9 Prozent. Gleichzeitig rechnet die Zentralbank mit einer höheren Inflation. Sie dürfte in diesem Jahr bei 4,2 Prozent liegen. Im Juni war die Fed noch von einer Inflationsrate von 3,4 Prozent ausgegangen.

"Tapering"-Besxhluss erst bei November-Sitzung

"Noch ist die Fed im Kommunikationsmodus, signalisiert aber, dass es mit dem Tapering in diesem Jahr losgehen kann", kommentierte Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe. Falls Konjunktur und Finanzmärkte ihr keinen Strich durch die Rechnung machen sollten, dürfte der Beschluss dazu nach Ansicht des Volkswirts auf der November-Sitzung kommen. Unter dem Strich habe die Fed geliefert, was von ihr erwartet worden sei, sagte Anlagestratege Tom Garretson von der Vermögensverwaltung der Investmentbank RBC.

Die Wall Street reagierte relativ gelassen auf die Aussagen von Powell. Der Dow Jones gab einen kleinen Teil seiner Gewinne ab, schloss aber immer noch gut ein Prozent fester bei 34.258 Punkte. Der breit gefasste S&P 500 und der technologielastige Nasdaq legten ähnlich stark zu.

Im Sog der freundlichen Wall Street schloss auch der DAX um fast ein Prozent höher bei knapp 15.500 Punkten. Damit machte er die herben Kursverluste seit Wochenanfang wieder wett.

Evergrande besänftigt die Anleger

Für Erleichterung sorgte die Nachricht, dass sich der hochverschuldete chinesische Immobilienriese Evergrande etwas Luft verschafft habe. Er gab bekannt, mit Hilfe "privater Verhandlungen" eine Lösung für die am Donnerstag fällige Zinszahlung eines bis 2025 laufenden Yuan-Bonds gefunden zu haben. Es bleibe aber unklar, was dies genau bedeute, monierten die Experten der Rabobank. Das Unternehmen könnte sich mit den Anleihegläubigern auch auf einen Zahlungsaufschub, einen Nachlass oder Ratenzahlungen geeinigt haben. Die in Frankfurt notierten Evergrande-Aktien schossen um fast 50 Prozent in die Höhe auf 0,39 Euro.

"Nur ein Tropfen auf den heißen Stein"

Da bald schon die nächste Zahlungsfrist für einen Dollar-Bond ende, sei der angekündigte Deal nur ein Tropfen auf den heißen Stein, meinte Christian Henke, Marktbeobachter vom Brokerhaus IG. "Die Ansteckungsgefahr für das chinesische und weltweite Finanzsystem ist noch nicht gebannt." Nach Einschätzung des unabhängigen Analysten Robin Bhar wird die Regierung in Peking aber Evergrande keinesfalls fallen lassen. "Sie wird eine Störung der Wirtschaft nicht zulassen."

ifo-Institut senkt Wachstumsprognose

Neben dem Drama um Evergrande und der drohenden geldpolitischen Wende beschäftigt die Investoren weiterhin der Zustand der Konjunktur. Aus Deutschland kamen negative Signale. Die Erholung nach der Corona-Pandemie verzögert sich weiter: Das Münchner ifo-Institut senkte seine Konjunkturprognose für das laufende Jahr deutlich auf ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent ab - im Sommer waren die Forscher noch von einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,3 Prozent ausgegangen.

Der Euro hat am Mittwoch mit Kursverlusten auf die Zinsentscheidungen der US-Notenbank (Fed) reagiert. Die Gemeinschaftswährung war zunächst auf ein Tageshoch von 1,1755 US-Dollar geklettert, geriet dann aber unter Druck und fiel auf das Tagestief von 1,1685 Dollar.

Die Ölpreise kletterten nach oben: Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostete gut 1,5 Prozent mehr. Auf der Angebotsseite bestehen Bedenken wegen der niedrigen Förderung im Golf von Mexiko. Grund sind Nachwirkungen des Hurrikans "Ida". Kryptowährungen erholten sich heute ebenfalls vom Rückschlag der vergangenen Tage. Ein Bitcoin kostet derzeit wieder rund 42.000 Dollar, nachdem der Kurs gestern kurzzeitig unter 40.000 Dollar gefallen war.

Der Mangel an Mikrochips und Elektronik-Bauteilen hat im Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg auch in der kommenden Woche eine deutlich gebremste Produktion und Kurzarbeit zur Folge. Wie ein Sprecher des Unternehmens mitteilte, wird in der kommenden Woche bis Donnerstag nur an der Montagelinie 3 in der Frühschicht gearbeitet. Die anderen Bänder stünden dann still. Das Unternehmen begründete den Schritt erneut mit der anhaltend eingeschränkten Liefersituation bei Halbleitern. Momentan fahre man auf Sicht, sagte der Sprecher.

Auch der Lkw-Hersteller Traton bekommt den Chipmangel zu spüren. Der Absatz dürfte im dritten Quartal deutlich niedriger ausfallen als geplant, so die Volkswagen-Tochter. Auch für das vierte Quartal werde mit einer ähnlichen Entwicklung gerechnet. Eine Prognose für die Zeit danach könne nicht gegeben werden, hieß es weiter. Vor allem der Anstieg der Corona-Infektionen in Malaysia und der anschließende Lockdown habe die Versorgung mit Chips deutlich erschwert, erklärte Traton. An der Börse rutschen die Traton-Aktien deutlich ab. Zu Traton gehören die Marken Scania, MAN, VWCO und Navistar.

Im DAX sorgte die Immobilienfusion zwischen Vonovia und Deutsche Wohnen erneut für Aufmerksamkeit. Vonovia hat auch den Minderheitsaktionären der Deutsche-Wohnen-Tochter GSW ein Kaufangebot gemacht. Vonovia wolle den Aktionären in einem freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebot den gesetzlichen Mindestpreis zahlen, der Vollzug der Transaktion werde für Januar 2022 erwartet. Laut GSW lagen Ende des vergangenen Jahres 94 Prozent der GSW-Anteile bei der Deutsche Wohnen, gut fünf Prozent bei der Ärzteversorgung Westfalen-Lippe und der Rest im Streubesitz.

Im MDAX wurden die Lufthansa-Aktie durch die Kapitalerhöhung des Unternehmen mit einem Bezugrechtsabschlag gehandelt. Für jede Altaktie erhielten die Anteilseigner aber je einen Anrechtsschein auf den Erwerb einer neuen Aktie ins Depot gebucht. Wer von seinem Bezugsrecht Gebrauch machen will, muss zusätzlich 3,58 Euro Bezugspreis je neuem Papier zahlen. Die Bezugsrechte starteten auf Xetra mit 2,51 Euro, die Lufthansa-Aktie bei 6,202 Euro - in Summe also 8,712 Euro. Gegenüber dem Lufthansa-Vortagesschluss von 8,377 Euro ergibt sich also sogar ein Kursplus.

Die Aktien von Verbio brachen um elf Prozent ein. Die Papiere zählen seit Monaten zu den Höhenfliegern am deutschen Aktienmarkt. Nun machten die Anleger Kasse. Der Biokraftstoff-Hersteller erwartet im laufenden Geschäftsjahr ein operatives Ergebnis unter dem Vorjahresniveau. Beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) strebt das Unternehmen 150 Millionen Euro an. Analysten hatten rund 179 Millionen Euro erwartet.

HomeToGo schafft den Börsenstart

Der Airbnb-Konkurrent HomeToGo ist positiv an der Börse empfangen worden. Die Aktien legten nach dem Handelsstart 1,7 Prozent auf 8,99 Euro zu. Die in Berlin ansässige Reiseplattform war in den leeren Börsenmantel Lakestar geschlüpft und hat so durch die Hintertür den Weg an die Börse gefunden. Lakestar war im Februar die erste leere Unternehmenshülle seit mehr als einem Jahrzehnt, die in Deutschland auf das Parkett ging. Die Aktien waren zu 10,00 Euro ausgegeben worden. HomeToGo mit Sitz in Berlin wurde 2014 gegründet. Inzwischen ist der Marktplatz für Ferienwohnungen und -häuser in 23 Ländern aktiv.

Fedex liefert schwache Zahlen

Die Aktien von Fedex fielen um gut neun Prozent. Das ist der größte Tagesverlust seit dem Börsen-Crash vom März 2020. Der Paket-Zusteller hatte enttäuschende Quartalsergebnisse vorgelegt und seine Geschäftsziele zurückgeschraubt. Gestiegene Lohnkosten drückten auf die Margen, meinte Analystin Helane Becker vom Vermögensverwalter Cowen. Die geplanten Preiserhöhungen könnten dies nur teilweise wettmachen. Die Aktien der Deutschen Post litten unter den schwachen Fedex-Zahlen.