Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Dow und DAX geben nach Minustag an den Börsen

Stand: 08.09.2021 22:10 Uhr

Die rasche Ausbreitung der Delta-Variante macht die Anleger vorsichtiger. Die Konjunkturerholung droht sich zu verlangsamen. Die Wall Street schloss im Minus. Der DAX rutschte noch stärker ab.

An den Börsen kühlt sich allmählich die Rekordstimmung ab. Kein Wunder, denn der September gilt als einer der schlechtesten Börsenmonate. Anleger rechnen mit einer baldigen Korrektur, nachdem die US-Indizes fast täglich von einem Rekordhoch zum nächsten gestürmt sind. Die Investmentbank Morgan Stanley sieht US-Aktien skeptisch. Sie hat die Titel auf "Underweight" abgestuft. Dagegen traut die Bank europäischen Aktien eine "Outperformance" zu.

Wall Street fällt zurück

Der Leitindex Dow Jones sank zur Wochenmitte zeitweise wieder unter die runde Marke von 35.000 Punkten. Er fiel um 0,2 Prozent. Der marktbreite S&P 500 verlor 0,1 Prozent auf 4514 Zähler. Für die technologielastigen Nasdaq, die tags zuvor noch auf ein Rekordhoch gestiegen war, ging es um 0,6 Prozent nach unten.

DAX auf Fünf-Wochen-Tief

Noch größer war das Minus an den europäischen Börsen. Der DAX sackte um rund 1,5 Prozent ab und fiel auf den tiefsten Stand seit fünf Wochen.

Delta bremst die Konjunkturerholung

Als Grund für den Kursrutsch nannten Händler die anhaltenden Konjunktursorgen. Die rasche Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus könne die Erholung der Weltwirtschaft verlangsamen, warnte Analystin Susannah Streeter vom Brokerhaus Hargreaves Landsdown. "Bei nachlassendem Wachstum steigt das Risiko für Gewinnwarnungen aus den Unternehmen", gab auch Marktbeobachter Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets zu bedenken. Die Firmen könnten Probleme bekommen, gestiegene Rohstoffpreise an ihre Kunden weiterzugeben. Die US-Behörden meldeten heute 259.673 neue Coronavirus-Fälle.

US-Wachstum schwächt sich ab

Laut dem am Abend veröffentlichten Konjunkturbericht (Beige Book) schwächte sich nach Einschätzung der US-Notenbank Fed das Wirtschaftswachstum zuletzt etwas ab. Die Wirtschaft sei im Zeitraum von Anfang Juli bis August mit einem moderaten Tempo gewachsen, hieß es im Beige Book. Im vorherigen Bericht hatte die Fed noch von moderatem bis robustem Wachstum gesprochen.

Macht die EZB weniger PEPP?

Zudem hielten sich die Anleger vor der morgigen Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) zurück. Die europäischen Währungshüter könnten nach der Fed ebenfalls erste vage Signale zum langsamen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik verkünden. "Es ist gut möglich dass der EZB-Rat eine Reduzierung der laufenden PEPP-Käufe ankündigt", meint Volkswirt Paul Diggle von der Aberdeen Standard Investments. Gleichzeitig dürfte das vorherige APP-Quantitative-Easing-Programm weiterlaufen. Von einem echten "Tapering", einem Herunterfahren der Wertpapierkäufe, kann also noch keine Rede sein.

Am Devisenmarkt verlor der Euro gegenüber dem US-Dollar wieder an Boden. Die Gemeinschaftswährung sank auf 1,1826 Dollar. Die Weltleitwährung Dollar legte zu den meisten wichtigen Währungen zu. Weiterhin unter Druck standen die Kryptowährungen, allen voran der Bitcoin. Nachdem die Einführung des Bitcoins als Zahlungsmittel in El Salvador gestern unter technischen Problemen gelitten hatten, nahmen einige Fans der Cyberdevise die Gewinne der vergangenen Wochen mit.

Materialmangel bremst die deutsche Wirtschaft

Negative Konjunktursignale kamen aus Deutschland: Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts hat sich der Materialmangel in der deutschen Industrie weiter verschärft. Immer mehr Unternehmen gäben ihre gestiegenen Einkaufspreise an die Kunden weiter. "Die Beschaffungskrise stellt eine reale Gefahr für den Aufschwung dar", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Bei der Umfrage berichteten im August 69 Prozent der Industriefirmen über Engpässe und Probleme bei Vorprodukten und Rohstoffen, ein Höchststand.

Im DAX gab es nur ein halbes Dutzend Gewinner: Vorne lagen gleichauf Aktien von Eon und Covestro. Letztere profitierten von einer Empfehlung von Goldman Sachs. In der Gewinnzone lagen auch die Papiere der Deutschen Telekom. Das US-Analysehaus Bernstein Research hat die T-Aktie nach einer längeren Beobachtungspause mit "Outperform" und einem Kursziel von 27,30 Euro in die Bewertung aufgenommen. Nach einer Herunterstufung durch JPMorgan notierten die Papiere von Siemens Energy dagegen am DAX-Ende mit einem Minus von acht Prozent. Auch die Auto-Aktien gaben überschnittlich nach.

Die Chefs von Deutscher Bank, Santander und ING warben am Mittwoch bei der virtuellen "Handelsblatt"-Bankentagung für Fusionen. "Wir müssen endlich die Größenvorteile Europas nutzen", sagte Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Doch er scharre "nicht mit den Hufen" und schaue sich auch nicht nach möglichen Partnern um, betonte der Manager. Die Deutsche Bank will vor möglichen Fusionen und Übernahmen zunächst ihren Konzernumbau abschließen. "Die beste Vorbereitung für einen nächsten Schritt ist, selbst fit zu sein. Das ist im Sport so, und das ist in der Wirtschaft so", sagte Sewing.

Die Aktien von RWE schlossen auch etwas höher. Der aktivistische Investor Enkraft Capital ist beim Energiekonzern eingestiegen und fordert eine Abtrennung des umstrittenen Geschäfts rund um die Braunkohle. Encraft halte mehr als 500.000 RWE-Aktien, hieß es in einem Reuters vorliegenden Brief des Investors an RWE-Chef Markus Krebber. Das strategische Festhalten an den Braunkohleaktivitäten führe zu einer signifikanten Werteerosion, erklärte darin Encraft. Dies sei für die Aktionäre nur schwer akzeptabel. Eine Fokussierung des Versorgers auf die massiv ausgebauten Erneuerbaren Energien würde ein enormes Wertsteigerungspotential bei RWE freisetzen. RWE bestätigte, ein Schreiben von Enkraft mit Fragen zur Strategie erhalten zu haben.

Der Essenslieferant aus dem DAX expandiert in die Türkei und eröffnet dort ein neues Technologiezentrum. Es werde die bestehenden Hubs in Berlin, Dubai, Singapur, Buenos Aires und Seoul ergänzen, so das Unternehmen. Geplant sei, in Istanbul 1000 Mitarbeiter zu beschäftigen. Delivery Hero ist seit 2015 in der Türkei aktiv, als die Firma für fast 530 Millionen Euro den türkischen Wettbewerber Yemeksepeti schluckte. Dort eröffneten die Berliner 2019 auch die ersten Mini-Lager, aus denen sie Kunden mit Lebensmitteln und Waren des täglichen Bedarfs beliefern und nicht mehr nur mit Restaurantessen.

Der Flugzeugbauer Airbus hat im August noch weniger Maschinen ausgeliefert als im Juli. Der Hersteller übergab 40 Verkehrsflugzeuge an Kunden, wie er am Dienstagabend in Toulouse mitteilte. Im Juli hatten Kunden noch 47 Jets im Empfang genommen, im Juni sogar 77 Stück. Für das Gesamtjahr hat sich Airbus-Chef Guillaume Faury rund 600 Auslieferungen zum Ziel gesetzt. Allerdings holte Airbus im August mit 102 Neubestellungen mehr Aufträge herein als in jedem vorangegangenen Monat des Jahres.

Der Windkraftanlagenbauer hat mehrere Aufträge in Deutschland erhalten. Insgesamt habe Nordex in den Sommermonaten zwölf neue Projekte auf dem Heimatmarkt erhalten, so das Unternehmen. Nordex werde für unterschiedliche Kunden Anlagen mit einem Volumen von insgesamt über 123 Megawatt in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen liefern. Die Turbinen sollen 2022 errichtet und in Betrieb genommen werden. Die Nordex-Aktien fielen um über fünf Prozent.

Für Aufsehen sorgte mal wieder Tesla. Der E-Auto-Pionier will in das Geschäft mit Energiehandel einsteigen. Tesla sucht derzeit nach Mitarbeitern für den Bereich Energiehandel zur Unterstützung seiner Batterie- und Erneuerbare-Energie-Projekte. Das geht aus einer Stellenanzeige des Unternehmens auf LinkedIn hervor. Tesla ist bereits im Photovoltaik-Geschäft tätig und bietet Solarziegel an. Zudem baut Tesla die größte Solaranlage der USA. Außerdem will der Autobauer Strom in Texas vermarkten.

Der US-Zahlungsabwickler baut mit der Übernahme des japanischen Bezahldienstleisters Paidy für 2,7 Milliarden Dollar in bar seine Position auf dem asiatischen Markt aus. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt. Das Geschäft mit Ratenzahlungen boomt seit Beginn der Corona-Pandemie. Die Zeitung "Financial Times" hatte vergangenen Monat berichtet, dass Paidy in Betracht ziehe, an die Börse zu gehen.

Ein Richter im US-Bundesstaat Delaware lässt eine Klage von Boeing-Aktionären gegen den Vorstand des Unternehmens wegen zweier tödlicher Abstürze der 737 Max zu. Es sei erwiesen, dass der Vorstand darüber gelogen habe, ob und wie er die Sicherheit der 737 MAX überwacht hat, hieß es in der Urteilsbegründung am Dienstag. Der erste der beiden Abstürze sei eine "Warnung" in Bezug auf einen Fehler im Sicherheitssystem MCAS gewesen, "die der Vorstand hätte beachten sollen, aber stattdessen ignoriert hat".

Über dieses Thema berichtete BR24 Börse am 08. September 2021 um 22:44 Uhr.