Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

Wall Street rutscht weiter ab Fed-Protokoll beunruhigt die Anleger

Stand: 18.08.2021 22:49 Uhr

In der US-Notenbank nehmen die Diskussionen über ein baldiges Herunterfahren der Anleihenkäufe zu. Das geht aus dem Fed-Protokoll hervor. Die anhaltende Ungewissheit zog die Wall Street nach unten.

Wann beginnt das Ende der ultralockeren Geldpolitik? Diese Frage blieb nach dem am Abend veröffentlichten Protokoll der letzten Fed-Sitzung weiter offen. Die Mitglieder der US-Notenbank zeigten sich uneinig, wann man die Anleihenkäufe reduzieren könne. Die meisten Teilnehmer seien der Ansicht, dass "substanzielle weitere Fortschritte" auf dem Weg zum Vollbeschäftigungsziel, das als Voraussetzung für eine Verringerung der Notenbank-Unterstützung gilt, noch nicht erreicht seien.

Große Uneinigkeit

Das Protokoll machte die Differenzen unter den Dollar-Wächtern deutlich. So merkten einige Notenbanker an, die Geldpolitik werde nach wie vor benötigt, um die coronabedingten Schäden auf dem US-Arbeitsmarkt zu beheben. Andere dagegen argumentierten, die Fed könne dazu nur wenig beitragen.

Wall Street gibt kräftig nach

Die Ungewissheit über den künftigen Kurs der Fed verunsicherte die Anleger an der Wall Street. Der Dow Jones fiel den zweiten Tag in Folge - um 1,1 Prozent auf unter 35.000 Punkte. Auch der breit gefasste S&P 500 gab deutlich um 1,1 Prozent nach. Der Technologie-Index Nasdaq verlor 0,9 Prozent auf 14.525 Zähler.

Keine klaren Signale

Zuletzt war an den Finanzmärkten die Erwartung gestiegen, dass die Fed klarere Signale für einen baldigen Ausstieg aus den Anleihekäufen geben könnte. Die Inflation hatte sich im Juli mit 5,4 Prozent auf einem hohen Niveau stabilisiert. Zudem hat sich die Lage am Arbeitsmarkt zuletzt weiter verbessert und der jüngste monatliche Arbeitsmarkt die Finanzmärkte positiv überrascht. Notenbankchef Jerome Powell hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass vor allem Fortschritte am Arbeitsmarkt Voraussetzung für einen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik seien. Weiteren Aufschluss erhoffen sich Experten von dem Notenbanktreffen in Jackson Hole vom 26. bis 28. August.

Corona-Sorgen in den USA nehmen zu

Zudem belasteten die Corona-Sorgen die Wall Street. "Die Fallzahlen in den USA steigen weiter an, die jetzt vollständigeren Daten für die letzten Tage zeigen noch keine Entspannung", schrieb Volkswirt Christoph Weil von der Commerzbank. Die 7-Tage-Inzidenz habe zuletzt bei über 270 gelegen und somit fast vier mal so hoch wie vor einem Monat.

DAX dreht noch spät ins Plus

Vor dem Sitzungsprotokoll zeigten sich die Börsen kaum bewegt. Der DAX kam kaum vom Fleck, schaffte aber noch dank eines Schlusspurts ein Plus von 0,2 Prozent und beendete die zweitägige Verlustserie. An den anderen europäischen Börsen setzte sich die Konsolidierung fort. Der EuroStoxx50 verlor 0,2 Prozent. Der französische Cac40 gab sogar um 0,7 Prozent nach. Wie schon in den letzten Tagen bremste die Sorge über steigende Corona-Infektionszahlen und negative Folgen für die globale Wirtschaft die Börsen.

MDAX auf Rekordhoch

Grund zum Feiern gab es nur in der zweiten deutschen Börsenliga. Der MDAX kletterte auf ein neues Rekordhoch. Er stieg erstmals auf über 36.000 Punkte. Im MDAX sind mehr Aktien von exportabhängigen Firmen versammelt. Diese profitieren vom schwächeren Euro.

Euro erholt sich nur kurz

Der Euro legte nach der Veröffentlichung des Fed-Protokolls kurzzeitig bis auf 1,1742 Dollar, musste die Gewinne aber rasch wieder abgegeben. Zuletzt kostete die Gemeinschaftswährung mit 1,1714 Dollar wieder weniger. In der vergangenen Nacht war die Gemeinschaftswährung noch zeitweise bis auf 1,1702 Dollar abgerutscht, den tiefsten Stand seit November 2020. Angesichts der anhaltenden Konjunktursorgen und der Afghanistan-Krise setzten Investoren auf die Sicherheit des Dollar. Der Dollar-Index hielt sich gegenüber einem Korb der wichtigsten Währungen nur knapp unter dem Anfang April erreichten Wert von 93,20 Punkten.

Chemieindustrie kommt in Schwung

Gute Nachrichten kamen am Vormittag gleich aus mehreren Sektoren der deutschen Wirtschaft. Die deutsche Chemie-Branche konnte nach Angaben ihres Verbandes VCI an den guten Jahresstart anknüpfen und steuert auf ein Rekordjahr zu. Nach sechs Monaten haben gestiegene Preise und eine um 5,9 Prozent gewachsene Produktion die Umsätze der drittgrößten deutschen Industriebranche um zwölf Prozent auf 111 Milliarden Euro getrieben. Die gesamte deutsche Industriebranche steht zunehmend unter Dampf. Der preisbereinigte Auftragsbestand lag im Juni dieses Jahres 2,8 Prozent höher als im Monat zuvor und erreichte damit einen Rekordwert. Grund für den Anstieg ist aber nicht nur die anhaltende Nachfrage, sondern auch die in der Corona-Krise angespannten Lieferketten-Situation für Rohstoffe und Vorprodukte.

Bei Covestro stimmt die Chemie

Im DAX gehörte das Papier des Spezialchemie-Konzerns Covestro zeitweise zu den größten Gewinnern. Laut Analysten hat der Titel Nachholbedarf gegenüber dem Index. In das positive Bild passe zudem, dass die deutsche Chemie-Industrie die Corona-Krise bereits hinter sich gelassen habe und auf ein Rekordjahr zusteuere.

Wacker Chemie im Branchensog

Im MDAX profitierte die Aktie von Wacker Chemie ebenfalls von der guten Lage der Chemie-Branche. Ein zusätzlicher Kurstreiber war ein Großauftrag aus China. Der chinesische Hersteller von Solarmodulen Jinkosolar hatte in der Nacht zum Mittwoch mitgeteilt, dass er von Wacker bis zum Jahr 2026 Polysilizium im Volumen von insgesamt mehr als 70.000 Tonnen beziehen will.

Autoaktien auf der Verlierspur

Die Aktien der deutschen Autohersteller waren neben Adidas die großen Verlierer im DAX. Der "Autogipfel" von Kanzlerin Angela Merkel brachte keinen Schub. An der Videokonferenz knapp sechs Wochen vor der Bundestagswahl nahmen Vertreter von Branche, Gewerkschaften, Ländern und der großen Koalition teil. Um mehr Elektroautos auf die Straßen zu bringen, setzt die Bundesregierung unter anderem auf einen Ausbau des Ladenetzes und Kaufanreize. Zudem steht für den Wandel der deutschen Autoindustrie hin zu klimaschonenderen Antrieben nun zusätzliche Unterstützung vom Bund bereit. Ein dafür vorgesehener "Zukunftsfonds" mit einem Volumen von einer Milliarde Euro bis 2025 sei jetzt startklar, hieß es in Berlin.

Tencent erreicht die Prognosen nicht

Der chinesische Technologiekonzern Tencent hat seinen Gewinn im zweiten Quartal zwar erneut erhöht. Das Nettoergebnis kletterte um 29 Prozent auf 42,6 Milliarden Yuan (umgerechnet 5,6 Milliarden Euro), wie der gemessen am Umsatz weltgrößte Spieleanbieter mitteilte. Allerdings fiel das Plus geringer aus als in den von der Corona-Krise dominierten Vorquartalen und lag auch unter den Erwartungen von Analysten.

DocMorris-Mutter wächst mit Verlusten

Die Schweizer DocMorris-Konzernmutter Zur Rose ist im ersten Halbjahr 2021 tiefer in die Verlustzone gerutscht als erwartet. So gab das Unternehmen viel Geld für eine Marketingkampagne im Zusammenhang mit der Einführung des E-Rezepts in Deutschland aus. Unter dem Strich stand bei der Online-Apotheke ein Nettoverlust von rund 77 Millionen Schweizer Franken. Analysten hatten zwar mit einem Verlust gerechnet, aber nicht in dieser Höhe. Inklusive der übernommenen Versand- und Diabetes-Geschäfte der deutschen Apothekenfirma Apotal und der ebenfalls zugekauften deutschen Versandapotheke Medpex kletterte der Umsatz um rund 23 Prozent auf 998 Millionen Franken.

Brennstoffzellen-Deal von SFC mit Nel

Die Aktien von SFC sprangen um zehn Prozent nach oben. Der Brennstoffzellen-Spezialist hat mit der norwegischen Nel ASA eine Entwicklungspartnerschaft für das weltweit erste integrierte Elektrolyseur- und Wasserstoff-Brennstoffzellensystem für industrielle Märkte geschlossen. Nel gilt als einer der größten Börsen-Favoriten in der Wasserstoffbranche. Das Unternehmen ist auf die Herstellung von Wasserstoff, Speichersystemen und Wasserstoff-Tankstellen spezialisiert.

Carlsberg hat Durst auf mehr

Ein gutes Quartalsgeschäft sorgt beim dänischen Brauereikonzern Carlsberg für Zuversicht. Der Umsatz kletterte im zweiten Quartal auf 18,69 Milliarden Dänische Kronen (2,51 Milliarden Euro) von 15,9 Milliarden im Corona-geprägten Vorjahr, wie Carlsberg mitteilte. Damit übertraf der drittgrößte Brauereikonzern der Welt hinter Anheuser Busch und Heineken die Schätzungen der Analysten. Carlsberg erhöhte seine Prognose für das Gesamtjahr 2021: Das Betriebsergebnis soll nun zwischen acht und elf Prozent wachsen statt der bislang in Aussicht gestellten Spanne von fünf bis zehn Prozent.

Home-Office-Boom treibt Cisco an

Der US-Netzwerkausrüster profitiert vom Trend zum Homeoffice. Der Umsatz stieg im vierten Geschäftsquartal überraschend kräftig um acht Prozent auf 13,1 Milliarden Dollar. Vor allem Produkte für Cybersicherheit und Telekonferenzen waren gefragt. Der Gewinn erhöhte sich um rund 15 Prozent auf drei Milliarden Dollar. Für das laufende Quartal stellte der Konzern ein Umsatzwachstum zwischen 7,5 und 9,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr in Aussicht. Das reichte den Anlegern nicht. Die Aktien von Cisco fielen im nachbörslichen Handel um 2,2 Prozent.

Nvidia überzeugt nicht ganz

Beim Chiphersteller Nvidia laufen die Geschäfte besser als gedacht. Der US-Konzern sagt für das laufende Quartal höhere Umsätze voraus als von Analysten erwartet. Grund sei die robuste Nachfrage nach Chips, die in Datenzentren und Spielgeräten Verwendung finden. Nvidia rechnet im dritten Quartal mit einem Umsatz von 6,8 Milliarden Dollar (plus/minus zwei Prozent) - mehr als von Analysten prognostiziert. Auch im gerade abgelaufenen Quartal lagen die Erlöse mit einem Anstieg um 68 Prozent auf 6,51 Milliarden Dollar über den Erwartungen. Dennoch gaben die Nvidia-Aktien nachbörslich nach.

Zusammenschluss der zwei Terminbörsen in Chicago?

An den Terminbörsen bahnt sich eine neue Milliarden-Fusion an. Die Chicagoer Options- und Terminbörse CME will die Lokalrivalin Cboe übernehmen. CME biete eigene Aktien im Volumen von 16 Milliarden Dollar für Cboe, berichtete die "Financial Times" unter Berufung auf Insider. Cboe-Aktien stiegen nach dem Bericht zeitweise um elf Prozent nach oben. Sie gaben die Gewinne anschließend aber komplett wieder ab und schlossen im Minus. Prozent, als CME das Kaufangebot dementierte. Beide Börsen haben ihren Sitz in Chicago. An der Cboe können Optionsscheine und andere Derivate wie Futures gehandelt werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. August 2021 um 07:35 Uhr in der Börse.