Händler an der New York Stock Exchange | picture alliance / ZUMAPRESS.com
Marktbericht

Nach schwachen Makro-Daten Ende der Wall-Street-Party

Stand: 17.08.2021 22:25 Uhr

Anders als gestern schafften die US-Märkte heute nicht den Schwenk ins Plus. Die Verluste blieben, Grund waren neue Konjunktur- und Corona-Sorgen.

Schwache Einzelhandelsdaten und Sorgen um eine weitere konjunkturelle Erholung der Vereinigten Staaten haben die US-Börsen von ihrem Rekordkurs abgebracht. Anders als gestern, als anfängliche Verluste wieder aufgeholt wurden, schlossen sie deutlich schwächer.

Der Leitindex Dow Jones, der gestern noch im Verlauf ein Rekordniveau erreichte, sackte am Ende um 0,79 Prozent auf 35.343 Punkte ab, schloss damit allerdings über seinem Tagestief, das bei 35.120 Punkten lag. Am Ende des ersten größeren Verlusttages seit längerer Zeit verlor der S&P-500-Index, gestern bei 4480 Punkten ebenfalls noch auf Rekordniveau, 0,71 Prozent auf 4448 Zähler.

Tristesse auch an der Technologiebörse Nasdaq, die 0,93 Prozent auf 14.656 Punkte verlor. Der Auswahlindex Nasdaq 100 gab 0,91 Prozent nach auf 15.002 Punkte. Tech-Schwergewichte wie etwa Apple, die Google-Mutter Alphabet oder Amazon verloren an Boden - hier spielte auch ein verstärkter Zugriff Chinas auf die Technologiebranche des Landes und mögliche Auswirkungen über die Volksrepublik hinaus eine Rolle.

Knackpunkt Einzelhandelsumsätze

Vor allem die schwächer als erwartet ausgefallenen Einzelhandelsumsätze im Juli sorgten für schlechte Stimmung. Untere anderem verfehlte die Baumarktkette Home Depot mit ihren Quartalsergebnissen erstmals seit zwei Jahren die Erwartungen und schickte damit ihre Aktien ans Dow-Ende.

Die Umsätze der Händler waren stärker gefallen als erwartet. Sie seien um 1,1 Prozent zum Vormonat gesunken, teilte das Handelsministerium mit. Analysten hatten im Mittel nur einen Rückgang um 0,3 Prozent erwartet. Im Vormonat waren die Umsätze noch um revidierte 0,7 Prozent (zunächst 0,6 Prozent) gestiegen. Die Umsätze ohne die schwankungsanfälligen Erlöse aus Autoverkäufen sanken im Juli zum Vormonat um 0,4 Prozent. Analysten hatten hingegen einen Anstieg um 0,2 Prozent erwartet.

"Die Gesamtzahl ist durch die rückläufigen Pkw-Verkäufe belastet, aber das Minus in der Kategorie ohne Pkw ist unerwartet und ebenfalls enttäuschend", kommentierten Experten der Helaba. Daten zur Industrieproduktion im Juli fielen mit plus 0,9 Prozent hingegen besser aus als prognostiziert. Gleiches gilt für die Kapazitätsauslastung der Industrie.

Corona-Krise erneut im Fokus

Neben den unter den Erwartungen liegenden Verkäufen der Einzelhändler rückte auch die Corona-Krise wieder in den Fokus der Börse. Analyst Simon Deeley von der Bank RBC verwies auf steigende Corona-Infektionszahlen in den USA als Belastung für die Stimmung an den Märkten. So sei die Sieben-Tage-Inzidenz wegen der ansteckenden Delta-Variante auf den höchsten Stand seit Anfang Februar gestiegen. Anleger setzten daher auf Nummer sicher und kauften US-Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger Anleihen fiel auf 1,26 Prozent.

US-Notenbankchef Jerome Powell zufolge ist es unklar, ob sich die steigenden Corona-Infektionszahlen nennenswert auf die Wirtschaftserholung auswirken werden. "Covid ist immer noch bei uns ... und das dürfte sich noch eine Weile so fortsetzen," sagte Powell. Die Pandemie werfe immer noch einen Schatten auf die Wirtschaftsaktivität.

Das US-Zinsspiel geht in eine neue Runde

Die heutigen US-Makro-Daten waren weitere Puzzle-Stücke, von denen sich die Investoren Aufschluss darüber erwarten, wohin der Zinskurs der Notenbank Federal Reserve (Fed) künftig gehen könnte. Dabei sind sich die Experten einig, dass die Bank alsbald von ihrem ultraexpansiven Kurs abrücken wird. Es fragt sich eben nur, wann. Morgen werden die Sitzungsprotokolle der jüngsten Fed-Sitzung erwartet, im Fachjargon "Minutes" genannt.

Walmart wird zuversichtlicher

Beim größten US-Einzelhändler Walmart sind die Verbrauchersorgen aber bisher noch nicht angekommen, im Gegenteil: Das Unternehmen profitiert weiter von der Kauflust seiner Kunden. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 2,4 Prozent auf rund 141 Milliarden US-Dollar. Dabei konnte Walmart auf dem Heimatmarkt zulegen und Marktanteile gewinnen. Das internationale Geschäft litt hingegen durch Verkäufe von Unternehmensteilen.

Das operative Ergebnis stieg um gut ein Fünftel auf 7,4 Milliarden Dollar, das bereinigte Ergebnis je Aktie nahm um rund 14 Prozent auf 1,78 Dollar zu. Die Zahlen fielen damit besser aus als von Analysten erwartet. Das Unternehmen erhöhte seine Prognose und erwartet nun ein stärkeres um Verkäufe bereinigtes Umsatzwachstum. Auch das operative Ergebnis soll stärker zunehmen als zuletzt avisiert. Dabei geht Walmart in den USA von stärkeren Geschäften aus. Die Aktie gab anfängliche Gewinne im Verlauf wieder ab.

DAX im Niemandsland

Am Handelstag zwei nach dem Rekordhoch vom vergangenen Freitag haben die Anleger keine klare Linie gefunden. Der DAX schloss letztlich nahezu unverändert bei 15.921 Punkten und holte damit die Verluste aus dem frühen Geschäft komplett auf. Das Tagestief lag bei 15.811 Punkten.

Zu mehr hat es aber nicht gereicht, allerdings bleibt der DAX damit in Schlagweite seines Rekordhochs bei 16.030 Punkten. Die Jubelhausse ist vorbei, so richtig verkaufen will aber auch niemand. Im Ergebnis sucht der Markt derzeit seinen weiteren Weg und konsolidiert damit auf hohem Niveau.

Schnäppchenjäger zur Stelle

Marktanalyst Jochen Stanzl von CMC Markets sprach von Schnäppchenjägern, die größere Verluste am deutschen Aktienmarkt verhinderten. Sowohl am Montag als auch am Dienstag sei es "das gleiche Spiel" gewesen, kommentierte er.

Zuletzt hat die Stimmung an der Börse im Zuge der dramatischen Bilder aus Afghanistan und angesichts der Sorgen um eine Corona-bedingt schwächere Zugkraft Chinas gelitten. Die Sorgen wegen der Delta-Variante des SARS-CoV-2-Virus trübten die Wachstumsaussichten, insbesondere in einigen asiatischen Volkswirtschaften, konstatierten die Analysten von HSBC. Doch habe die globale Wachstumsdynamik bereits seit Mitte des zweiten Quartals nachgelassen.

Euro fällt zurück, Bitcoin steigt

Der Kurs des Euro hat am Dienstag im späten US-Devisenhandel noch etwas nachgegeben. Zuletzt notierte die Gemeinschaftswährung auf 1,1712 US-Dollar. Beim Tagestief von 1,1708 Dollar drohte der Euro auf den niedrigsten Stand seit November vergangenen Jahres zu fallen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs zuvor auf 1,1767 (Montag: 1,1772) Dollar festgesetzt

Die Ölpreise drehten derweil ins Minus. Die Feinunze Gold notiert bei 1782 Dollar etwas schwächer. Cyberdevisen, allen voran der Bitcoin, konnten anfängliche Gewinne nicht halten und rutschten ins Minus. Die wichtigste Kryptowährung fiel unter die Marke von 46.000 Dollar.

Euro-Wirtschaft wächst

Die Konjunktur in der Eurozone ist im Frühjahr deutlich angesprungen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von April bis Juni zum Vorquartal um 2,0 Prozent, so das Statistikamt Eurostat, das damit seine Schätzung von Ende Juli bestätigte. Anfang 2021 war die Wirtschaft noch um 0,3 Prozent geschrumpft, Ende 2020 sogar um 0,6 Prozent. Die deutsche Wirtschaft legte im Frühjahr um 1,5 Prozent zu und die niederländische wuchs mit 3,1 Prozent doppelt so schnell wie erwartet.

Milliardenübernahme durch die Deutsche Post

Die Deutsche Post DHL übernimmt das Seefrachtunternehmen J.F. Hillebrand komplett für einen Gesamtpreis von rund 1,5 Milliarden Euro. Hillebrand hat sich auf den Seetransport von Getränken, ungefährlichen flüssigen Massengütern und anderen Produkten, deren Transport besondere Sorgfalt erfordert, spezialisiert. "Angesichts der erreichten Stärke unseres Speditionsgeschäfts stellt die Übernahme von Hillebrand eine hervorragende Ergänzung unseres bestehenden Portfolios dar", erklärte Post-Chef Frank Appel.

Weltweit beschäftigt der Seefrachtkonzern mehr als 2700 Mitarbeiter. In den letzten zwölf Monaten machte das Unternehmen einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro, im Jahr 2021 rechnet der Konzern mit dem Transport von rund einer halben Million Frachtcontainern. An der Börse kam die Transaktion gut an, Post-Aktien legten im DAX 1,4 Prozent zu und waren Tagesssieger.

Delivery Hero runter und rauf

Eine Berg- und Talfahrt hat die Aktie des DAX-Neulings Delivery Hero am Vormittag vollführt. Zunächst sackte der Titel um mehr als drei Prozent ins Minus, zeitweise gehörte er dann zu den größten Gewinnern im Index. Die Papiere reagieren auf Zahlen des Wettbewerbers Just Eat Takeaway. Dessen Expansionskurs hat den niederländischen Essenslieferdienst im ersten Halbjahr tief in die Verlustzone gezogen. Das Unternehmen gab viel für Werbung aus. Delivery Hero selbst hatte die Investoren erst vor wenigen Tagen mit einem gesenkten Margenziel ernüchtert.

BHP steigt aus Ölgeschäft aus

Einer der weltgrößten Rohstoffkonzerne will den fossilen Energien den Rücken kehren. Der australische Konzern BHP trennt sich von seinem Öl- und Gasgeschäft und will die Sparte Woodside Petroleum fusionieren. Nach Abschluss der Transaktion sollen die BHP-Aktionäre noch etwa 48 Prozent an Woodside halten, hieß es. Im Zuge der Klimakrise erhöhen Investoren den Druck auf Bergbau- und Ölkonzerne, solche Geschäfte abzubauen. Gleichzeitig will das Unternehmen rund 5,7 Milliarden US-Dollar (etwa 4,85 Milliarden Euro) in eine neue Düngemittel-Mine in Kanada investieren. Die Aktie legt, auch wegen guter Geschäftszahlen, derzeit rund zehn Prozent zu.

K+S unter Druck

Als Reaktion auf den Strategiewechsel von BHP und dessen Investitionen ins Kaligeschäft verlieren Aktien des deutschen Kali- und Düngemittel-Produzenten K+S mehr als drei Prozent. Marktbeobachter sehen den Titel auf ein Mehrmonatstief zusteuern.

Hacker bei T-Mobile US

T-Mobile US, Tochter der Deutschen Telekom, ist Opfer einer Cyberattacke geworden. Die Angreifer hätten sich Zugriff auf "einige Daten" verschafft, teilte der Mobilfunk-Anbieter in der Nacht mit. Zugleich habe man bisher nicht feststellen können, dass auch persönliche Kundeninformationen betroffen seien. Die Website "Motherboard" hatte am Wochenende geschrieben, dass im Netz Daten von mehr als 100 Millionen Personen angeboten würden, die nach Angaben des Verkäufers von Servern der Firma stammten. T-Mobile US zeigte sich überzeugt, dass das Einfallstor für die Angreifer inzwischen geschlossen worden sei.

Ströer will die Krise hinter sich lassen

Im Werbemarkt steigen die Umsätze wieder: Der Werbevermarkter verzeichnete im zweiten Quartal einen Umsatzanstieg um 42 Prozent auf 374 Millionen Euro, der bereinigte operative Ertrag (Ebitda) kletterte von 55 auf 107 Millionen Euro. Vor allem das Geschäft mit der Außenwerbung habe sich sehr rasch erholt und liege zur Jahresmitte wieder auf dem Vor-Corona-Niveau. Für das dritte Quartal erwartet Ströer weiteres Wachstum.

Zooplus im Heimtier-Boom

Der Tierbedarfshändler Zooplus profitiert vom Haustierboom in der Corona-Krise. Der Umsatz stieg im ersten Halbjahr um 16 Prozent auf eine Milliarde Euro. Das Betriebsergebnis legte um 13 Prozent auf 42,2 Millionen Euro zu. "Die erste Jahreshälfte hat gezeigt, dass die Zahl an Haustieren weiter steigt und der Umstieg auf den Online-Channel in allen wichtigen europäischen Märkten an Fahrt gewinnt", sagte Vorstandschef Cornelius Patt. Für 2021 erwartet Zooplus Erlöse zwischen 2,04 und 2,14 Milliarden Euro und ein Ebitda zwischen 40 und 80 Millionen Euro. Zooplus steht vor der Übernahme durch den US-Finanzinvestor Hellman & Friedman. Erst vergangene Woche hatte dieser die Übernahme für fast drei Milliarden Euro angekündigt.

Blue Origin verklagt US-Regierung

Das Raumfahrtunternehmen Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos hat die US-Regierung wegen eines Milliardenauftrags an den Konkurrenten SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk verklagt. Wie Blue Origin mitteilte, sollen mit der Klage "Fehler" im Vergabeverfahren für die neue Mondlandefähre der Raumfahrtbehörde NASA behoben werden. Die NASA hatte den 2,9 Milliarden Dollar (2,5 Milliarden Euro) teuren Auftrag im April an SpaceX vergeben. Blue Origin hatte schon unmittelbar nach der Vergabe an SpaceX heftig gegen die Entscheidung der NASA protestiert und unter anderem Beschwerde beim US-Rechnungshof eingelegt.

Über dieses Thema berichteten am 17. August 2021 tagesschau24 um 16:00 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.