Negativer Verlauf der Dax-Kurve | REUTERS
Marktbericht

Anleger befürchten neue Wirtschaftseinschränkungen Börsenwoche endet mit Verlusten

Stand: 15.01.2021 22:33 Uhr

Die Sorge vor einem noch schärferen Lockdown hat die Börsen zum Wochenschluss weiter nach unten gezogen. Denn vor allem die Wirtschaft dürfte betroffen sein. Auch in den USA drückt Corona die Konsumlaune.

Trotz üppiger Geldhilfen hielten sich die Amerikaner mit Einkäufen auch im wichtigen Weihnachtsgeschäft zurück. Im Dezember verzeichnete der US-Einzelhandel den dritten Monat in Folge schrumpfende Umsätze. Das Minus lag bei 0,7 Prozent. Volkswirte hatten mit einer Wende und mindestens stagnierenden Erlösen gerechnet. Die Rekord-Infektionszahlen in den USA und der schwache Arbeitsmarkt zeigten Wirkung.

Zudem trübte sich die Stimmung der US-Konsumenten zu Jahresbeginn stärker ein als erwartet. Das von der Uni Michigan ermittelte Barometer für das Verbrauchervertrauen sank im Januar auf 79,2 Zähler von 80,7 Punkten im Dezember. Experten hatten mit einem geringeren Rückgang gerechnet.

Wall Street dämmt Verluste ein

Die enttäuschenden Konjunkturdaten in den USA setzten der Wall Street zu. Der Dow Jones büßte fast 0,6 Prozent ein. Zeitweise waren die Verluste noch höher. Der breiter gefasste S&P 500 verlor 0,7 Prozent. Vor dem langen Wochenende und der Vereidigung des neuen Präsidenten Joe Biden am Mittwoch wollten viele Investoren nicht ins Risiko gehen. Am Montag sind die US-Börsen wegen des Martin Luther King Day geschlossen.

Zweifel an Bidens Billionen-Paket

Das geplante knapp zwei Billionen Dollar schwere Corona-Hilfspaket des künftigen US-Präsidenten Biden konnte die Laune der Anleger nicht heben. Sie fürchten, dass die Regierung zur Finanzierung die Steuern kräftig anziehen dürfte. Das Biden-Programm habe in seiner jetzigen Form wenig Chancen auf Erfolg, sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. Denn für Teile davon benötige Biden die Zustimmung republikanischer Senatoren, um die notwendige Mehrheit zu erreichen.

US-Großbanken können nicht überzeugen

Nicht einmal der gute Start der US-Berichtssaison konnte die Wall Street nicht überzeugen. Nach den teils besser als erwartet ausgefallenen Quartalsergebnisse taten sich die Aktien der US-Banken JPMorgan, Citigroup und Wells Fargo schwer. "Bankenaktien steigen seit einigen Wochen, da sind eine Menge guter Nachrichten bereits in den Kursen enthalten", sagte ein Händler. Papiere von Wells Fargo und Citi sackten um rund sechs Prozent ab. Die Titel von JPMorgan verloren rund ein Prozent.

DAX-Jahresgewinne fast weg

Im Sog der schwachen Wall Street erlitt der DAX den größten Tagesverlust in diesem Jahr. Er schloss um 1,4 Prozent tiefer bei 13.787 Punkten, nachdem er vor einer Woche noch auf ein Rekordhoch geklettert war. Auf Wochensicht gab der deutsche Leitindex 1,9 Prozent nach. Die Jahresgewinne sind fast weg. Marktteilnehmer sprachen am Freitag von einer Konsolidierung nach dem starken Jahresauftakt und überfälligen Gewinnmitnahmen.

Angst vor dem "Mega-Lockdown"

Anleger scheuten nach der jüngsten Rekordrally neue Risiken wegen der weiterhin grassierenden Corona-Pandemie und der Diskussion über einen noch härteren Lockdown, den "Mega-Lockdown". Bund und Länder werden voraussichtlich bereits am Dienstag zusammenkommen und über eine weitere Verschärfung der Coronavirus-Restriktionen beraten. Laut Medienberichten wird über eine Einstellung des öffentlichen Nah-. und Fernverkehrs und sogar über eine Ausgangssperre nachgedacht. Das verdeutliche den Ernst der Lage, sagte Marktanalyst Timo Emden von Emden Research. "Die Furcht, dass die Wirtschaft angesichts einer Abriegelung heimischer Unternehmen den deutschen Konjunkturmotor erneut zum Herunterfahren zwingt, lässt Investoren Wertpapiere nur mit spitzen Fingern anfassen."

Pfizer senkt Liefermenge

Auch die Liefergeschwindigkeit der Impfstoff-Hersteller beunruhigt die Anleger. Der US-Pharmakonzern Pfizer kündigte am Nachmittag überraschend an, vorübergehend die Liefermenge seines gemeinsam mit BioNTech entwickelten Corona-Impfstoffes an europäische Länder zu senken.

Weitere Lockdowns in China

Auch in anderen Teilen der Welt nehmen die Corona-Sorgen zu. Für Unruhe sorgt das Wiederaufflammen der Pandemie in China. Die Regierung in Peking verhängte Lockdowns über mehrere Städte. China dürfte weltweit die einzige große Volkswirtschaft sein, die im Corona-Jahr ein Wachstum verzeichnete. Die Wirtschaft im Reich der Mitte ist nach Einschätzung von Ökonomen im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie um rund 2,0 Prozent gewachsen - so langsam wie seit rund vier Jahrzehnten nicht mehr. 2019 legte das BIP noch um 6,1 Prozent zu.

Ölpreise fallen

Die neuerlichen Lockdowns im Reich der Mitte könnten die Nachfrage beim weltgrößten Erdöl-Abnehmer dämpfen, warnten Börsianer. Die Ölpreise rutschten zum Wochenschluss ab. Die Nordseesorte Brent verbilligte sich um 2,3 Prozent auf 55,11 Dollar je Barrel (159 Liter). Folglich gerieten die Öl-Aktien unter Druck.

US-Dollar gefragt

Der Euro verlor weiter an Boden und notierte am Abend bei nur noch 1,2075 Dollar. Am Markt wurden mehrere Auslöser als Grund genannt, darunter enttäuschend aufgenommene Quartalszahlen großer US-Banken, anhaltend hohe Corona-Infektionen in vielen Ländern sowie eine verzögerte Lieferung von Corona-Impfstoffen in Europa. Der Dollar als Weltreservewährung wurde angesteuert, viele andere Währungen verloren an Wert.

JPMorgan verdient Milliarden

Der boomende Wertpapierhandel an den Finanzmärkten und gesunkene Kreditrisiken in der Corona-Krise bescherten JPMorgan im vierten Quartal einen überraschenden Gewinnsprung. Das größte US-Geldhaus verdiente im Schlussquartal 2020 mit 12,1 Milliarden Dollar so viel wie noch nie.

Citi-Gewinn bricht ein

Die US-Großbank Citigroup indes musste im vierten Quartal erhebliche Abstriche machen. Der Gewinn sank um sieben Prozent auf 4,63 Milliarden Dollar. Im gesamten abgelaufenen Geschäftsjahr brach der Gewinn um 41 Prozent ein. Dennoch übertraf die Citi die Analysten-Erwartungen. Bankchef Michael Corbat verwies auf "massive wirtschaftliche Folgen durch Covid-19". Die schwächeren Zahlen seien zudem höheren Kosten und Steuern geschuldet.

Weniger Kreditausfälle

Wegen der Aussicht auf eine Belebung der Konjunktur rechnen die Institute mit weniger Kreditausfällen. Bis zum Sommer werde die Wirtschaft wieder "sehr gesund" sein, sagte JP-Morgan-Chef Jamie Dimon am Freitag. Bereits im vierten Quartal lösten JPMorgan, die Citi und Wells Fargo einen Teil ihrer Risikovorsorge wieder auf. Die sechs größten US-Banken hatten in den ersten neun Monaten des Jahres insgesamt 65 Milliarden Dollar für drohende Kreditausfälle zur Seite gelegt, rund die Hälfte davon alleine im zweiten Quartal. Mehrere Institute hatten damals aber schon signalisiert, dass damit auch der Höhepunkt erreicht sei.

Rote Laterne für die Deutsche Bank

Im Sog der Kursverluste der US-Großbanken verloren die Titel der Deutschen Bank 3,7 Prozent. Sie waren Schlusslicht im Dax. Nur zwei Werte im deutschen Leitindex beendeten den Freitag im Plus: Beiersdorf und Henkel.

SAP erreicht Jahresziel

Die SAP-Aktie schloss etwas tiefer. Der größte deutsche Softwarekonzern hat im vergangenen Jahr das zuvor zweimal gesenkte Ergebnisziel erreicht. Das Betriebsergebnis lag bei 8,28 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr soll das Ergebnis allerdings auf 7,8 bis 8,2 Milliarden Euro zurückgehen.

Siemens Energy von GE verklagt

Die Aktien von Siemens Energy stürzten um über sechs Prozent ab. Der US-Industriekonzern General Electric (GE) hat in den USA eine Klage gegen Siemens Energy eingereicht. GE wirft dem Konkurrenten vor, sich mit illegalen Mitteln Vorteile für Gasturbinen-Angebote an einen Energieversorger beschafft zu haben. Der Fall reiche zurück bis Mai 2019. Siemens Energy gehörte damals noch zum Münchner Siemens-Konzern. GE bezifferte den Schaden auf mehr als eine Milliarde Dollar (rund 820 Millionen Euro).

Neue Konkurrenz für Varta?

Berichte über Mikrobatterie-Pläne von Samsung und LG für kabellose Kopfhörer zogen die Varta-Aktie um knapp fünf Prozent nach unten. Neue Samsung-Batterien schienen der neuen Batteriegeneration von Varta stark zu ähneln, schrieb ein Analyst von Stifel Europe. Je mehr asiatische Konzerne sich in diesem Feld engagierten, desto stärker dürfte Varta an Marktanteilen verlieren.

Hella mit schwächerer Analysten-Einstufung

Aktien des Autozulieferers Hella gehörten zu den schwächsten Werten im MDAX. Morgan Stanley hat die Titel auf "Underweight" von "Equal-Weight" heruntergestuft, das Kursziel allerdings von 40 auf 42 Euro angehoben.

Nordex erhält weniger Aufträge

Der Windkraftanlagenhersteller Nordex hat im vergangenen Jahr einen dreiprozentigen Rückgang des Auftragsvolumens auf 6,02 Gigawatt verbucht. Das Unternehmen ist zuversichtlich, im laufenden Jahr an die jüngste Entwicklung anknüpfen zu können.

SNP verfehlt Jahresziele

Im SDax sackten die Aktien von Schneider-Neureither & Partner (SNP) um knapp zehn Prozent ab. Der IT- und Software-Anbieter hat im abgelaufenen Jahr die eigenen Erwartungen verfehlt. Grund sei der Misserfolg bei einem erhofften Partnervertrag mit einem führenden internationalen IT-Dienstleister gewesen, der wider Erwarten nicht zustande gekommen sei. Zudem hätten sich Projekte vom vierten Quartal in das Auftaktquartal 2021 verschoben, teilte das Unternehmen mit.

DBAG überrascht positiv

Die Aktien der Deutschen Beteiligungs AG (DBAG) zogen indes im späten Handel um drei Prozent. Die Private-Equity-Firma rechnet für das abgelaufene Quartal mit deutlich mehr Gewinn als ein Jahr zuvor. Grund dafür sei ein voraussichtlich erheblich gestiegenes Brutto-Bewertungs- und Abgangsergebnis, teilte das SDax-Unternehmen überraschend am Freitagabend in Frankfurt mit. Mit 30 bis 40 Millionen Euro werde es weit über dem Betrag des Vorjahresquartals liegen, der sich lediglich auf 100.000 Euro belief. Die genauen Quartalszahlen sollen am 10. Februar veröffentlicht werden.

Regierung sperrt sich gegen Carrefour-Übernahme

Eine Übernahme des französischen Handelskonzerns Carrefour durch den kanadischen Konzern Alimentation Couche-Tard wird zunehmend unwahrscheinlich. "Meine Position ist klar: Ich sage freundlich, aber sehr entschieden Nein", verkündete der französische Finanzminister Bruno Le Maire. Die Lebensmittelsicherheit in Frankreich stehe auf dem Spiel. Dabei handele es sich um ein strategisches Interesse Frankreichs. "Deshalb verkaufen wir nicht einen großen Handelskonzern."

Whatsapp verschiebt Datenschutz-Änderungen

Nach heftigen Protesten von Nutzern hat der Messengerdienst Whatsapp seine Datenschutz-Änderungen verschoben. Die geplante Änderung der Nutzungsbedingungen wird um drei Monate verschoben, erklärte das Unternehmen am Freitag. Nutzer außerhalb der EU hätten nun bis zum 15. Mai Zeit, den neuen Regelungen zuzustimmen. Die Novelle sieht vor, dass mehr Daten an den Mutterkonzern Facebook weitergegeben werden dürfen. Die Änderungen haben für Kritik gesorgt, weil Nutzer außerhalb Europas, die den Bedingungen nicht vor dem 8. Februar zustimmen, von der App ausgeschlossen werden. Als Folge der Änderungen verzeichneten die Whatsapp-Konkurrenten Telegram und Signal Millionen neuer Anmeldungen. An der Börse erlebten irrtümlich die Aktien der Medizintechnik-Firma Signal einen riesigen Ansturm.

Xiaomi kommt auf schwarze Liste

Wenige Tage vor dem Ende der Amtszeit von Präsident Donald Trump nimmt die US-Regierung weitere chinesische Unternehmen wie den Smartphone-Anbieter Xiaomi ins Visier. Die Regierung setzte die Firmen wegen angeblicher Verbindungen zum chinesischen Militär auf eine schwarze Liste des Verteidigungsministeriums. US-Investoren sollen Anteile an den Unternehmen bis spätestens November abstoßen. Die Regierung von Trumps Nachfolger Biden kann die Maßnahmen zwar rückgängig machen. Aber daran glaubt die Börse derzeit offenbar nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Januar 2021 um 17:26 Uhr in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft".