Händler an der New Yorker Börse
marktbericht

Indizes bewegen sich kaum Zinsunsicherheit dämpft die Wall Street

Stand: 06.06.2023 22:15 Uhr

Auch an der Wall Street, wie schon zuvor in Europa, hielten sich die Anleger im Vorfeld des kommenden Zinsentscheids der Notenbank bedeckt. Bewegung gab es allerdings im Kryptosektor.

Der nahende US-Zinsentscheid hielt die Wall Street heute erneut in einer engen Handelsspanne gefangen. Die Schwankungen der großen Indizes blieben den ganzen Tag überschaubar. Am Ende gab es leichte Gewinne.

Der Dow-Jones-Index, der Leitindex der Standardwerte, ging bei 33.573 Punkten um ganze neun Punkte minimal höher aus dem Handel. Die Technologiebörse Nasdaq legte um gut 0,3 Prozent zu, ebenso wie der marktbreite S&P-Index, der 0,2 Prozent gewann.

Die vergangene Woche hatten die US-Börsen dank der Erleichterung über die Beilegung des US-Schuldenstreits noch freundlich beendet. Seitdem stehen zunehmend die unsicheren Konjunkturperspektiven und der erwartete Zinsentscheid der US-Notenbank Fed im Mittelpunkt des Interesses.

"Die Anleger ringen weiter mit der Frage, ob die US-Notenbank ihre Zinserhöhungsserie nur kurz unterbricht oder länger pausiert", sagte Anlageberater Paul Nolte vom Vermögensverwalter Murphy & Sylvest. Bis zur Fed-Sitzung am Mittwoch kommender Woche und den US-Inflationsdaten am Tag zuvor würden viele von ihnen voraussichtlich die Füße still halten. Experten erwarten einen leichten Rückgang der Teuerung und vorerst unveränderte Leitzinsen.

Viel Bewegung gab es dafür im Kryptosektor. Denn einen Tag nach der Klage gegen die weltgrößte Kryptobörse Binance zerrt die US-Börsenaufsicht SEC nun auch den Rivalen Coinbase vor Gericht. Das Unternehmen betreibe eine nicht lizenzierte Handelsplattform, schrieb SEC-Chef Gary Gensler heute auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Damit beraube Coinbase Anleger eines wichtigen Schutzes vor Betrug und Manipulation.

Die Aktien der Kryptobörse brachen an der Wall Street um bis zu 20 Prozent ein, am Ende stand ein dickes Minus von 12,1 Prozent. Die Cyber-Devisen Bitcoin und Ethereum reagierten mit volatilem Handel.

Die Klagen sind Teil von Genslers Programm, den bislang kaum regulierten Markt für Internet-Devisen in den Griff zu bekommen. Bislang herrschen dort nach seinen Worten "Wild-West-Methoden". Zahlreiche US-Staaten ziehen wegen angeblicher Verletzung von Wertpapier-Gesetzen ebenfalls vor Gericht.

Experte Mark Palmer von der Berenberg Bank reagierte heute in einer ersten Reaktion wenig überrascht, denn er hatte seit Mai schon in Studien auf die Gefahr einer SEC-Klage gegen Coinbase hingewiesen. "Ein erheblicher Umsatzteil steht wegen des anhaltenden Vorgehens der US-Regulierung gegen den Kryptoraum auf dem Spiel", betonte der Fachmann.

Coinbase und andere Kryptofirmen haben allerdings wiederholt kritisiert, dass die Regeln unklar formuliert seien. Außerdem überschreite die SEC mit dem Anspruch auf Überwachung der Branche ihre Kompetenzen.

Die Apple-Aktie, die am Vortag noch ein neues Rekordhoch bei 184,95 Dollar markiert hatte, hatte es heute schwer. Am Ende grenzte das Papier zwar anfangs stärkere Verluste von über einem Prozent ein, bei einem Schlusskurs von 179,21 Dollar wollte aber keine Euphorie aufkommen. Es war ein leichter Tagesverlust von 0,21 Prozent.

Dies, nachdem Apple am Vorabend auf der Entwickler-Konferenz WWDC seine lange erwartete Datenbrille vorgestellt hat - immerhin die erste neue Produktkategorie seit neun Jahren. Das Headset kann auf seinen Displays digitale Objekte in die reale Umgebung einblenden.

Die Anleger von Boeing sind heute zwei Stunden vor Börsenschluss von einer schlechten Nachricht überrascht worden. Die Mitteilung, wonach sich Auslieferungen des Langstreckenjets 787 wegen neuer Produktionsprobleme verzögern, drückte die im Dow enthaltenen Aktien des Flugzeugbauers in ersten Reaktionen plötzlich mit fast vier Prozent ins Minus. Vor der Meldung hatte der Kurs noch stabil im Plus gelegen. Zuletzt relativierte sich der Abgabedruck aber wieder, die Aktie verlor am Ende noch 0,71 Prozent.

Während der Produktion des auch "Dreamliner" genannten Flugzeugs seien fehlerhafte Teile entdeckt worden, hieß es. Der Fehler könnte auch etwa 90 bereits gebaute Dreamliner betreffen, die das Unternehmen noch nicht ausgeliefert hat, hieß es von Boeing. Die Produktion werde aber nicht angehalten, da zeitnah angepasste Teile verbaut werden sollen. Boeing hält auch an dem Ziel fest, in diesem Jahr noch 70 bis 80 dieser Großraumflugzeuge auszuliefern

Der DAX hat sich heute in engen Bandbreiten bewegt und am Ende noch leicht zugelegt. Die Marke von 16.000 Punkten blieb dabei weiter im Fokus der Anleger und konnte zwischenzeitlich sogar noch leicht übertroffen werden. Das Tagestief lag bei 15.925 Zählern.

Am Ende schloss der deutsche Leitindex bei 15.992 Punkten, ein moderater Tagesgewinn von 0,18 Prozent. Der Markt bleibt damit auf hohem Niveau, zu mehr fehlt derzeit aber im Vorfeld wichtiger Notenbankentscheidungen in den kommenden Woche die Kraft.

"Der DAX steckt in einer Konsolidierung fest und es fehlen jegliche Impulse, was allerdings für beide Richtungen gleichermaßen gilt", so Konstantin Oldenburger, Marktanalyst bei CMC Markets. Die nahezu schon lethargische Stimmung an der Börse dürfte sich nach seiner Einschätzung mindestens bis zu den Notenbanksitzungen der USA und der Eurozone in der kommenden Woche fortsetzen.

Sowohl die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) - am 14. Juni - als auch tags darauf die EZB werden kommende Woche über weitere Zinsschritte entscheiden. Im Vorfeld bleiben die Anleger wie gelähmt, was nicht ungewöhnlich ist. Zumal in den Vereinigten Staaten am 13. Juni auch noch neue Inflationsdaten erwartet werden.

"Die kommende Woche dürfte, was das Thema Zinspolitik angeht, sehr interessant werden", urteilt Christian Henke von IG Markets. "Einen Tag vor der FOMC-Sitzung am 14. Juni werden die US-Inflationsdaten veröffentlicht. Sollten diese weiter rückläufig sein, könnte die Fed eine Zinspause ins Auge fassen, so wird derzeit an der Wall Street spekuliert. Zuletzt etwas schwächere Konjunkturdaten sprechen gegen eine weitere Straffung, entscheidend dürfte aber wohl die Inflationsentwicklung sein.

Update Wirtschaft vom 06.06.2023

Anne-Catherine Beck, HR, tagesschau24, 06.06.2023 09:00 Uhr

In der Eurozone dürften derzeit hingegen nur wenige Optimisten von einer Zinspause ausgehen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte gestern vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments weitere Leitzinserhöhungen in Aussicht gestellt.

Die EZB muss auch laut dem niederländischen Notenbankchef Klaas Knot ihre Zinspolitik weiter straffen. Dies müsse "solange wie nötig" weitergehen, bis die Rückkehr der Inflation zum mittelfristigen EZB-Ziel von zwei Prozent absehbar sei, sagte Knot. "Doch wir werden es Schritt für Schritt tun", fügte er hinzu. Umso straffer die Geldpolitik werde, desto größer werde ihre Wirkung.

Negativ ins Gewicht fallen für die Investoren die Auftragseingänge der deutschen Industrie. Sie hat im April überraschend erneut ein Auftragsminus wegstecken müssen. Die Bestellungen sanken zum Vormonat überraschend um 0,4 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

"Trotz des Einbruchs im März haben sich die Auftragseingänge im April wider Erwarten nicht erholt", kommentierte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das sei ein schlechtes Signal. "Die technische Rezession im Winterhalbjahr war kein Ausrutscher." Vieles spreche zusammen mit den weltweiten Zinserhöhungen für ein erneutes Schrumpfen der deutschen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte. Chefvolkswirt Alexander Krüger von der Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank bezeichnete die Daten als Riesenenttäuschung: "Damit wird das Konjunkturgefühl immer mulmiger."

Der Euro hat heute anfängliche moderate Gewinne eingebüßt und leicht nachgegeben. Die Gemeinschaftswährung notierte zuletzt im US-Handel bei 1,0691 Dollar und damit etwas tiefer als am Vorabend. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0683 (Montag: 1,0690) Dollar fest.

Für Aufmerksamkeit sorgte am Markt eine Umfrage der EZB, wonach die Inflationserwartungen der Verbraucher in der Eurozone im April merklich gesunken sind. Auch die von den Verbrauchern wahrgenommene Inflation und die Unsicherheit über die künftige Inflationsentwicklung fielen. In den vergangenen Monaten ist die hohe Inflation bereits tendenziell gefallen, im Mai betrug sie 6,1 Prozent.

Die Ölpreise haben heute im Verlauf stärkere Verluste mittlerweile eingegrenzt, blieben aber im Minus. Ein Fass der Nordseesorte Brent sowie der US-Leichtölsorte WTI kostete rund ein Prozent weniger. Gestern waren die Preise zunächst durch die Ankündigung einer deutlichen Förderkürzung seitens des Ölriesen Saudi-Arabien gestützt worden. Die Wirkung verpuffte jedoch schnell.

Die zuvor turbulente Sitzung des Ölverbunds OPEC+ hinterließ am Markt offenbar Spuren. Es soll größere Debatten über die Förderquoten der afrikanischen Opec-Länder gegeben haben. Zudem nahmen die anderen OPEC-Länder keine eigenen zusätzlichen Produktionskürzungen vor.

Unter den Einzelwerten war die Aktie von Merck gefragt. Der Darmstädter Pharma- und Technologiekonzern hält an seiner breiten Aufstellung fest und plant keine größeren Übernahmen im Pharmageschäft. "Ich glaube, dass Diversifizierung eine absolute Stärke ist", sagte Merck-Chefin Belen Garijo am Abend im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten (ICFW).

Rückhalt für diese Strategie komme auch von der Gründerfamilie Merck, die bis heute rund 70 Prozent der Anteile an dem Unternehmen hält. Das gebe dem Konzern enorme Stabilität. "Die Eigentümer wollen ein diversifiziertes Unternehmen behalten, das in drei attraktiven Märkten tätig ist."

Zalando standen hingegen am Index-Ende. Zalando hat in den beiden letzten Handelstagen über 5,0 Prozent verloren - nach einer negativen Analystenmeinung von JP Morgan. Analystin Georgina Johanan blickt skeptisch auf die Entwicklung des Online-Modehändlers. Internet-Zugriffsdaten und Indikatoren für die Markendynamik belegen der Expertin zufolge für den Mai eine nachlassende Geschäftsdynamik in Deutschland.

Der Rüstungskonzern Rheinmetall bereitet weitere Panzer für den Transport in die Ukraine vor. Man habe einen Auftrag vom Bundesverteidigungsministerium über 20 Schützenpanzer Marder bekommen, teilte das DAX-Unternehmen am Abend an seinem Produktionsstandort in Unterlüß (Niedersachsen) mit.

Die Fahrzeuge sollen bis Ende Juli an das von Russland angegriffene Land geliefert werden. 40 Marder wurden bereits geliefert, 20 davon von Rheinmetall und 20 aus Beständen der Bundeswehr. Außerdem bietet Rheinmetall 60 weitere Marder an, die noch aufbereitet werden müssen.

Die Commerzbank legt mit dem angekündigten Rückkauf eigener Aktien los. Vom 7. Juni bis spätestens 31. Juli will sie eigene Papiere im Wert von bis zu 122 Millionen Euro am Markt zurückkaufen. Die zurückgekauften Aktien würden anschließend eingezogen. Nach der milliardenschweren Rettung durch den deutschen Staat in der Finanzkrise 2008/2009 und teuren Umbauprogrammen hatte die Commerzbank im Jahr 2022 wieder einen Milliardengewinn erzielt. In diesem Jahr soll es noch mehr werden.

Der Verkauf der Thyssenkrupp-Marinetochter nimmt offenbar Gestalt an. "Der Prozess läuft", sagte ein Konzernsprecher zu einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Diese hatte geschrieben, die Datenräume für Investoren würden in Kürze geöffnet. Wie die Nachrichtenagentur Reuters im April von einer mit der Angelegenheit vertrauten Person erfahren hatte, führte der Chef von Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS), Oliver Burkhard, in den vergangenen Wochen eine Reihe von Gesprächen mit möglichen Interessenten.

Die Deutsche Börse nimmt die Aktien des Wirkstoffforscher Evotec, des Abfüllanlagenbauers Krones, der Software AG und Shop Apotheke Europe in den Börsenindex MDAX der mittelgroßen Werte auf.

Zum 19. Juni müssen dafür der Immobilienkonzern Aroundtown, der Telekommunikationsanbieter United Internet, der Waferhersteller Siltronic sowie der US-Telekomausrüster Adtran weichen, teilte die Deutsche Börse mit. Im Frankfurter Leitindex DAX ergeben sich demnach wie erwartet keine Änderungen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Juni 2023 um 09:00 Uhr.