Dunkle Wolken über der Banken-Skyline von Frankfurt am Main. | dpa

Größter Verlusttag in diesem Jahr Sommer-Gewitter an den Börsen

Stand: 19.07.2021 22:42 Uhr

Die Corona-Sorgen sind zurück an den Aktienmärkten. DAX, Dow & Co erlebten den größten Tagesverlust seit langem. Die Ausbreitung der Delta-Variante droht die Wirtschaftserholung zu bremsen.

Der Börsensommer könnte ungemütlich werden. Nach den Rekorden in den letzten Wochen hat sich die Stimmung heute merklich abgekühlt. Die zunehmende Ausbreitung der Delta-Variante des Corona-Virus sorgte für einen Kursrutsch an den Börsen weltweit. Der Dow Jones brach um über zwei Prozent ein und fiel unter die Schwelle von 34.000 Punkten. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 1,6 Prozent auf 4258 Punkte abwärts. Der technologielastige Nasdaq 100 hielt sich etwas besser mit einem Minus von 0,9 Prozent

DAX verliert über 400 Punkte

Auch am deutschen Aktienmarkt herrschte Ausverkaufsstimmung. Der DAX sackte zu Wochenbeginn um 2,6 Prozent ab. Das ist der größte prozentuale Tagesverlust in diesem Jahr. Zeitweise rutschte der deutsche Leitindex gar in die Nähe der 15.000-Punkte-Marke. Der DAX fiel auf das Niveau von Mai ab und notiert nun deutlich unter der 50-Tage-Durchschnittslinie, die als Gradmesser für den mittelfristigen Trend gilt.

Delta-Ausbreitung könnte Lockerungen verzögern

Die Ausbreitung der Delta-Variante, die für stark steigende Neuinfektionen in Fernost und in den USA sorgte, schürte unter Anlegern die Sorge um neuerliche Restriktionen, beispielsweise im Reiseverkehr und im Tourismus. Dadurch droht die Wirtschaftserholung ins Stocken zu geraten. Das Wiederaufflammen der Corona-Pandemie könnte nun die von mehreren Marktbeobachtern vorausgesagte Korrektur auslösen.

Auch in Europa hat sich die Lage verschärft. So hat in Frankreich nach Darstellung der Regierung die vierte Welle der Pandemie begonnen. Kein Departement werde verschont, erklärt ein Regierungssprecher. Am Morgen schloss Europa-Minister Clement Beaune neue Einschränkungen nicht aus, sollten die Fälle weiter zunehmen. Außerdem kippte Großbritannien die geplante Lockerung der Quarantäne-Pflicht für Frankreich-Reisende. Die rasche Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante könnte die Lockerung der Pandemie-Restriktionen in einigen Regionen verzögern, sagte Anlagestratege Ian Williams vom Brokerhaus Peel Hunt.

Flucht in den Dollar

Einige Investoren nahmen Kurs auf "sichere Häfen" und flüchteten unter anderem in den US-Dollar. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, stieg um 0,4 Prozent auf ein Dreieinhalb-Monats-Hoch von 93,039 Zählern. Der Euro rang mit der Marke von 1,18 Dollar.

Pfund im Abseits - am "Freedom Day"

Unter Druck geriet das britische Pfund - und das auch noch am "Freedom Day", dem Tag, an dem in Großbritannien fast alle Corona-Einschränkungen beendet wurden. Die britische Währung war mit 1,3698 Dollar zeitweise so billig wie zuletzt vor drei Monaten. Investoren fürchten, dass die Lockerungen während steigender Infektionszahlen negative soziale und wirtschaftliche Auswirkungen haben werden, sagte Analyst Ricardo Evangelista vom Brokerhaus ActivTrades.

Run auf "sichere" Anleihen

Die Delta-Variante des Coronavirus habe eine Flucht der Anleger in sichere Anlagen ausgelöst, sagte Edward Moya vom Handelshaus Oanda. "Die weltweiten konjunkturellen Bedenken verstärken sich", schrieb der Analyst in einem Marktkommentar. Anleger hätten risikoreiche Investments wie Aktien gemieden und stattdessen auf Anleihen gesetzt. Zehnjährige US-Staatspapiere stiegen an Montag auf den höchsten Stand seit rund fünf Monaten. Gefragt waren auch Bundesanleihen. Dies drückte die Rendite der inflationsgeschützten zehnjährigen Titel zeitweise auf ein Zwei-Jahres-Tief von minus 1,686 Prozent.

Ölpreise auf Talfahrt

Angesichts der Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der sich ausbreitenden Delta-Variante sackten auch die Ölpreise ab. Die Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um rund sechs Prozent auf 69,10 Dollar je Barrel (159 Liter). Ähnlich groß waren die Verluste bei der US-Ölsorte WTI. Die "OPEC+", zu der neben den Mitgliedern des Exportkartells weitere Förderländer wie Russland gehören, hatte sich am Wochenende auf eine Ausweitung der Fördermengen zwischen August und Dezember um zwei Millionen Barrel pro Tag geeinigt.

Nur Verlierer im DAX

Von den 30 Mitgliedern des deutschen Leitindex schlossen alle im Minus. Am besten hielt sich noch die Aktie der Deutsche Wohnen. Schlusslicht im DAX war MTU Aero mit einem Minus von sechs Prozent. Als Leidtragende der verheerenden Flutkatastrophe sackten die Aktien des Rückversicherers Münchener Rück um gut fünf Prozent ein.

Hoffen auf die Berichtssaison

Den Börsenbullen bleibt derzeit nur die Hoffnung auf die gerade gestartete Berichtssaison zum zweiten Quartal. Marktstratege Mislav Matejka von der US-Bank JPMorgan ist hier optimistisch. Die Saison könnte noch stärker werden als die nach dem Auftaktquartal, meinte der Experte. Verglichen mit dem Vorkrisenniveau von 2019 erscheinen ihm die Erwartungen nicht allzu ambitioniert. Auch die Marktexperten der Bank Credit Suisse setzen in den nächsten Monaten weiter auf Aktienanlagen.

In den USA hat die Berichtssaison mit guten Zahlen aus dem Bankensektor recht vielversprechend begonnen. Die Berichte der Geldhäuser stützen die Hoffnung auf ein kräftiges Wirtschaftswachstum, denn es wurden milliardenschwere Kreditrückstellungen aufgelöst.

IBM setzt dank des Cloud-Booms mehr um

Am Abend nach US-Börsenschluss öffnete IBM seine Bücher. Ein starkes Cloudgeschäft hat "Big Blue" ein Umsatzplus um drei Prozent auf 18,75 Milliarden Dollar beschert. Analysten hatten nur einen Anstieg auf knapp 18,3 Milliarden Dollar erwartet. In der Cloud-Sparte betrug das Wachstum 13 Prozent. Der Nettogewinn fiel dagegen leicht auf 1,33 Milliarden Dollar. Nachbörslich legten die IBM-Aktien 1,5 Prozent zu.

RWE auch von der Flut getroffen

RWE-Papiere gaben überdurchschnittlich nach. Die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen hat auch das Kohlekraftwerk Weisweiler und andere Standorte des Energiekonzerns getroffen. Das Unternehmen schätzte die Schäden am Samstag auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Ein Börsianer sprach allerdings von einem negativen Einmal-Effekt. Angesichts der Hinwendung zu erneuerbaren Energien und dem damit verbundenen Gewinnwachstum blickt er längerfristig weiter positiv auf die Aktien.

Netzbetreiber kommen mit Wiederaufbau voran

Im Blickpunkt stand heute auch die Mobilfunk-Branche. Von den von den Überschwemmungen rund 150 betroffenen Mobilfunkstationen seien inzwischen wieder zwei Drittel in Betrieb, sagte ein Sprecher des Netzbetreibers Telefónica (O2). Von der Deutschen Telekom hieß es, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der 130 ausgefallenen Mobilfunkstandorte wieder am Netz seien.

In den meisten Fällen waren die Antennen der Netzbetreiber ausgefallen, weil die Stromversorgung unterbrochen war. "Viele der noch ausgefallenen Stationen befinden sich an Orten, die noch nicht wieder zugänglich sind", sagte der Telefónica-Sprecher. Es seien vier mobile Stationen im Einsatz, zehn weitere stünden bereit.

Ceconomy weitet Verluste aus

Erneut rote Zahlen vermeldete Ceconomy. Bei einem Umsatzplus um acht Prozent stieg das operative Minus (Ebit) auf 106 Millionen Euro. "Fast das gesamte laufende Geschäftsjahr war bisher von der COVID-19-Pandemie und den damit verbundenen temporären Marktschließungen, insbesondere in Deutschland, geprägt. Das dritte Quartal bildete dabei keine Ausnahme", erklärte Firmenchef Bernhard Düttmann. Erst zum Ende des Quartals seien die deutschen MediaMarkt- und Saturn-Märkte wieder vollständig geöffnet worden.

Hypoport wächst langsamer

Der Immobilienfinanzierer aus dem SDAX berichtete über ein prozentual zweistelliges Wachstum seiner operativen Kennzahlen im ersten Halbjahr. Alle Plattformen, auf denen Hypoport seine Geschäfte abwickelt, haben zugelegt. Allerdings schwächte sich das Wachstum im zweiten Quartal dabei ab. Auf Europace, der hauseigenen Plattform für Immobilienfinanzierungen, Bausparprodukte und Ratenkredite, wuchs das Transaktionsvolumen im Jahresvergleich um 19,5 Prozent auf gut 25,2 Milliarden Euro. Im ersten Quartal hatte der Zuwachs noch fast 30 Prozent betragen.

ProSiebenSat.1 wieder gut auf Sendung

Im späten Handel zogen die Aktien von ProSiebenSat.1 um fünf Prozent an. Der Medienkonzern hat seine Prognose für das laufende Jahr erneut erhöht. Der Umsatz soll 2021 nun um neun bis elf Prozent auf 4,4 bis 4,5 Milliarden Euro steigen. Zuvor waren 4,25 bis 4,45 Milliarden in Aussicht gestellt worden. Auch beim Ergebnis will der Medienkonzern besser abschneiden als geplant: das bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) soll nun bei rund 820 Millionen Euro mit einer Abweichungen von 20 Millionen Euro steigen. Der Konzern hatte bereits im Mai seine Ziele angehoben.

Die TV-Senderkette verzeichnete im zweiten Quartal eine dynamische Steigerung ihrer Werbeeinnahmen in der deutschsprachigen Region und verzeichnete eine "sehr starke Erholung" gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Umsätze stiegen um 47 Prozent auf rund 1,045 Milliarden Euro, das bereinigte Ebitda wurde mit 165 Millionen Euro mehr als versiebenfacht.

Toyota geht auf Distanz zu Olympia

Japans Top-Sponsor der Olympischen Spiele, der Autoriese Toyota, geht wenige Tage vor Beginn der Spiele in Tokio auf Distanz. Vorbereitete Werbespots mit Bezug zu den Spielen werde man nicht ausstrahlen lassen, teilte der Konzern mit. Auch würden Toyota-Chef Akio Toyoda und andere Vertreter nicht an der Eröffnungszeremonie am 23. Juli teilnehmen. Es würden Spiele werden, bei denen vieles auf Unverständnis stoße, hieß es zur Begründung. Dass einer der wichtigsten Olympia-Sponsoren sich derart zurückzieht, ist eine bittere Nachricht für die Organisatoren.

Zoom plant Milliardenzukauf

Der Videokonferenzdienst Zoom will sich mit seinem bisher größten Zukauf breiter aufstellen. Für 14,7 Milliarden US-Dollar (rund 12,5 Milliarden Euro) will Zoom die US-Firma Five9, einen Cloud-Softwareanbieter für Kundenkommunikation, in einem mit eigenen Aktien finanzierten Deal kaufen.

Das Five9-Management steht hinter dem Deal. Das Unternehmen will den Aktionären von Five9 für eine eigene Aktie 0,5533 Zoom-Papiere geben. Eine Aktie von Five9 wird dabei mit 200,28 US-Dollar bewertet, am Freitag hat das Papier bei 177,60 US-Dollar geschlossen. Die Aktionäre müssen der Transaktion noch zustimmen. Zoom hofft auf einen Abschluss im ersten Halbjahr 2022. Der Zukauf soll vor allem beim weiteren Ausbau von Zoom Phone, einer Cloud-Telefonanlage für Unternehmen, helfen.

Johnson & Johnson erwägt Ausgliederung

Im Streit um mutmaßlich asbestverseuchtes Babypuder erwägt der US-Pharma- und Konsumgüterkonzern und Dow-Mitglied Johnson & Johnson laut Insidern zur Eindämmung von Schadensersatzansprüchen eine Abspaltung. Einer der Anwälte von J&J habe dies bei Diskussionen über eine Lösung des Streits ins Gespräch gebracht.

Demnach könnten die Verpflichtungen aus dem Babypuder-Streit in eine neue Geschäftseinheit ausgegliedert werden und diese dann Gläubigerschutz beantragen. Entschieden sei aber noch nichts. Gegen J&J gibt es zehntausende Klagen in den USA. Dem Konzern wird vorgeworfen, von Asbest in seinen Talkumprodukten gewusst und Kunden nicht gewarnt zu haben. Frühere Nutzer des Babypuders werfen dem Unternehmen vor, dass das Asbest in dem Produkt bei ihnen Krebs verursacht habe.

Novem-Börsengang reißt nicht mit

Der Automobilzulieferer Novem Group hat heute einen holprigen Start auf dem Frankfurter Börsenparkett hingelegt. Die Aktien des Börsenneulings schlossen auf ihrem Ausgabepreis von 16,50 Euro. Der Ausgabepreis hatte bereits nur am unteren Ende der Preisspanne gelegen.

Bei dem Börsengang wurden rund 50 Millionen Euro durch die Ausgabe von neuen Aktien aus einer Kapitalerhöhung erlöst. Zusätzlich wurden zehn Millionen bestehende Papiere aus dem Umfeld des Private-Equity-Investors Bregal platziert. In Verbindung mit einer Mehrzuteilung wechselten weitere 1,95 Millionen Anteilsscheine den Besitzer. Das gesamte Platzierungsvolumen belief sich auf 247,2 Millionen Euro.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juli 2021 um 17:00 Uhr.