Gut gelaunter Händler an der New Yorker Börse
Marktbericht

Anleger setzen auf den Biden-Effekt Börsen im Höhenrausch

Stand: 08.01.2021 23:19 Uhr

Was für ein Jahresauftakt: Ungeachtet des politischen Chaos in den USA und der verschärften Lockdowns weltweit haben die Börsen in der abgelaufenen Woche neue Höchststände erklommen. Die Ersten warnen vor einer Blase.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

DAX 14.000, Dow 31.000, Nasdaq 13.000! Wie hoch soll es an den Börsen noch gehen? Trotz der weiter steigenden Corona-Infektionen und der Ausweitung der Lockdowns in Europa und trotz des Angriffs gewalttätiger Trump-Anhänger auf das Kapitol in Washington sind die Anleger in Hochstimmung. In der ersten Börsenwoche des Jahres hat der Dow Jones über ein Prozent zugelegt und erstmals die Marke von 31.000 Punkten überschritten. Der DAX stieg gar um 2,4 Prozent und schloss erstmals in seiner Geschichte bei über 14.000 Zählern.

Der "Sweepy-Joe"-Effekt

Händler sprechen laut Medien vom "sweepy Joe"- Effekt. Der scheidende US-Präsident Donald Trump hatte seinen künftigen Nachfolger Joe Biden als "sleepy Joe" verhöhnt. Seit Mittwochabend ist klar: Biden und seine Demokratische Partei können in den USA durchregieren. Biden verfügt über die Mehrheit in beiden Kammern des US-Kongresses. Diese Konstellation nennen Politik-Experten und Anleger "clean sweep". Deshalb wird aus "sleepy Joe" nun der "sweepy Joe"! Biden kann seine gigantischen Hilfs- und Infrastrukturprogramme nun leichter durchsetzen.

Die Details seines Konjunkturpakets will Biden Ende kommender Woche vorstellen. Auf die Frage eines Reporters, ob das von ihm gewünschte Paket ein Volumen von drei Billionen US-Dollar haben könnte, sagte der künftige US-Präsident, es werde angesichts der schweren Wirtschaftskrise ein teures Paket werden. "Die Antwort ist, ja, es wird ein Gesamtpaket in Billionenhöhe werden", sagte Biden am Freitag in Wilmington im Bundesstaat Delaware.

Joe Biden  | AFP

Bild: AFP

Schlechte US-Jobdaten haben auch ihr Gutes

Selbst die schwachen US-Arbeitsmarktdaten werden positiv interpretiert. Die Wahrscheinlichkeit für weitere Corona-Hilfen steigen nun. "Die Rufe nach weiteren, deutlichen fiskalischen Stimuli dürften wegen des Stellenabbaus lauter werden", sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. Überraschend gingen im Dezember 140.000 Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft verloren. Es ist der erste Jobabbau seit acht Monaten. Ökonomen hatten hingegen mit einem Stellenaufbau in Höhe von 71.000 gerechnet.

Dow Jones schafft die späte Wende

Der Rückschlag am US-Arbeitsmarkt konnte die Rekordjagd an der Wall Street nur kurz bremsen. Der Dow Jones machte seine anfänglichen Verluste im Tagesverlauf wieder wett und schloss 0,2 Prozent höher bei fast 31.098 Punkten. Der marktbreite S&P 500 stieg um 0,5 Prozent auf 3.824 Zähler. Der Nasdaq-Auswahlindex zog gar um 1,3 Prozent auf 13.105 Punkte an.

DAX krönt starke erste Börsenwoche des Jahres

Trotz des fehlenden Schwungs von der Wall Street schloss der DAX erstmals in seiner Geschichte über 14.000 Punkten. Im Tagesverlauf war er zeitweise auf eine neue historische Bestmarke von 14.131 Zähler geklettert. Damit krönte er eine starke Börsenwoche. Anleger sprechen von einer Jahresanfangsrally.

Deutsche Exportwirtschaft im Aufwind

Am Freitag stützten gute deutsche Konjunkturdaten den DAX. So verzeichnete die Wirtschaft überraschend starke Zuwächse beim Export und bei der Produktion. "Beim reinen Blick auf die Daten würde man nicht glauben, dass Deutschland derzeit eine der schwierigsten Phasen der Nachkriegsgeschichte durchläuft", sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. Die Daten lassen "darauf schließen, dass der Wachstumseinbruch im vierten Quartal 2020 weniger stark ausfällt als vielerorts erwartet wird".

"Weder der leichte Lockdown in Deutschland selbst noch die verschärften Restriktionen in einigen Nachbarländern haben die deutsche Industrie im November beeinträchtigt. Stattdessen setzten die Industrieproduktion und die Exporte im November ihre positive Dynamik fort und hielten die Hoffnung aufrecht, dass die Wirtschaft im vierten Quartal einen 'Double Dip' vermeiden kann", kommentierte Carsten Brezeski von der ING.

Droht eine Blase?

Angesichts des irren Höhenflugs an den Börsen gibt es die ersten warnenden Stimmen. Befürchtungen über eine neue Blase an den Aktienmärkten werden wach. Marktstratege Albert Edwards von der französischen Bank Societe Generale etwa hob hervor, dass die Rally stark auf der Hoffnung vieler Investoren beruhe, dass die US-Notenbank im Zweifel einschreiten werde, um einen Crash zu verhindern. Die Billiggeldflut der Notenbanken treibt die Börsen schon lange mit an. Problematisch kann es werden, falls die Inflationserwartungen plötzlich stark anziehen sollten.

Euro rudert zurück

Am Devisenmarkt setzte der Euro derweil seine Konsolidierung auf hohem Niveau fort und wurde am Abend bei 1,2265 Dollar etwas leichter gehandelt. Damit entfernte sich der Euro wieder etwas vom mehrjährigen Höchststand, der zur Wochenmitte bei 1,2349 Dollar erreicht worden war. Nachdem der Euro zum Jahreswechsel noch von einer breitangelegten Dollar-Schwäche profitiert hatte, setzte zuletzt eine Gegenbewegung ein.

Ölpreise auf Elf-Monats-Hoch

Die Ölpreise legten weiter zu. Die Nordseesorte Brent war mit 55,38 Dollar je Barrel (159 Liter) so teuer wie zuletzt vor elf Monaten, die US-Leichtölsorte WTI kostete über 51 Dollar. Seit dem vergangenen Herbst haben vor allem die Aussicht auf flächendeckende Corona-Impfungen und eine wirtschaftliche Erholung für starken Preisauftrieb gesorgt. Der Goldpreis gab hingegen nach und fiel unter 1.900 Dollar je Feinunze.

Bitcoin zieht weiter an

Die führende Kryptowährung legte nach einer kurzen Verschnaufpause wieder zu und stieg auf ein neues historisches Hoch von rund 41.600 Dollar, nachdem die Devise am Donnerstag erstmals die Marke von 40.000 Dollar übersprungen hatte. Die Ankündigung des Bezahldienstes Paypal, Kontoinhabern die Nutzung von Kryptowährung zu ermöglichen, hat zuletzt die Bitcoin-Rally angeheizt.

Chipwerte besonders gefragt

Im DAX führten Infineon-Aktien die Gewinnerliste mit einem Aufschlag von rund sieben Prozent an. Der Grund waren die besser als erwartet ausgefallenen Umsatzzahlen des Konkurrenten STMicroelectronics. Vor allem in der Autoindustrie herrscht derzeit mehr Nachfrage nach Chips als produziert werden kann.

Deutsche Bank zahlt 125 Millionen Dollar bei Vergleich

Die Deutsche Bank hat mit einem millionenschweren Vergleich weitere juristische Altlasten in den USA ausgeräumt. Das größte deutsche Geldhaus zahlt wegen Vorwürfen der Bestechung bei bestimmten Auslandsgeschäften und Manipulationen im Handel mit Edelmetallkontrakten über 125 Millionen Dollar. Das ging aus US-Gerichtsunterlagen vom Freitag hervor. Im Gegenzug werden strafrechtliche Verfahren der Justizbehörden eingestellt. "Auch wenn wir uns zu den Details der Vergleiche nicht äußern können, übernehmen wir die Verantwortung für diese Vorgänge, die sich zwischen 2008 und 2017 ereignet haben", erklärte die Deutsche Bank am Abend.

Fast ein Fünftel weniger Auto-Neuzulassungen

Autoaktien gehörten zu den wenigen DAX-Verlierern. Die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes und der Autoverbände fielen wie erwartet trübe aus. Im Corona-Jahr 2020 sank der PKw-Absatz um 19,1 Prozent auf 2,9 Millionen Fahrzeuge. Dies lag aber im Rahmen der Experten-Erwartungen.

Bayer besorgt sich Milliarden am Anleihemarkt

Dax-Schlusslicht war Bayer. Der Pharma- und Agrarchemiekonzern hat sich Milliarden am Anleihemarkt besorgt. Die Emission über vier Milliarden Euro bestehe aus mehreren Tranchen mit Laufzeiten von vier bis 15 Jahren, teilte der DAX-Konzern mit. Die Verzinsung betrage 0,375 bis 1 Prozent pro Jahr. Die Erlöse sollen für allgemeine Unternehmenszwecke verwendet werden, unter anderem zur Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten. Bayer investierte zuletzt reichlich Geld in die Pharmasparte, unter anderem mit der Milliardenübernahme des US-Unternehmens Asklepios BioPharmaceutical zum Ausbau des Geschäfts mit Zell- und Gentherapien. Zudem sind die Leverkusener immer noch mit dem Rechtsstreit um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat beschäftigt.

Daimler profitiert vom China-Geschäft

Daimlers Pkw-Tochter Mercedes-Benz hat die Corona-Krise dank der schnellen Erholung des Automarktes in China rasch abgeschüttelt. Im vierten Quartal erreichte die Marke mit dem Stern einen Absatz auf Vorjahresniveau. Der Jahresabsatz ging nach dem Einbruch um fast ein Fünftel im ersten Halbjahr nur noch um 7,5 Prozent auf 2,164 Millionen gegenüber dem Vorjahr zurück, hieß es am Freitag. China war der einzige große Markt mit einem kräftigen Zuwachs von knapp zwölf Prozent. Daimler verkaufte insgesamt 774.382 Fahrzeuge in China und damit jeden dritten Pkw auf dem größten Einzelmarkt.

Commerzbank erwartet höhere Belastungen

Die Commerzbank rechnet mit deutlich höheren Belastungen durch die Corona-Krise. Im vergangenen Jahr seien mindestens 1,7 Milliarden Euro Belastungen für Risikokredite angefallen, hieß es am Freitag. Bislang hatte das Geldhaus 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro prognostiziert. In der neuen Risikovorsorge seien auch 500 Millionen Euro für in diesem Jahr "zu erwartende Corona-bedingte Sachverhalte" enthalten.

Außerdem schrieb die Commerzbank einen Goodwill von rund 1,5 Milliarden Euro ab und begründete dies mit dem Zinsniveau in der Eurozone und verschlechterter Bedingungen in Polen. Dort ist die Commerzbank mit der Tochter mBank tätig.

Airbus liefert ein Drittel weniger Flieger aus

Airbus hat im Corona-Jahr 2020 gut ein Drittel weniger Flugzeuge an die Kunden ausgeliefert, damit aber seine Position als weltgrößter Hersteller von Passagiermaschinen klar behauptet. Der europäische Flugzeugbauer meldete am Freitag 566 Auslieferungen - 34 Prozent weniger als im Rekordjahr 2019. Damit ist Airbus bisher weit glimpflicher durch die Luftfahrt-Krise gekommen als der Erzrivale Boeing, der bis Ende November gerade auf 118 ausgelieferte Maschinen kam. Airbus-Chef Guillaume Faury zeigte sich "vorsichtig optimistisch" für das neue Jahr, "auch wenn große Herausforderungen und Unsicherheiten kurzfristig bestehen bleiben". Allein im Dezember wurden 89 Maschinen ausgeliefert.

BioNTech-Impfstoff hilft auch gegen Mutationen

Die Aktien von BioNTech gewannen über sechs Prozent. Der Impfstoff der Partner BioNTech und Pfizer scheint laut einer vom US-Arzneimittelhersteller durchgeführten Studie gegen die in Großbritannien und Südafrika entdeckten Virus-Varianten zu wirken. Die EU gab derweil bekannt, mit BioNTech einen Einigung über die Lieferung von 300 Millionen Dosen getroffen zu haben.

Milliardengewinn für die Schweizer Notenbank

Die börsennotierte Schweizerische Nationalbank (SNB) hat im vergangenen Jahr einen Gewinn von rund 21 Milliarden Franken erzielt. 2019 war der Überschuss mit 48,9 Milliarden Franken noch höher ausgefallen. Die SNB will wie im Vorjahr insgesamt vier Milliarden Franken an Bund und Kantone ausschütten.

Das Ergebnis der SNB ist abhängig von Wertschwankungen ihrer Hunderte Milliarden Franken schweren Devisenreserven. Dazu zählen auch Aktien und Anleihen aus dem Ausland. Fremdwährungen kauft die SNB, um eine wirtschaftsschädliche Aufwertung des in Krisenzeiten gefragten Franken zu unterbinden.

Tesla mehr wert als Facebook

Für Gesprächsstoff sorgte ein erneuter Kurssprung bei Tesla: Der E-Auto-Pionier ist an der Börse erstmals mehr als 800 Milliarden Dollar wert. Die von Rekord zu Rekord eilende Aktie stieg um 8,4 Prozent auf ein Allzeithoch von 884 Dollar. Tesla ist mittlerweile mehr wert als Facebook und steht im Ranking der wertvollsten Wall-Street-Unternehmen auf Platz fünf.

Samsung profitiert vom Trend zum Home Office

Der Trend zum Home-Office hat den Gewinn von Samsung Electronics in der Corona-Krise angeschoben. Im vierten Quartal kletterte das Betriebsergebnis trotz des starken Won auf Jahressicht um 26 Prozent auf rund neun Billionen Won (umgerechnet 6,7 Milliarden Euro). Im Vergleich zum Vorquartal war dies allerdings ein Rückgang von rund 27 Prozent. Während Samsung Electronics weniger Smartphones verkaufte, florierte das Geschäft mit Halbleitern und Bildschirmen unter anderem für Fernseher. Die Samsung-Aktie legte in Seoul mehr als sieben Prozent zu.

Kooperation zwischen Hyundai und Apple?

Gerüchte über eine Zusammenarbeit von Apple und Hyundai im Elektroautosektor haben die Aktie des südkoreanischen Autobauers in die Höhe schnellen lassen. Die Papiere an der Börse in Seoul legten am Freitag um 19,4 Prozent zu, die der Tochterfirma Kia um 8,4 Prozent. In den Medien wird über ein mögliches Joint Venture von Apple und Hyundai zur Herstellung selbstfahrender Elektroautos spekuliert. Dem Sender Korea Economic TV zufolge kontaktierte der US-Technologiekonzern den südkoreanischen Autobauer, um über eine Kooperation bei der Produktion von E-Autos und Batterien zu sprechen. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap zitierte einen Hyundai-Vertreter mit der Aussage, die Gespräche mit Apple befänden sich noch am Anfang.

Hyundai Kona | Unternehmen

Hyundai Kona Bild: Unternehmen

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Januar 2021 um 18:35 Uhr.