Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A
Marktbericht

Schwacher Wochenstart Akute Zinssorgen

Stand: 11.04.2022 22:12 Uhr

Der Ukraine-Krieg treibt die Preise noch viel stärker als die Pandemie. Das wiederum ruft die Notenbanken auf den Plan. Entsprechend schwach fiel der Start in die Karwoche aus.

Die amerikanische Notenbank Fed ist nach eigenem Bekunden entschlossen, die Zinsen aggressiv anzuheben, um der ausufernden Inflation Herr zu werden. Umso besorgter blicken die Investoren auf die morgige Veröffentlichung der US-Inflationsrate für März. Ökonomen schätzen, dass sie angesichts der stark gestiegenen Energiepreise auf 8,5 Prozent emporgeschnellt sein könnte.

Steigende Zinsen sind aber das viel zitierte "Gift" für die Aktienmärkte: Nicht nur machen sie Zinsanlagen als Alternative zu Aktien tendenziell attraktiver, sie verteuern auch die Kapitalbeschaffung der Unternehmen und schmälern damit deren Gewinnaussichten.

Daher standen die amerikanischen Aktienmärkte im Vorfeld des wichtigen Termins weiter unter Druck. Die Standardwerte des Dow Jones gingen 1,2 Prozent tiefer aus dem Handel. Die zinssensitiveren Technologietitel standen noch stärker unter Druck. Der Nasdaq 100 verlor 2,35 Prozent. Schon in der vergangenen Woche hatte der Technologieindex 3,6 Prozent eingebüßt.

Konjunktur- und Zinssorgen drücken DAX

Den deutschen Markt plagen ganz ähnliche Sorgen. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) war zuletzt mit Blick auf die historisch hohen Inflationsraten in der Eurozone unter Druck geraten, endlich etwas gegen den rasanten Preisanstieg zu unternehmen. Diesbezügliche Aussagen auf der EZB-Pressekonferenz nach der Ratssitzung am Donnerstag dürften an den Märkten deutliche Reaktionen auslösen.

Der DAX beschloss den Handelstag mit einem Minus von 0,64 Prozent. Dabei neigen die Aktienmärkte in der Woche vor Ostern eigentlich zur Stärke. Die technischen Analysten von HSBC Trinkaus begründen dies mit der "guten Stimmung aufgrund der Feiertage, die sich wiederum in steigenden Börsennotierungen niederschlägt". Seit 1988 habe der DAX in der Karwoche im Durchschnitt um 1,1 Prozent zugelegt.

Während die Nachrichten aus der Ukraine unverändert besorgniserregend sind, hat sich zuletzt mit der Corona-Pandemie ein weiterer Belastungsfaktor zurückgemeldet. Ökonomen befürchten hohe Nachfrageausfälle durch die rigorose Ausgangssperre in der chinesischen Wirtschaftsmetropole Shanghai. Zwar sollen die Maßnahmen bald etwas gelockert werden, aber ein Ende der strikten No-Covid-Strategie in China ist nicht absehbar.

Brent-Preis fällt auf 100 Dollar

Vor dem Hintergrund der neuen Konjunktur- und Zinssorgen sind auch die Ölpreise mit deutlichen Abschlägen in die Handelswoche gegangen. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostet wieder weniger als 100 Dollar. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel ähnlich stark auf 94,20 Dollar. Die OPEC hat sich derweil für außer Stande erklärt, einen etwaigen Ausfall der russischen Ölproduktion ausgleichen zu können.

Euro stabil nach Frankreich-Wahl

Der Euro zeigte sich nach der Frankreich-Wahl zunächst stabil. Die europäische Gemeinschaftswährung notierte am späten Abend bei 1,0880 Dollar.

Die erste Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich endete am Wochenende mit dem Einzug von Emmanuel Macron und Marine Le Pen in die Stichwahl am 24. April. Die meisten Beobachter hatten dieses Duell für die entscheidende Runde der Präsidentschaftswahl erwartet.

Großinvestor steigt bei Deutscher und Commerzbank aus

Die Deutsche Bank und die Commerzbank verlieren nach dem US-Hedgefonds Cerberus einen weiteren großen Investor. Die Investmentbank Morgan Stanley bot am Abend zwei Aktienpakete der beiden deutschen Großbanken von jeweils mehr als fünf Prozent an, die vom selben Investor stammen. Sie dürften ihm insgesamt 1,75 Milliarden Euro bringen. Den Namen des Verkäufers nannte die Bank nicht. Anteilspakete in dieser Größenordnung haben aber nur die US-Vermögensverwalter Blackrock und Capital Group gemeldet. Im späten Frankfurter Handel gerieten beide Werte unter Druck. Deutsche Bank verloren 5,6 Prozent, Commerzbank 3,9 Prozent. Die Capital Group hatte erst im November ihren Anteil an der Deutschen Bank auf mehr als fünf Prozent aufgestockt. An der Commerzbank hält sie seit Oktober 2020 einen ähnlich großen Anteil.

Nord Stream 2 kostet BASF 1,1 Milliarden

Am Nachmittag legte BASF Daten zum ersten Quartal vor. Der Gewinn fiel um fast 29 Prozent auf 1,22 Milliarden Euro. Grund sind Abschreibungen bei Wintershall Dea wegen Nord Stream 2, die BASF anteilig mit rund 1,1 Milliarden Euro berücksichtigte. Der Öl- und Gaskonzern, an dem BASF noch 67 Prozent hält, hat die umstrittene Ostsee-Pipeline im März vollständig abgeschrieben. Im Tagesgeschäft schlug sich BASF deutlich besser als von Analysten erwartet. Der Quartalsumsatz stieg um 19 Prozent auf 23,1 Milliarden Euro. Der Krieg in der Ukraine trübt aber die Aussichten. Vorstandschef Martin Brudermüller hatte vor kurzem gewarnt, dass ein Embargo von russischem Gas die deutsche Volkswirtschaft in die "schwerste Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs bringen" könnte. Eine Reduzierung der Erdgasversorgung auf unter die Hälfte des heutigen Bedarfs würde zu einer vollständigen Einstellung der Betriebstätigkeit am größten Standort Ludwigshafen führen. Für 2022 hat sich BASF bereits auf einen Rückgang eingestellt: Das bereinigte operative Ergebnis dürfte um bis zu 15 Prozent auf 6,6 bis 7,2 Milliarden Euro sinken.

HelloFresh weiter unter Druck

Mit HelloFresh, Delivery Hero und Zalando waren die schwächsten DAX-Werte des laufenden Jahres auch heute die Schlusslichter im deutschen Leitindex. HelloFresh verloren 4,3 Prozent. Das US-Analysehaus Bernstein Research hat die Einstufung für das Papier auf "Underperform" mit einem Kursziel von 39 Euro belassen. Die Markterwartungen an den Kochboxenlieferanten seien zu hoch, so Analyst William Woods. Das Geschäftsmodell sei schwierig angesichts hoher Rabatte, schnell wieder abwandernder Kunden und der Werbekosten.

Kühne stockt bei Lufthansa auf

Der Hamburger Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne hat seine Beteiligung an der Lufthansa auf 10,01 Prozent aufgestockt. Vor gut vier Wochen hatte der 84-Jährige schon einen Anteil von fünf Prozent gemeldet und war damit zum zweitgrößten Aktionär aufgestiegen. Kühne gehören die Mehrheit am Logistikkonzern Kühne + Nagel und 30 Prozent an der Reederei Hapag-Lloyd. Die Fluggesellschaft war wegen der Corona-Krise in ernsthafte Probleme geraten und vom Staat aufgefangen worden. Die meisten Hilfen hat der Konzern bereits zurückgezahlt, der Staatsfonds WSF ist aber mit 14,1 Prozent noch größter Lufthansa-Aktionär. Kühne ist bereits der zweite deutsche Milliardär, der die Lufthansa für ein lohnendes Investment hält: Mitten in der Corona-Krise hatte sich der Münchner Unternehmer Heinz-Hermann Thiele bis zu 15 Prozent der Anteile gesichert. Nach seinem Tod vor gut einem Jahr baute seine Witwe Nadia Thiele die Beteiligung aber fast vollständig wieder ab.

Rheinmetall-Aktie nach Boxer-Verkauf gefragt

Großbritannien hat 100 weitere Radpanzer vom Typ Boxer bestellt. Ein Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann (KMW) soll die 100 Panzer bis 2024 liefern, wie es in einer Mitteilung der beiden Firmen heißt. Die Rheinmetall-Aktie nahm daraufhin wieder Kurs auf ihr Rekordhoch. Der Rüstungskonzern erklärte sich zudem bereit, der Ukraine gebrauchte Kampfpanzer vom Typ Leopard 1 zu liefern. Voraussetzung für einem solchen Transfer wäre eine Zustimmung der Bundesregierung. Bundeskanzler Olaf Scholz wollte sich dazu zunächst nicht äußern.

Flugzeugfinanzierer BOC bestellt 80 Airbus-Jets

Der Flugzeugbauer Airbus hat einen Großauftrag aus Asien erhalten. Der Flugzeugfinanzierer BOC Aviation habe 80 Jets aus der A320-Modellfamilie bestellt, teilte der im DAX gelistete Hersteller heute in Toulouse mit. Davon entfielen 20 Exemplare auf die Standardvariante A320neo, 50 auf die längere A321neo und zehn auf die neue Langstreckenversion A321XLR. Der Flugzeugfinanzierer mit Sitz in Singapur gehört zur Bank of China.

Bund sichert sich Kapazitäten von CureVac

Das Tübinger Biopharma-Unternehmen CureVac hat mit der Bundesregierung einen Vertrag zur Produktion von Corona-Impfstoffen abgeschlossen. Der Bund erhält damit Zugang zu CureVacs Produktionskapazität, um 80 Millionen Impfdosen während der aktuellen Pandemie oder bei künftigen Ausbrüchen schnell zur Verfügung stellen zu können. Nach dem Rückzieher des ersten Impfstoffkandidaten wegen vergleichsweise schwacher Wirksamkeit hatte CureVac mit seinem britischen Partner GSK die Entwicklung eines neuen Impfstoffs begonnen. Daten aus der neuen Phase 1-Studie werden laut CureVac in der zweiten Jahreshälfte erwartet.

Nordex-Mitarbeiter demonstrieren für Rostock

Die von der angekündigten Schließung des Nordex-Rotorblattwerks in Rostock betroffenen Mitarbeiter haben heute vor dem Werkstor demonstriert. Nordex will seine Rotorblattfertigung in Rostock Ende Juni einstellen. Als Begründung nannte das TecDAX-Unternehmen ein schwieriges Wettbewerbsumfeld und eine Verschiebung der Nachfrage hin zu größeren Rotorblättern. Diese könnten in Rostock nicht hergestellt werden.

Musk tritt Twitter-Verwaltungsrat doch nicht bei

Der Milliardär Elon Musk wird Twitter-Chef Parag Agrawal zufolge doch nicht Mitglied des Verwaltungsrats von Twitter. Es habe innerhalb des Gremiums und mit Musk viele Diskussionen über den Beitritt gegeben, sagte Agrawal. Musk habe sich jedoch dagegen entschieden. Musk sei der größte Aktionär des Unternehmens und man werde offen für seinen Input bleiben.

Société Générale stößt Russland-Geschäft ab

Die französische Großbank Société Générale trennt sich infolge des Ukraine-Kriegs von ihrem Russland-Geschäft. Käufer der Russland-Tochter Rosbank sei deren vorheriger Eigentümer Interros Capital, teilte die SocGen mit. Interros übernehme auch das russische Versicherungsgeschäft des Konzerns.

Ericsson stellt Geschäft in Russland ein

Der schwedische Netzwerkausrüster Ericsson zieht sich vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs bis auf Weiteres aus seinen Geschäften in Russland zurück. Als eine Folge des Rückzugs bildet Ericsson im ersten Quartal eine Rückstellung in Höhe von 900 Millionen schwedischen Kronen (rund 87 Millionen Euro). Die rund 600 Angestellten in Russland werden nun in bezahlten Urlaub geschickt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. April 2022 um 12:00 Uhr.