Händler an der New Yorker Börse | picture alliance / Xinhua News A
Marktbericht

Leichte Verluste Wall Street drosselt das Tempo

Stand: 17.11.2022 22:20 Uhr

An der Wall Street setzte sich die jüngste Zinseuphorie heute nicht fort. Denn die Zinsen werden wohl weiter steigen, wenn auch nicht mehr so stark. Das sorgte für mehr Vorsicht bei den Anlegern.

Wie schon zuvor in Europa zogen sich auch in New York die Anlegerinnen und Anleger nach der jüngsten Zinsrally zurück. Denn zuletzt hatten sich mehrere Vertreter der US-Notenbank klar dafür ausgesprochen, die Zinsen auch zukünftig weiter anzuheben.

"Die Fed versucht sicherzustellen, dass der Markt sich nicht zu weit vorwagt", sagte Tim Holland, Chief Investment Officer bei Orion Advisor Solutions. Händler preisen aktuell eine Wahrscheinlichkeit von 89 Prozent für eine Zinserhöhung der Fed um 50 Basispunkte im Dezember ein und sehen den Höhepunkt im Juni 2023 bei etwa 5 Prozent. Von einer Zinspause kann also keine Rede sein, eher von eher von einer Drosselung des Zinstempos.

Indizes im Rückwärtsgang

Diese Erkenntnis sorgte bei den Anlegern für Skepsis, ohne dass es deswegen zu einem Ausverkauf gekommen wäre. Dieser zeichnet sich auch nicht ab, aber die erste Euphorie nach den niedrigeren Inflationszahlen von vor einer Woche lässt nun nach.

Nachdem die Technologiebörse Nasdaq zuletzt rund zehn Prozent gestiegen war, gab sie heute nur einen kleinen Teil der Gewinne wieder ab. Der Composite-Index schloss bei 11.144 Punkten um 0,35 Prozent leichter, der Auswahlindex Nasdaq 100 gab 0,19 Prozent ab.

Der Leitindex Dow Jones veränderte sich kaum. Er verzeichnete lediglich ein Mini-Minus von 0,02 Prozent und schloss nahezu unverändert bei 33.546 Punkten. Bereits seit Dienstag halten sich die Anlegerinnen und Anleger zurück und nehmen Gewinne mit. Zuvor war der Dow Jones noch angesichts des nachlassenden Preisauftriebs in den USA binnen gut eines Monats um fast ein Fünftel gestiegen. Der marktbreite S&P-500-Index ging bei 3946 Punkten um 0,27 Prozent schwächer ausa dem Handel.

Entwarnung brachten neue Konjunkturdaten am Donnerstag nicht: So fielen die Daten vom Arbeits- und Häusermarkt gemischt aus. Zudem zeigte die Umfrage der Notenbank in Philadelphia unter Herstellern zum Geschäftsklima ein unerwartet deutlich verschlechtertes Stimmungsbild.

Cisco Tagessieger im Dow

Erleichterung über die Anhebung der Gesamtjahresziele halfen Titeln von Cisco Systems zu einem Kursgewinn von 4,96 Prozent auf 46,59 Dollar und damit an die Spitze der Gewinnerliste im Dow Jones-Index. Die operative Entwicklung sei im Vergleich zu den extrem niedrigen Erwartungen stark ausgefallen, kommentierten die Analysten von Cowen and Company die Zahlen. Der Netzwerkausrüster baue ein stabileres, vorhersehbareres Geschäft auf, da es den Schwerpunkt auf Software und wiederkehrende Einnahmequellen lege, hieß es bei Jefferies.

Alibaba-Ausblick kommt gut an

Alibaba haben am Donnerstag nach der Aussagen des Managements anlässlich des vorgelegten Quartalsberichts kräftig zugelegt. Die Papiere (ADR) des chinesischen Online-Handelsriesen schüttelten ihre Auftaktverluste an der NYSE rasch ab und legten am Ende deutlich um 7,76 Prozent auf 84,26 Dollar zu.

Zwar verbuchte Alibaba im abgelaufenen Quartal wegen schlecht gelaufener Investments einen Milliardenverlust, Analysten äußerten sich aber vor allem über die Kostenkontrolle und die Verbesserungen in Sachen Profitabilität positiv. Zudem kündigte das Management Pläne an, sein Aktienrückkaufprogramm aufstocken zu wollen und äußerte sich optimistisch zum Thema Covid-Beschränkungen in China. Mit der Einführung der 20-Punkte-Pandemie-Maßnahmen durch die staatlichen Behörden seien positive Auswirkungen zu erwarten, sagte Alibaba-Chef Daniel Zhang.

Keine Anschlusskäufe im DAX

Nach einer über 2000 Punkte gehenden Rally seit Ende September sind die Anleger nunmehr auf Richtungssuche. Der deutsche Leitindex wechselte heute mehrmals das Vorzeichen und schwankte zwischen 14.149 und 14.384 Punkten. Am Ende bewegte er sich mit einem leichten Tagesgewinn von 0,23 Prozent auf 14.266 Punkte nur wenig.

Der MDAX, der Index der mittelgroßen Werte, gab hingegen um 0,4 Prozent nach und schloss bei 25.509 Punkten.

"Die Händler scheinen ihre Kaufpositionen zu liquidieren, und die Kraft der Anschlusskäufer hält sich zusehends in Grenzen", fasste Frank Sohlleder, Marktanalyst beim Handelshaus ActivTrades zusammen. "Das Ergebnis in den Märkten ist eine Pattsituation, die Luft ist raus."

"Nach rund 20 Prozent Kursplus in sieben Wochen im DAX ist eine Konsolidierung nichts Ungewöhnliches und sogar gesund", meint dazu Robert Halver, Marktstratege bei der Baader Bank. Allerdings warte angesichts der vergleichsweise hohen Kassenhaltung noch viel Geld an der Seitenlinie, das sich bei weiter verbesserten Perspektiven an die Aktienmärkte trauen werde und dann klar für eine Jahresend-Rallye spreche, so Halver.

Siemens an der DAX-Spitze

Thema des Tages an der Börse waren die positiven Quartalszahlen von DAX-Schwergewicht Siemens, dessen Aktie mit einem Tagesplus von fast 7,0 Prozent einsam an der DAX-Spitze stand. Die Münchener haben im Geschäftsjahr 2021/22 ein Rekordergebnis im operativen Geschäft erzielt und erhöhen die Dividende.

Das Ergebnis im Industriegeschäft stieg um 17 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro und damit zum ersten Mal über die Zehn-Milliardenmarke. Obwohl der Nettogewinn durch die Milliardenabschreibung auf die ehemalige Tochter Siemens Energy per Ende September auf 4,4 (Vorjahr: 6,7) Milliarden Euro einbrach, sollen die Aktionäre eine um 25 Cent höhere Dividende von 4,25 Euro je Anteilsschein erhalten.

Auch die Papiere von Triebwerksbauer MTU waren gesucht. Am DAX-Ende standen Autozulieferer Continental sowie der Onlinehändler Zalando.

Neue Impulse fehlen

Getragen worden war der kräftige Aktienaufschwung zuletzt von Zinshoffnungen der Anleger, nachdem US-Inflationszahlen zuletzt niedriger ausgefallen waren als erwartet. Das nährt die Hoffnung auf geringere Zinsschritte durch die Notenbanken, allen voran der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Aber diese Zinseffekte laufen nun langsam aus, gleichzeitig fehlen neue Impulse, die den DAX weiter nach oben treiben könnten. Damit riecht es derzeit nach einer Konsolidierung.

Die Fachleute der Helaba sehen beim DAX derzeit zwar wie die Kollegen von der Commerzbank Anzeichen für eine "überkaufte" Marktlage. Nach einer Verschnaufpause sollte ihrer Ansicht nach unter charttechnischen Gesichtspunkten ein weiterer Anstieg dennoch nicht ausgeschlossen werden. Bei 14.596 Punkten sehen sie ein mögliches Kursziel, darüber sei das Hoch vom Juni dieses Jahres bei 14.709 im Blick.

Euro etwas schwächer

Konsolidierung ist derzeit auch das Stichwort am Devisenmarkt, wo der Euroaufschwung an Fahrt verliert. Die Gemeinschaftswährung rutschte im Zuge wieder ansziehender Zinserwarteungen in den USA unter die Marke von 1,04 Dollar. Im US-Handel wurden zuletzt 1,0362 Dollar bezahlt.

Am Markt war von einer stärkeren Nachfrage nach dem US-Dollar die Rede, was im Gegenzug den Euro und viele andere wichtige Währungen belastet habe. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0319 (Mittwoch: 1,0412) Dollar fest.

Zudem rückten Teuerungsdaten aus dem Euroraum in den Blick. In der Region hatte die Inflation zwar im Oktober abermals einen Rekordwert erreicht: Gegenüber dem Vorjahresmonat stiegen die Verbraucherpreise um 10,6 Prozent. Die in der ersten Schätzung ermittelte Inflationsrate, aber wurde leicht nach unten korrigiert.

Melanie Debono, Volkswirtin für Europa bei Pantheon Macroeconomics, schrieb: "Wir rechnen damit, dass die Inflation in der Eurozone ihren Höhepunkt erreicht hat, aber sie wird noch einige Zeit hoch bleiben."

Das britische Pfund weitete nach Aussagen von Finanzminister Jeremy Hunt seine Verluste gegenüber dem US-Dollar und dem Euro kurzzeitig aus. Hunt sagte im Rahmen seiner Haushaltsrede, dass sich das Vereinigte Königreich bereits in einer Rezession befinde. Auch wegen Russlands Krieg in der Ukraine und dadurch weiter gestiegene Energiepreise erreichte die Inflation in dem Land zuletzt ein 41-Jahres-Hoch. Die britische Regierung will auch die Steuern erhöhen, was Rezessionsängste noch verstärkte.

Allianz will chinesische Vermögen verwalten

Allianz-Chef Oliver Bäte sieht in der Vermögensverwaltung für Kunden in China eine große Chance für sein Unternehmen. Chinesische Investoren müssten ihre Geldanlagen diversifizieren, sagte der Chef des deutschen Versicherungskonzerns dem Sender Bloomberg TV. "Ich denke, wir können hier einen großen Beitrag leisten." Schon im Oktober hatte sich der Manager gegenüber Medien positiv zu Chinas Zukunft geäußert. In anderen Branchen und in der deutschen Politik wird derzeit intensiv über die Abhängigkeit der hiesigen Wirtschaft von China diskutiert.

BASF setzt weiter auf China - Bedeutung Europas sinkt

Auch BASF-Chef Martin Brudermüller sieht China trotz der zunehmenden geopolitischen Spannungen weiter als Wachstumsmarkt für den Chemiekonzern. Es gebe dort aber "rote Linien", die sich am hiesigen Wertesystem und den Unternehmensgrundsätzen orientierten, sagte er dem "Handelsblatt".

In China baut der Chemieriese gegenwärtig für bis zu zehn Milliarden Euro einen neuen Verbundstandort in der südlichen Provinz Guangdong. Europa dagegen verliert Brudermüller zufolge als Standort kontinuierlich an Attraktivität, nicht nur gegenüber China, sondern auch im Vergleich mit den USA und dem Mittleren Osten. "Europa verliert in vieler Hinsicht an Wettbewerbsfähigkeit. Bereits seit einer Dekade gibt es nur noch schwaches Wachstum. Jetzt geht es noch weiter bergab", so Brudermüller weiter.

Verzichtet VW auf die "Trinity"-Fabrik?

Der neue Volkswagen-Chef Oliver Blume stellt den milliardenschweren Bau einer neuen Autofabrik neben dem Stammwerk in Wolfsburg zur Disposition. Am Plan, das Fahrzeug mit dem Projektnamen Trinity mit der neuen Einheitssoftware SSP auf den Markt zu bringen, halte das Management fest. Es sei aber die Frage, ob dafür eine neue Fabrik gebaut werden müsse, oder der Wagen im Wolfsburger Stammwerk vom Band rolle. Ein Insider bestätigte, dass darüber beraten wird.

Südafrika fordert Rückzahlung von SAP

Eine Sonderermittlungseinheit (SIU) in Südafrika hat den deutschen Softwarehersteller SAP angewiesen, umgerechnet etwa 55 Millionen Euro zurückzuzahlen. Verträge zwischen SAP und dem staatlichen Stromversorger Eskom, die bis 2016 zurückreichen, seien nicht rechtskräftig und müssten aufgehoben werden, sagte SIU-Sprecher Kaizer Kganyago der Nachrichtenagentur dpa. Südafrikas Regierung habe die Vertragsabschlüsse nicht genehmigt, so Kganyago.

DAX-Mitglied SAP ist seit 2017 mit Korruptionsvorwürfen bei Geschäften mit südafrikanischen Behörden und staatlichen Unternehmen konfrontiert. Anfang 2018 hatte SAP Unregelmäßigkeiten eingeräumt. Dabei ging es vor allem um ungewöhnlich hohe Kommissionszahlungen in Millionenhöhe an Firmen einer damals regierungsnahen Unternehmerfamilie. Auch die US-Börsenaufsicht SEC ist in den Ermittlungen involviert.

Briten entdecken Lidl

Die Verbraucher in Großbritannien kaufen angesichts der hohen Lebenshaltungskosten verstärkt beim Discounter Lidl ein. Im vergangenen Geschäftsjahr (per Ende Februar) stiegen die Erlöse um 1,5 Prozent auf 7,8 Milliarden Pfund geklettert, teilte die britische Lidl-Tochter mit. Vor Steuern verdiente der Konkurrent der britischen Ketten Tesco- und Sainsbury's rund 41,1 (Vorjahr: 9,8) Millionen Pfund. Nach Marktdaten des Kantar-Instituts sind die Discounter Lidl und Aldi die derzeit auf der Insel am schnellsten wachsenden Lebensmittel-Ketten.

Thyssenkrupp befürchtet Gewinnrückgang

Der Industriekonzern Thyssenkrupp will nach Zuwächsen im abgelaufenen Geschäftsjahr 2021/22 eine Dividende ausschütten. Die Anleger sollen 15 Cent je Aktie erhalten. Dank starker Ergebnisse der Stahlsparte und im Materialhandelsgeschäft verdreifachte Thyssenkrupp im vergangenen Geschäftsjahr fast das operative Ergebnis (bereinigtes Ebit) auf 2,1 Milliarden Euro. Unter dem Strich blieben 1,1 Milliarden Euro Gewinn nach einem Verlust von 115 Millionen Euro im Vorjahr. Beim Ausblick geht Thyssenkrupp unter anderem wegen der inzwischen gesunkenen Stahlpreise von einem schwierigen Geschäftsjahr aus.

Disney kauft Kreuzfahrtschiff "Global Dream" der MV Werften

Der US-amerikanische Disney-Konzern kauft das bisher unter dem Namen "Global Dream" bekannte Kreuzfahrtschiff der insolventen MV-Werften-Gruppe in Wismar, wie der Unterhaltungsriese mitteilte. Am Standort in Mecklenburg-Vorpommern soll es unter der Regie der Papenburger Meyer Werft fertiggebaut werden.

CTS Eventim vervierfacht Nettogewinn

Das wieder anziehende Geschäft mit Liveveranstaltungen und Konzerten hat dem Ticketverkäufer CTS Eventim einen deutlichen Gewinnsprung beschert. Unter dem Strich stieg der Nettogewinn der ersten neun Monate von 31,5 Millionen Euro im Vorjahr auf nun fast 129 Millionen Euro. CTS Eventim profitiert vor allem davon, dass das Unternehmen wieder Veranstaltungen wie Musicals, Konzerte und Shows organisieren kann. Der Umsatz der Monate Januar bis September fiel mit 1,4 Milliarden Euro fast achtmal so groß aus wie im noch von Corona-Maßnahmen begleiteten Vorjahreszeitraum.

Morphosys reduziert operativen Verlust

Der Verlust von Morphosys erhöhte sich in den ersten neun Monaten auf 480,5 (Vorjahr: 133,5) Millionen Euro, wozu vor allem deutlich gestiegene Finanzaufwendungen als Folge einer Neubewertung der Verbindlichkeiten von Morphosys im Zuge des gestiegenen Dollar beitrugen. Der Umsatz kletterte um 55 Prozent auf 196,7 Millionen Euro, dank höherer Tantiemen und Lizenzeinnahmen sowie eines stärkeren Geschäfts mit dem Krebsmittel Monjuvi.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 26. Juni 2022 um 07:08 Uhr.