Händler an der Frankfurter Börse
Marktbericht

Kräftige Kursgewinne weltweit Börsenwoche mit Happy-End

Stand: 26.03.2021 22:26 Uhr

Die verschärften Lockdowns in Europa und die Blockade des Suez-Kanals durch einen havarierten Frachter stören die Anleger kaum noch. Neuer Konjunkturoptimismus trieb die Börsen zum Wochenschluss wieder an.

US-Präsident Joe Biden ist derzeit der große Hoffnungsträger an den Börsen: Nachdem das billionenschwere Corona-Hilfspaket vom US-Kongress gebilligt wurde, freuen sich viele Amerikaner auf Gratis-Schecks in Höhe von 1400 Dollar, die bald in ihren Briefkästen landen dürften. Ein Großteil des Geldes dürfte in den Konsum fließen. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass das von der Universität Michigan gemessene Konsumklima in den USA im März deutlich gestiegen ist und den höchsten Stand seit einem Jahr erreicht hat.

Hoffnung auf den großen US-Aufschwung

Nun bereitet Biden seinen nächsten großen Coup vor: ein Billionen-Programm zur Modernisierung der amerikanischen Infrastruktur. In den nächsten Tagen wird er voraussichtlich Details dazu vorlegen. Diese gigantischen Konjunkturpakete sorgen an der Wall Street für Aufbruchstimmung. Die Anleger wetten auf eine baldige Rückkehr zur pandemiefreien wirtschaftlichen Erholung. Die staatlichen Unterstützungsprogramme könnten zusätzlich den Börsenboom anheizen. Einige Amerikaner wollen einen Teil des 1400-Dollar-Geschenkschecks in Aktien investieren.

Spätes Kursfeuerwerk an der Wall Street

Die Hoffnung auf den großen amerikanischen Wirtschaftsaufschwung beflügelte am Freitag die Wall Street. Der Dow Jones verabschiedete sich mit einem Kursplus von 1,4 Prozent bei über 33.000 Punkten ins Wochenende. Damit rückte das wenige Tage alte Rekordhoch von 33.227 Zähler wieder in Reichweite. Auch in den anderen Indizes gab es ein Kursfeuerwerk: Für den marktbreiten S&P 500 ging es um fast 1,7 Prozent auf 3.974 Punkte hoch. Nur knapp wurde eine neue historische Bestmarke verfehlt. Und selbst der technologielastige Nasdaq 100 machte seine zwischenzeitlichen Verluste wett und schloss um 1,6 Prozent höher bei 12.979 Zähler.

Die späte Kaufwelle begründeten Marktbeobachter mit erfreulichen Konjunkturdaten, positiven Nachrichten für den Bankensektor und der rasant verlaufenden Corona-Impfkampagne in den Vereinigten Staaten. Gestern nach Börsenschluss hatte die Fed mitgeteilt, dass sie Ende Juni ihre Corona-bedingten Restriktionen für Dividenden und Aktienrückkäufe der Banken aufheben werde. Zudem verdoppelte US-Präsident Biden das Impfziel. Statt 100 sollen nun 200 Millionen Dosen in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit gespritzt werden.

Breite Kursgewinne an Europas Börsen

Die freundliche Wall Street verlieh den europäischen Aktienmärkten neuen Rückenwind. Der europäische Leitindex EuroStoxx50 stieg um 0,9 Prozent und verfehlte nur knapp ein 13-Jahres-Hoch. Auch in Frankreich und Großbritannien standen die Börsenampeln auf Grün. Der Pariser Cac40 legte um 0,6 Prozent zu, der Londoner FTSE 100 rückte um rund ein Prozent vor. Offensichtlich sähen die Anleger das Glas eher halb voll als halb leer, meinte Marktbeobachter Michael Hewson von CMC Markets UK. Der Markt setze offenbar darauf, dass der havarierte Frachter im Suezkanal schon bald freigeschleppt werde und dass sich die Weltwirtschaft trotz der Sorgen über eine dritte Corona-Welle in Europa schnell erhole.

DAX nähert sich seinem Rekordhoch

Auch am deutschen Aktienmarkt gab es einen versöhnlichen Wochenschluss. Der DAX hüpfte um rund 0,9 Prozent nach oben und schrammte nur knapp an seinem Rekordhoch von 14.804 Punkten vorbei. Auf Wochensicht ergibt sich ein Plus von 0,88 Prozent.

Corona-Sorgen verdrängt

Marktbeobachter zollten Respekt. "Es war diese Woche bemerkenswert, dass trotz aller Bedenken hinsichtlich einer Verlangsamung der Wirtschaftserholung in Europa und einer Verzögerung der wirtschaftlichen Wiedereröffnung die Kursverluste bei europäischen Aktien relativ gering waren", meinte Marktanalyst Hewson von CMC Markets. Das deute darauf hin, dass die Investoren trotz aller Sorgen rund um die grassierende Corona-Pandemie noch Appetit auf Aktien hätten.

Ifo-Geschäftsklima hellt sich kräftig auf

Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland nimmt der Konjunkturoptimismus zu. Positiv überraschen konnte am Freitag der Ifo-Index, der die Stimmung in den deutschen Chef-Etagen widerspiegelt. Das Barometer stieg auf 96,6 Punkte, den höchsten Stand seit Juni 2019. Derartige Umfragen zeichneten derzeit allerdings ein zu optimistisches Bild, warnte Robert Greil, Chef-Anlagestratege des Bankhauses Merck Finck. "Die Befragungszeiträume lagen meist in der ersten März-Hälfte, als die Hoffnung auf Öffnungsschritte noch groß war."

Oster-Lockdown wird den Konsum bremsen

Ähnlich skeptisch hatte sich am Donnerstag bereits Rolf Bürkl vom Konsumforschungsunternehmen GfK gezeigt: "Der erneute harte Lockdown wird dem Konsumklima schwer schaden und die aktuelle Verbesserung ein Strohfeuer bleiben", prophezeite er. "Eine nachhaltige Erholung der Konsumstimmung wird demnach weiter auf sich warten lassen - für Händler und Hersteller bedeutet das weiterhin schwierige Zeiten." Das GfK hatte zuvor eine unerwartet starke Aufhellung der deutschen Konsumstimmung vermeldet.

Gegenwind vom Ölmarkt

Hinzu kommt: Die steigenden Ölpreise könnten sich noch als großer Risikofaktor für die Börsen entpuppen. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich am Freitag um rund vier Prozent auf 64,37 Dollar je Barrel (159 Liter).

Wird der Frachter erst in zwei Wochen freigeschleppt?

Für die seit Wochenmitte kräftig anziehenden Ölpreise ist der Riesenfrachter "Ever Given" verantwortlich, der seit Dienstag die Passage des Suezkanals blockiert. Die ägyptische Regierung will das 400 Meter lange Schiff innerhalb der nächsten drei Tage wieder freigeschleppt haben. Sollte dieser Versuch aber scheitern, gebe es das nächste Zeitfenster erst wieder in 12 bis 14 Tagen. Auch andere Experten befürchten, dass sich die Bergung des Schiffs länger hinziehen könnte.

Öl-Tanker stauen sich im Suezkanal

Der Suezkanal hat für den internationalen Ölhandel eine große Bedeutung. Nach Angaben der Ölanalysefirma Vortexa waren am Donnerstag zehn Öltanker mit einer Ladung von 13 Millionen Barrel Rohöl im Suezkanal blockiert. "Das entspricht in etwa der Tagesproduktion von Saudi-Arabien und dem Irak, den beiden größten OPEC-Produzenten. Mit jedem Tag der Blockade kommen weitere Lieferungen hinzu, die sich stauen", sagte Commerzbank-Rohstoffexperte Carten Fritsch. Eine Umleitung der Schiffe würde laut Vortexa die Transportdauer um etwa 15 Tage verlängern und sei somit kaum eine Option.

Teufelskreislauf für die Börse

Steigende Ölpreise haben jedoch das Zeug dazu, an der Börse einen Teufelskreislauf in Gang zu setzen, ziehen sie doch unweigerlich steigende Inflationserwartungen nach sich. Das würde wiederum einige Marktteilnehmer in ihrer Haltung bekräftigen, die US-Notenbank müsse dem mit einer restriktiveren Geldpolitik entgegenwirken. Die Folge wären steigende Renditen der an den Märkten viel beachteten zehnjährigen US-Staatsanleihen. Dieser Sogwirkung würden sich auch Bundesanleihen nicht entziehen können. Steigende Renditen aber wiederum machen Aktien im Vergleich zu Anleihen weniger attraktiv.

Euro bleibt unter 1,18 Dollar

Der Euro zog bis zum Abend leicht auf 1,1796 Dollar an, blieb aber in der Nähe seines gestern markierten Vier-Monats-Tiefs von 1,1761 Dollar. Der jüngste Kursverfall der europäischen Gemeinschaftswährung kommt der im DAX schwer gewichteten deutschen Exportbranche, allen voran Automobil- und Chemieindustrie, zugute. Der Goldpreis gab leicht auf 1.724 Dollar je Feinunze nach.

VW will Schadenersatz von Winterkorn und Stadler

Im DAX stand mal wieder VW im Rampenlicht. Der Konzern verlangt von seinem früheren Chef Martin Winterkorn und von Ex-Audi-Chef Rupert Stadler Schadenersatz im Zusammenhang mit dem Dieselskandal. Dies teilte das Unternehmen nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit. Volkswagen erklärte, man werde die beiden ehemaligen Top-Manager "wegen aktienrechtlicher Sorgfaltspflichtverletzungen auf Schadenersatz in Anspruch nehmen".

VW-Chef gegen Börsengang von Porsche

Derweil scheint es im Konzern wieder Streit zu geben. Diesmal geht es um einen möglichen Börsengang der Sportwagentochter Porsche. Konzernchef Herbert Diess sagte der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom Samstag: "Das Thema Porsche-Börsengang hat für mich derzeit keine hohe Priorität". Selbst wenn nur ein Teil der Aktien des Sportwagenherstellers frei gehandelt werde, verliere VW einen Teil der hohen Mittelzuflusses, den Porsche für den Konzern generiere. "Im Moment spricht viel dafür, das Geld für unseren Strukturwandel zu nutzen", sagte Diess. "Eine Perle wie Porsche will man nicht aus der Hand geben."

Allianz verstärkt sich in Polen

Die Allianz-Aktien schlossen etwas fester. Der Versicherer geht in Polen auf Einkaufstour und baut seine Position in Mittel- und Osteuropa aus. Die Münchner kaufen für 2,7 Milliarden Euro die britische Tochter des britischen Versicherers Aviva. Die Transaktion sei unmittelbar gewinnsteigernd, hieß es von der Allianz.

Deutsche-Bank-Chef gibt Investmentbank-Leitung ab

Die Deutsche Bank will einem Pressebericht zufolge die Zuständigkeiten im Vorstand neu regeln. Dabei soll unter anderem Vorstandschef Christian Sewing die direkte Verantwortung für das Investmentbanking in absehbarer Zeit abgeben, berichtete das "Handelsblatt" unter Berufung auf Insider. Dieser Schritt würde für Experten nicht überraschend kommen, da die Bankenaufsicht dies bereits seit längerem forderte.

BASF will bis 2050 klimaneutral werden

Schlusslicht im DAX war BASF mit einem Minus von 0,9 Prozent. Der weltgrößte Chemiekonzern will grüner werden und plant dafür Milliardeninvestitionen. Bis 2030 soll BASF seine CO2-Emissionen um ein Viertel im Vergleich zum Jahr 2018 senken. "Damit drücken wir jetzt auf die Tube", sagte Vorstandschef Martin Brudermüller. "Der Weg hin zur Klimaneutralität in der Industrie führt generell über die Chemie, denn sie steht am Anfang der Wertschöpfungsketten." BASF bekannte sich erstmals auch dazu, ab 2050 klimaneutral sein zu wollen.

Brudermüller bleibt nach einem guten Jahresstart vorsichtig für 2021. Bei einer Entspannung der Corona-Pandemie dürfte im zweiten Halbjahr vor allem das Dienstleistungsgewerbe von einer wirtschaftlichen Erholung profitieren und weniger die Industrie, sagte er.

TUI unterstützt Testpflicht bei Einreisen

Der Reisekonzern TUI unterstützt die Corona-Testpflicht für Flugpassagiere vor der Rückreise nach Deutschland. "Impfen und Testen sind die wirksamsten Wege zur Pandemie-Bekämpfung und damit auch zur Rückkehr zu mehr Freiheitsrechten", sagte Tui-Chef Fritz Joussen. "Wir werden für die Rückkehrer die Tests wie vereinbart anbieten und am Urlaubsort möglich machen." Ab Dienstag sind Einreisen nach Deutschland per Flugzeug nur noch nach Vorlage eines negativen Corona-Tests möglich.

Das Vermächtnis von Heinz Hermann Thiele

Die Familie des verstorbenen Unternehmens-Patriarchen Heinz Hermann Thiele bleibt Mehrheitsaktionärin des Bremsenkonzerns Knorr-Bremse und des Bahntechnik-Herstellers Vossloh. Der Milliardär Thiele, der Ende Februar mit fast 80 Jahren gestorben war, habe seine Anteile an den beiden Unternehmen testamentarisch in eine Familienstiftung eingebracht, teilte Knorr-Bremse mit. Das habe Thiele in seinem Testament festgelegt. Gleiches gelte auch für die Anteile an der Lufthansa. Sie liegen jetzt nur noch bei 10,04 Prozent. Kurz vor seinem Tod hat Milliardär Thiele hat offenbar noch seine Beteiligung an der Lufthansa reduziert.

Eckert & Ziegler auf Rekordhoch

Aktien von Eckert & Ziegler setzten ihren Höhenflug fort und stiegen zum Wochenschluss zeitweise auf ein Rekordhoch von 72 Euro. Das Unternehmen hat steigende Gewinne und eine höhere Dividende in Aussicht gestellt. Seit Jahresbeginn haben die Papiere gut 55 Prozent zugelegt. Zum Vergleich: Der SDAX kommt lediglich auf ein Plus von zwei Prozent.

BioNTech erhält grünes Licht von der EMA

Die in den USA gelisteten Titel von BioNTech stiegen um 0,7 Prozent. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hat die Zulassung für die Nutzung des im hessischen Marburg produzierten Wirkstoffs erteilt. BioNTech kann nun erste Produktchargen des Impfstoffs an Partnerstandorte zur sterilen Abfüllung und Fertigstellung liefern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. März 2021 um 12:00 Uhr und 17:00 Uhr.