Nasdaq
Marktbericht

Schwache Bilanzen Nasdaq muss Federn lassen

Stand: 22.07.2022 22:25 Uhr

Schwache Ergebnisse aus dem Tech-Sektor haben heute besonders die Nasdaq belastet. Trotzdem war es eine erfolgreiche Börsenwoche. Hierzulande gab es am Abend noch eine ziemliche Überraschung.

An der Wall Street endete eine ansonsten erfolgreich Börsenwoche enttäuschend. Alle führenden Aktienindizes schlossen im Minus, wobei die Verluste an der Technologiebörse Nasdaq mit 1,87 Prozent deutlicher ausfielen. Der Auswahlindex Nasdaq 100 sackte um 1,77 Prozent ab auf 12.396 Zähler. Es war ein umgekehrtes Bild zu gestern, als Techwerte stärker gefragt waren.

Der Leitindex Dow Jones und der marktbreite S&P-500-Index schlossen ebenfalls schwächer, allerdings fielen die Abschläge geringer aus als an der Nasdaq. Der Dow ging bei 31.899 Punkten um 0,43 Prozent, der S&P 500 bei 3961 Zählern um 0,93 Prozent leichter aus dem Handel. Auf Wochensicht verzeichneten der Leitindex und der technologielastige Auswahlindex aber immer noch Kursgewinne von knapp zwei beziehungsweise 3,4 Prozent.

Die Anleger hätten in den vergangenen Tage viele Nachrichten aus den Bereichen Geo- und Geldpolitik sowie aus den Unternehmen zu verdauen gehabt, bilanzierte Analyst Craig Erlam vom Broker Oanda. Notenbanken sähen angesichts der hohen Inflation in aggressiven geldpolitischen Straffungen den einzigen Ausweg.

Die Berichtssaison sei zwar noch nicht weit fortgeschritten, doch tendenziell seien viele Zahlen "nicht so schlecht gewesen wie befürchtet". Das bringe Erleichterung, reiche aber für eine nachhaltige Erholung nicht aus. Die Angst vor Inflationsschäden, schnell steigenden Zinsen und einer Rezession lasse sich nur schwer abschütteln, hieß es von Börsianern.

Die Sorgen wurden auch von enttäuschenden Wirtschaftsdaten aufrecht erhalten. In den USA hatte sich die Stimmung im Dienstleistungssektor im Juli überraschend und zudem sehr deutlich eingetrübt, wie der Einkaufsmanagerindex des Marktforschers S&P Global zeigte. Gespannt werde nun auf die in der kommenden Woche anstehende Zinsentscheidung der US-Notenbank Fed gewartet.

Die Verizon Aktie verlor 6,74 Prozent und war damit schwächster Wert im Leitindex Dow Jones. Der Konkurrent der Telekom-Tochter T Mobile US stellt sich wegen des harten Wettbewerbs auf schlechtere Geschäfte ein. Das Unternehmen korrigierte seine Jahresziele deshalb erneut nach unten.

Bereits das zweite Quartal gestaltete sich bei Verizon schwierig: So ging der Serviceerlös mit Internet und Telefonaten in Mobilfunk und Breitbandnetz verglichen mit dem Vorjahr um 3,9 Prozent auf 27,1 Milliarden Dollar (26,55 Milliarden Euro) zurück. Unter dem Strich sank der Gewinn um fast 11 Prozent auf 5,3 Milliarden Dollar. Gestern hatte bereits Konkurrent AT&T seine Cashflow-Prognose einkassiert und damit den ganzen Telekomsektor belastet.

Die Geschäftsentwicklung des Foto-App-Betreibers Snap hat den Anlegern am Freitag einen Schock versetzt. Der Aktienkurs der für die Foto-App Snapchat bekannten Firma brach schon zum Auftakt um etwa ein Drittel ein und weitete die Verluste am Ende dann auf 39,08 Prozent aus. Erst bei gut zehn US-Dollar kam der Kurssturz zum Stillstand, dies war das niedrigste Niveau seit dem Corona-Crash im März 2020. Damals waren sie bis auf 7,89 Dollar abgestürzt.

Snap hatte am Vorabend nach US-Börsenschluss seinen Bericht zum zweiten Quartal vorgelegt, wonach das Unternehmen mit einem Umsatzplus von 13 Prozent auf 1,11 Milliarden Dollar (1,09 Milliarden Euro) das bisher langsamste Wachstum seit dem Börsengang vor gut fünf Jahren verzeichnete. Der Quartalsverlust weitete sich von knapp 152 Millionen Dollar ein Jahr zuvor auf gut 422 Millionen Dollar aus. Eine Prognose für das laufende Vierteljahr traute sich die Firma angesichts der aktuellen Unwägbarkeiten im Geschäftsumfeld nicht zu.

In der Folge hagelte es Analystenabstufungen, neben Goldman Sachs gaben auch die Deutsche Bank und das Analysehaus Stifel ihre bisherigen Kaufempfehlungen auf. Am ausgeprägtesten war aber der Stimmungswandel beim JPMorgan-Experten Douglas Anmuth, der sein Votum um gleich zwei Stufen von "Overweight" auf "Underweight" drehte. Das Kursziel kappte er von 24 auf 9 Dollar, womit er unter den bisherigen Expertenstimmen nun der größte Pessimist ist.

Zum Wochenschluss hat der DAX anfängliche Verluste zwar aufgeholt, zu mehr reichte es aber am Ende nicht. Der Index, der zwischenzeitlich bis auf 13.367 Punkte gestiegen war, schloss letztlich bei 13.253 Zählern um 0,05 Prozent höher und damit wenig verändert. Das Tagestief lag am Morgen bei 13.171 Punkten. Damit beendete der deutsche Leitindex eine erfolgreiche Börsenwoche mit einem Kursplus von fast genau drei Prozent.

Nach Xetra-Schluss gab es dann noch eine ziemliche Überraschung. Denn Volkswagen tauscht überraschend seinen Vorstandschef aus. Herbert Diess gehe zum 1. September, teilte der Wolfsburger Autobauer mit. Sein Nachfolger werde der Chef der Sportwagen-Tochter Porsche AG, Oliver Blume. Die VW-Aktie gab im Frankfurter Späthandel daraufhin deutlich nach.

Blume soll sein bisheriges Amt parallel weiterführen. Er arbeitet derzeit an einem Börsengang der Porsche AG, der im Herbst über die Bühne gehen soll. Bei VW werde der 54 Jahre alte Blume künftig operativ von Finanzvorstand Arno Antlitz unterstützt, der künftig zusätzlich für das Tagesgeschäft verantwortlich zeichnen soll. Der ehemalige BMW-Manager Diess führt VW seit April 2018. Auf das Ausscheiden habe sich der Aufsichtsrat mit dem 63-Jährigen verständigt, teilte Volkswagen mit.

Blume hatte bereits länger als möglicher Nachfolger von Diess gegolten. Sein Name war hinter den Kulissen mehrmals gefallen, als sich ein Konflikt zwischen dem VW-Chef und dem mächtigen Betriebsrat um mögliche neue Sparprogramme im vergangenen Jahr hochschaukelte. Bereits davor hatte es heftige Meinungsverschiedenheiten mit Teilen des Aufsichtsrats über die weitere Strategie und über einen möglichen drastischen Arbeitsplatzabbau beim größten Autohersteller Europas gegeben. Insiderberichten zufolge soll der Anstoß zum Managementwechsel aus dem Kreis der Eigner-Familien Porsche und Piech gekommen sein.

Die positive Wochenentwicklung beim Leitindex ist hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass Russland, anders als befürchtet, bisher den Gashahn über die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 nicht gänzlich zugedreht hat. Tatsächlich stellen viele Ökonomen und Analysten nun aber zu Recht die Frage, inwieweit sich Deutschland darauf verlassen kann, dass die wiederaufgenommenen Erdgaslieferungen durch Russland auch dauerhaft erfolgen werden. Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck warnt davor, sich auf die Lieferungen zu verlassen, die EU hat einen Gas-Notfallplan erarbeitet.

Neben dem Dauerthema Gasversorgung beschäftigte die Anleger die Zinswende, die nun auch in der Eurozone angekommen ist. Denn am Vortag hatte die Europäische Zentralbank (EZB) angesichts der rekordhohen Inflation die Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte angehoben und damit stärker als zunächst angekündigt.

Damit hätten die Währungshüter ein Zeichen gesetzt und "das durch ihr zögerliches Handeln verlorengegangene Vertrauen in Teilen wieder zurückgewonnen, ihre Glaubwürdigkeit und damit auch den Euro gestärkt", kommentierte Kapitalmarktstratege Jürgen Molnar von RoboMarkets.

Allerdings verlangen viele Experten weitere Zinsschritte angesichts eines Inflationsniveaus von rund acht Prozent in der Eurozone. EZB-Chefin Lagarde hatte gestern erklärt, der weitere Zinspfad seit "datenabhängig". Sie lässt also das weitere Handeln erst einmal offen. Am Markt geht man aber davon aus., dass der gestrige Zinsschritt nicht der letzte gewesen sein wird, zumal sich die Euro-Inflation weiter auf Rekordniveau bewegt.

Unter den Einzelwerten im DAX fiel die Telekom mit einem ungewöhnlich hohen Tagesverlust von rund drei Prozent negativ auf. Das Papier fiel im Sog der schwachen Quartalsberichte der Konkurrenz aus den USA. Denn sowohl AT & T gestern, als auch heute vor US-Börsenstart Platzhirsch Verizon aus dem Dow Jones-Index, blicken zurückhaltend nach vorne.

Neben der Sorge um die dauerhafte Gasversorgung oder der politischen Krise in Italien gibt es auch weiterhin genügend Themen die das Zeug dazu haben, die Märkte gehörig zu bewegen. Denn: Hierzulande nimmt die Berichtssaison in der kommenden Woche Fahrt auf und die nächste Leitzinsentscheidung der US-Notenbank Federal Reserve steht an. Zudem werden eine Reihe wichtiger Konjunkturdaten veröffentlicht. Kann der DAX dabei die Marke von 13.000 Punkten verteidigen ?

"Mit der Wiederaufnahme der Gaslieferungen ist einige Nervosität aus dem Markt gewichen", sagt Portfoliomanager Thomas Altmann von QC Partners und erhofft sich zumindest von dieser Seite "etwas mehr Ruhe". Doch "das Politdrama in Italien bleibt für den Sommer eines der größten und bedrohlichsten Themen für Aktien, Renten und den Euro".

Die Zinsentscheidung der Fed am Mittwoch dagegen könnte ihm zufolge womöglich ein "Non-Event" werden, falls die Zinsen in den USA wie erwartet um 0,75 Prozentpunkte angehoben werden. Ein solcher Schritt sei am Markt bereits eingepreist.

Ein zu rasches Tempo an Zinsanhebungen dagegen "dürfte Börsianer auf dem falschen Fuß erwischen", befürchtet Marktexperte Timo Emden vom Analysehaus Emden Research. Und in Sicherheit sollten sie sich auch mit Blick auf die Gaslieferungen aus Russland nicht wiegen, obwohl seit Donnerstag wieder Gas in reduzierten Mengen durch die Pipeline Nord Stream 1 fließe.

Der Euro bleibt volatil und ringt immer wieder mit der Marke von 1,02 Dollar. Im US-Handel wurde er zuletzt bei 1,0209 Dollar gehandelt, das Tageshoch lag bei 1,0252 Dollar, mehr als ein ganzer Cent über dem Tief bei 1,0132 Dollar. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,0190 (Donnerstag: 1,0199) Dollar fest. Fundamental hat der Euro weiterhin mit Gegenwind zu kämpfen, auch wenn er sich zuletzt auf niedrigem Niveau zumindest etwas stabilisiert hat.

Denn neben den Unsicherheiten bei der Gasversorgung lastet auch die Regierungskrise in Italien auf der Gemeinschaftswährung. Ende September sollen Neuwahlen stattfinden, nachdem die Regierung unter Ex-EZB-Chef Mario Draghi gescheitert ist.

Auch die deutlich eingetrübte Unternehmensstimmung im Euroraum lastet auf dem Euro. Im Juli fiel der Einkaufsmanagerindex von S&P Global zum Vormonat um 2,6 Punkte auf 49,4 Zähler. Damit liegt die Kennzahl unter der wichtigen Grenze von 50 Punkten, die zwischen Wirtschaftswachstum und Schrumpfung trennt.

Noch stärker trübte sich der Einkaufsmanagerindex für Deutschland ein, er fiel um 3,3 auf 48,0 Punkte. Auch die deutsche Wirtschaft gerät somit aus der Wachstumsspur.

Deutsche Bundesanleihen sind in Reaktion auf die Entwicklung in die Höhe geschnellt. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen war erstmals seit Ende Mai wieder kurz unter die 1-Prozent-Marke gesackt. Auch europaweit gerieten die Renditen deutlich unter Druck.

"Die Rezession rauscht an", schrieb Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. "Hohe Inflationsraten, nicht funktionierende Lieferketten, der Krieg in der Ukraine und nun auch noch eine drohende Gaskrise belasten den Verbraucher und den Unternehmer gleichermaßen." Generell erhalten sichere Anlagen derzeit Rückenwind zum einen von der Frage, ob die wiederaufgenommenen Erdgaslieferungen durch Russland dauerhaft erfolgen. Zum anderen verunsichert die ungewisse politische Zukunft Italiens, wo Ende September vorgezogene Neuwahlen stattfinden sollen.

Aus Furcht vor Angebotsengpässen bleiben auch die Ölpreise auf hohem Niveau. Allerdings haben sie anfänglich stärkere Gewinne nicht halten können und sind im Verlauf noch moderat ins Minus gedreht.

Belastung kommt immer wieder durch den steigenden US-Dollar zustande. Wechselkurseffekte spielen an den Rohstoffmärkten eine große Rolle, da sie Auswirkungen auf die Nachfrage haben. Steigt der Dollar, steigt auch der rechnerische Preis für Interessenten aus anderen Währungsräumen. Das dämpft häufig die Nachfrage und lässt die Erdölpreise fallen.

Seit einiger Zeit tun sich die Ölnotierungen daher schwer mit der Richtungssuche. Deutlichen Preisanstiegen folgen oft relativ rasche Gegenbewegungen - und umgekehrt. Entsprechend groß sind zum Teil die Preisschwankungen am Markt.

Die Uniper-Aktie drehte nach Bekanntgabe des staatlichen Rettungspakets ins Minus und markierte im Verlauf bei 6,97 Euro ein neues Rekordtief markiert. Die Bundesregierung hat angekündigt, ein Drittel der Anteile des kriselnden deutschen Energiekonzerns zu übernehmen. Das gaben das Düsseldorfer Unternehmen und sein finnischer Mutterkonzern Fortum sowie Bundeskanzler Olaf Scholz heute nach rund zweiwöchigen Verhandlungen bekannt. Das im MDAX notierte Papier verlor deutlich 28,9 Prozent auf 7,36 Euro, schließlich bedeutet der Einstieg des Bundes eine massive Anteilsverwässerung für die Altaktionäre.

Der Essenslieferdienst Delivery Hero ist auch nach dem Nachfrageboom in der Corona-Pandemie auf Wachstumskurs. Der Umsatz schnellte im zweiten Quartal um 38 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro nach oben. Die bereinigte operative Marge verbesserte sich um 1,0 Prozentpunkte auf 1,4 Prozent. Dabei erreichte die Firma im Mai und Juni die Gewinnschwelle. Die Aktie führt die Gewinnerliste im MDAX an.

Der Energietechnikkonzern Siemens Energy hat einen Großauftrag bei der Anbindung mehrerer Windparks bekommen. Insgesamt sollen die Leitungen bis zu 1,8 Gigawatt Leistung aus der deutschen Nordsee an Land bringen, wie das Unternehmen gestern mitteilte. Das entspreche dem Bedarf von 1,8 Millionen Menschen und sei der bisher größte Auftrag zur Offshore-Netzanbindung, den Siemens Energy je erhalten habe.

Ein neuer Chip von Infineon soll digitale Schlösser ohne eigene Energieversorgung ermöglichen. Anstelle von Batterien oder Stromanschluss liefert das Handy des Nutzers - das gleichzeitig auch der Schlüssel ist - die Energie zum Aufsperren. Sowohl Daten- als auch Energieaustausch laufen dabei über NFC - ein Verfahren, das beispielsweise bei Bezahlvorgängen per Smartphone zum Einsatz kommt.

Der Frankfurter Flughafen erwartet am Wochenende so viele Fluggäste wie seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im März 2020 nicht mehr. Am letzten Schultag vor den Sommerferien in drei deutschen Bundesländern rechnet Deutschlands größter Airport nach Angaben der Betreibergesellschaft Fraport mit bis zu 200.000 Fluggästen, ebenso am Samstag und Sonntag. So viele waren es in diesem Jahr bei einem bisherigen Höchstwert von gut 180.000 noch nicht.

Das eingetrübte Konsumklima belastet den Elektronikhändler Ceconomy. Dies bekam der SDAX-Konzern im dritten Geschäftsquartal zu spüren und senkt deshalb seine Prognosen für Umsatz und Gewinn. Eine schwächere Nachfrage, die Inflationsentwicklung und stark steigende Energiekosten belasteten vor allem die Regionen Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Der Pharma-Auftragshersteller Lonza hat seinen Halbjahresgewinn nahezu verdoppelt. Der Überschuss kletterte in den ersten sechs Monaten auf 498 Millionen Frank nach 263 Millionen Franken im Vorjahreszeitraum, wie das Schweizer Unternehmen mitteilte. Den Ausblick für das Gesamtjahr bestätigte der Konzern, der unter anderem den Wirkstoff für den Corona-Impfstoff des US-Biotechnologieunternehmens Moderna herstellt. Die Aktie gab in Zürich trotzdem nach.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Juli 2022 um 09:00 Uhr.