Broker handeln an der New Yorker Börse | picture alliance/dpa/AP

Optimismus vor der Zahlenflut Neue Woche, neue Börsen-Rekorde

Stand: 12.07.2021 22:28 Uhr

Sommerloch? Nicht an den Aktienmärkten. Da geht’s derzeit rund. Zum Start in die neue Woche purzelten an der Wall Street erneut die Rekorde. Und auch der DAX schaffte eine neue Bestmarke.

Vor dem Beginn der US-Bilanzsaison am Dienstag strotzen die Anleger vor Optimismus. Die Corona-Sorgen sind vorerst verdrängt. An der Wall Street stürmten die Nasdaq und der S&P 500 in neue Höhen, wenn auch mit angezogener Handbremse. Der breit gefasste Index S&P 500 schaffte mit 4384 Punkten die zwölfte Bestmarke in 13 Handelstagen. Und die Nasdaq markierte mit 14.761 Punkten ebenfalls ein neues Allzeithoch. Nur der Dow Jones hinkte ein bisschen hinterher. Er stieg zwar erstmals seit mehreren Wochen wieder über die Marke von 15.000 Punkten, verfehlte aber das alte Rekordhoch vom Mai knapp. Das Wall-Street-Barometer beendete den Handelstag mit einem Plus von 0,36 Prozent bei 34.996 Zähler.

DAX so hoch wie nie

Das Rekordfieber an der Wall Street steckte auch Europas Börsen an. Am deutschen Aktienmarkt begann die Woche ebenfalls mit neuen Bestmarken. Der DAX kletterte um 0,7 Prozent nach oben und überwand mit 15.806 Punkten sein bisheriges Rekordhoch.

MDAX erstmals über 35.000 Punkte

Auch in der zweiten Börsenreihe war heute ein Rekordtag. Der MDAX stürmte um 0,8 Prozent nach oben. Erstmals in seiner Geschichte überwand er die Marke von 35.000 Punkten.

Jubel an Italiens Börse

Zu den stärksten Aktienmärkten in Europa zählte am Montag die Mailänder Börse. Der FTSE Mib zog um 0,9 Prozent an. Der Freudentaumel in Italien nach dem Sieg der "Squadra Azzura" im Finale der Fußball-Europameisterschaft erfasste offenbar auch die Anleger an der Mailänder Börse. Der britische FTSE 100 hingegen hinkte hinterher und schloss nahezu unverändert.

Morgen startet die Berichtssaison

Die Anleger fiebern dem Start der US-Bilanzsaison entgegen, die am Dienstag von den Banken JPMorgan und Goldman Sachs eingeläutet wird. Dank geringerer Rückstellungen für faule Kredite könne mit kräftigen Gewinnzuwächsen gerechnet werden, meinen Experten.

Analysten erwarten nach Angaben Refinitiv im Schnitt ein Gewinnwachstum von 65,8 Prozent für S&P-Unternehmen im zweiten Quartal. "Sobald wir in die Gewinnsaison eintreten, erwarten wir eine Art Polster für den Markt", erklärte Peter Cardillo, Chefmarktökonom bei Spartan Capital Securities. "Großartige Ergebnisse sind in den Kursen bereits enthalten", meint dagegen Thomas Hayes, Manager beim Vermögensverwalter Great Hill. Entscheidend sei nun, was die Manager zu den Ausblicken sagen, um die aktuellen und künftigen Bewertungen zu rechtfertigen.

Warten auf die neuen Inflationsdaten

Neben der Berichtssaison stehen auch die Inflationsdaten am Dienstag an. Im Mai war in den USA die Teuerung auf ein 13-Jahreshoch von fünf Prozent gestiegen. Experten erwarten für Juni einen leichten Rückgang auf 4,9 Prozent im Jahresvergleich. Sollten die Zahlen höher ausfallen, würden Spekulationen, die Konjunktur laufe zu heiß, wieder aufflammen, warnte Art Hogan, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters National Securities. Die US-Notenbank betrachtet die Entwicklung bislang als kurzfristiges Phänomen und will geldpolitisch nicht reagieren.

In Deutschland hat sich der Preisauftrieb etwas abgeschwächt. Einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes zufolge lagen die Verbraucherpreise im Juni um 2,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Im Mai hatte die Teuerungsrate noch bei 2,5 Prozent gelegen und damit auf dem höchsten Stand seit fast zehn Jahren. Morgen gibt das Statistische Bundesamt die Details für Juni bekannt.

Sorgen um Delta-Ausbreitung halten an

Als Damoklesschwert schwebt weiter die Delta-Variante des Coronavirus über den Köpfen der Anleger. Die rasche Ausbreitung von Delta bereitete Investoren weiterhin Sorgen, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Es herrsche ein Tauziehen zwischen denjenigen, die den Aufschwung in Gefahr sähen, und denjenigen, die lediglich eine Verzögerung der Erholung erwarteten.

Was hat Madame Lagarde vor?

Der Euro machte seine zwischenzeitlichen Kursverluste wett. Am Abend kostete die europäische Gemeinschaftswährung 1,1868 US-Dollar. Sie notierte damit ungefähr auf dem Niveau vom Morgen. Für Aufsehen sorgte die Ankündigung von EZB-Chefin Christine Lagarde, ihr Haus wolle den geldpolitischen Ausblick auf der anstehenden Sitzung am 22. Juli ändern. Lagarde wies in einem Interview auf die hohe Bedeutung der nächsten Zinssitzung in etwa eineinhalb Wochen hin. Es seien einige interessante Änderungen zu erwarten, sagte sie dem Sender Bloomberg-TV. Bisher war mit einer eher ereignisarmen Sitzung gerechnet worden.

Konjunktursorgen belasten Rohstoffpreise

Die Ölpreise haben zu Wochenbeginn nachgegeben. Die Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich um 0,7 Prozent auf 75 Dollar. Die US-Sorte WTI kostete mit 73,89 Dollar je Fass 0,9 Prozent weniger. Kupfer wurde mit 9451 Dollar je Tonne ebenfalls etwas billiger gehandelt.

Marktbeobachtern zufolge fürchten Anleger, dass die Verbreitung neuer Coronavirus-Varianten und der ungleiche Zugang zu den Impfstoffen eine rasche und stabile Erholung der Wirtschaft verhindern könnten. Für Verunsicherung hat beim Ölpreis zuletzt auch ein Streit über die künftige Förderpolitik des mächtigen Ölverbunds OPEC+ gesorgt.

VW-Aktie im Aufwind

Im DAX waren vor allem Versorgerwerte gefragt. Zu den Top-Gewinnern zählte auch VW mit einem Plus von 2,7 Prozent. Am Freitag waren sie dank starker Eckdaten schon um rund 6 Prozent gestiegen. Der Wolfsburger Autobauer stellt am Dienstag Details seiner neuen Konzernstrategie vor. Das Konzept mit dem Titel "New Auto" dürfte weitere Akzente bei den Schlüsselthemen Digitalisierung und Dienstleistungen setzen. Kopf der neuen Strategie ist Vorstandschef Herbert Diess. Dessen zunächst bis zum Frühjahr 2023 geltender Vertrag wurde gerade durch einen neuen ersetzt, der nun bis zum Oktober 2025 laufen soll.

Autoindustrie verlangt mehr Ladepunkte

Die europäische Autoindustrie warnt die EU vor einer von unzureichenden Infrastrukturinvestitionen begleiteten Verschärfung von Kohlendioxid-Grenzwerten. Für jeden weiteren Prozentpunkt der Zielverschärfung benötige man zusätzlich mindestens 200.000 weitere öffentliche Ladepunkte für Elektrofahrzeuge - über die bereits erforderlichen drei Millionen Stück im Jahr 2030 hinaus", sagte der BMW-Chef und Präsident des europäischen Autoherstellerverbands Acea, Oliver Zipse.

Vielversprechendes Mittel für Bayer

Die Titel von Bayer rutschten indes um 0,3 Prozent ab. Dabei hat die US-Gesundheitsbehörde FDA dem Bayer-Nierenmedikament Finerenon die Zulassung in den USA erteilt. Das Mittel wurde zur Senkung des Risikos für einen anhaltenden Rückgang der geschätzten glomerulären Filtrationsrate, Nierenversagen, kardiovaskulären Tod, nicht-tödlichen Myokardinfarkt und Krankenhausaufenthalt wegen Herzinsuffizienz bei erwachsenen Patienten mit chronischer Nierenerkrankung und Typ-2-Diabetes zugelassen. Ein Aktienhändler betont, das Mittel sei ein Blockbuster-Kandidat.

Versicherer für den Klimaschutz

Acht große europäische Versicherer und Rückversicherer wollen sich gemeinsame Richtlinien für einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz geben. Die Mitglieder der neu gegründeten "Net-Zero Insurance Alliance (NZIA)" haben sich dazu verpflichtet, ihre Versicherungs-Portfolien bis 2050 unter dem Strich frei von Treibhausgas-Emissionen zu machen, wie der Chef der Initiative, AXA-Chef Thomas Buberl, erklärte. Neben der französischen AXA gehören dem Bündnis die Allianz und die Münchner Rück aus Deutschland, Zurich und Swiss Re aus der Schweiz, die britische Aviva, Generali und der französische Rückversicherer Scor an.

Covestro hebt Prognose an

Die Aktien der Ex-Bayer-Tochter Covestro gewannen 0,6 Prozent. Der Kunststoffhersteller ist nach Branchenprimus BASF der zweite deutsche Chemiekonzern, der seine Jahresziele anhebt. Covestro rechnet nun mit einem operativen Ergebnis (Ebitda) von 2,7 bis 3,1 Milliarden Euro. Der Leverkusener Kunststoff-Konzern hatte bereits im Frühjahr seine Ziele angehoben und ein Ergebnis zwischen 2,2 und 2,7 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Im zweiten Quartal konnte Covestro sein Ergebnis auf rund 815 Millionen Euro nahezu versiebenfachen.

Qiagen senkt die Jahresprognose

Ein trüber Ausblick hat den Aktien von Qiagen hart zugesetzt. Das Diagnostik- und Biotechunternehmen hat nach einem schwächer als gedacht verlaufenen zweiten Quartal die Umsatzprognose für das Gesamtjahr gesenkt. Satt 18 bis 20 Prozent werde der Umsatz währungsbereinigt nur noch um mindestens zwölf Prozent steigen, erklärte Qiagen nach Xetra-Schluss. Die Qiagen-Aktie rutschte an der Nasdaq um sechs Prozent ab.

Swatch schafft die Wende

Wieder voll im Takt ist Swatch. Der Schweizer Uhrenhersteller steigerte dank der Corona-Lockerungen den Halbjahres-Umsatz um fast 55 Prozent auf 3,39 Milliarden Franken. Von Monat zu Monat habe sich das Geschäft beschleunigt, hieß es. Hohe Wachstumsraten verzeichnete Swatch vor allem in China, Macao, den USA und Russland. Nach dem Katastrophen-Jahr 2020 kehrte der Uhren-Weltmarktführer wieder in die schwarzen Zahlen zurück. Der Gewinn im ersten Halbjahr lag bei 270 Millionen Franken - nach einem Verlust von 308 Millionen im Vorjahreszeitraum.

S Immo sagt CA Immo Servus!

Neues gibt’s vom österreichischen Immobilien-Monopoly zu berichten. S Immo will bei der CA Immo aussteigen und seine Beteiligung von knapp sechs Prozent dem US-Bieter Starwood Capital anbieten. Der Angebotspreis beträgt 37 Euro je Aktie. Damit erzielt der Wiener Immobilienkonzern S Immo nach eigenen Angaben einen Veräußerungsgewinn von "knapp 100 Millionen Euro über den Gesamtinvestitionszeitraum". Ob Starwood CA Immo schlucken kann, hängt nun vom Großaktionär Petrus Advisers ab. Der Investor, der mit seinen rund vier Prozent an S Immo hält, lehnt das Angebot von Starwood als zu niedrig ab.

Atos warnt

In Paris stürzten die Titel von Atos um fast 18 Prozent ab. Wegen der Pandemie senkte der IT-Dienstleister sein Ziel für die operative Gewinnmarge im Gesamtjahr auf sechs von 9,4 bis 9,8 Prozent. Dies sei eine Überraschung, sagte ein Börsianer. Das Unternehmen werde einige Zeit benötigen, um verlorenes Vertrauen wiederherzustellen.

Starker Start von Disneys neuem Film "Black Widow"

Der starke Start des Superhelden-Films "Black Widow" mit Scarlett Johansson treibt den Aktienkurs von bei Walt Disney. Die Titel des Unterhaltungskonzerns schlossen an der Wall Street um über vier Prozent im Plus. Der Blockbuster spielte am ersten Wochenende nach der Premiere 80 Millionen Dollar ein. Das ist der beste Auftakt seit Ausbruch der Pandemie 2020.

Freude über Branson-Flug ins All wieder verpufft

An der Wall Street brachen die Aktien von Virgin Galactic nach anfänglichen Gewinnen um 17 Prozent ein. Eine geplante Kapitalerhöhung vergällte Anlegern die Freude über einen erfolgreichen Testflug der Weltraumfirma. Am Wochenende hatte Firmengründer und Milliardär Richard Branson mit seinem persönlichen Vorstoß ins All nach eigenen Aussagen eine neue Ära kommerzieller Raumfahrt eingeläutet. Vor diesem Hintergrund will das Unternehmen neue Anteilsscheine im Volumen von 500 Millionen Dollar ausgeben.

Peking knöpft sich Tencent Music Entertainment vor

Die verschärfte Regulierung der Pekinger Regierung auf chinesische Firmen mit einer Börsennotierung in den USA erfasst nun auch Streamingdienste. Insidern zufolge soll der Spotify-Rivale Tencent Music Entertainment auf Druck der Wettbewerbsbehörde SAMR seine Exklusiv-Verträge mit Universal Music, Sony Music oder Warner Music aufgeben. Damit wollte Tencent Konkurrenten davon abhalten, Stücke von Stars dieser Labels auch als Musik-Stream anbieten zu können. Die Titel von Tencent Music Entertainment fielen um mehr als vier Prozent. Zudem hat die SAMR die geplante milliardenschwere Fusion der beiden auf Videospiele spezialisierten Streamingdienste DouYou und Huya verboten. An beiden Firmen ist Tencent beteiligt.

Beschwerde gegen WhatsApp

Mit einer Beschwerde gegen die zum Facebook-Konzern gehörende Messengerplattform WhatsApp hat sich der Europäische Verbraucherverband (BEUC) an die Europäische Kommission gewandt. "Seit mehreren Monaten bombardiert WhatsApp seine Nutzer durchgehend mit aggressiven Nachrichten, um sie dazu zu bewegen, die neuen Nutzungsbedingungen und Datenschutzrichtlinien zu akzeptieren", erklärte die BEUC-Chefin Monique Goyens.

"Aber Nutzer wissen gar nicht, was sie da akzeptieren." Nutzerdaten würden so ohne ausreichende Zustimmung weiterverarbeitet, warnte Goyens. "Deshalb rufen wir die Behörden dazu auf, nun schnell Maßnahmen gegen WhatsApp zu ergreifen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juli 2021 um 07:35 Uhr in der Börse.