Händler an der New Yorker Börse
Marktbericht

Wall Street unter Druck Der Ausverkauf geht weiter

Stand: 11.02.2022 22:23 Uhr

Zinsängste sowie eine weitere Verschärfung der Lage in der Ukraine bescherten den großen US-Indizes den zweiten Tag in Folge schwere Verluste. Auch der DAX gab nachbörslich nach.

Mit Blick auf die hohe US-Inflation haben sich die Anleger an der Wall Street zum Wochenausklang vom Markt verabschiedet. Ein zarter Erholungsversuch im frühen Geschäft hatte keinen Bestand. Die führenden US-Aktienindizes gingen schnell wieder auf Talfahrt und schlossen den zweiten Tag in Folge deutlich schwächer. Vor allem die hochbewerteten Technologieaktien standen wie schon am Vortag unter schwerem Beschuss.

Nachdem die US-Inflationsrate im Januar mit 7,5 Prozent auf den höchsten Stand seit 40 Jahren gestiegen war, brachte der Präsident der Notenbank von St. Louis, James Bullard, zuletzt eine Zinserhöhung um einen vollen Prozentpunkt bis Juli ins Spiel und heizte die Zinsdiskussion damit so richtig an. Diese Entwicklung hängt weiter wie ein Damoklesschwert über den Märkten.

Der Leitindex Dow Jones gab am Ende 1,43 Prozent nach auf 34.738 Punkte. Der marktbreite S&P-500-Index verlor 1,90 Prozent auf 4418 Stellen. Erneut überproportional bergab ging es an der technologielastigen Nasdaq, die 2,78 Prozent verlor und auf 13.791 Punkte absackte. Der Auswahlindex Nasdaq 100 ging bei 15.253 Zählern aus dem Handel, ein Tagesverlust von 3,07 Prozent.

Tech-Aktien verlieren deutlich

Anleger seien bei steigenden Zinsen deutlich weniger bereit, hohe Aktien-Bewertungen zu bezahlen, sagten Experten. Das traf auch die Titel von Tech-Schwergewichten wie Apple, Meta Platforms, Microsoft, Nvidia, Amazon.com, Google-Inhaber Alphabet und Tesla, die allesamt verloren.

"Der Markt versucht herauszufinden, in welche Richtung es geht und wer die neuen Gewinner sein werden", sagte Experte Sean O'Hara vom Vermögensverwalter Pacer ETFs. In den letzten Jahren hätten einige wenige dieser Tech-Aktien die Renditen getrieben, "und einige dieser Namen geraten jetzt unter Druck."

Unternehmensnachrichten waren vor dem Wochenende ansonsten eher dünner gesät. Der Sportartikelhersteller Under Armour verschreckte die Anleger mit seinen Geschäftszahlen. Die Aktie sackte um über 12 Prozent ab, denn der Nike- und Adidas-Konkurrent litt im Weihnachtsquartal unter rückläufigen Ergebnissen. Nike gaben an der NYSE nach und auch Adidas verloren im DAX deutlich rund drei Prozent.

Westliche Staaten rufen ihre Bürger aus der Ukraine zurück

Neben den Zinsängsten verfolgten die Marktteilnehmer auch die Lage in der Ukraine, die immer bedrohlicher wird. An der Grenze hat Russland große Truppenverbände zusammengezogen, die nach Ansicht von Militärexperten jederzeit in das Nachbarland einmarschieren können. Westliche Staaten schätzen die Lage als "sehr, sehr ernst" ein. Die USA, aber auch andere Staaten wie Großbritannien und die Niederlande forderten ihre Bürger derweil auf, das Land zu verlassen.

"Wir wissen nicht genau, was passieren wird, aber das Risiko ist jetzt hoch genug", sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Abend im Weißen Haus.

DAX hält sich, nachbörslich aber deutlich schwächer

Trotz massiver Zinssorgen hat der DAX zum Wochenschluss dem US-Zinssturm stand gehalten. Der deutsche Leitindex ging am Ende eines erneut volatilen Handelstages bei 15.425 Punkten aus dem Handel, ein Tagesverlust von 0,42 Prozent. Auf Wochensicht verbucht der DAX damit einen Gewinn von 2,1 Prozent.

Auch der heutige Handelstag war wie schon zuletzt von immer wieder wechselnden Richtungsverläufen bestimmt. Zwischenzeitlich machte der DAX stärkere Anfangsverluste wieder wett und drehte beim Tageshoch von 15.504 Punkten sogar leicht ins Plus. Das Tagestief lag am Vormittag bei 15.308 Punkten.

Nachbörslich fiel der DAX jedoch mit der schwachen Wall Street stärker zurück. Der L/E-DAX schloss bei 15.273 Punkten deutlich unter Xetra-Schluss. Spätere Indikation lagen noch tiefer, so dass die Aussichten für den Wochenstart am Montag trübe sind.

Ein Wechselbad der Gefühle

Die Anleger zeigten sich während des regulären Handels aber erstaunlich gelassen angesichts der massiven Zinssorgen in den USA. Diese hatten gestern die Wall Street tief ins Minus gedrückt und auch die asiatischen Märkte belastet. Gleichzeitig zeigen die hohen Intra-day-Schwankungen, das viel Nervosität am Markt herrscht.

Was auch für den Rentenmarkt gilt. Bundesanleihen konnten sich zunächst erholen, fielen dann aber wieder zurück. Am Ende rentierten sie bei 0,29 Prozent. Die Rendite steht damit am höchsten Stand seit Ende 2018.

"Der Deutsche Aktienindex steckt die neuen Hiobsbotschaften von der Inflationsfront erstaunlich gut weg", betonte Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege RoboMarkets. "Die Anleger wollen jetzt lieber ein Ende der noch bis vor kurzem unendlich geglaubten, geldpolitischen Unterstützung mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende mit immer weiteren Nackenschlägen. Soll heißen, umso schneller die Fed nun aktiv wird, desto besser für den Aktienmarkt", so Molnar.

Mercedes-Benz führt die Autoaktien nach oben

Gefragt waren unter den Einzelwerten nach guten Zahlen von Mercedes-Benz die für den heimischen Markt so wichtigen Autoaktien. Der Stuttgarter Autobauer hat sehr zur Freude der Anleger im vergangenen Jahr im operativen Geschäft mehr verdient als ursprünglich angenommen. Die Aktie legte 6,7 Prozent zu und stand an der DAX-Spitze - was auch die VW-Holding Porsche SE und BMW antrieb.

Delivery Hero: Analysten senken den Daumen

Am DAX-Ende standen im Gegenzug erneut die Aktie von Delivery Hero massiv unter Druck. Das Papier verlor weitere 11,8 Prozent. Gestern war die Aktie nach enttäuschenden Aussagen des Lieferdienstes zum laufenden Jahr schon um mehr als 30 Prozent eingebrochen. In der Geschichte des DAX war dies einer der größten prozentualen Tagesverluste einer Aktie. Nach den schwachen Zahlen gestern senkten die Banken JPMorgan und Barclays ihre Kursziele für das Papier kräftig, was den Abwärtssog beschleunigte.

Euro fällt am Abend deutlich zurück

Die gestiegenen Zinserwartungen in den USA stärken derzeit den Dollar auf breiter Front den Rücken. Im Gegenzug verliert der Euro. Im US-Handel verstärkte sich der Abgabdruck nochmals, auch weil geostrategische Risiken traditionell dem US-Dollar zugute kommen. Die Gemeinschaftswährung sackte am Abend auf 1,1342 Dollar ab, nachdem sie lange mit der Marke von 1,14 Dollar gerungen hatte. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,1417 (Donnerstag: 1,1439) Dollar fest.

Lagarde gegen schnelle Zinserhöhungen

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat sich derweil erneut gegen Schnellschüsse in der Zinspolitik Ausgesprochen. Ein überstürztes Vorgehen könnte die Erholung der Wirtschaft gefährden. Sie bleibt damit, anders als in den USA, trotz massiver Inflationsgefahren auch in Europa bei ihre Nullzinspolitik. Für den Euro bedeutet das, dass er weiterhin gegenüber dem US-Dollar unter Abwertungsdruck stehen dürfte.

EZB-Chefin Christine Lagarde | REUTERS

EZB-Chefin Christine Lagarde Bild: REUTERS

Inflation bei 4,9 Prozent

Schlechte Nachrichten für die deutschen Verbraucher und Sparer: Eine durchgreifende Entspannung an der Preisfront scheint vorerst nicht in Sicht. Angeheizt von einem weiteren Energiepreissprung legten die Verbraucherpreise in Deutschland im Januar 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat um 4,9 Prozent zu.

Das Statistische Bundesamt bestätigte heute eine erste Schätzung. Im Dezember 2021 hatte die Teuerungsrate bei 5,3 Prozent gelegen. "Die Inflationsrate hat sich im Januar etwas abgeschwächt, nachdem sie im Dezember den höchsten Wert seit fast 30 Jahren erreicht hatte. Sie bleibt aber auf einem hohen Stand", erläuterte der Präsident des Bundesamtes, Georg Thiel. Im Vergleich zum Dezember 2021 stiegen die Verbraucherpreise um 0,4 Prozent. Ökonomen hatten hingegen mit einem leichten Anstieg auf 67,5 Punkte gerechnet. Die Verbraucher schätzten sowohl die Lage als auch die Aussichten für die kommenden Monate schlechter ein als zuletzt.

US-Vertrauen sackt ab

Die hohe Inflation in den USA schlägt den Verbrauchern mächtig auf die Stimmung. Das Barometer für die Konsumlaune sackte im Februar überraschend ab - und zwar auf 61,7 Zähler von 67,2 Punkten im Januar, wie die Universität Michigan am Freitag zu ihrer monatlichen Umfrage mitteilte. Dies ist das niedrigste Niveau seit Oktober 2011.

Ölpreise drehen ins Plus

Die Entwicklungen am Ölmarkt halten die Inflationserwartungen auch weiter hoch. Nach anfänglichen Verlusten haben die Ölpreise deutlich ins Plus gedreht. Am Abend zog der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent um 4,0 Prozent auf über 95 Dollar an.

BMW erhält grünes Licht für Brilliance-Übernahme

Der Autobauer BMW hat grünes Licht für die Übernahme der Mehrheit an seinem Gemeinschaftsunternehmen mit Brilliance in China. Die Münchner halten damit künftig 75 Prozent der Anteile an BBA. Die Neubewertung sorgt für einen positiven Einmaleffekt im Finanzergebnis in Höhe von sieben bis acht Milliarden Euro. Details sollen im Geschäftsbericht genannt werden, der Mitte März veröffentlicht wird.

VW-Absatz geht im Januar weiter zurück

Volkswagen hat im Januar einen Absatzrückgang verzeichnet. Insgesamt verkaufte der Wolfsburger Konzern 699.500 Fahrzeuge, das waren 15,2 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Deutlich abwärts ging es vor allem in Mitteleuropa, Südamerika und China. Im Reich der Mitte, dem wichtigsten Einzelmarkt für VW, ging der Absatz um 18,3 Prozent auf 342.500 Autos zurück.

Daimler Truck ab heute im MDAX

Nur knapp zwei Monate nach der Erstnotierung in Frankfurt steigt Daimler Truck in den MDAX auf. Der vom damals noch Daimler genannten Konzern abgespaltene Lkw-Bauer ersetzt ab heute den Immobilienspezialisten Alstria Office Reit. Hintergrund ist die Übernahme von Alstria durch den kanadischen Vermögensverwalter Brookfield, wodurch der Anteil frei handelbarer Alstria-Aktien unter zehn Prozent gesunken war.

Rekordergebnis für Rheinmetall

Der Mangel an Rohstoffen und Chips macht auch vor dem Rüstungs- und Autozulieferkonzern Rheinmetall nicht halt. Der Umsatz sei im vergangenen Jahr um 4,7 Prozent auf 5,66 Milliarden Euro gestiegen, teilte das Düsseldorfer Unternehmen mit. Eigentlich hatte Rheinmetall sechs Prozent in Aussicht gestellt.

Die Entwicklung bei Rohstoffen und Halbleitern habe dazu geführt, dass an wichtige Kunden weniger geliefert worden sei. Zudem gab es den Angaben nach Verzögerungen im internationalen Projektgeschäft. Das operative Ergebnis stieg nach Firmenangaben um 33 Prozent auf ein Rekordergebnis von 595 Millionen Euro.

Rheinmetall baut unter anderem Panzer, Militärlaster und Teile für die Autoindustrie. Detaillierte Zahlen, etwa zum Nettogewinn, will das Unternehmen am 17. März vorlegenDie im MDAX enthaltene Aktie legte zu und markierte den höchsten Stand seit zwei Jahren.

Omikron-Welle: Wieder weniger Passagiere am Frankfurter Flughafen

Die Omikron-Welle des Coronavirus hat die Erholung des Passagierverkehrs am Frankfurter Flughafen zum Jahresstart zurückgeworfen. Der Flughafenbetreiber Fraport zählte in Frankfurt im Januar 2,2 Millionen Passagiere und damit 52,5 Prozent weniger als vor der Pandemie im Januar 2019. Im Dezember hatte der Rückgang im Vergleich zur Vor-Pandemie-Zeit noch rund 44 Prozent betragen.

Carl Zeiss Meditec bekommt reichlich Aufträge

Der Medizintechnikkonzern Carl Zeiss Meditec hat im ersten Quartal seines neuen Geschäftsjahres von einem lebhaften Bestellverhalten der Kunden profitiert. Der Umsatz kletterte im Vergleich zum Vorjahr um rund elf Prozent auf 410 Millionen Euro, der Auftragseingang stieg mit plus 24 Prozent auf 498 Millionen Euro noch stärker. Die Jahresprognose bestätigte der Vorstand.

Klage gegen Tesla wegen Diskriminierung eingereicht

Der US-Bundesstaat Kalifornien hat eine Klage gegen den Elektroautobauer Tesla wegen angeblicher Diskriminierung schwarzer Mitarbeiter eingereicht. In Teslas Autofabrik in Fremont herrsche ein rassistisches Arbeitsumfeld, teilte die Aufsichtsbehörde Department of Fair Employment and Housing (DFEH) gestern mit. Schwarze würden dort belästigt, schikaniert und angefeindet.