Händler an der Frankfurter Börse
Marktbericht

Kursverluste an den Börsen Anleger im Bann der Zinsangst

Stand: 28.09.2021 22:22 Uhr

Inflationssorgen, ein möglicher Zinsanstieg und der drohende Shutdown in den USA haben die Wall Street heute ins Wanken gebracht. Auch für den DAX lief es alles andere als rund.

Ein Cocktail aus Inflationsangst, der Furcht vor geldpolitischen Straffungen durch die US-Notenbank und einer ausgeprägten Schwäche bei Technologiewerten hat den Anlegern an den Aktienmärkten heute weltweit die Laune verdorben. Der Wall Street machte zusätzlich die Befürchtungen vor einem möglichen Shutdown durch den Haushaltsstreit zu schaffen. Fed-Chef Jerome Powell und Finanzministerin Janet Yellen warnten bei einer Anhörung im Senat davor, dass ein Zahlungsausfall der USA aufgrund einer nicht erfolgten Anhebung der Schuldenobergrenze katastrophale Folgen haben würde.

Die amerikanischen Börsen mussten deutliche Kursrückgänge hinnehmen. Der US-Leitindex Dow Jones schloss mit einem Minus von 1,63 Prozent bei knapp 34.300 Punkten. Der breiter gefasste S&P 500 sank um mehr als zwei Prozent auf 4353 Zähler. Allen voran an der Technologiebörse Nasdaq ging es bergab. Der Index Nasdaq 100 büßte 2,86 Prozent auf 14.770 Punkte ein. Das war sogar der höchste Verlust seit März.

"Zentralbank-Angst" der Anleger

Die jüngsten Aussagen des US-Notenbankchefs signalisierten eine wachsende Nervosität in Bezug auf die Inflation, sagte Volkswirtin Sarah Hewin von der Bank Standard Chartered. Investoren befürchteten, dass sich die vorübergehend preistreibenden Faktoren zu dauerhaften entwickeln. Börsianer gehen davon aus, dass die Fed bereits 2022 die Zinsen anheben wird. Die Analysten der Commerzbank sprechen sogar von "Zentralbank-Angst".

Powell hatte im Bankenausschuss des Senats die Finanzmärkte auf einen strafferen Kurs in der Geldpolitik vorbereitet. Ein Anstieg der Preise und Einstellungsschwierigkeiten nach der Corona-Krise könnten seiner Ansicht nach länger anhalten als erwartet. Falls sich die Inflation verfestigen sollte, werde die Fed "sicherlich reagieren" und ihre Werkzeuge einsetzen, betonte er. Bei einem Anziehen der Zinsen kann der Druck auf Aktien generell zunehmen, weil sie im Vergleich mit anderen Anlageklassen an Attraktivität einbüßen können.

Ein Zinsanstieg könnte die Aktienmärkte ausbremsen, die Finanzierungskosten der Unternehmen würden dadurch steigen und so auf deren Gewinne drücken, erläuterte Thomas Altmann, Portfolio-Manager beim Vermögensverwalter QC Partners. Da gerade der Wert von Technologieaktien stark von den zukünftigen Erträgen abhängt, reagieren die Titel besonders heftig auf steigende Zinserwartungen. Etwa die Papiere von Microsoft verloren heute 3,6 Prozent, Facebook und Alphabet gar 3,7 Prozent.

Viele Unsicherheitsfaktoren

Die Investoren trennten sich auch von US-Staatsanleihen, wodurch die Rendite der richtungweisenden zehnjährigen US-Bonds zwischenzeitlich auf ein Dreieinhalb-Monats-Hoch von Plus 1,558 Prozent stieg. Damit würden Anleihen wieder zu einer Konkurrenz für Aktien, so Altmann. Zudem kann auch die Zeit der Geldflut bald vorbei sein. US-Währungshüter James Bullard sieht bereits im kommenden Jahr Spielraum für einen Abbau der krisenbedingt massiv aufgeblähten Bilanz der Notenbank. Sie sollte damit nach dem anstehenden Herunterfahren der Anleihenkäufe - dem sogenannten Tapering - im nächsten Jahr beginnen.

Neue Konjunkturdaten spiegeln die zunehmende Skepsis gegenüber der geplanten geldpolitischen Ausrichtung wider. So stiegen die Immobilienpreise im Juli um fast 20 Prozent. Zudem trübte sich die Stimmung der US-Verbraucher im September unerwartet deutlich ein. Das Verbrauchervertrauen fiel zum Vormonat um 5,9 Punkte auf 109,3 Zähler und damit auf den tiefsten Stand seit Februar, wie das Marktforschungsinstitut Conference Board mitteilte. Es ist das dritte Minus in Folge.

Am deutschen Aktienmarkt ist die Erleichterung nach der Bundestagswahl vorerst verschwunden. Trotz positiver Konjunkturdaten zogen sich die Anleger an der Frankfurter Börse zurück. Nach anfangs nur leichten Verlusten sackte der DAX im Tagesverlauf immer weiter ab. Die schlechte Stimmung an der Wall Street verstärkte den Verkaufsdruck noch. Der deutsche Leitindex ging letztendlich mit 15.249 Zählern aus dem Handel - ein sattes Minus von knapp 2,1 Prozent. Am Nachmittag war er zeitweise auf etwa 15.230 Punkte abgestürzt.

Damit wurde ein Teil der Gewinne seit dem Mehrmonatstief in der Vorwoche wieder ausradiert. Der MDAX verlor 2,19 Prozent auf 34.502 Zähler. Im Verlauf stand der Index mit den mittelgroßen deutschen Werten erstmals seit zwei Monaten wieder kurz unter der Marke von 34.500 Punkten.

Im Sog der bereits am Vorabend schwächeren Nasdaq wurden auch in Frankfurt vor allem Technologiewerte aus den Depots geworfen. Größter DAX-Verlierer war Infineon mit einem Kursrückgang von 5,9 Prozent.

Laut Marktbeobachter Andreas Lipkow von der Comdirect macht es den Anlegern zudem Sorgen, ob die hohen Bewertungsniveaus im Tech-Sektor gerechtfertigt sind. Gleiches galt wohl auch für andere Corona-Gewinner-Branchen. Die erst neu in den DAX gekommenen Papiere des Laborzulieferers Sartorius oder des Diagnostikkonzerns Qiagen gaben wie schon am Vortag stärker um mehr als zwei Prozent nach.

EZB bleibt "geduldig"

An den Zinssorgen konnte auch die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) nichts ändern. Laut Christine Lagarde wird sich die Notenbank von der derzeit hohen Inflation nicht zu einer übereilten Straffung ihrer Geldpolitik hinreißen lassen. Noch kein Grund zum Eingreifen sei es, wenn die Teuerungsrate für einige Zeit über dem Zielwert von zwei Prozent liege, betonte sie auf dem Zentralbankenforum. Die EZB könne "geduldig" bleiben, bis sie davon überzeugt sei, dass die Verbesserung der lange Zeit zu niedrigen Inflationsrate nachhaltig sei und dürfe mit Blick auf vorübergehende Störfaktoren wie die durch Lieferengpässe ausgelösten Preistreiber "nicht überreagieren".

Derweil kommen aus der deutschen Wirtschaft gemischte Signale. Während der Umsatz der gewerblichen Wirtschaft im August zum Vormonat um 0,3 Prozent gesunken ist, hellt sich die Stimmung der Verbraucher weiter auf. Die Nürnberger Marktforscher der GfK prognostizieren in ihrem am Morgen veröffentlichten Konsumklimabarometer für Oktober einen Wert von 0,3 Punkten und somit 1,4 Zähler mehr als im September. Experten hatten mit einem Rückgang auf minus 1,6 Zähler gerechnet. Positive Signale kommen auch vom ifo-Beschäftigungsbarometer. Es kletterte im September um 0,7 Punkte.

Neben den vielen Unsicherheitsfaktoren bleibt auch die Lage beim Krisenkonzern Evergrande ungewiss. Allerdings signalisierte die chinesische Zentralbank Hilfen für den strauchelnden Konzern und sorgte damit bei Anlegern für Erleichterung. Ein weitere Belastung für die Stimmung sei die Energiekrise in der Volksrepublik, sagte Gianclaudio Torlizzi, Partner in der Beratungsfirma T-Commodity. Wegen eines knappen Angebots von Kohle und zur Reduzierung von Emissionen zwingt die Regierung in Peking Unternehmen, ihre Produktion zu drosseln. Dies schürte Experten zufolge die Furcht vor einer Abschwächung des weltweiten Aufschwungs.

Parallel zu den Aktienkursen hat auch der Euro nachgegeben und ist unter die Marke von 1,17 Dollar gefallen. Am Nachmittag kostete die Gemeinschaftswährung im Tief 1,1671 Dollar und damit so wenig wie seit über einem Monat nicht mehr. Die Europäische Zentralbank hatte den Referenzkurs auf 1,1698 Dollar festgesetzt.

Der Hauptgrund für die Entwicklung ist die unterschiedliche Zinsentwicklung in den USA und der Eurozone. Während die US-Notenbank Fed bald mit dem Ausstieg aus ihrer sehr lockeren Geldpolitik beginnen will und daher die Zinsen dort steigen, rentieren viele Staatsanleihen in der Eurozone im negativen Bereich. Dies macht Anlagen in Dollar attraktiver. In Europa zeichnet sich noch keine geldpolitische Wende ab.

Die Preisrally am Ölmarkt setzte sich heute zunächst fort. Die Sorte Brent aus der Nordsee gewann zwischenzeitlich 0,7 Prozent und sprang über die Marke von 80 Dollar je Barrel. Damit erreichte Brent den höchsten Stand seit drei Jahren. Einsetzende Gewinnmitnahmen drückten den Preis bis zum Abend aber um 0,7 Prozent auf 78,99 Dollar. Händler begründeten die Kursverluste darüber hinaus mit der insgesamt sehr trüben Stimmung an den Finanzmärkten. Der mögliche Ausstieg aus der sehr lockeren US-Geldpolitik belastet auch die Ölpreise, die stark von der konjunkturellen Entwicklung abhängen.

Am Ölmarkt trifft derzeit ein knappes Angebot auf eine anziehende Nachfrage dank der Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Vor diesem Hintergrund stiegen Investoren bei Öl- und Gasfirmen ein. Der europäische Branchenindex stieg um bis zu 1,6 Prozent auf ein Eineinhalb-Jahres-Hoch von 279,03 Punkten. Der Preisanstieg der wichtigen Exportgüter Öl und Gas hievte den russischen Leitindex auf ein Rekordhoch.

Pfizer und BioNTech haben bei der US-Arzneimittelbehörde FDA die Daten für eine Zulassung ihres Covid-19-Impfstoffs zum Einsatz bei Kindern zwischen fünf und elf Jahren eingereicht. Ein formeller Antrag auf eine Notfallgenehmigung soll voraussichtlich in den kommenden Wochen folgen, teilten die Unternehmen mit. BioNTech und Pfizer hatten in der vergangenen Woche positiven Studienergebnisse zum Einsatz bei Kindern veröffentlicht. In der entscheidenden Studie mit Fünf- bis Elfjährigen sei das Vakzin gut vertragen worden und habe eine starke Immunantwort erzeugt.

Pfizer startete derweil eine klinische Studie mit einem mRNA-Impfstoff gegen Grippe. Ziel sei es, durch die Anwendung der neuen Technologie die Wirksamkeit von Grippe-Impfstoffen zu verbessern, teilte das der US-Pharmakonzern mit. Die Vakzine, die derzeit im Einsatz sind, haben eine Wirksamkeit von 40 bis 60 Prozent. An der Studie sollen in den USA mehr als 600 Probanden im Alter von 65 bis 85 Jahren teilnehmen.

Nach optimistischen Aussagen zum dritten Quartal und zu den kommenden Jahren gehörte die Covestro-Aktie heute zur Spitzengruppe im DAX. Beim Kunststoffhersteller brummt das Geschäft. "Wir gehen davon aus, das dritte Quartal um das obere Ende der Prognose herum abzuschließen", sagte Vorstandschef Markus Steilemann. Der Konzern hatte für diesen Zeitraum ein operatives Ergebnis (Ebitda) von 760 bis 860 Millionen Euro in Aussicht gestellt.

In diesem Jahr rechnet Covestro mit einem Ebitda von 2,2 Milliarden Euro, sodass das mittelfristige Ziel von 2,8 Milliarden bis 2024 eine Steigerung um mehr als ein Viertel bedeuten würde. Die ehemalige Bayer-Tochter profitiert derzeit von Trends wie Elektromobilität und energieeffizientes Bauen. Nun sollen die Investitionen deutlich nach oben geschraubt und die Produktionskapazitäten erweitert werden, um die wachsende Nachfrage bedienen zu können. Der Bau der neuen Großanlage für das Hartschaum-Vorprodukt MDI, den Covestro Anfang 2020 noch auf Eis gelegt hatte, kommt jetzt wieder auf die Agenda.

Der Baustoffkonzern HeidelbergCement beteiligt sich an dem IT-Dienstleister Command Alkon. Durch die Partnerschaft mit dem US-Softwareunternehmen sollen Lieferketten, Baustellen und Materialbeschaffung automatisiert werden, wie das DAX-Mitglied heute mitteilte. "Unser Ziel ist es, das erste Industrial-Tech-Unternehmen in unserer Branche zu werden", sagte Firmenchef Dominik von Achten. "Wir sind davon überzeugt, mit dieser Partnerschaft einen Standard für die schwere Baustoffindustrie setzen zu können." Die Heidelberger erwerben eine Minderheitsbeteiligung von 45 Prozent an Command Alkon, die Software-Investmentgesellschaft Thomas Bravo behält die Mehrheit an dem US-Unternehmen. Der Kaufpreis liegt einem Sprecher zufolge in der Größenordnung von 250 Millionen US-Dollar.

Amazon will zu einem Vorreiter bei Haushaltsrobotern werden. Der Online-Händler stellte heute ein Gerät mit dem Namen Astro vor - es hat einen Bildschirm, kann seine Umgebung mit Kamera und Mikrofon erfassen und bewegt sich auf Rädern durchs Haus. "Wir glauben, dass in fünf bis zehn Jahren jeder Haushalt mindestens einen Roboter haben wird", sagte Amazons Gerätechef Dave Limp. Der Astro-Roboter kann hauptsächlich zur Kommunikation sowie als eine Art mobile Sicherheitsanlage verwendet werden. Er kann zum Beispiel auch ältere Familienangehörige durchs Haus begleiten. Die Daten, die für die Navigation durch ein Zuhause notwendig sind, werden komplett auf dem Gerät verarbeitet und gehen nicht in die Cloud, wie Amazon betonte. Der Konzern will die Geräte zunächst ausgewählten Nutzern zum Preis von rund 1000 Dollar zur Verfügung stellen.

Der Online-Modehändler About You wird optimistischer für das laufende Geschäftsjahr. Anlässlich der Vorlage der vorläufigen Geschäftszahlen zum zweiten Geschäftsquartal (bis Ende August) hob das SDAX-Unternehmen seine Umsatzprognose an. Das Management erwartet für das Gesamtjahr nun einen Umsatz von 1,725 bis 1,775 Milliarden Euro. Zuvor war die obere Hälfte der Spanne von 1,63 bis 1,75 Milliarden Euro angestrebt worden. Die Prognose für das bereinigte Ebitda wurde bestätigt.

Chronext geht im Oktober an die Schweizer Börse

Der Luxusuhren-Händler Chronext will am 8. Oktober an die Schweizer Börse SIX. Chronext biete die Aktien in einer Spanne von 16 bis 21 Franken pro Titel an, wie die Schweizer Firma mitteilte. Einschließlich der Mehrzuteilungsoption entspreche das Angebotsvolumen damit bis zu 230 Millionen Franken. Die Marktkapitalisierung erreiche bis zu 680 Millionen Franken.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. September 2021 um 17.00 Uhr sowie tagesschau24 um 09:05 Uhr.