Euromünze und Dollarschein

Dollar wird immer stärker Euro sackt ab, Börsen steigen

Stand: 29.09.2021 22:36 Uhr

Sinkende Anleiherenditen haben den Börsen wieder Auftrieb gegeben. Der Dow Jones und der DAX erholten sich etwas von ihrem gestrigen Kursrutsch. Der Euro erlitt einen Schwächeanfall und rutschte auf ein 14-Monats-Tief.

Was ist los mit dem Euro? Die Gemeinschaftswährung rutschte am Abend unter 1,16 Dollar, den tiefsten Stand seit Juli 2020. Starke Konjunkturdaten aus den USA beflügelten den Dollar. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, kletterte im Tagesverlauf auf ein Elf-Monats-Hoch von 93,99 Punkten.

Fed-Strategiewende stützt den Dollar

Der Euro steht zum Dollar schon seit einigen Wochen unter Druck. Ein wichtiger Grund ist der Unterschied der geldpolitischen Ausrichtung der beiden Notenbanken EZB und Fed. Während die USA auf eine geldpolitische Wende zusteuern, zeigen die Europäer bisher keine solche Neigung. Die Erwartung einer strafferen Geldpolitik lässt den Dollar steigen, während der Euro an Boden verliert.

Wird der Shutdown in den USA noch verhindert?

Nicht einmal der drohende Shutdown in den USA schadet dem Dollar. Dies sei ein Zeichen der Zuversicht, dass sich die Beteiligten wie üblich in letzter Minute doch noch zusammenrauften, sagte Marshall Gittler, Chef-Analyst des Brokerhauses BDSwiss. Seit Tagen tobt ein Streit um die Anhebung der US-Schuldenobergrenze. Ohne Einigung droht ab Freitag ein "Government Shutdown", die Schließung zahlreicher Behörden. Laut US-Finanzministerin Janet Yellen könnten die USA ab dem 18. Oktober zahlungsunfähig werden. Dies würde die Börsen nach Einschätzung von Experten weltweit ins Chaos stürzen.

Von Chaos war heute nichts an der Wall Street zu spüren. Im Gegenteil: Die US-Börsen erholten sich von ihrem gestrigen Kursrutsch - wenn auch nur moderat. Der Dow Jones gewann rund 0,3 Prozent auf 34.390 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 stieg um knapp 0,2 Prozent auf 4359 Zähler. Der technologielastige Nasdaq 100, der tags zuvor um fast 2,9 Prozent abgesackt war, konnte indes seine Gewinne nicht halten und schloss leicht im Minus bei 14.752 Punkten.

Anleiherenditen sinken wieder

Die Entspannung am Anleihemarkt beruhigte die Anleger etwas. Die Renditen der zehnjährigen US-Staatspapiere sanken auf 1,54 Prozent, nachdem sie gestern noch auf 1,56 Prozent gestiegen waren, den höchsten Stand seit Mitte Juni. Die Zinserhöhungsängste seien aber noch nicht verschwunden, sage Jim Smigiel, Chef-Anleger des Vermögensverwalters SEI. Höhere Zinsen sind Gift für Aktien.

Fed-Chef frustriert über Lieferkettenprobleme

Am Abend meldete sich noch Fed-Chef Jerome Powell zu Wort. Die anhaltenden Materialengpässe machen der US-Wirtschaft im Aufschwung nach der Pandemiekrise länger zu schaffen als gedacht. Es sei frustrierend zu sehen, dass diese Hemmnisse und auch die Lieferkettenprobleme sich nicht besserten, sagte Powell am Mittwoch bei einer Reuters-Gesprächs-Runde beim Zentralbankforum der Europäischen Zentralbank (EZB). Das mit der Öffnung der Wirtschaft nach der Krise zusammenhängende Problem werde sich wohl bis in das nächste Jahr hinein ziehen. Er erwarte, dass die zuletzt kräftig in Gang gekommene Inflation auch in den nächsten Monaten über dem Ziel der Federal Reserve von zwei Prozent liegen werde, bevor sie nachlassen werde.

Dank des Rückenwinds von der Wall Street stabilisierte sich der DAX und schloss um 0,77 Prozent fester bei 15.365 Zählern. Damit konnte er allerdings nur einen Teil seiner gestrigen Vortagesverluste von fast zwei Prozent wieder aufholen. Auf Wochensicht liegt der deutsche Leitindex weiter im Minus.

Schnäppchenjäger greifen zu

Wieder einmal waren es Schnäppchenjäger, die die niedrigen Kurse zum Wiedereinstieg nutzten. "Der DAX kann sich auch bei größeren Schwächeanfällen auf eine Käufergruppe verlassen, die ihn schon in den Vormonaten mehrfach wieder aufgefangen hat", meint Börsenstatistiker Andreas Büchler von Index Radar in einem Kommentar. So sei der Index seit April nach einem Rückfall auf 14.800 bis 15.000 Punkte immer wieder nach oben gedreht. "Solange dieser Effekt anhält, haben Anleger nur wenig zu befürchten".

Zitterpartie hält dennoch an

Marktbeobachter Jochen Stanzl von CMC Markets hält die Zitterpartie aber längst noch nicht für ausgestanden. Nach seiner Sichtweise haben sich die Kurse, zu denen Schnäppchenjäger wieder zum Zugreifen bereit sind, in den vergangenen zwei Wochen deutlich nach unten verschoben. Bei steigenden Kursen dagegen sei die Zurückhaltung der Anleger immer deutlicher zu spüren.

Angst vor der Zinswende

Auch Craig Erlam, Marktanalyst des Brokerhauses Oanda, sieht noch keinen Stimmungsumschwung. "Die Zentralbanken signalisieren eine Drosselung der Konjunkturstimuli und Zinserhöhungen zu einer Zeit, da die Inflation hoch ist und sich das Wachstum verlangsamt." Die Erholung der Wirtschaft von den Folgen der Coronavirus-Pandemie sei noch lange nicht abgeschlossen.

Am Rohölmarkt machten Anleger Kasse. Der Preis für die Nordseesorte Brent fällt um 0,7 Prozent auf 78,51 Dollar je Barrel (159 Liter). Damit haben sich die Ölpreise wieder von ihrem am Vortag erreichten Niveau entfernt. Der Brent-Preis war am Dienstag mit mehr als 80 Dollar auf einen dreijährigen Höchststand gestiegen. "Es wächst die Sorge, dass die Stromrationierung in China die dortige Industrie und damit auch die Nachfrage nach Öl und Gas ausbremsen könnte", sagte Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch.

Im Drama um den chinesischen immobilienriesen Evergrande gibt es etwas Entspannung. Auf der Suche nach Barmitteln hat der zahlungsunfähige Immobilienkonzern Evergrande seinen Anteil an der Shengjing Bank für rund 1,5 Milliarden Dollar an die staatliche Vermögensgesellschaft Shenyang Shengjing verkauft. Die Aktien von Evergrande in Hongkong kletterten daraufhin um 9,4 Prozent. Mit den Einnahmen sollen Schulden beglichen werden, die Evergrande bei der Bank hat. Insidern zufolge ließ der Immobilienkonzern allerdings zum zweiten Mal binnen einer Woche die Frist für eine millionenschwere Zinszahlung für einen Dollar-Bond kommentarlos verstreichen.

Zu den größten DAX-Gewinnern zählte neben Airbus und VW heute Covestro. Die Aktien stiegen um 2,3 Prozent. Beim Leverkusener Kunststoffkonzern laufen die Geschäfte weiter rund. Das Unternehmen rechnet damit, dass es das dritte Quartal am oberen Ende der Prognose oder sogar darüber abschließen wird. Für das dritte Quartal erwartete der DAX-Konzern zuletzt ein operatives Ergebnis (Ebitda) von 760 Millionen Euro bis 860 Millionen Euro. Vor einem Jahr waren es "nur" 456 Millionen Euro. Das Unternehmen will die Quartalszahlen am 8. November veröffentlichen. Covestro hatte erst im Juli die Jahresprognose für den operativen Gewinn angehoben.

Die Aktien von Heidelbergcement rutschten um über zwei Prozent ab und waren zweitgrößter DAX-Verlierer. Der Baustoffkonzern will einen Minderheitsanteil an einem US-Softwarespezialisten für Baustoffe kaufen. Der Kaufpreis für einen Anteil von 45 Prozent an Command Alkon liege in der Größenordnung von 250 Millionen US-Dollar, sagte ein Sprecher. Mit dem Schritt baut Heidelbergcement ein digitales Ökosystem für die Baustoffindustrie mit Partnern auf.

Bei der VW-Lastwagentochter Traton gibt es einen abrupten Chefwechsel: Der bisherige Chef Matthias Gründler scheidet noch in dieser Woche vorzeitig aus und wird durch den bisherigen Lenker des schwedischen Lkw-Bauers Scania, Christian Levin, ersetzt. Traton-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch erklärte am Mittwochabend, der 54-jährige Levin sei eine starke Führungskraft. "Er hat meine volle Unterstützung, den Weg zu stärkerer Rentabilität und Wachstum zu gestalten." Neben Gründler verlässt auch Finanzvorstand Christian Schulz einvernehmlich Traton. Er wird von Annette Danielski abgelöst, die bei Traton bisher die Konzernfinanzen leitete und damit unterhalb des Finanzvorstandes arbeitete. Levin bleibt auch Scania-Chef.

Aus dem MDAX ragten die Aktien von Gea mit einem Plus von 2,1 Prozent heraus. Der Maschinen- und Anlagenbauer hat sich für die nächsten fünf Jahre eine Wachstumskur verordnet. Bis 2026 peilt Gea eine jährliche organische Umsatzsteigerung von durchschnittlich vier bis sechs Prozent an. Auf Basis der 4,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr ergibt sich damit ein Umsatzziel von 6 Milliarden Euro für 2026. Zudem will Gea die operative Marge bis dahin auf mehr als 15 Prozent verbessern. Ein weiteres Ziel der "Mission 26", wie das Unternehmen seine Wachstumsstrategie nennt, sind jährliche Investitionsausgaben in Höhe von 200 Millionen Euro.

Millionenstrafe für N26

Die Smartphone-Bank N26 muss wegen einer mangelhaften Geldwäsche-Bekämpfung eine Strafe von 4,25 Millionen Dollar an die Finanzaufsicht BaFin zahlen. Dem Berliner Start-up war vorgeworfen worden, nicht entschieden genug Verdachtsfällen nachgegangen zu sein. N26 räumte ein, man habe in den Jahren 2019 und 2020 "weniger als 50 Geldwäscheverdachtsmeldungen" verspätet bei der BaFin eingereicht.

An der Wall Street waren die Aktien von Boeing stark gefragt. Sie verteuerten sich um 3,2 Prozent. Der Flugzeug-Hersteller hofft nach einem erfolgreichen Testflug für die chinesische Aufsicht mit einer raschen Flugerlaubnis für die 737 MAX durch die Behörde. Maschinen dieses Typs waren 2019 nach zwei Abstürzen weltweit mit Flugverbot belegt worden.

Der US-Chiphersteller Micron hat eine Umsatzwarnung für das laufende erste Quartal ausgegeben. Das Unternehmen erwartet nach eigenen Angaben Erlöse von 7,65 Milliarden Dollar - plus oder minus 200 Millionen Dollar. Analysten waren im Durchschnitt bislang von 8,57 Milliarden Dollar ausgegangen. Grund sei der Engpass bei Materialien für die Chip-Produktion. Die Micron-Aktien büßte zwei Prozent ein. Zuletzt hatte das Unternehmen vom Trend zum Homeoffice profitiert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. September 2021 um 17:00 Uhr.