Erdölförderung | picture alliance / dpa
Marktbericht

Deutliche Kursverluste zum Wochenstart Öl-Alarm an den Börsen

Stand: 04.10.2021 22:39 Uhr

Die angespannte Lage am Ölmarkt hat die Börsen zum Wochenbeginn schwer belastet. Das schwarze Gold wird immer teurer, weil sich die großen Förderländer weigern, den Ölhahn stärker aufzudrehen.

Die Öl-Allianz Opec+ hat den Aktienanlegern die Laune am Montag gründlich verdorben. Trotz der explodierenden Energiepreise wollen die großen Erdöl-Förderländer nicht die Produktion stärker ausweiten. Die Gruppe Opec+ kündigte am Abend an, wie im Juli vereinbart die Quoten im November lediglich um monatlich 400.000 Barrel pro Tag anzuheben.

Der Verzicht auf eine stärkere Rohöl-Förderung trieb die Nordsee-Sorte Brent um bis zu 3,4 Prozent auf 82,00 Dollar, den höchsten Stand seit drei Jahren. Das US-Öl WTI verteuerte sich um bis zu 3,3 Prozent auf ein Sieben-Jahres-Hoch von 78,38 Dollar je Barrel (159 Liter). Die steigenden Ölpreise heizten die Inflationserwartungen der Anleger an. Die Notenbanken geraten dadurch unter Druck. Sie könnten schneller als geplant ihre Geldpolitik straffen.

US-Anleiherenditen ziehen wieder an

In der Folge stiegen die Renditen von Anleihen in den USA sowie in der Eurozone leicht an. Mit 1,49 Prozent blieb die Rendite der zehnjährigen Bonds aus den USA knapp unter dem am Dienstag erreichten Drei-Monats-Hoch von 1,567 Prozent. "Die Anleihemärkte weltweit treibt vor allem die Sorge um, die Zentralbanken könnten die Inflationsrisiken unterschätzen und dann die Zinsen stärker anheben müssen, als sie selbst heute glauben", sagte Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege bei der Deutschen Bank.

Die steigenden Ölpreise und die wachsenden Inflationssorgen setzten der Wall Street zu. Der Dow Jones büßte 0,9 Prozent ein, nachdem er anfangs noch im Plus eröffnet hatte. Der breiter gefasste S&P 500 rutschte um 1,3 Prozent auf 4300 Punkte. Bei den Tech-Aktien kam es gar zu einem regelrechten Ausverkauf - wegen steigender Renditen bei US-Staatsanleihen. Die Nasdaq 100 stürzte um mehr als zwei Prozent ab und erreichte den tiefsten Stand seit Juni.

Die schwache Wall Street belastete Europas Börsen. Der EuroStoxx 50 rutschte um fast ein Prozent ab auf unter 4.000 Punkte. Der französische Cac 40 gab um 0,6 Prozent nach. Der DAX schloss 0,8 Prozent tiefer. Immerhin konnte sich der deutsche Leitindex noch knapp über der Marke von 15.000 Punkten halten.

Immerhin konnte sich der deutsche Leitindex noch knapp über 15.000 Punkte halten. Ein Sturz unter die runde Marke und damit unter die auf dieser Höhe verlaufende 200-Tage-Linie hätte zahlreiche Anschlussverkäufe und damit eine Ausweitung der Abwärtsdynamik nach sich gezogen.

Neben dem Ölpreis-Dilemma vergraulte auch das Drama um den chinesischen immobilienriesen Evergrande die Anleger. Evergrande-Aktien wurden heute in Hongkong vom Handel ausgesetzt. Analysten berichteten von einer weiteren Zinszahlung, die der taumelnde Immobilienriese verpasst habe. Medienberichten zufolge will Evergrande nun die Mehrheit an seinem Immobilienverwalter für umgerechnet 4,4 Milliarden Euro an den Konkurrenten Hopson verkaufen.

Aktien vom Handel ausgesetzt

"Nachdem der Name Evergrande in den vergangenen Tagen etwas aus den Schlagzeilen verschwunden war, ist der drohende Zusammenbruch des mit mehr als 300 Milliarden Dollar verschuldeten chinesischen Immobilen-Giganten spätestens mit der Handelsaussetzung seiner Aktien wieder mehr als präsent", sagte Jochen Stanzl, Marktanalyst von CMC Markets. Das Thema bleibe für Anleger ein Risiko, auch wenn die Mehrheit weiterhin nur von begrenzten Auswirkungen auf die internationalen Finanzmärkte ausgehe.

USA bleiben im Handelsstreit mit China auf Trump-Kurs

Ein weiterer Belastungsfaktor für die Börsen waren die anstehenden Handelsgespräche der USA und China. Die US-Handelsunterhändlerin Katherine Tai sagte zu, mit der Rücknahme einiger Zölle zu beginnen, die der ehemalige US-Präsident Donald Trump auf Waren aus China verhängt hatte. Zugleich drängte sie die Regierung in Peking zu "offenen" Gesprächen in den kommenden Tagen, da gemachte Zusagen nicht eingehalten worden seien. Die USA halten im Handelsstreit mit China in großen Teilen am harten Kurs des früheren Präsidenten Donald Trump fest.

Giftiger Cocktail

Nach Ansicht von Experten befinden sich die Weltbörsen weiter im Klammergriff von Lieferkettenproblemen in wichtigen Industrien, steigenden Energiepreisen und der hohen Inflation. Zudem steht ein Ende der ultralockeren Geldpolitik unmittelbar bevor. Die US-Notenbank Fed dürfte bald auf die Bremse treten. Die Geldflut der Notenbanken gilt bisher als wichtigster Treiber der Börsenrally der vergangenen Jahre.

Der Goldpreis hat seine Talfahrt gestoppt. Am Abend kostete eine Feinunze des gelben Edelmetalls 1764 Dollar und damit 0,2 Prozent mehr. In der Vorwoche war der Goldpreis bis auf 1720 Dollar gefallen.

Der Euro konnte sich zum Start in die neue Woche etwas berappeln. Die Gemeinschaftswährung kostete am Abend 1,1626 US-Dollar. Am Freitag war der Euro zeitweise bis auf 1,1563 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit Juli 2020 gefallen. Der Dollar hielt sich derweil in der Nähe seines Ein-Jahres-Hochs. "Wenn Sie glauben, dass eine Stagflation bevorsteht, sollten Sie sich von zyklischen Aktien trennen und in sichere Häfen wie den Dollar investieren", sagte Francois Savary, Investmentchef des Schweizer Vermögensverwalters Prime Partners.

Unter den Einzelwerten sorgten insbesondere Analystenkommentare für Bewegung. So litten Aktien des Sportartikelkonzerns Adidas im DAX unter einer skeptischen Studie der Bank of America. Sie hat das Papier von "Neutral" auf "Underperform" herabgestuft. Zur Begründung verwies die Bank of America auf die unsichere Erholung des chinesischen Absatzmarktes und die anhaltenden Lieferketten-Probleme. Die Adidas-Aktien fielen um 2,3 Prozent.

Unter den Schlusslichtern im MDAX büßten Anteilsscheine von Nemetschek rund fünf Prozent ein, nachdem das Bankhaus Metzler die Kaufempfehlung gestrichen hatte. Bei Bewertungen auf Rekordniveaus sei es Zeit für eine Verschnaufpause, kommentierte das Bankhaus seine Abstufung auf "Hold".

Der Chemiesektor könnte laut einer Studie der UBS im vierten Quartal unter der Stromknappheit in China leiden. Sollte China in den Monaten November und Dezember den industriellen Stromverbrauch um zehn bis 15 Prozent kürzen, würde die Branche überproportional getroffen.

Dies bedeute auch ein Risiko für die europäischen Chemieunternehmen mit einer eigenen Produktion oder vielen Kundenbeziehungen in China. Die Experten verwiesen unter anderem auf Covestro, Wacker Chemie, Fuchs Petrolub und Akzo Nobel.

Die Autowerte rückten nach Zahlen zum US-Absatz in den Fokus. Bei VW sank die Zahl der verkauften Fahrzeuge um acht Prozent auf 79.321. BMW legte dagegen um 8,7 Prozent auf 75.619 Fahrzeuge zu. Seit Jahresanfang setzte der Konzern sogar 35,4 Prozent mehr ab als in den ersten neun Monaten 2020. Bei Volkswagen steht seit Jahresanfang ein Plus von 29,9 Prozent in den Büchern.

Rund läuft es für Tesla. Der US-Elektroautobauer brachte im dritten Quartal weltweit gut 241.300 Fahrzeuge zu den Kunden - so viel wie nie und gut 53 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Zugleich verwies aber auch Tesla auf Herausforderungen durch die Chip-Knappheit. Die Tesla-Aktien legten an der Wall Street um 1,3 Prozent zu.

Der Optikkonzern Carl Zeiss rechnet für das abgelaufene Geschäftsjahr 2020/21 (30. September) trotz der Corona-Pandemie mit einem Spitzenwert von etwas mehr als einer Milliarde Euro beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit). Erstmals in seiner 175-jährigen Geschichte wird Zeiss zudem das Geschäftsjahr mit einem Umsatz von mehr als sieben Milliarden Euro abschließen.

Der Leasingspezialist Grenke senkte am Montagabend seine Prognose für das Leasingneugeschäft im laufenden Jahr. Statt 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro rechnet das Unternehmen nur noch mit 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro. Die Prognose für den Konzerngewinn nach Steuern bestätigte Grenke hingegen mit 60 bis 80 Millionen Euro. Im dritten Quartal war das Leasingneugeschäft im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum auf 372,2 Millionen Euro eingebrochen. Als Grund nannte die Baden-Badener Firma globale Lieferengpässe, vor allem bei Herstellern von Computer- und Bürotechnik. im späten Handel rutschten die Grenke-Aktien um knapp fünf Prozent ab.

Im Nebenwerteindex SDAX standen die Aktien der Adler Group im Blickpunkt. Nachdem die Anteilsscheine zunächst um fast 18 Prozent in die Höhe geschnellt waren, stand zuletzt noch ein Plus von 2,6 Prozent zu Buche. Der Wohnimmobilienkonzern steht eventuell vor einer großen Neuausrichtung. Der Verkauf eines wesentlichen Teils des von der Adler Group direkt oder indirekt gehaltenen Mieteinnahmen generierenden Immobilienbestandes ist offenbar eine Option.

Die Aktien von Merck & Co profitierten weiterhin von jüngsten Aussagen des Pharmaunternehmens, dass dessen Covid-19-Medikament vor dem Durchbruch stehe. Das israelische Biotechunternehmen Redhill Biopharma gab inzwischen ebenfalls vielversprechende Neuigkeiten über die Wirksamkeit eines eigenen oralen Medikaments bei schweren Covid-19-Verläufen bekannt. Die Titel legten an der Nasdaq zuletzt um 9,0 Prozent zu. Für BioNTech, Moderna und Curevac ging derweil der jüngste Kursrutsch daher weiter.

Einen schwarzen Tag erlebte Facebook. Die Aktien sackten um 5,7 Prozent ab und waren damit zweitschwächster Nasdaq-100-Wert. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Online-Netzwerkes, die zunächst als Whistleblowerin Medien einige Enthüllungsberichte geliefert hatte, prangerte unter anderem an, dass Facebook sein Gewinnstreben über das Wohl junger Nutzergruppen stelle. Zudem machte Facebook der Ausfall seiner App sowie der Whatsapp- und Instagram-App bei Zehntausenden Benutzern zu schaffen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Oktober 2021 um 17:00 Uhr.