Händler arbeiten mit Atemschutzmasken an der New York Stock Exchange
Marktbericht

Börsen im Aufwind Anleger jubeln über Einigung im Schuldenstreit

Stand: 07.10.2021 22:15 Uhr

Gute Nachrichten aus den USA: Der Schuldenstreit ist vorerst entschärft. Zudem schwinden die Inflationssorgen, weil die Energiepreise wieder sinken. Die Börsen machten einen Freudensprung.

Die Wall Street hat sich von den jüngsten Kursverlusten wieder erholt. Der Dow Jones kletterte heute um rund ein Prozent nach oben und hat damit seit Wochenbeginn gut 500 Punkte zugelegt. Bereits gestern hatte der US-Standardwerteindex eine fulminante Aufholjagd gestartet und war noch ins Plus gedreht.

Zahlungsunfähigkeit der USA vorerst abgewendet

Anleger honorierten den Kompromiss zur Anhebung der Schuldenobergrenze, der die USA bis Dezember finanziell flüssig hält. Die Wahrscheinlichkeit einer Zahlungsunfähigkeit sei zwar gering, hätte aber fatale Folgen, sagte Greg Swenson, Gründungspartner der Investmentbank Brigg Macadam. Da dieses Risiko vom Tisch sei, komme die Erholung der Kurse nicht überraschend.

Xi und Biden wollen sich treffen

Bewegung gab es auch auf diplomatischem Parkett. Vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen ihren Staaten wollen sich US-Präsident Joe Biden uns sein chinesischer Kollege Xi Jinping demnächst bei einem virtuellen Treffen austauschen. Dies sei ein gutes Zeichen, sagten Marktbeobachter.

Energiepreise gehen etwas zurück

Zusätzlicher Auftrieb brachte die Entspannung an den Öl- und Gasmärkten. Denn dadurch nimmt der Inflationsdruck ab. Die Rohöl-Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um gut ein Prozent auf 80,18 Dollar je Barrel (159 Liter). Als Gründe gelten der Anstieg der US-Lagerbestände sowie Überlegungen der Regierung in Washington, Teile ihrer strategischen Reserven auf den Markt zu werfen. Dies könnte das Angebotsdefizit verringern, sagte Analyst Giovanni Staunovo von der Bank UBS. Wenn Russland außerdem mehr Gas nach Europa schicke, wichen weniger Versorger auf Erdöl als Energieträger aus.

Der Terminkontrakt auf europäisches Erdgas fiel um rund elf Prozent auf 96,15 Euro je Megawattstunde. Am Mittwoch hatte der russische Präsident Wladimir Putin zusätzliche Gaslieferungen in Aussicht gestellt, um den Markt zu stabilisieren. Details nannte er jedoch nicht.

DAX wieder über 15.000 Punkten

Die sinkenden Energiepreise und die freundliche Wall-Street trieben den DAX kräftig nach oben. Der deutsche Leitindex erholte sich von seinen Vortagesverlusten und legte um knapp 1,9 Prozent zu. Er schloss bei 15.252 Punkten, nachdem er gestern unter die runde Marke von 15.000 Zählern gerutscht war. Der DAX liegt damit nun wieder klar über der 200-Tage-Linie (aktuell bei 15.029 Punkten), die als wichtiger Fingerzeig für den längerfristigen Trend gilt.

US-Nebenwerte mit "auffälliger" Schwäche

Doch für eine Entwarnung an den Börsen ist es zu früh. Ein Warnsignal sind die schwächelnden Nebenwerte in den USA. Das zeigt ein Blick auf den Russell 2000. Der viel beachtete US-Nebenwerteindex konnte sich gestern zwar von seinem Tagestief lösen, verharrte aber bis zum Handelsschluss in der Minuszone. Die Nebenwerte vollzogen also die gestrige Markterholung nicht mit. Auch Robert Rethfeld, Marktexperte von Wellenreiter-Invest, findet die Schwäche der US-Nebenwerte "auffällig". Schließlich seien die Nebenwerte ein wichtiger Konjunkturindikator.

Wer soll jetzt noch Aktien kaufen?

Zudem befinde sich der Aktienanteil der US-Privatanleger per Ende September bei 70,2 Prozent, sagte Rethfeld. Das Niveau bleibe damit historisch hoch. Ein hoher Aktienanteil gilt vielen Experten als Kontraindikator. Denn wer soll noch Aktien kaufen, wenn bereits alle über die Maßen investiert sind? Aus technischer Perspektive bleibe überdies das massive Übersteigen der Anzahl neuer 52-Wochen-Tiefs im Vergleich zu den positiven Pendants in den USA ein Makel, geben die technischen Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt zu bedenken.

Deutsche Produktion bricht ein

Ein Dämpfer kam auch von der deutschen Konjunkturfront. Die deutsche Wirtschaft hat ihre Produktion im August so stark gedrosselt wie seit dem April 2020 nicht mehr. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 4,0 Prozent weniger her als im Vormonat. LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch sprach von einem "herben Rücksetzer", der Aufholprozess sei ins Stocken geraten. "Lieferengpässe, hohe Energiepreise und Produktionsausfälle: ein toxisches Gebräu, das schon leicht nach Stagflation riecht."

Euro hält sich über 15-Monats-Tief

Der Euro konnte keinen Boden gutmachen. Die europäische Einheitswährung stagnierte heute bei 1,1556 Dollar. Tags zuvor hatte die steigende Risikoaversion die Anleger scharenweise in den "sicheren Hafen" US-Dollar getrieben. Der Euro war bis auf 1,1529 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit Juli 2020 gefallen. Am Freitag werden die offiziellen US-Arbeitsmarktdaten veröffentlicht, die an den devisenmärkten für Bewegung sorgen dürften.

Goldpreis fällt

Der starke Dollar drückt auf die Nachfrage nach Gold aus dem Nicht-Dollar-Raum. Entsprechend hat das gelbe Edelmetall bereits seit Wochen einen schweren Stand. Am Donnerstag kostete eine Feinunze Gold 1754 Dollar und damit etwas weniger als am Vortag.

Vonovia bei Deutsche-Wohnen-Übernahme am Ziel

Die Aktien von Vonovia stiegen um stiegen um 1,2 Prozent. Deutschlands größter Wohnungsvermieter hat sich im zweiten Anlauf eine komfortable Mehrheit am Rivalen Deutsche Wohnen gesichert. Zum Ende der Annahmefrist, die am Montag abgelaufen war, kam Vonovia auf 60,3 Prozent der Deutsche-Wohnen-Aktien. Damit steht dem Zusammenschluss der beiden DAX-Konzerne nichts mehr im Wege.

Zweite Annahmefrist für Deutsche Wohnen bis 21. Oktober

Die übrigen Deutsche-Wohnen-Aktionäre haben nun von Freitag an bis zum 21. Oktober noch einmal die Gelegenheit, ihre Papiere für je 53 Euro an Vonovia zu verkaufen. Einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag, der ein weiteres - möglicherweise höheres - Angebot nach sich ziehen würde, haben die Bochumer für die nächsten drei Jahre ausgeschlossen.

Post will Prognose anheben

Die Ankündigung eine erneuten Prognoseerhöhung hat am Donnerstag die Aktionäre der Deutschen Post erfreut. Die Papiere des Logistikkonzerns zogen um rund ein Prozent an. Weil die anhaltend hohe Nachfrage nach Express- und Frachtdienstleistungen der Deutsche Post ein starkes Quartal beschert hatte, will der Vorstand nun die Ziele für das operative Ergebnis und den freien Mittelzufluss erhöhen. Auch der mittelfristige Ausblick für das Jahr 2023 soll nach oben angepasst werden. Der Konzern hatte in diesem Jahr bereits mehrfach seine Prognosen erhöht.

Halbleitermangel: BMW verkauft weniger Autos

Zu den Topgewinnern im DAX zählten heute die Autoaktien. Die Papiere von BMW gewannen 2,3 Prozent. BMW hat die Engpässe bei Halbleitern im dritten Quartal besser abfedern können als der Konkurrent Mercedes-Benz. Die Münchner Autobauer verkauften von Juli bis Ende September 593.000 Fahrzeuge aller drei Konzernmarken und damit zwölf Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Mercedes-Benz lag im dritten Quartal 30 Prozent unter den Zahlen des Vergleichszeitraums aus dem Vorjahr.

Daimler startet Serienfertigung von E-Lkw

Die Aktien von Daimler legten um vier Prozent zu. Der Nutzfahrzeughersteller Daimler Truck, der abgespalten werden soll, hat am Donnerstag in Wörth die Fertigung seines ersten elektrischen Serien-Lkw aufgenommen. Der eActros hat eine Reichweite bis zu 400 Kilometern. Beim Übergang vom Verbrennermotor zu neuen Antrieben setzt der Hersteller auf Batterie und Brennstoffzelle.

Teamviewer größter MDAX-Verlierer

Wer bei den Papieren von Teamviewer dem gestrigen 25-prozentigen Kurseinbruch auf eine Gegenbewegung gehofft hatte, sah sich getäuscht. Am Donnerstag sackten Teamviewer-Aktien erneut um über sieben Prozent ab und waren damit erneut der mit Abstand schwächste Wert im MDAX. Der Anbieter von Software zur Computer-Fernwartung und Videokonferenzen hatte am Vortag die Anleger mit einer Senkung seiner Jahresziele geschockt und den Aktien ein Rekordtief eingebrockt.

Aareal im Übernahmevisier

Im Rampenlicht stand am Donnerstag die Aareal Bank. Dem Institut zufolge haben Finanzinvestoren Interesse an einer Übernahme und bieten 29 Euro je Aktie. Es würden ergebnisoffene Gespräche geführt. Die Aktien der Bank verbuchten mit einem Plus von fast 24 Prozent auf 29,20 Euro den größten Tagesgewinn seit 13 Jahren.

Uniper plant angeblich Stellenabbau

Der Düsseldorfer Energiekonzern Uniper bereitet Insidern zufolge einen Stellenabbau vor. Derzeit werde die Belegschaft informiert, sagten am Donnerstag zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Mit der Stilllegung von Kraftwerken könnten mehr als 1000 Jobs überwiegend in Deutschland betroffen sein, sagte ein Arbeitnehmervertreter.

Nordex mit Auftragsschub

Im SDAX waren Anteilsscheine von Nordex gefragt. Der Windkraftanlagenhersteller hat einen weiteren Auftrag aus der Ukraine erhalten. Für die Unternehmensgruppe Eco-Optima sollen die Deutschen zehn Turbinen für einen 54,6-Megawatt-Windpark liefern, inklusive eines Wartungsauftrags über 15 Jahre.

GM greift Tesla an

Der US-Autobauer GM will mit neuen Elektroautos und digitalen Dienstleistungen Tesla Paroli bieten. Bis 2030 solle sich der Umsatz verdoppeln, die Vorsteuerrendite bei zwölf bis 14 Prozent liegen und General Motors Marktführer in den USA für Elektroautos werden, sagte GM-Finanzchef Paul Jacobson bei einem Kapitalmarkttag. GM ist an der Börse derzeit nur etwa ein Zehntel so viel wert wie Tesla.

Twitter macht Kasse mit MoPub

Der US-Kurznachrichtendienst Twitter verkauft die auf mobile Werbung spezialisierte Firma MoPub für 1,05 Milliarden Dollar in bar. Käufer ist der Handyspiele-Anbieter AppLovin. Twitter hatte MoPub 2013 für knapp 350 Millionen Dollar erworben. AppLovin war im April an die Börse gegangen. MoPub erwirtschaftete im vergangenen Jahr einen Umsatz von 188 Millionen Dollar.

Levi Strauss profitiert von Rückkehr der Beschäftigten ins Büro

Levi Strauss profitiert von der steigenden Nachfrage nach neuer Bekleidung infolge der Rückkehr von Beschäftigen ins Büro. Für das dritte Quartal verbuchte der US-Jeanskonzern einen bereinigten Gewinn von 48 Cent je Aktie. Analysten hatten dagegen nur mit 38 Cent je Anteilschein gerechnet. Levi Strauss war im März 2019 nach mehr als 30-jähriger Abwesenheit an die Börse zurückgekehrt.

Google-Rivalen sehen EU in der Pflicht

Rivalen des weltgrößten Suchmaschinenanbieters Google haben an die EU appelliert, die Macht des US-Technologiekonzerns stärker einzuschränken. In einem gemeinsamen Brief forderten die rivalisierenden Suchmaschinenfirmen Ecosia aus Deutschland, DuckDuckGo aus den USA sowie Qwant und Lilo aus Frankreich EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager auf, die neuen Regelungen zur Kontrolle großer Technologiekonzerne dazu zu nutzen, neue Vorgaben für Suchmaschinen einzuführen. Dadurch solle mehr Wettbewerb entstehen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. Oktober 2021 um 17:40 Uhr in den Börsenmeldungen.