Händlerin an der New Yorker Börse | picture alliance / ASSOCIATED PR
Marktbericht

DAX stagniert, Wall Street auf Rekordjagd Verkehrte Börsenwelt

Stand: 02.09.2021 22:35 Uhr

Die Börsenkluft zwischen Europa und den USA weitet sich aus: Während der DAX seit Tagen nicht mehr vorankommt, purzeln an der Wall Street immer wieder neue Rekorde. Auch heute wieder. Warum bloß?

Bleibt die US-Notenbank weiter locker? Diese Frage treibt derzeit Investoren um. Am frühen Freitagnachmittag könnte es eine Antwort geben. Dann nämlich werden die neuesten amerikanischen Arbeitsmarktdaten veröffentlicht. Fallen sie besser aus als erwartet, dürfte der Druck auf die Fed steigen, die ultralockere Geldpolitik zu stoppen und die Anleihenkäufe herunterzufahren. Dieses so genannte "Tapering" wäre Gift für die Aktienmärkte.

Weniger neue Jobs in den USA als erwartet?

Werden jedoch deutlich weniger neue Jobs geschaffen als prognostiziert, dürfte die US-Notenbank die Geldschleusen weiter sperrangelweit offen halten. Danach sieht es zurzeit aus. Die ernüchternden Daten der privaten Arbeitsagentur ADP könnten ein Vorbote für eher schwache August-Zahlen vom offiziellen Arbeitsmarkt sein. Wenn sich die offiziellen Daten für August ähnlich entwickelten wie die ADP-Zahlen, werde sich die Fed jegliche Signale in Richtung einer Drosselung ihrer Wertpapierkäufe verkneifen, bis der Arbeitsmarkt wieder auf Kurs sei, sagte Sam Stovall, Chef-Anlagestratege des Research-Hauses CFRA.

Analysten sagen im Schnitt für August den Aufbau von 750.000 Stellen außerhalb der US-Landwirtschaft voraus. "Ein Wert näher an 400.000 statt an 800.000 bedeutet, dass die von der Fed zur Bedingung gemachten 'weiteren substanziellen Fortschritte' am Arbeitsmarkt auf sich warten lassen", sagte Anlagestratege Rodrigo Catril von der National Australia Bank. Wieder einmal könnten also schlechte Daten gute Nachrichten für die Aktienmärkte sein. Schließlich gilt die extrem lockere Geldpolitik der Notenbanken als wichtigster Treiber der Börsen-Rally der vergangenen Jahre.

Anleger an der Wall Street wetten offenbar auf schlechte Jobdaten und eine anhaltende Geldflut der Notenbank. Die Kurse zogen am Tag vor den mit Spannung erwarteten Jobdaten an. Der S&P 500 kletterte zeitweise auf ein Rekordhoch. Auch die Nasdaq schaffte eine Bestmarke, bevor der Schwung abnahm. Nur der Dow Jones blieb unter seinem Allzeithoch. Er schloss 0,4 Prozent höher.

Dagegen hielten sich die Anleger am deutschen Aktienmarkt spürbar zurück. Der DAX schloss nahezu unverändert 0,1 Prozent fester bei rund 15.841 Punkten. Seitdem Mitte August die Bestmarke von 16.030 Zählern markiert wurde, bewegt sich das deutsche Börsenbarometer seitwärts.

Der Bitcoin überwand heute die Marke von 50.000 Dollar. Diese hatte die Kryptowährung zuletzt am 23. August geknackt. "Anleger, welche auf fallende Kurse gesetzt haben, dürften sich nun gezwungen sehen, ihre Leerverkaufspositionen glattzustellen", sagte Marktanalyst Timo Emden von Emden Research.

Der Euro konnte leicht zulegen auf 1,1842 Dollar. Die europäische Gemeinschaftswährung wird von den jüngst aufgekommenen Spekulationen über eine straffere Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) gestützt, während der Greenback von der Aussicht auf eine womöglich noch länger anhaltende ultra-lockere Geldpolitik der Fed geschwächt wird.

Auch der Goldpreis verteidigte eine wichtige Marke: Die Feinunze Gold kostete 1807 Dollar und hielt sich damit weiterhin klar über der psychologisch bedeutsamen Marke von 1800 Dollar. Das gelbe Edelmetall profitiert von einem schwächeren Dollar.

Die Ölpreise tendierten stärker. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zog um 2,3 Prozent auf 73,29 Dollar je Barrel an. Ein Fass der US-Sorte WTI kostete 70,12 Dollar und damit gut zwei Prozent mehr als am Vortag. Am Mittwoch waren die Ölpreise zeitweise deutlich unter Druck geraten, nachdem der Ölverbund OPEC+ seinen vor wenigen Wochen festgelegten Kurs bestätigt hatte. Demnach soll die tägliche Förderung auch im Oktober um 400.000 Barrel steigen.

Analysten bewegten heute die Kurse. So trieb die britische Bank Barclays mit ihrer Kaufempfehlung die Aktien von Covestro an. Sie stiegen um 3,3 Prozent und waren Spitzenreiter im DAX. Der Kunststoffkonzern will nach einem Bericht der "Rheinischen Post" bis zu 1.700 Stellen abbauen. Die Konzernspitze hat angeblich die Belegschaft entsprechend informiert. Eine Covestro-Sprecherin dementierte die Zahlen. Am 28. September veranstaltet Covestro eine Investorenkonferenz. Möglicherweise wird es dann Neuigkeiten zum weiteren Umbau des Unternehmens geben.

Ebenfalls zulegen konnten die Papiere von Delivery Hero - um 1,2 Prozent auf 131,80 Euro. Die Analysten der Bank of America trauen den Aktien mit einem neuen Kursziel von 185 Euro Höchststände zu. Das Wachstum des Essenslieferdiensts sei beeindruckend, lobte die Bank. Auch die von Anlegern skeptisch gesehen Investitionen seien ein Segen und keine Bremse. Am Abend kündigte indes Delivery Hero die Ausgabe einer Wandelanleihe an. Im späten Handel drehten die Aktien deutlich ins Minus.

BMW hat seine erst vor einem Jahr beschlossenen Klimaziele noch einmal deutlich verschärft: Der CO2-Fußabdruck der Autos von den Rohstoffen bis zur Stilllegung soll bis 2030 nicht nur um 33 Prozent, sondern "um mindestens 40 Prozent" gesenkt werden. Neben dem Hochlauf der Elektromobilität soll dabei vor allem das Recycling der teuren Rohstoffe helfen.

Der Autobauer VW hat in den USA einer Einigung über 42 Millionen Dollar im Fall von möglicherweise gefährlichen Airbags des Herstellers Takata zugestimmt. Betroffen waren 1,35 Millionen Fahrzeuge. Sieben weitere große Hersteller haben bereits in entsprechenden Verfahren Einigungen erzielt. Die Aktien gewannen 0,8 Prozent.

Deutsche Post kommt in den Stoxx Europe 50

Der DAX-Konzern Deutsche Post hat es in den europäischen Index Stoxx Europe 50 geschafft. Die Titel ersetzen zum 20. September die Papiere der britischen National Grid, wie der Indexanbieter Qontigo mitteilte. "Das war bereits erwartet worden", sagte ein Händler in Frankfurt.

Im SDAX führte Zooplus die Liste der Gewinner an. Die Aktien des Online-Tierzubehör-Händlers schossen um sieben Prozent auf ein neues Rekordhoch nach oben. Der Finanzinvestor EQT will offenbar in das Übernahmerennen um Zooplus einsteigen. Mitte August hatte Finanzinvestor Hellman & Friedman 390 Euro je Aktie oder insgesamt 2,8 Milliarden Euro geboten.

Der Aktiensplit des Brokerhauses FlatexDegiro im Verhältnis 1:4 wird heute wirksam. Der Preis der Aktie wird entsprechend durch vier geteilt, ohne den Wert des gesamten Aktienkapitals zu beeinflussen. "Ein niedrigerer Aktienkurs ermöglicht es mehr Anlegern, die Aktie zu handeln und die Liquidität weiter zu erhöhen, was positiv für die angestrebte Aufnahme in den MDAX ist", sagte Finanzchef Muhamad Chahrour.

Die Aktien von Virgin Galactic sackten um 3,7 Prozent ab. Zeitweise war das Minus noch größer. Die US-Luftfahrtbehörde FAA erteilte Virgin ein vorläufiges Startverbot für das Raumflugzeug "SpaceShipTwo". Zunächst müsse ein Zwischenfall während des Fluges am 11. Juli geprüft werden. Die Behörde will herausfinden, warum das Raumschiff des Briten während des nur wenige Minuten langen Trips außerhalb des ihm zugewiesenen Luftraum-Korridors geflogen sei.

Der US-Autobauer Tesla verschiebt die geplante Lieferung seines Roadster-Modells um ein Jahr auf 2023. Konzernchef Elon Musk erklärte auf Twitter, 2021 sei das Jahr der "superverrückten" Lieferketten-Probleme gewesen. "Sollte 2022 nicht ein Mega-Drama werden, wird der neue Roadster 2023 ausgeliefert."

Die Alphabet-Tochter Google muss sich in den USA einem Medienbericht zufolge auf ein weiteres Kartellverfahren einstellen. Das US-Justizministerium bereite eine zweite Klage vor, berichtet die Agentur Bloomberg unter Berufung auf eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Grund sei das Geschäft mit digitaler Werbung.

Der Kurzbotschaftendienst Twitter hat ein kostenpflichtiges Abo-Modell eingeführt. Prominente Nutzer können seit Mittwoch gegen Bezahlung exklusive Inhalte anbieten, wie der Onlinedienst mitteilte. Die "Super Follows"-Funktion steht unter anderem Influencern, Musikern, Journalisten und Sportexperten zunächst in den USA und Kanada zur Verfügung. Die Abos sollen drei bis zehn Dollar pro Monat kosten.

Der amerikanische Impfstoffhersteller Moderna hat bei der US-Arzneimittelbehörde FDA erste Daten für die Prüfung einer Auffrischungsimpfung eingereicht. Die Booster-Impfung rufe eine robuste Antikörperreaktion auf die Delta-Variante hervor, teilte Moderna-Chef Stephane Bancel mit. Das Unternehmen wolle die Daten auch der europäischen Behörde EMA in den nächsten Tagen übermitteln.

Die Erholung bei Ryanair ist weiter im vollen Gange. Im August flogen erneut deutlich mehr Menschen mit dem Billigflieger. Im vergangenen Monat beförderte die Fluggesellschaft 11,1 Millionen Passagiere. Dies war ein Anstieg von fast sechzig Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat, als noch sieben Millionen Fluggäste in die Maschinen der Airline gestiegen waren.

Apple lockert seine Bezahlregeln im App-Store für Unternehmen wie Netflix. Ab Anfang 2022 können Firmen ihren Nutzern einen Link zur Verfügung zu stellen, über den diese dann außerhalb des App-Stores ein Bezahlkundenkonto errichten könnten. Das war bislang nicht möglich, weswegen Unternehmen stets eine Provision von bis zu 30 Prozent des erzielten Umsatzes an Apple bei Nutzung des App-Stores zahlten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. September 2021 um 09:30 Uhr.