Gut gelaunter Händler an der New Yorker Börse
Marktbericht

Beste Woche seit 2015 Börsen im Höhenrausch

Stand: 12.03.2021 22:27 Uhr

Die Börsen sind derzeit wie entfesselt. Sie jagen von einem Rekord zum nächsten. Die Wall Street schaffte den größten Wochengewinn seit sechs Jahren. Und auch der DAX ist im Höhenflug. Experten sprechen von der besten aller Aktienwelten.

So schnell kann sich die Lage verändern: Heute vor einem Jahr begann der schnellste Börsencrash der Geschichte. Der DAX sackte am 12. März 2020 um über zwölf Prozent ab. Es war der zweitgrößte Tagesverlust seiner Geschichte. Doch dieser historische Absturz ist längst Geschichte. Seit dem Corona-Crash hat der DAX um drei Viertel zugelegt. In der abgelaufenen Handelswoche gewann er über vier Prozent und markierte neue Höchststände. Das war die beste Wochenbilanz seit vier Monaten.

DAX geht die Luft aus

Zum Wochenschluss ging ihm dann aber doch die Kraft aus. Der deutsche Leitindex büßte rund ein halbes Prozent auf 14.502 Punkte ein. Anleger machten Kasse. Auch der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 gab rund 0,3 Prozent nach. Dagegen schlossen die Börsen in Paris und London leicht im Plus.

Dow Jones schafft fünften Rekordtag in Folge

In New York hielt die Börsen-Euphorie an. Der Dow Jones legte den fünften Tag in Folge zu und schaffte abermals eine historische Bestmarke. Er ging um 0,9 Prozent höher bei 32.778 Punkten aus dem Handel. Der US-Leitindex erzielte damit ein Wochenplus von mehr als vier Prozent. Größter Dow-Gewinner war Boeing mit einem Plus von sieben Prozent. Gefragt waren auch die Bank-Aktien wie JPMorgan und Goldman Sachs.

Corona-Krise längst abgehakt

Anleger haben die Corona-Krise abgehakt. Sie setzen schon jetzt auf den Nach-Corona-Boom, wenn die Menschen frei reisen und einkaufen können. Gleichzeitig treibt die Geldflut der Notenbanken und Staaten die Aktienmärkte an. Sie pumpen Billionen in die Wirtschaft, um die finanziellen Folgen der Pandemie. Alleine das zur Wochenmitte beschlossene neue Konjunkturprogramm im Umfang von 1,9 Billionen Dollar dürfte den Aktienmärkten weiteren Schub geben. Die darin enthaltenen Stimulus-Schecks von 1.400 Dollar an US-Bürger könnten laut Experten teilweise in den Aktienmarkt fließen.

Steigende Anleiherenditen belasten Tech-Aktien

Einzige Gefahr droht momentan vom Anleihemarkt. Steigende Renditen sorgen dort immer wieder für Unruhe am Aktienmarkt. So auch heute - zumindest bei Tech-Werten. Der Nasdaq 100 sackte um fast ein Prozent ab. Die Tech-Börse litt unter dem Rendite-Anstieg der richtungweisenden zehnjährigen US-Bonds auf plus 1,614 Prozent, einem Niveau knapp unter dem 13-Monats-Hoch der Vorwoche. Steigende Anleihe-Renditen bedeuten höhere Finanzierungskosten für Staaten und Unternehmen. Besonders Technologiefirmen sind davon betroffen.

Sollten die Renditen an den US-Anleihemärkten weiter anziehen, dann würden die Aktienmärkte ihren Anstieg zunächst nicht fortsetzen, warnt Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest. "Die Märkte würden erneut in eine wacklige Phase eintreten."

Warten auf den nächsten Auftritt des Fed-Chefs

Vor diesem Hintergrund kommt der Fed-Sitzung kommende Woche große Bedeutung zu. Investoren werden die Worte von US-Notenbankchef Jerome Powell auf die Goldwaage legen. Gelinge es ihm in Anschluss an die Fed-Beratungen nicht, Spekulationen auf eine Drosselung der Anleihekäufe zu entkräften, drohen neue Börsenturbulenzen, warnen Experten. Dann könnte auch der Dollar wieder erstarken.

"Angesichts der zunehmenden Nervosität an den Rentenmärkten wird entscheidend sein, dass die Fed ohne Wenn und Aber ein längeres Festhalten an ihrer geldpolitischen Ausrichtung bestätigt", erklärt Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck. Zuletzt hatten viele Marktteilnehmer angesichts der gestiegenen Inflationserwartungen auf ein baldiges Zudrehen des Geldhahns durch die US-Notenbank, etwa durch eine Reduzierung ihrer Anleihenkäufe, spekuliert.

Kein Grund zur Sorge?

Doch vorerst bleibt die gute Stimmung an den Aktienmärkten intakt. Genährt werde die Zuversicht durch die Unterzeichnung der billionenschweren Corona-Staatshilfen durch US-Präsident Joe Biden und die beruhigenden Worte der Europäischen Zentralbank am Donnerstag, schreibt Marktbeobachter Milan Cutkovic vom Brokerhaus Axi. "Höhere Anleihekäufe und Inflation als temporäres Problem - das war genau das, was die Märkte hören wollten", sagte Cutkovic. Die Euro-Wächter kündigten gestern an, das Tempo ihrer Notfall-Anleihekäufe deutlich zu erhöhen, um einem unerwünschten Anstieg der Anleihe-Renditen entgegenzutreten.

"Die beste aller Aktienwelten!"

Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse von HSBC Trinkaus & Burkhardt, ist überzeugt, dass der DAX nun mehr und mehr das Kursziel "15.000 Punkte plus" ins Visier nehmen dürfte. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf die positive Saisonalität und die jüngsten Rekorde an den amerikanischen Aktienmärkten. "Es liegt derzeit die vermeintlich beste aller (Aktien-)Welten vor.", sagt Scherer.

Mit positiver Saisonalität ist gemeint, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für Kursgewinne im Zeitraum vom 1. November bis 30. April besonders hoch ist. Marktbeobachter sprechen daher auch von den besten sechs Monaten an der Börse.

Helaba-Stratege sieht viele Argumente für Aktien

Auch Helaba-Marktstratege Markus Reinwand ist optimistisch gestimmt für die Börsen. Die "massive Unterstützung durch Konjunkturprogramme, eine weiterhin ultralockere Geldpolitik, der Mangel an Anlagealternativen und verbesserte Wachstumsaussichten" nennt der Aktienstratege als handfeste Argumente für die Aktienmärkte. "Die Bedenken mancher Marktteilnehmer, steigende Anleiherenditen könnten Aktien empfindlich treffen, scheinen erst einmal vom Tisch zu sein", meint er.

Goldpreis fällt

Die gestiegenen Bond-Renditen setzen Gold als zinsloser Anlage zu. Das Edelmetall verbilligt sich um 0,9 Prozent auf 1705 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm).

US-Dollar wieder stärker

Der Euro ist am Freitag etwas unter Druck geraten. Am Abend konnte die Gemeinschaftswährung die Verluste mit zuletzt 1,1949 US-Dollar wenigstens etwas eingrenzen. Eine breitangelegte Dollar-Stärke stoppte die jüngste Kurserholung des Euro vorerst. Der Dollar legte zu allen anderen wichtigen Währungen zu - dank der steigenden US-Anleihe-Renditen und guter Konjunkturdaten. Die Stimmung der amerikanischen Verbraucher hellte sich im März stärker als erwartet auf. Das von der Universität Michigan erhobene Konsumklima stieg auf den höchsten Stand seit einem Jahr.

Chip-Probleme setzen Auto-Aktien zu

Die großen Verlierer heute waren die Autoaktien. Bei den zuletzt gut gelaufenen Titeln haben die Anleger wegen Sorgen vor einem noch länger andauernden Chipmangel Kasse gemacht. Nach Einschätzung des japanischen Chip-Herstellers Renesas muss die Branche zudem wohl noch länger mit einem weltweit knappen Halbleiterangebot kämpfen.

BMW: Mini bald nur noch elektrisch?

So büßten BMW-Aktien 1,3 Prozent ein. Sie wurden auch von einer Abstufung durch Barclays belastet. Derweil gibt es Überlegungen, den Mini bald nur noch als E-Auto zu verkaufen. Das letzte neue Modell mit Benziner soll 2025 auf den Markt kommen und wahrscheinlich noch bis 2031 angeboten werden, hieß es aus Konzernkreisen. Danach soll es ausschließlich voll elektreische Minis geben.

Renault-Ausstieg drückt Daimler

Fast zwei Preozent tiefer schlossen die Aktien von Daimler. Die Nachricht über einen Rückruf von 2,6 Millionen Daimler-Fahrzeugen in China wegen eines Softwareproblems belastete den Aktienkurs. Zudem nutzte der kriselnde Autobauer Renault den zuletzt guten Lauf der Daimler-Aktie für einen Verkauf seiner restlichen Beteiligung.

Siemens leiht sich zehn Milliarden Dollar

Unter den DAX-Verlierern befand sich auch Siemens. Der Technologiekonzern hat sich am Anleihemarkt zehn Milliarden Dollar für die Übernahme des US-Krebsspezialisten Varian durch die Tochter Siemens Healthineers besorgt. Die Zinskosten für Dollar-Anleihen seien so niedrig wie nie gewesen, teilte der DAX-Konzern mit. Siemens Healthineers kauft Varian für 16,4 Milliarden US-Dollar. Siemens hält rund 79 Prozent an Healthineers.

Deutsche Bank schüttet fast 30 Prozent mehr Boni aus

Zweitgrößter DAX-Gewinner hinter der Telekom war die Deutsche Bank. Das größte private deutsche Geldinstitut zahlt für das vergangene Jahr 1,9 Milliarden Euro an Boni. Das sind 29 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 2020 hatte die Deutsche Bank erstmals seit 2014 einen Gewinn erwirtschaftet. Gewerkschaften und Union Investment kritisierten die höheren Boni. "Das Missverhältnis von Boni und Dividenden ist eklatant", rügte Union-Analystin Vanda Rothacker. Die Bank sei weit von ihrem Ziel entfernt, den Gewinn annähernd zu gleichen Teilen an Mitarbeiter, Aktionäre und Gewinnrücklagen aufzuteilen. Die Vergütung für alle Mitarbeiter insgesamt stagnierte bei 10,1 Milliarden Euro.

Ende der Dieter-Bohlen-Ära bei RTL

Der Rückzug von Dieter Bohlen aus der Jury von "Deutschland sucht den Superstar" ließ die Anleger von RTL kalt. Die Aktie schloss 0,7 Prozent höher. Der Fernsehkonzern hat wegen der Corona-Krise deutlich weniger verdient. Der auf die Anteilseigner entfallene Gewinn schrumpfte um rund ein Drittel auf 492 Millionen Euro. Nach dem Einbruch wegen des Lockdowns im Frühjahr profitierte die Bertelsmann-Tochter im zweiten Halbjahr und im Schlussquartal wieder von einem besseren TV-Werbemarkt.

Aareal-Chef fällt länger aus

Größter Gewinner im MDAX war die Aktie der Aareal Bank mit einem Plus von fast fünf Prozent. Am Abend nach Börsenschluss warnte aber der Immobilienfinanzierer, dass Aareal-Chef Hermann Merkens aus gesundheitlichen Gründen länger ausfällt als erwartet. Ob und wann Merkens seine Aufgaben wieder aufnehmen könne, sei derzeit nicht sicher absehbar, teilten die Wiesbadener mit. Der Aufsichtsrat forciere nun die vorsorglich bereits begonnene Nachfolgesuche, hieß es. Merkens hatte sein Amt im November krankheitsbedingt vorübergehend abgegeben. Die Aareal Bank ist auf die Finanzierung von Immobilien für Hotels, Büros und Einkaufszentren spezialisiert. 2020 erlitt das Institut vor Steuern einen Verlust von 75 Millionen Euro.

AstraZeneca liefert weniger Dosen in die EU

AstraZeneca hat eine weitere drastische Kürzung seiner Impfstoff-Lieferungen in die Europäische Union angekündigt. Der britisch-schwedische Pharmakonzer wird nach eigenen Aussagen im ersten Halbjahr dieses Jahres nur 100 Millionen Dosen in die EU-Staaten liefern. Zuletzt war der Konzern noch von 220 Millionen Dosen bis zur Jahresmitte ausgegangen. Hintergrund der gekürzten Pläne ist ein Ausfuhrverbot in den USA. AstraZeneca will Insidern zufolge zudem Ende März oder Anfang April eine Notfall-Zulassung seines Corona-Impfstoffs in den USA beantragen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte sich unterdessen hinter den Impfstoff von AstraZeneca, obwohl mehrere nordeuropäische Länder die Impfungen nach Berichten über Thrombosen bei Geimpften unterbrochen hatten. Das Vakzin sei "exzellent", und es gebe keine Kausalverbindung zu den Gerinnungsstörungen, erklärte die WHO.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2021 um 07:35 Uhr.