Börsenhändlerin in Frankfurt am Main | dpa
Marktbericht

Angst vor schneller Zinswende Kater nach der Börsenparty

Stand: 18.06.2021 22:37 Uhr

Kommt die Zinswende schon nächstes Jahr? Diese Frage treibt die Anleger um, nachdem ein Notenbanker schnelle Maßnahmen gegen die hohe Inflation gefordert hatte. Die Börsen tauchten deshalb zum Wochenschluss ab.

Jahrelang hatten sich Anleger in der Nullzins-Welt eingerichtet. Nun aber könnten bald wieder die Zinsen steigen, falls die Wirtschaft zu rasant wächst und die Inflation zu deutlich anzieht. Am Mittwochabend verkündete die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) das baldige Ende der Nullzins-Ära. 2023 könnten die ersten Zinsanhebungen erfolgen. Bisher war mit einem solchen schritt erst 2024 gerechnet worden.

Notenbanker fordert Zinswende schon 2022

Damit geben sich offenbar führende Notenbanker nicht zufrieden. James Bullard von der Fed St. Louis bezeichnete die Inflation als stärker als erwartet und plädierte für eine Zinswende schon im nächsten Jahr. Mit dem nach der Corona-Krise einsetzenden Aufschwung seien auch erhöhte Inflationsgefahren verbunden, sagte er dem Fernsehsender CNBC. Deshalb, so Bullard, sei es klug, die geldpolitische Straffung bereits 2022 anzugehen.

Wall Street schließt mit deutlichen Verlusten

Die neu angefachten Zinssorgen belasteten die Wall Street. Der Dow Jones verabschiedete sich mit einem satten Minus von 1,6 Prozent ins Wochenende. Auf Wochensicht büßte der US-Standardwerte-Index über drei Prozent ein. Der breiter gefasste S&P 500 fiel um 1,3 Prozent, und der technologielastige Nasdaq 100 verlor 0,8 Prozent. Gestern hatte er noch ein Rekordhoch erreicht.

DAX auf dem tiefsten Stand im Juni

Nicht ganz so schlimm erwischte es den DAX in der abgelaufenen Handelswoche. Er verlor rund 1,6 Prozent. Anleger erlebten eine Achterbahnfahrt in den letzten Tagen. Nachdem der DAX am Montag noch auf ein Rekordhoch von 15.803 Punkten geklettert war, sackte er am Freitag um 1,8 Prozent auf unter 15.500 Zähler ab, den tiefsten Stand seit Anfang Juni.

Die Hexen wirbeln die Kurse durcheinander

Schuld daran war auch der heutige so genannte "Hexensabbat", an dem es es wie verhext zuging. Mit dem großen Verfall an der Terminbörse Eurex am Mittag gerieten die Kurse zunehmend unter Druck. Die Pessimisten gewannen die Oberhand. Am dreifachen Verfallstag schwanken die Aktienkurse kräftig, weil Investoren die Preise der Wertpapiere, die sie halten, in die richtige Richtung lenken wollen. Viele schließen ihre Long- oder Short-Positionen, sie beenden also ihre Wetten und realisieren damit Verluste oder Gewinne. "Die Hexen tanzen auf dem Frankfurter Börsenparkett und sorgen für eine entsprechend hohe Volatilität", erklärt Marktanalyst Timo Emden von Emden Research.

Gefährlicher Anstieg der Erzeugerpreise

Trotz der immer noch guten Stimmung an den Aktienmärkten mehren sich die Alarmzeichen. So mahnt ein wichtiger Inflationsvorbote zur Vorsicht: Am Morgen hatte das Statistische Bundesamt über einen Anstieg der Erzeugerpreise gewerblicher Produkte im Mai um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat berichtet. Das ist der höchste Anstieg seit der Finanzkrise im Oktober 2008. "Ein Teil des Anstiegs dürfte in den nächsten Monaten auch in der Breite beim Verbraucher ankommen", warnte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch.

Goldpreis erholt sich etwas

Gold erholte sich zum Wochenschluss von seinem jüngsten Preisrutsch. Das gern als Inflationsschutz genutzte Edelmetall verteuert sich um bis zu 1,3 Prozent auf 1796 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Trotzdem droht der größte Wochenverlust für das gelbe Edelmetall seit März 2020. Das Minus seit Wochenbeginn beläuft sich auf rund fünf Prozent. An den Rohstoffmärkten hatte in den vergangenen Tagen ein regelrechter Ausverkauf stattgefunden.

Euro stabilisiert sich

Der Goldpreis leidet unter dem stärkeren US-Dollar, der seit der Sitzung der Fed etwa zum Euro über zwei Cent zugelegt hat. Am Abend notierte der Euro bei 1,1911 Dollar seitwärts.

Ölpreise drehen ins Plus

Trotz des starken Dollars zogen die Ölpreise im Tagesverlauf wieder an. Ein Barrel der Nordseesorte Brent verteuerte sich um 0,8 Prozent auf 73,65 Dollar. Die US-Rohölsorte WTI stieg gar um 1,3 Prozent auf fast 72 Dollar je Barrel. In einer Expertenrunde der Opec wurde Insidern zufolge generell festgestellt, dass die Produktionssteigerungen in den USA im laufenden Jahr begrenzt sein werden.

Nur zwei DAX-Gewinner

Im Dax gab es nur zwei Gewinner: die Deutsche Börse und Vonovia. Schlusslicht im deutschen Leitindex war Henkel mit einem Minus von über fünf Prozent. Die Aktien rutschten auf den tiefsten Stand seit Mitte März. Die britische Investmentbank Barclays senkte den Daumen für Henkel. Barclays reduzierte die Schätzung für das Ergebnis je Aktie im laufenden Jahr - wegen des Kostendrucks durch benötigte Rohstoffe.

Daimler will E-Modelle vorziehen

Der DAX-Konzern Daimler will laut dem "Manager Magazin" etliche der ab 2024 vorgesehenen neuen Elektroautos ein Jahr früher auf den Markt bringen als geplant. Mehr als die Hälfte der aktuellen Modelle kämen in der nächsten Generation nur noch als E-Autos auf den Markt, so dass die Varianten mit Verbrennungsmotoren schneller auslaufen. Daimler-Chef Ola Källenius will seinen neuen Kurs noch vor der Sommerpause öffentlich präsentieren. Konkurrent Audi plant ab 2026 keine neuen Verbrenner-Autos mehr.

Brenntag hebt Ergebnisprognose an

Der MDAX kletterte am Großen Verfallstag auf ein erneutes Rekordhoch. Zu den Gewinnern zählten die Aktien von Brenntag, sie stiegen um 1,3 Prozent. Der Chemikalienhändler hat seine Jahresprognose für das Betriebsergebnis (Ebitda) angehoben. Für das Geschäftsjahr 2021 rechnet das MDAX-Unternehmen nun mit einem operativen Ebitda in einer Bandbreite von 1,16 Milliarden bis 1,26 Milliarden Euro. Bisher ging Brenntag von 1,08 bis 1,18 Milliarden Euro aus. Für Optimismus sorgt dabei die Geschäftsentwicklung in den ersten beiden Quartalen.

Denkzettel für Freenet-Vorstand

Die Freenet-Aktie gehörte am Freitag zu den größten verlierern im TecDAX. Der Telekommunikationsanbieter muss bei seinem geplanten Vergütungssystem für den Vorstand eine Niederlage hinnehmen. Knapp zwei Drittel des vertretenen Kapitals stimmte auf der Online-Hauptversammlung gegen einen entsprechenden Entwurf. Man nehme das Votum ernst und wolle den Plan bearbeiten, erklärte Freenet. Spätestens zur nächsten Hauptversammlung 2022 wolle der Konzern einen neuen Vorschlag vorstellen, sagte Aufsichtsratschef Helmut Thoma.

Lufthansa will Staatshilfe vor der Wahl zurückzahlen

Für Gesprächsstoff auf dem Parkett sorgte die Lufthansa. Die Kranich-Airline will die milliardenschwere Finanzhilfe des Staates in der Corona-Krise womöglich noch im September zurückzahlen. "Wir waren eines der ersten Unternehmen, das von der Bundesregierung gerettet wurde", sagte Vorstandschef Carsten Spohr bei der Nationalen Luftfahrtkonferenz in Berlin-Schönefeld. "Wir wollen auch eines der ersten Unternehmen sein, dass die Rettungsmittel zurückzahlt - hoffentlich noch vor der Bundestagswahl." Die Lufthansa schuldet dem Steuerzahler derzeit rund eine Milliarde Euro. Der MDax-Konzern läutete in dieser Woche die Vorbereitungen zu einer Kapitalerhöhung ein, mit der die Hilfe beglichen werden könnte.

HSBC empfiehlt Billigflieger-Aktien

Die britische Investmentbank HSBC schätzt die Perspektiven der europäischen Billigflieger optimistischer ein. Die angesichts stark sinkender Covid-19-Neuinfektionen fortschreitende Wiederöffnung der Grenzen und damit die Möglichkeit, wieder zu reisen, gewinne an Dynamik in der EU, schrieb der zuständige Analyst und stufte die Papiere von Wizz Air, Ryanair und Easyjet hoch. Für die beiden letztgenannten Aktien sprach er eine Kaufempfehlung aus.

CureVac nach Rekordkurssturz mit Gegenbewegung

Die CureVac-Aktien konnten nach ihrem gestrigen Rekordkurssturz von einer technischen Gegenbewegung profitieren. Die Papiere zogen um 22 Prozent an. Damit konnte es aber nur einen kleinen Teil seiner Verluste wettmachen. Am Vortag war die CureVac-Aktie nach enttäuschenden Zwischenergebnissen einer Studie um rund 44 Prozent eingebrochen.

Blue Elephant Energy will an die Börse

Der Hamburger Wind- und Solarparkbetreiber Blue Elephant Energy will mit einem Börsengang Geld für weiteres Wachstum einspielen. Mit neuen Aktien aus einer Kapitalerhöhung strebt das Unternehmen einen Bruttoerlös von rund 150 Millionen Euro an. Blue Elephant plant das Debüt an der Frankfurter Wertpapierbörse für das dritte Quartal.

Magic-Mushrooms-Firma berauscht die Börse

Ein im wahrsten Sinne des Wortes berauschendes Börsendebüt feierte heute das Berliner Start-up Atai Life Sciences. Die Aktien der auf die Behandlung psychischer Krankheiten mit sogenannten Magic Mushrooms spezialisierten Firma schossen auf bis zu 22,91 Dollar hoch. Der Ausgabepreis lag bei 15 Dollar. Das nun mit 3,2 Milliarden Dollar bewertete Unternehmen wird unter anderem vom Investor Peter Thiel finanziert.

US-Behörde untersucht 30 Tesla-Unfälle

Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA hat 30 Untersuchungen von Unfällen mit Tesla-Modellen eingeleitet. Die Unfälle haben sich seit 2016 ereignet und insgesamt zehn Todesopfer gefordert. Die Behörde will prüfen, inwiefern der Einsatz von Teslas Assistenzsystem für automatisiertes Fahren die Unfälle beeinflusst hat, und hat deswegen eine Liste mit Details zu den untersuchten Unfällen veröffentlicht.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 19. Juni 2021 um 06:40 Uhr.