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Marktbericht

Rekordhoch im Dow Jones Wall Street trotzt Zinsängsten

Stand: 06.08.2021 22:22 Uhr

Nach robusten Arbeitsmarktdaten wird klar, dass die US-Zinswende näher rückt. Die Anleger an der Wall Street blieben aber am Ende einer ereignisreichen Woche gelassen, es gab sogar neue Rekorde.

Die großen US-Aktienindizes tendierten zum Wochenschluss uneinheitlich. Während Technologieaktien nach robusten Arbeitsmarktdaten und damit verbunden der Aussicht einer härteren Gangart der Notenbank nachgaben, ging es bei den Standardwerten bergauf.

Dabei markierte der Leitindex Dow Jones im Verlauf bei 35.246 Punkten ein Rekordhoch. Der Leitindex schloss am Ende bei 35.208 Punkten leicht darunter, ein Tagesgewinn von 0,41 Prozent zu. Im Wochenvergleich legte der Dow damit gut 0,7 Prozent zu.

Der marktbreite S&P-500-Index, in dem sowohl Standard- als auch Technologiewerte enthalten sind, rückte um 0,17 Prozent auf 4436 Punkte vor. Trotz der prozentual nur moderaten Steigerung reichte es für den wichtigsten Benchmarkindex der New Yorker Börse im Verlauf ebenfalls für ein weiteres Rekordhoch bei 4440 Zählern.

Im Gegenzug fiel die Technologiebörse Nasdaq um 0,4 Prozent zurück auf 14.835 Punkte, bleibt damit aber trotzdem weiter auf hohem Niveau. Erst gestern hatte der Auswahlindex Nasdaq 100 bei 15.184 Punkten ein Rekordhoch markiert, heute gab er 0,48 Prozent nach auf 15.109 Zähler.

Selbst die Aussicht auf ein Wechsel des Zinsregimes - normalerweise Gift für die Aktienmärkte - schockte die Anleger also nicht wirklich, da die Wirtschaft wie erwartet nach der Krise stark wächst und damit auch die Gewinne der Unternehmen. Dies haben die Zahlen der sich nunmehr dem Ende zuneigenden Berichtssaison für das zweite Quartal bewiesen, die in den allermeisten Fällen über den ohnehin schon hohen Erwartungen der Analysten lagen.

Mit diesem Szenario kann die Börse derzeit leben, zumal eine Anpassung der US-Geldpolitik nur sehr vorsichtig vonstatten gehen dürfte - entsprechend fallen die Schwankungen moderat aus, die Anleger bleiben gelassen.

US-Jobdaten besser als erwartet

Höhepunkt des Tages waren die offiziellen Arbeitsmarktdaten aus dem Juli. Die Zahl der neu geschaffenen Stellen außerhalb der US-Landwirtschaft übertraf dabei mit 943.000 die Markterwartung von 870.000. Die getrennt ermittelte Arbeitslosenquote fiel im Juli auf 5,4 Prozent und damit deutlicher als erwartet. Sie ist damit so niedrig, wie zu Beginn der Corona-Krise im März 2020.

"Die Situation am US-Arbeitsmarkt verbessert sich", sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank. "Gleichzeitig klettern die Löhne nach oben. Die Fed wird deshalb an ihren Plänen einer Reduktion der monatlichen Wertpapierkäufe weiter feilen." Er rechne gegen Ende des Jahres mit dem Beginn des sogenannten Taperings, also der sukzessiven Reduzierung der monatlichen Anleihenkäufe der Fed von derzeit 120 Milliarden Dollar.

Diese Zahlen böten das Beste aus zwei Welten, sagte Seema Shah, Chef-Anlagestrategin des Vermögensverwalters Principal Global. "Sie signalisieren eine Erholung des Arbeitsmarkts, sind aber nicht so stark, dass sie die Drosselung der Wertpapierkäufe durch die Fed nach vorne ziehen."

Derzeit haben US-Unternehmen eher Probleme, freie Stellen zu besetzen, so stark ist der Aufschwung. Über neun Millionen freie Stellen gibt es derzeit in den USA.

US-Bankaktien legen zu

Profiteure höherer Zinsen wären unter anderem die Banken, da dann deren Margen im Kreditgeschäft steigen. Vor diesem Hintergrund legten am Freitag die Aktien großer US-Banken zu. Im Dow belegten Goldman Sachs und JPMorgan die vorderen Plätze, das Goldman-Papier erreichte dabei als Tagessieger ein neues Rekordhoch bei 398,58 Dollar und schloss mit einem Kursaufschlag von 3,54 Prozent knapp darunter bei 397,89 Dollar. Im S&P 500 legten Wells Fargo, Bank of America oder Citigroup ebenfalls zu. Auch andere Finanzwerte im Dow, wie der Kreditkartenriese American Express oder der Versicherer Travelers gehörten zu den größten Gewinnern.

US-Senat stimmt am Samstag über Bidens Konjunkturpaket ab

Spannend wird es am Wochenende noch im politischen Washington. Der US-Senat soll über das hunderte Milliarden Dollar schwere Infrastrukturpaket von Präsident Joe Biden abstimmen. Bei der für die Mittagszeit (Ortszeit) am Samstag angesetzten Abstimmung geht es darum, die Debatte über Änderungsanträge zu beenden und eine finale Abstimmung über das Gesetz einzuleiten.

Für diesen Schritt brauchen die Demokraten allerdings auch die Zustimmung von zehn Senatoren der Republikaner, um auf die nötigen 60 Stimmen zu kommen. Bei der letzten Debatte am Donnerstag hatte es wegen zahlreicher Einwände der Republikaner keine Einigung gegeben.

Das Gesetz sieht Staatsausgaben in Höhe von rund 550 Milliarden Dollar (rund 470 Milliarden Euro) für Verkehrswege, Internet und Projekte zur Bewältigung der Klimakrise vor. Insgesamt umfasst das Paket 1,2 Billionen Dollar. Der Ausgang der Abstimmung ist auch für die Börse von großer Bedeutung, haben doch besonders Bauaktien und andere Infrastrukturwerte bisher von der Aussicht auf die öffentliche Auftragsflut profitiert.

DAX verfehlt Rekordhoch nur knapp

Bis auf ganze zwei Punkte ist der DAX heute an sein Rekordhoch bei 15.810 Punkten herangerückt, mehr war aber nicht drin. Am Ende schloss der deutsche Leitindex bei 15.761 Punkten um 0,11 Prozent höher, ein Wochengewinn von 1,3 Prozent. Der Index knüpfte damit an die positive Entwicklung der jüngsten Handelstage an.

Die heimischen Anleger blickten zum einen auf die Fortsetzung der deutschen Berichtssaison, aber auch auf die mit Spannung erwarteten Juli-Daten vom US-Arbeitsmarkt. Mit Allianz, Covestro und Vonovia haben heute immerhin drei DAX-Mitglieder ihre Bücher geöffnet.

Die bisherigen Unternehmensergebnisse bestätigen überwiegend den Optimismus der Anleger, der im Vorfeld maßgeblich dazu beigetragen hat, die Indizes auf die derzeit hohen Niveaus zu treiben. Der Index der mittelgroßen Aktien, der MDAX, erreichte heute bei 35.775 Punkten erneut ein Rekordhoch, fiel danach aber zurück und schloss bei 35.566 Punkten 0,45 Prozent im Minus. Anleger strichen Gewinne ein nach der jüngsten Rally.

Rückenwind für den Dollar

Am Devisenmarkt trieb die Aussicht auf den Anfang vom Ende der lockeren Geldpolitik der Fed den Dollar. Der Euro fiel im Gegenzug zurück auf 1,1761 Dollar und steht damit im US-Handel damit nahe seines Tagestief. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,1807 (Donnerstag: 1,1850) US-Dollar fest. Der Preis für das als Krisenwährung und Inflationsschutz geltende Gold fällt ebenfalls stärker zurück auf 1768 Dollar je Feinunze.

Verluste am Goldmarkt

Der Goldpreis ist am Freitag nach dem US-Arbeitsmarktbericht stark unter Druck geraten. Am Nachmittag sank der Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) an der Börse in London im Tief auf 1758 US-Dollar und erreichte so den niedrigsten Stand seit Anfang Juli. Vor der Veröffentlichung des Arbeitsmarktberichts hatte er noch über 1800 Dollar notiert.

Die US-Wirtschaft hat im Juli soviel neue Arbeitsplätze geschaffen wie seit fast einem Jahr nicht mehr. Das als sichere Alternative geltende Gold wurde daher weniger gesucht. Zudem dürften die Daten den Druck auf die US-Notenbank Fed erhöhen, um aus ihrer lockeren Geldpolitik langsam auszusteigen.

"Es zeichnet sich mehr und mehr ab, dass die Notenbank im vierten Quartal die geldpolitische Wende einleitet", erwartet Christoph Balz, Volkswirt bei der Commerzbank. Schließlich stelle der Juli-Bericht einen weiteren großen Schritt in Richtung des Beschäftigungsziels der Fed dar.

Die Erwartungen an eine geldpolitische Wende sorgten auch für einen kräftigen Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen. Die Festverzinslichen werden damit für Investoren attraktiver im Vergleich zu Gold. Die Rendte zehnjähriger US-Staatsaleihen stieg auf 1,28 Prozent nach 1,22 Prozent am Vortag.

Ölpreise drehen ins Minus

Die Ölpreise konnten anfänglich größere Gewinne nicht halten und stehen am frühen Abend im Minus. Bereits in den Tagen zuvor war der Ölpreis unter Druck geraten. Auf Wochensicht sind die Ölpreise damit deutlich gefallen. Marktbeobachter sprachen von den stärksten Verlusten seit März.

Erst am Donnerstag konnten die Verluste zwischenzeitlich gestoppt werden, wobei der Preis für US-Öl seit Montag um mehr als fünf Prozent gefallen ist. Ursache für den starken Preisrückgang in der ersten Wochenhälfte war die Sorge vor einer Einschränkung der Mobilität zur Eindämmung der Delta-Variante des Coronavirus. Dies könnte die aktuelle Konjunkturerholung gefährden, unter anderem in China, einem der wichtigsten Ölimporteure der Welt.

Allianz startet neue Aktienrückkäufe

Unter den Einzelwerten im DAX rückten Allianz und Vonovia mit ihren Quartalsbilanzen in den Fokus. Die Allianz erzielte im zweiten Quartal einen Quartalsüberschuss von 2,2 Milliarden Euro - 45,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Versicherungskonzern beginnt nach der erzwungenen Pause durch die Corona-Pandemie zudem wieder mit Aktienrückkäufen. Bis Ende des Jahres will das Münchner Unternehmen eigene Aktien für 750 Millionen Euro aufkaufen. Die im DAX schwer gewichtete Aktie legte 2,5 Prozent zu und war damit Tagessieger im Leitindex.

Vonovia-Chef greift Hedgefonds an

Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonovia hat nach einem Gewinnplus seine Ergebnisprognose für das laufende Jahr erhöht. Vor dem erneuten Angebot zur Übernahme der Deutsche Wohnen geht Vonovia-Chef Rolf Buch zudem auf Konfrontationskurs zu den an dem Berliner Immobilienkonzern beteiligten Hedgefonds. "Wohnungsunternehmen eignen sich nicht für kurzfristige Spekulationen", sagte Buch. Er macht die an der Deutsche Wohnen beteiligten Hedgefonds für das Scheitern des vorherigen Übernahmeangebots verantwortlich.

Hellofresh-Anleger reagieren verschnupft auf Margenausblick

Hellofresh-Aktien standen im MDAX unter Druck. Das Unternehmen setzt weiter voll auf die Wachstumskarte, nimmt dafür aber eine geringere Profitabilität in Kauf. Nach einem starken zweiten Quartal erhöhte der Vorstand das Umsatzziel für das laufende Jahr. Da der DAX-Kandidat mehr Geld in weiteres Wachstum investieren will, senkte er aber das Ziel für die operative Marge.

RTL übernimmt Magazingeschäft von Gruner + Jahr

Die RTL-Mediengruppe übernimmt die deutschen Magazingeschäfte und -marken des Hamburger Zeitschriftenverlags Gruner + Jahr ("Stern", "Geo", "Brigitte", "Essen & Trinken", "Gala"). Der Abschluss der Transaktion ist für den 1. Januar 2022 vorgesehen. Der Kaufpreis beträgt nach RTL-Angaben 230 Millionen Euro ohne Barmittel und Schulden. Gruner + Jahr ist ein 100-prozentiges Tochterunternehmen des Bertelsmann-Konzerns, der Mehrheitseigner auch von RTL ist. RTL hatte in der ersten Jahreshälfte ein Rekordergebnis eingefahren.

Reederei Maersk baut Gewinn weiter aus

Der weltgrößte Reedereikonzern A.P. Møller-Mærsk macht weiter fleißig Gewinn. Unter dem Strich stand für die Dänen im zweiten Quartal vor allem dank weiter außergewöhnlicher Marktbedingungen im Ozeangeschäft ein Plus von 3,7 Milliarden Dollar. Das ließ den Nettogewinn im ersten Halbjahr auf 6,5 Milliarden Dollar anschwellen. Maersk ist nach eigenen Angaben in 130 Ländern aktiv und beschäftigt knapp 80.000 Menschen.

ING will Milliarden an Aktionäre ausschütten

Die niederländische Großbank ING will insgesamt 3,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner über Aktienrückkäufe und Dividenden ausschütten. Möglich ist die Milliardenausschüttung, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) ihre coronabedingte Dividendensperre für Banken aufgehoben hat. Zudem verdient die ING wieder prächtig. Im zweiten Quartal betrug der Gewinn fast 1,5 Milliarden Euro nach 299 Millionen Euro vor einem Jahr.

Novavax-Aktie bricht ein

Das Papier des US-Impfstoffherstellers ist derzeit nichts für schwache Nerven. Nachdem die Aktie des Unternehmens im Wochenverlauf nach einem Großauftrag für den Covid-Impfstoff von der EU haussierte, kam heute der Rückschlag in ähnlicher Größenordnung. Die Verschiebung des US-Zulassungsantrags für den Corona-Impfstoff brockte Novavax einen Kurseinbruch von XXX Prozent ein. Es war einer der größten Verluste der Firmengeschichte. Statt im dritten will das Unternehmen erst im vierten Quartal eine Notfallzulassung bei der Gesundheitsbehörde FDA beantragen.

Apple will gegen Kinderpornografie vorgehen

Apple unterstützt den Kampf gegen Kinderpornografie mit einem radikalen Schritt. Der Konzern will von Herbst an zunächst Fotos auf Geräten von US-Nutzern bei Nutzung des hauseigenen Online-Speicherdienstes iCloud mit einer Liste von bekanntem kinderpornografischen Material abgleichen lassen. Apple stellte dafür ein komplexes Verfahren vor, dass den Datenschutz sicherstellen soll.

Amazon verschiebt Rückkehr in die Büros

Wegen der raschen Zunahme der Neuinfektionen in den USA verschiebt der Internetriese Amazon die geplante Rückkehr seiner Mitarbeiter in die Büros auf Januar. Statt des 7. Septembers gilt nun der 3. Januar 2022 als Termin, ab dem Mitarbeiter beginnen sollen, regelmäßig ins Büro zu kommen. Dies gilt auch für andere Länder, in denen die Rückkehr für September geplant war.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. August 2021 um 07:35 Uhr.