Wall Street New York
Marktbericht

Deutliche Gewinne Schnäppchenjäger an der Wall Street

Stand: 29.11.2021 22:15 Uhr

So geht Erholung: Nach dem Ausverkauf vom Freitag haben die Anleger an der Wall Street auf niedrigerem Niveau heute zugegriffen. Der DAX hat genau dies nicht geschafft.

Anders als hierzulande haben sich die US-Börsen heute kräftig von den Freitag-Verlusten erholt. Gefragt waren vor allem Technologiewerte, die Nasdaq gewann 1,88 Prozent auf 15.782 Punkte hinzu und auch der Auswahlindex Nasdaq 100 rückte um 2,33 Prozent auf 16.399 Zähler vor. Investoren setzten darauf, dass die Technologieaktien die Pandemie und die Auswirkungen der neu entdeckten Omikron-Variante des Coronavirus am besten überstehen.

Der Leitindex Dow Jones verzeichnete zwar einen im Vergleich etwas moderaten Anstieg von 0,68 Prozent, baute seine Anfangsgewinne damit aber ebenfalls aus und schloss bei 35.135 Zählern. Der marktbreite S&P-500-Index stieg um 1,32 Prozent auf 4655 Prozent.

"Die Leute sehen es ein bisschen als Gelegenheit, in einige Bereiche des Marktes einzusteigen, die vom Ausverkauf am Freitag besonders hart getroffen wurden", sagte Robert Pavlik, Portfoliomanager bei Dakota Wealth Management. Zugleich nutzten sie die Chance, bei hochbewerteten Technologie-Titeln den Einstieg zu finden.

Impfstoffaktien gefragt

Gefragt waren vor allem Aktien vom Impfstoffherstellern, was zeigt, dass die neue Omikron-Variante auch in New York sehr wohl ein Thema war. Moderna-Papiere zogen fast zehn Prozent an. Im Blick waren auch Aktien des Kurznachrichtendienstes Twitter, die anfänglich zulegten, im Verlauf aber immer weiter ins Minus gedreht sind. Der Grund für die Bewegung ist der Rücktritt von Firmenchef und Mitgründer Jack Dorsey. Nachfolger von Dorsey soll der bisherige Technikchef Parag Agrawal werden. Zuletzt führte Dorsey Twitter und den Bezahldienst Square gleichzeitig - eine Doppelbelastung, die bei einigen Investoren Bedenken ausgelöst hatte.

DAX-Gewinne verpuffen

Am Tag eins nach dem Omikron-Schock hat sich die heimische Börse zwar etwas stabilisiert, wer aber nach den heftigen Verlusten vom Freitag eine kräftige Gegenbewegung erwartet hatte, wurde heute enttäuscht. Die Anleger bleiben in Anbetracht der vielen Fragezeichen, die mit der neuen Covid-Mutante verbunden sind, weiterhin vorsichtig. Das plötzliche Auftauchen der neuen Corona-Variante Omikron hatte sie zum Wochenschluss brutal auf dem falschen Fuß erwischt. Der DAX war am Freitag um fast 4,2 Prozent auf 15.257 Punkte abgerutscht.

Heute erreichte der deutsche Leitindex in der Spitze 15.441 Zähler, konnte das Niveau aber nicht halten. Am Ende lag der Schlusskurs bei 15.280 Punkten, nur noch ein kleines Plus von 0,16 Prozent. Die Volatilität, also die Marktschwankung, dürfte je nach Erkenntnisstand über die neue Omikron-Variante steigen oder fallen, hieß es heute am Markt.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer aus Südafrika

Börsianer setzen nun darauf, dass die Auswirkungen der neu entdeckten Omikron-Variante des Coronavirus geringer sind als zunächst befürchtet. Erste Berichte aus Südafrika zeigen zumindest, dass es dort bislang kaum schwere Verläufe nach einer Omikron-Infektion gibt.

Ein Funken Hoffnung zumindest, der aber noch nicht ausreicht, um die Investoren wieder an die Börse zurückzubringen. "Wir tappen alle noch im Dunkeln und brauchen mehr Daten, aber die Dinge scheinen etwas hoffnungsvoller zu sein als noch am Freitag", sagte Mark Dowding, Investmentchef von BlueBay Asset Management.

Reiseaktien geben Gewinne wieder ab

Abzulesen ist die Skepsis der Anleger besonders an den Reiseaktien, die zunächst gefragt waren, ihre Gewinne im Verlauf aber wieder abgaben. Lufthansa-Papiere schlossen im MDAX im Minus, nachdem sie am Nachmittag noch rund vier Prozent gestiegen waren. Im DAX waren dafür heute Versorger gefragt, Schlusslicht war Autozulieferer Continental. "Stay-at-Home-Aktien", wie Profiteure eines Lockdown in der Corona-Krise genannt werden, litten zunächst unter Gewinnmitnahmen, erholten sich dann aber spiegelbildlich zum Rückgang des Gesamtmarktes wieder.

Inflation steigt über fünf Prozent

Neben den Corona-Ängsten, die derzeit das bestimmenden Thema sind, blickten die Anleger noch mit Sorge auf neue Inflationsdaten aus Deutschland. Angetrieben von höheren Energiepreisen hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise im November hierzulande weiter beschleunigt: Die Inflationsrate übersprang die Fünf-Prozent-Marke und erreichte den höchsten Stand seit fast drei Jahrzehnten.

Hinweise darauf, dass die Inflation außer Kontrolle geraten könnte, gibt es nach Angaben von EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel aber nicht: "Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist und dass die Inflation im kommenden Jahr wieder allmählich zurückgehen wird, und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von zwei Prozent", sagte sie heute im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF.

"Beim Blick auf die Inflationsrate könnte es einem fast schwindelig werden. (...) Der ganze Mix aus Basiseffekten, höheren Energiepreisen, geringerer Mehrwertsteuersatz im Vorjahr und die Materialknappheiten manifestieren sich nun in dieser hohen Inflationsrate. Die November-Inflationsrate sollte aber den vorläufigen Teuerungshöchststand markieren", sagte Chefökonom Thomas Gitzel von der VP Bank.

EZB bleibt unbeeindruckt

Trotz der zurzeit hohen Inflation wird es aber auch laut dem spanischen Notenbankchef Pablo Hernandez de Cos auf absehbare Zeit keine Zinswende geben. Für das kommende Jahr und "auch einige Zeit danach" sei es unwahrscheinlich, dass in der Eurozone die Zinsen erhöht würden, sagte er heute. Denn die Bedingungen für eine Anhebung dürften in diesem Zeitrahmen nicht erfüllt sein, fügte er hinzu.

Die Risiken für den Wachstumsausblick seien nach unten gerichtet. Die EZB hat die rekordtiefen Zinsen in ihrem aktualisierten Ausblick praktisch auf lange Zeit festgeschrieben. Damit dürften auch die Aussichten für den Euro weiter gedämpft bleiben. Die Gemeinschaftswährung verliert im US-Handel gut 0,2 Prozent auf 1,1279 Dollar. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,1276 (Freitag: 1,1291) Dollar fest.

Brent und WTI steigen

Auf dem Ölmarkt ist die Zurückhaltung der Investoren deutlich weniger ausgeprägt als bei Aktien: Die Ölpreise legen kräftig zu, auch wenn sie nur einen Teil der massiven Verluste vom vergangenen Freitag wettmachen.

Am Freitag waren die Ölpreise um zeitweise rund zehn Dollar je Barrel eingebrochen. "Das Ausmaß des Preisrückgangs am Freitag war unseres Erachtens eine Überreaktion", sagte Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank. Er verwies auf das dünne Handelsvolumen am Ölmarkt nach dem Thanksgiving-Feiertag in den USA, dass die starken Kursverluste wahrscheinlich begünstigt habe.

Kryptowährungen legten etwas zu, nachdem sie am Freitag ebenfalls um bis zu zehn Prozent eingebrochen waren.

BioNTech weiter gefragt

Rege nachgefragt blieben Impfstoffwerte, angeführt von BioNTech, die an der Heimatbörse Nasdaq über vier Prozent zulegten. Davon profitierte auch die Aktie des Kooperationspartners Dermapharm, der den mRNA-Impfstoff des Mainzer Unternehmens mit produziert. Die Papiere des Pharmaunternehmens im SDAX vor. Die Papiere des Labordienstleisters Synlab zogen ebenfalls an.

Biontech arbeitet derweil neben laufenden Labortests zur Untersuchung der neuen Corona-Variante Omikron auch an der Entwicklung eines angepassten Impfstoffs - vorbeugend für den Fall, dass dieser notwendig werden könnte. "Um keine Zeit zu verlieren, gehen wir diese beiden Aufgaben parallel an, bis die Daten vorliegen und wir mehr Informationen darüber haben, ob der Impfstoff angepasst werden sollte oder nicht", teilte eine Biontech-Sprecherin heute mit.

RWE plant schwimmende Windparks

Tagessieger im DAX waren RWE. Der Energiekonzern will vor der Küste Südkoreas schwimmende Windenergieparks errichten. Der größte deutsche Stromerzeuger habe mit der Stadt Ulsan dazu eine Absichtserklärung unterzeichnet, erklärte RWE. Geplant seien Projekte mit einer installierten Leistung von bis zu 1,5 Gigawatt. "Südkoreas gute Windverhältnisse in räumlicher Nähe zu wichtigen Wirtschaftszentren eröffnen großartige Chancen für schwimmende Windkraftanlagen in großen Wassertiefen", sagte der Chef des Bereichs Wind Offshore bei RWE Renewables, Sven Utermöhlen.

SAP und die Cloud

Mit der Ausrichtung auf die Cloud will SAP-Chef Christian Klein neue Anleger für den Softwareriesen gewinnen. "Wir gewinnen viele neue Investoren hinzu, die auf Wachstum und Kundenerfolg setzen, und genau da liegt unser Schwerpunkt", sagte Klein dem "Handelsblatt". Zudem habe der Konzern im klassischen Lizenzgeschäft eine große Kundenbasis. "Und ich bin mir sicher: SAP wird langfristig eines der größten Cloud-Unternehmen der Welt sein."

Nach der Ankündigung der neuen Strategie vor rund einem Jahr war der Aktienkurs des DAX-Konzerns innerhalb eines Tages um gut 20 Prozent abgestürzt. Trotzdem sei die Entscheidung richtig gewesen, so Klein. Unternehmen müssten sich transformieren, und mittlerweile sehe jeder, dass die Zukunft in der Cloud liege.
Toyota produziert weniger

Cancom-Ziele kommen gut an

Cancom-Papiere zogen heute im MDAX gut drei Prozent an. Der IT-Dienstleister will in den kommenden Jahren dank Übernahmen im deutschsprachigen Bereich und der Weiterentwicklung seines Geschäftsmodells deutlich wachsen. Mittelfristig sieht der Vorstand um Konzernchef Rudolf Hotter dadurch Potenzial, den Konzernumsatz im Jahr 2025 auf 2,5 Milliarden Euro und das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebidta) auf 275 Millionen Euro zu steigern, wie das Unternehmen heute in München anlässlich einer Kapitalmarktveranstaltung mitteilte.

Toyota produziert weniger

Der japanische Autobauer Toyota hat im Oktober wegen des Chipmangels und anderer fehlender Komponenten gut ein Viertel weniger produziert. Insgesamt seien gut 627.000 Fahrzeuge der Marken Toyota und Lexus von den Bändern gerollt, teilte der weltweit größte Pkw-Hersteller mit. An der Tokioter Börse verlor die Aktie des Volkswagen-Konkurrenten rund drei Prozent und damit deutlich mehr als der Nikkei 225.

Milliardeninvestitionen bei Nissan

Der japanische Renault-Partner Nissan will die Elektrifizierung seiner Autoflotte mit Milliardeninvestitionen vorantreiben. Zu diesem Zweck sollen über die nächsten fünf Jahre zwei Billionen Yen (rund 15,6 Milliarden Euro) investiert werden.

Die neue langfristige Strategie mit dem Namen "Nissan Ambition 2030" sieht unter anderem die Einführung von 23 neuen E-Modellen bis zum Geschäftsjahr 2030/31 (1. April) vor. Mehr als die Hälfte der weltweiten Flotte der Marken Nissan und Infiniti soll bis dahin aus Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb bestehen, wie das Unternehmen weiter mitteilte.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. November 2021 um 09:05 Uhr und 11:00 Uhr.