Ein Händler beobachtet den deutschen Aktienindex DAX. | picture alliance / AP Photo
Marktbericht

Unsicherheitsfaktoren an den Börsen Zwischen Evergrande-Drama und Bundestagswahl

Stand: 24.09.2021 22:02 Uhr

Nach einem heftigen Auf und Ab ist die Börsenwoche relativ ruhig zu Ende gegangen. Die Wall Street stagnierte, der DAX gab nach. Die Evergrande-Krise und die Bundestagswahlen bewegten die Anleger.

Bricht Chinas Immobilienriese Evergrande zusammen? Und: Wie groß wären die Folgen für die Weltwirtschaft? Das fragen sich die Anleger seit Tagen. Der mit rund 300 Milliarden Dollar hoch verschuldete Konzern kann seine Zinszahlungen kaum noch leisten. Am Freitag erklärten einige Investoren einer Dollar-Anleihe Insidern zufolge, kein Geld erhalten zu haben. Nun laufe eine 30-tägige Nachfrist, bevor ein Zahlungsausfall eintrete, hieß es. Die an der Frankfurter Börse notierten Evergrande-Papiere rauschen rund zwölf Prozent in die Tiefe.

Die chinesische Regierung werde allerdings verhindern, dass sich ein Kollaps des Unternehmens zu einer internationalen Finanzkrise auswächst, glaubt Portfoliomanagerin Jennifer James vom Vermögensverwalter Henderson. Dass Peking die Banken darüber informiert habe, dass das Unternehmen in dieser Woche keine Zinszahlungen vornehmen werde, sei ein Zeichen dafür, dass die Regierung Maßnahmen ergreife, um die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft einzudämmen.

EZB zeigt sich gelassen

Auch Europas Währungshüter halten die Auswirkungen der Krise von Evergrande für Europa derzeit für begrenzt. "Im Moment sehen wir das auf China konzentriert", sagte die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, in einem Interview mit dem US-TV-Sender CNBC. "Für Europa kann ich sagen, dass es nur begrenzt direkt betroffen ist."

Trotzdem trübte die Ungewissheit um Evergrande die Stimmung an den Börsen heute. Die Wall Street kam nach zwei starken Tagen heute kaum noch voran. Der Dow Jones, der breiter gefasste S&P 500 und die Nasdaq schlossen minimal im Plus. In den vorangegangenen Tagen hatten die US-Börsen-Indizes jeweils mehr als zwei Prozent zugelegt. Der Markt mache eine Verschnaufpause, während Anleger auf Neuigkeiten rund um die Krise bei China Evergrande warteten, sagte Thomas Hayes, Manager beim Vermögensverwalter Great Hill.

Mangels Impulse von der Wall Street konnte der DAX seinen guten Lauf nicht fortsetzen. Der deutsche Leitindex rutschte um 0,7 Prozent ab auf 15.531 Punkte. Die Wochenbilanz fiel aber positiv aus. Nach dem Kurssturz vom Montag stieg der DAX drei Tage in Folge. Somit schaffte er auf Wochensicht ein moderates Plus.

Regierungswechsel schon eingepreist?

Vor den mit Spannung erwarteten Bundestagswahlen am Sonntag hielten sich die Anleger spürbar zurück. Bundestagswahlen gehen im DAX in der Regel mit Kursverlusten einher. Das Aktienbarometer verliert an den 20 Handelstagen bis zum Wahltermin im Schnitt rund zwei Prozent an Werte, wie die Technischen Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt herausgefunden haben. Tatsächlich hat der DAX bisher schon seit Monatsbeginn 1,7 Prozent eingebüßt.

Anlagestrategen sind da nicht so pessimistisch. Selbst ein Regierungswechsel wäre keine große Gefahr für den DAX, meinen sie. Eine "Ampel" aus SPD, Grünen und FDP sei an der Börse wohl bereits "eingepreist", werde also die Kurse nicht mehr stärker bewegen, vermutet Thomas Kruse vom Vermögensverwalter Amundi. Die Börse habe in der Vergangenheit vor allem bei Regierungswechseln positiv reagiert, meinten die Ökonomen Joachim Schallmayer und Gunnar Meyke von der Deka Bank in einer Studie. Die Chancen hierfür stehen gut. Nur das aus Sicht vieler Beobachter unwahrscheinliche Szenario einer Koalition aus SPD, Grünen und Linker könnte an den Börsen für Unruhe sorgen.

ifo-Index signalisiert Trendwende

Vor der Wahl verdichten sich die Anzeichen, dass der deutschen Wirtschaft im vierten Quartal ein rauer Wind entgegenblasen wird. Die Stimmung in den Chefetagen der deutschen Unternehmen hat sich im September erneut verschlechtert. Der ifo-Geschäftsklimaindex sank auf 98,8 Punkte von 99,6 Zählern im August.

Es ist der dritte Rückgang in Folge, was Experten für gewöhnlich als konjunkturellen Wendepunkt deuten. Analysten hatten mit einem etwas geringeren Rückgang auf 99,0 Punkte gerechnet. "Die Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten bremsen die deutsche Konjunktur", sagte ifo-Präsident Clemens Fuest. "Die Industrie erlebt eine Flaschenhals-Rezession".

Zusätzlich versetzte Chinas Zentralbank die Investoren in Unruhe. Die People's Bank of China erklärte sämtliche Aktivitäten rund um Cyber-Devisen für illegal und untersagte ausländischen Krypto-Börsen jegliche Dienstleistungen für Kunden in China. Vergehen würden streng geahndet.

Die beiden wichtigsten Internet-Währungen Bitcoin und Ethereum rutschten um acht Prozent auf 41.113 Dollar beziehungsweise um gut zwölf Prozent auf 2750 Dollar ab. "Anleger trifft die Hiobsbotschaft auf dem falschen Fuß", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. Der verschärfte Regulierungsdruck komme aber nicht überraschend, dass die Regierung in Peking bereits seit längerem einen harten Kurs fahre.

Die schwachen deutschen Konjunkturdaten belasteten den Euro. Die Gemeinschaftswährung gab leicht nach auf 1,1715 Dollar.

Der "sichere Hafen" Gold war wieder gefragt. Eine Feinunze Gold kostete am Abend 1753 Dollar - 0,6 Prozent mehr als am Vortag. Tags zuvor war der Goldpreis zeitweise bis auf 1737 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit über einem Monat eingebrochen.

Die Ölpreise zogen weiter an: Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete 77,89 Dollar. Das swaren fast ein Prozent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 0,7 Prozent auf 73,88 Dollar.

Nordseeöl kostet damit derzeit so viel wie zuletzt vor etwa zwei Monaten, US-Erdöl rangiert auf einem einmonatigen Höchststand. Hauptgrund ist das derzeit knappe Angebot, das unter anderem auf Förderprobleme im Golf von Mexiko zurückgeht. Dort machen sich immer noch die Nachwirkungen des schweren Hurrikans Ida bemerkbar.

Im DAX zogen Corona-bedingte Produktionsausfälle bei Nike die Kurse der beiden deutschen Sportartikelhersteller Adidas und Puma in Mitleidenschaft. Nike wird von der monatelangen Schließung seiner Fabriken in Vietnam wegen strikter Corona-Maßnahmen gebremst. "Wir haben bereits zehn Wochen Produktion verloren", sagte Finanzchef Matt Friend bei der Vorlage von Quartalszahlen am Vorabend.

Die Ratingagentur Fitch hat die Bonitätsnote der Deutschen Bank aufgrund von Fortschritten beim Konzernumbau von "BBB" auf "BBB+" hochgestuft. Der Ausblick bleibe positiv, erklärte die Agentur. Sie erwarte, dass der Umbau der Bank weiter vorangetrieben werde. Erst im August hatte Moody's die Einstufung der Bank auf "A2" von "A3" angehoben. Ein besseres Rating führt bei Banken zu geringeren Refinanzierungskosten.

Der Kurznachrichtendienst Twitter will seinen Nutzern ermöglichen, beliebte Autoren zukünftig mit "Trinkgeldern" finanziell zu unterstützen. Twitter-Nutzer sollen auf iOS-Geräten weltweit digitale Zahlungen, auch in Kryptowährungen wie Bitcoin, senden und empfangen können. Twitter versucht, besser mit Plattformen wie Facebook und Alphabets YouTube konkurrieren zu können.

Die Majorel-Aktie ist zu 33 Euro und damit auf Höhe ihres Ausgabepreises in den Handel an der Euronext in Amsterdam gestartet. Der Bertelsmann-Konzern nimmt mit dem heutigen Börsengang des Call-Center-Betreibers 380 Millionen Euro ein - weniger als erhofft. Die 23 Millionen Aktien wurden nahe dem unteren Rand der Preisspanne, die von 32 bis 39 Euro reichte, ausgeteilt.

Der US-Elektroautobauer Tesla hält die Einwände von zahlreichen Kritikern zum Bau seiner ersten europäischen Fabrik in Grünheide bei Berlin für unbegründet. In einer Online-Erörterung von mehr als 800 Einwänden wendet sich das Unternehmen beispielsweise gegen Bedenken wegen des geplanten Wasserverbrauchs, wegen der Gefahr eines Störfalls und wegen des Bauens ohne abschließende Genehmigung.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. September 2021 um 09:05 Uhr.