Händler an der New Yorker Börse | picture alliance/dpa/XinHua
Marktbericht

Weltweit große Kursverluste Schwarzer Tag an den Börsen

Stand: 20.09.2021 22:33 Uhr

Die drohende Pleite des chinesischen Immobilienriesen Evergrande hat weltweit die Börsen ins Taumeln gebracht. Die Wall Street erlebte den größten Kurssturz seit Monaten. Und auch der neue DAX 40 verpatzte sein Debüt.

Passend zum nahenden kalendarischen Herbstanfang wird es stürmischer an den Börsen. Weltweit sackten zu Wochenbeginn die Kurse ab. Die Wall Street begann die Woche mit herben Kursverlusten. Der Dow Jones knickte um fast 1,8 Prozent ein und schloss unter 34.000 Punkten. Zeitweise sank das Standardwerte-Barometer auf den tiefsten Stand seit Ede Juni. Der breiter gefasste S&P 500 büßte 1,7 Prozent auf 4357 Zähler ein. Der technologielastige Nasdaq 100 brach gar um mehr als zwei Prozent ein.

Angst vor der nächsten Immobilienkrise

Anleger befürchten eine Immobilienkrise in China, die die dortige Wirtschaft schwer belasten würde. Manche sprechen gar von einem "Lehman 2.0". Der drohende Zusammenbruch beim zweitgrößten chinesischen Immobilienentwickler Evergrande könnte "Chinas Lehman-Moment" sein, sagte Paul Nolte, Portfoliomanager bei Kingsview Investment Management. Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 führte zu massiven Kursverlusten und brachte das Finanzsystem zum Wanken.

Ist Evergrande noch zu retten?

Ähnlich wie damals bei Lehman könnte die Regierung in Peking Evergrande fallen lassen. Investoren rechnen damit, dass der Konzern die Zinszahlungen auf seine Milliardenschulden bereits in dieser Woche nicht länger bedienen kann. Der Schuldenstand von Chinas größtem Wohnungsbaukonzern beträgt umgerechnet mehr als 260 Milliarden Euro. Die zunehmende Furcht vor einem Zahlungsausfall ließ die Anteilsscheine von Evergrande in Hongkong zeitweise um fast 19 Prozent einbrechen. Anders als Lehman ist aber der Evergrande-Konzern mit den globalen Finanzmärkten so gut wie nicht verflochten. Er hat sich vor allem bei heimischen Banken verschuldet.

Die Verwerfungen in Chinas Wirtschaft wären groß und würden natürlich auch die Weltkonjunktur bremsen. Mit einem Anteil von rund einem Viertel am Bruttoinlandsprodukt ist der Immobiliensektor ein entscheidender Wirtschaftszweig in China. Experten wie Starinvestor George Soros warnten bereits im August vor einem Wirtschaftscrash in China.

Toxische Mischung an den Börsen

Evergrande ist freilich nicht der einzige Grund für den Ausverkauf an den US-Börsen. Auch die Pattsituation im US-Kongress in Bezug auf die Schuldenobergrenze, die drohende Straffung der Geldpolitik und eine ganze Reihe von vorgeschlagenen Steuererhöhungen trübten heute die Stimmung der Anleger. "Die Mauer der Sorgen wird einfach immer höher", sagte Sam Stovall, Chef-Investmentstratege der Analysegesellschaft CFRA Research in New York. "Die hartnäckig steigende Zahl der Covid-Delta-Fälle, die Bedrohung durch ein Tapering der Fed, die Möglichkeit eines langsamer als erwartet verlaufenden Wirtschaftswachstums - und die neueste Sorge ist, dass der Ausfall chinesischer Immobilienentwickler eine Art Kaskadeneffekt im Finanzbereich auslösen könnte."

Fehlstart des neuen DAX 40

Der toxische Cocktail aus geldpolitischer Ungewissheit und Konjunktursorgen verdarb auch dem neuen vergrößerten DAX 40 den Start. Statt Feierlaune herrschte zeitweise ein Hauch von Panikstimmung auf dem Frankfurter Börsenparkett. Der DAX 40 sackte zeitweise auf bis 15.029 Punkte ab. Danach dämmte er die Verluste etwas ein. Er schloss 2,3 Prozent tiefer bei 15.132 Zähler. Der von 60 auf 50 Werte reduzierte MDax der mittelgroßen Börsenwerte ging mit einem Minus von 1,4 Prozent aus dem Handel. Die Indizes VDax und VStoxx, die die Nervosität der Anleger messen, stiegen in der Spitze um jeweils rund 24 Prozent.

DAX-Anpassungen führen meist zu Verlusten

Angesichts der heftigen Kursverluste wollte am deutschen Aktienmarkt ob der heute vollzogenen historischen DAX-Erweiterung von 30 auf 40 Mitglieder kein rechter Jubel aufkommen. Die Statistik ist diesbezüglich ohnehin nicht auf Seiten der DAX-Bullen. Denn Index-Anpassungen gingen in der Geschichte der deutschen Standardwerte im Schnitt stets mit Kursverlusten einher. In den Tagen danach verliert der DAX durchschnittlich 2,3 Prozent in der Spitze, betonen die Technischen Analysten von HSBC Trinkaus & Burkhardt.

Drosselt die Fed bald die Anleihenkäufe?

Für zusätzliche Verunsicherung sorgte die anstehende Sitzung der US-Notenbank. Die Fed könnte dann eine Drosselung ihrer Wertpapierkäufe ankündigen. Hinzu kommen drohende Zahlungsprobleme in Washington. US-Finanzministerin Janet Yellen sagte, dass der US-Regierung irgendwann im Oktober das Geld ausgehen wird, um ihre Rechnungen zu bezahlen, wenn die Schuldenobergrenze nicht angehoben wird, und warnte vor einer "wirtschaftlichen Katastrophe", wenn die Gesetzgeber nicht die notwendigen Schritte unternehmen. Die China-Risiken und das drohende Tapering der US-Notenbank führten zu einer toxischen Mischung an den Aktienmärkten.

Die steigende Risikoaversion an den Finanzmärkten treibt die Anleger in den "sicheren Hafen" US-Dollar. Im Gegenzug gibt der Euro weiter nach. Die europäische Gemeinschaftswährung fällt zeitweise bis auf 1,1699 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit einem Monat.

Die anziehenden Dollar-Notierungen sind ein Belastungsfaktor für den Goldpreis, wird das gelbe Edelmetall doch in Dollar gehandelt. Steigende Dollar-Kurse verteuern Gold damit im Nicht-Dollar-Raum und schwächen so die Nachfrage.

Der Goldpreis konnte dennoch mit den wachsenden Anleger-Ängsten im Laufe des Vormittags ins Plus drehen. Am Nachmittag kostet eine Feinunze Gold 1757 Dollar und damit 0,2 Prozent mehr als am Vortag.

Im neuen DAX 40 rücken heute die Neulinge in den Fokus. Neu auf dem Kurszettel stehen zehn Unternehmen: der Flugzeugbauer Airbus, der Chemikalienhändler Brenntag, der Kochboxenlieferant Hellofresh, die Holdinggesellschaft Porsche, der Sportartikelhersteller Puma, das Biotechnologie- und Diagnostikunternehmen Qiagen, der Pharma- und Laborzulieferer Sartorius, der Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers, der Aromen- und Duftstoffehersteller Symrise, und der Online-Modehändler Zalando.

Der Energiekonzern RWE verdient einem Medienbericht zufolge gut an den steigenden CO2-Preisen. RWE habe sich im Gegensatz zu anderen Unternehmen bis 2030 langfristig gegen das Risiko abgesichert, berichtet das "Handelsblatt". RWE habe schon 2017 begonnen, sich langfristig einzudecken. Damals kostete ein CO2-Zertifikat, das zur Emission einer Tonne des Treibhausgases berechtigt, noch wenige Euro. Aktuell sind es 60 Euro.

Unter den DAX-Pionieren stand die VW-Aktie im Fokus. Ex-Betriebsratschef Bernd Osterloh wurde heute als Zeuge im Untreue-Prozess gegen VW-Manager angehört. Das Landgericht Braunschweig beschäftigt sich mit mutmaßlich überhöhten Gehältern und Bonuszahlungen an leitende Betriebsräte von Volkswagen. Dadurch hätten sich Teile des Gewinns sowie Steuerzahlungen verringert - die Anklage lautet auf Untreue.

BMW weist die Forderung der Deutschen Umwelthilfe zurück, ab 2030 weltweit kein Auto mit Benzin- oder Dieselmotor mehr zu verkaufen. Der Verein hatte von BMW eine Unterlassungserklärung bis spätestens Montag gefordert und mit einer Klage gedroht. Der Münchner Autobauer schreibt nun in seinem Antwortbrief, über den Weg zur Erreichung der Klimaziele entschieden die demokratisch legitimierten Parlamente.

Eine neue Untersuchung von 30 Millionen US-Fahrzeugen wegen potenziell defekter Airbags durch die US-Verkehrsbehörde setzte die Aktien von Autokonzernen unter Druck. Die Anteilsscheine von General Motors, Ford und die in den USA notierten Aktien von Stellantis fielen um knapp fünf Prozent. Die Untersuchung der Behörde betrifft fast zwei Dutzend Autobauer, darunter auch BMW, Porsche und Daimler, wie aus einem von Reuters eingesehenem Regierungsdokument hervorgeht.

Im schwachen Gesamtmarkt standen Rohstoffwerte europaweit besonders unter Druck. Im MDAX war die Thyssenkrupp-Aktie mit einem Minus von über sechs Prozent einer der größten Verlierer. "Belastet werden die Metallpreise durch den festen US-Dollar", betonte Commerzbank-Rohstoffexperte Daniel Briesemann. Auch die Krise des chinesischen Immobilienkonzerns Evergrande und eine mögliche Ausweitung auf andere Branchen sieht er als Belastungsfaktor.

Die Aktien der Lufthansa gewannen über fünf Prozent. Sie profitierten von der Nachricht, dass die USA die Einreisebeschränkungen aus der Europäischen Union und Großbritannien bald für Geimpfte aufheben. Die angekündigte Kapitalerhöhung belastete den Kurs nur zeitweise. Die Lufthansa stellt kurz vor der Bundestagswahl die Weichen für die Rückzahlung der deutschen Staatshilfen. Zu diesem Zweck will das MDAX-Unternehmen neue Aktien im Gesamtwert von 2,14 Milliarden Euro ausgeben. Das Geld soll in die Rückzahlung der beiden Stillen Einlagen fließen, mit denen der deutsche Staat den Luftfahrtkonzern in der Corona-Krise im vergangenen Jahr vor dem wirtschaftlichen Aus gerettet hatte.

Universal geht an die Börse

Am Dienstag steht mit der Universal Music Group (UMG) der größte Börsengang des Jahres in Europa an. Der Marktwert des Plattenlabels mit Künstlerinnen wie Lady Gaga und Taylor Swift wird mit rund 33,5 Milliarden Euro taxiert. Der französische Konzern Vivendi, der UMG ausgliedert, legte am Montag einen Referenzpreis für die Notierung von 18,50 Euro je Aktie fest. Universal setzt darauf, dass der von Spotify angeheizte Streaming-Boom fortsetzt, der seit Jahren für höhere Lizenzeinnahmen und Gewinnwachstum sorgt.

Universal Studios | AFP

Bild: AFP

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. September 2021 um 09:00 Uhr.