Verlauf eines Aktienindex auf einer Kurstafel
Hintergrund

Börsen unter Druck Wie weit es noch abwärts gehen könnte

Stand: 15.06.2022 10:18 Uhr

Schwere Zeiten für Aktienbesitzer: Der DAX hat in den vergangenen drei Handelstagen mehr als sechs Prozent eingebüßt. Sind weitere Verluste zu erwarten? Und was können Anleger in der Krise tun?

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Im bisherigen Jahresverlauf hatten die Aktienmärkte die Erwartung steigender Zinsen relativ gut verkraftet. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie zusätzlich noch den Schock des russischen Angriffs auf die Ukraine zu verarbeiten hatten. Das hat sich seit dem vergangenen Freitag geändert. Von den neuesten amerikanischen Inflationsdaten schwappte eine Welle der Unruhe über die weltweiten Börsen. Mit 8,6 Prozent hatte die Teuerung im Mai deutlich über den Erwartungen gelegen und den höchsten Wert seit 40 Jahren erreicht.

Der DAX hat in den vergangenen drei Handelstagen 6,3 Prozent an Wert verloren. Der marktbreite US-Aktienindex S&P 500 hat im Vergleich zu seinem Rekordschluss am 3. Januar über 20 Prozent eingebüßt und befindet sich damit nach landläufiger Definition in einem "Bärenmarkt".

Auf die weiter ungebremste Inflation wird die US-Notenbank Federal Reserve zweifellos reagieren. Mittlerweile erwarten die meisten Marktteilnehmer von der heutigen geldpolitischen Sitzung eine drastische Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte.

Sprunghaft steigende Zinsen sind aber generell Gift für die Aktienmärkte, weil sie auf zwei Wegen Aktien unattraktiver machen. Zum einen werden zinstragende Anlagen vergleichsweise attraktiver. Zum anderen wird es für Unternehmen teurer, sich zu refinanzieren. Das ist der Grund, warum die wachstumsstarken und entsprechend auf Fremdkapital angewiesenen Technologieunternehmen besonders sensibel auf Zinsänderungen reagieren.

Investoren misstrauen der Geldpolitik

Die Dynamik makroökonomischer Prozesse wie Konjunktur und Inflation ist schwer zu beherrschen. Und wie so oft zweifeln die Investoren an der Fähigkeit der Geldpolitiker rund um den Globus, die ausufernde Inflation wieder einzufangen, ohne der Wirtschaft zu schaden.

Dazu kommt, dass Zinserhöhungen wenig gegen die Inflation helfen, wenn die Preissteigerungen durch externe Faktoren wie eben den Ukraine-Krieg hervorgerufen werden. Knappheiten bei Energie oder Lebensmitteln lassen sich durch Zinserhöhungen eben nicht beheben.

Weitere Verluste drohen

Unsicherheit und Misstrauen sind also hoch. Müssen sich Anleger auf weitere Kursverluste einstellen? Carolin Schulze Palstring, Leiterin der Kapitalmarktanalyse im Private Banking beim Bankhaus Metzler, verweist auf die ungewöhnliche Häufung von Unwägbarkeiten. Weitere Kursrückgänge seien daher nicht auszuschließen. Zu den Zinsängsten und den Belastungen durch den Ukraine-Krieg komme noch die Sorge, dass China wiederkehrende Lockdowns verhängt, was die Konjunktursorgen verschärfe.

Ein Blick in die Historie biete zwar keine Gewissheit, aber zumindest eine grobe Orientierung: "Historisch betrachtet waren Korrekturen in den USA durchschnittlich bei rund 20 Prozent beendet, wenn es nicht zu einer Rezession kam - also etwa auf dem nun erreichten Niveau", erklärt die Kapitalmarktexpertin. "Im Fall einer Rezession liefen die Korrekturen üblicherweise bis 30 Prozent." Weitete sich die Krise aber zu einer echten Systemkrise, also einer Finanz- und Schuldenkrise aus, waren auch Korrekturen von bis zu 50 Prozent zu beobachten.

"Sollte es also zu einer Rezession kommen, gibt es noch Luft nach unten. Eine echte Systemkrise erwarten wir aber derzeit nicht", so Schulze Palstring.

"Noch einiges an Fallhöhe"

Um den Boden für Korrekturen in schweren Krisen auszuloten, betrachten die Metzler-Experten auch das Verhältnis von Kurs- und Buchwert. Dieser Buchwert, der in vergangenen Phasen schwerer Marktverwerfungen eine zuverlässige Untergrenze bildete, liege im DAX derzeit bei etwa 9400 Punkten. "Wenn es hart auf hart käme, gäbe es also noch einiges an Fallhöhe", so Schulze Palstring. Davon sei aber nur in einer Extremsituation auszugehen.

Zu beachten sei aber auch, dass es angesichts der veränderten Zins- und Konjunkturerwartungen bereits eine deutliche Wertanpassung an den Aktienmärkten gegeben hat.

Taugt Gold als Inflationsschutz?

Was sollen Privatanleger also in dieser Situation tun? Auch wenn in Deutschland traditionell sogenannte Nominalvermögen wie Bankguthaben beliebt sind - Schulze Palstring plädiert in Zeiten erhöhter Inflation für den Mut zu mehr Substanzvermögen wie eben Aktien. "Die Historie zeigt, dass Aktien mit Inflation relativ gut umgehen können", so die Metzler-Expertin. Den erwarteten Zinserhöhungen entsprechend sollten dabei nicht hochbewertete Technologietitel im Fokus stehen. Und mit Blick auf die eher negativen Konjunkturerwartungen sollten Anleger defensive Titel den zyklischen, also konjunktursensitiven Aktien vorziehen.

Das traditionell als Inflationsschutz geltende Gold sieht die Expertin eher skeptisch: "Gold hat zuletzt als Inflationsschutz nicht gut funktioniert. Das liegt zum einen am starken US-Dollar, vor allem aber auch daran, dass Anleihen wieder Zinsen abwerfen und damit eine Alternative geworden sind." Bei Anleihen wiederum sei es wichtig, angesichts des Zinsausblicks auf kurze Laufzeiten zu setzen.