Das Bitcoin-Logo ist auf dem Bildschirm eines Kryptowährungs-Automaten zu sehen | AP

Sanktionen gegen Oligarchen Auch Krypto-Vermögen sind angreifbar

Stand: 11.03.2022 11:17 Uhr

Um westliche Sanktionen zu umgehen, flüchten Oligarchen vermutlich auch in Kryptowährungen wie den Bitcoin. Doch auch hier wären die Vermögen bei entsprechenden Sanktionen keineswegs sicher.

Von Emal Atif, HR

Vermögenswerte werden eingefroren, Einreisesperren verhängt: Während der Westen immer wieder neue Sanktionen gegen russische Oligarchen aus dem Umfeld von Präsident Wladimir Putin erlässt, versuchen diese, ihr Vermögen möglichst schnell in Sicherheit zu bringen. Laut Medienberichten stehen plötzlich teure Immobilien in London oder Luxusjachten zum Verkauf. Der Oligarch Roman Abramowitsch wollte sogar möglichst schnell den FC Chelsea verkaufen. Doch die britische Regierung kam ihm zuvor und hat sein Vermögen eingefroren - mit unmittelbaren Folgen für ihn und den Fußballklub.

Bitcoin und Co. als Flucht vor Sanktionen

Doch selbst wenn Schnellverkäufe gelingen sollten, bleibt die Frage, wo die Superreichen ihr Vermögen vor den westlichen Sanktionen in Sicherheit bringen können. Experten und Politiker vermuten hier die Flucht in Kryptowährungen wie Bitcoin, Ether und Co.

"Bitcoin könnte ein möglicher sicherer Hafen für russische Oligarchen sein, um Sanktionen zu vermeiden, da es im Bitcoin-Netzwerk und bei Kryptowährungsgeschäften keinen Zensor gibt", sagte Ipek Ozkardeskaya, Analystin bei der Swissquote Bank. Kryptowährungen sind dezentral organisiert und können von Bankensystemen nicht kontrolliert werden.

Sanktionen auch im Kryptomarkt möglich

Und tatsächlich stieg der Bitcoinkurs am Tag, nachdem die Sanktionen gegen die russische Zentralbank in Kraft trat, um zehn Prozent. Vor allem in Russland und der Ukraine ist der Bitcoin-Handel sprunghaft angestiegen. Schon im Oktober hatte das US-Finanzministerium davor gewarnt, dass Kryptowährungen eine immer größer werdende Bedrohung für westliche Sanktionen darstellen würden.

Dennoch sind Kryptowährungen nicht unbedingt eine Rettung vor den Folgen von Sanktionen. Technisch gesehen sind auch hier Sanktionen möglich. "Etablierte Plattformen verlangen von ihren Akteuren vor Begründung der Geschäftsbeziehung ein Ausweisdokument zur Identifizierung und ein Bankkonto auf den Namen des Akteurs", so Uwe Heim, Experte für Krypto- und russisch organisierte Kriminalität. Deshalb forderte Mykhailo Fedorov, der ukrainische Vize-Premierminister, seit der Invasion mehrfach "alle großen Krypto-Börsen auf, die Adressen russischer Nutzer zu sperren".

Kryptobörsen verweigern Sperrung russischer Nutzer

Die Kryptobörsen stellen klar, sie würden die Sanktionen befolgen. Allerdings weigern sie sich bisher, russische Nutzer zu sperren. Schließlich besteht die Grundidee hinter Kryptowährungen gerade darin, eine Währung zu haben, die sich staatlichen Einflüssen weitestgehend entzieht und niemanden ausschließt. "Den Menschen einseitig den Zugang zu ihren Kryptovermögen zu verwehren, würde dem Sinn davon, dass es Krypto überhaupt gibt, vollkommen widersprechen", sagte ein Vertreter der größten Kryptowährungsbörse Binance gegenüber CNBC.

Auch die US-Kryptobörsen Coinbase und Kraken gaben bekannt, dass sie die Konten ihrer russischen Nutzer ohne eine gesetzliche Verpflichtung nicht einfrieren lassen würden. Noch sind sie dazu durch Sanktionen auch nicht verpflichtet. "Russen sollten sich allerdings bewusst sein, dass eine solche Maßnahme kurz bevorstehen könnte", so der Kraken-Chef Jesse Powell. Das bedeutet: Sanktionen könnten sich auch am Kryptomarkt auswirken. Kryptobörsen müssten dann - ähnlich wie herkömmliche Banken - Vermögen einfrieren.

Anonymität bietet keinen sicheren Schutz

Auch die teilweise bestehende Anonymität biete keinen wirklichen Schutz, so Experten. Denn auch wenn man Kryptowährungen anonym besitzen kann, "in dem Augenblick, wo eine Kryptowährung eingesetzt wird oder getauscht wird, geschieht dies an einer Börse, und die Anonymität wird aufgelöst. So besäßen Oligarchen Bitcoin-Bestände, mit denen sie aber wiederum nicht viel in sanktionierenden Ländern anfangen könnten, weil auch dann die Sanktionen gelten", sagt Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance.

Dass Kryptowährungen noch immer unreguliert sind, sei ein weitverbreiteter Irrtum. Auch kleine Börsen könnten Nutzer identifizieren. Deshalb seien Kryptowährungen für Flucht- und Schwarzgeld inzwischen ungeeignet. "Je größer die Beträge werden, desto weniger möglich sind anonyme Transaktionen. Das ist ein gewünschtes Ergebnis der Regulierung der letzten Jahre", meint Sandner.

Bürokratie als mögliches Problem

Bei entsprechenden Sanktionen könnten russische Oligarchen somit ihre Vermögen nicht ohne Weiteres durch eine Flucht in Kryptowährungen in Sicherheit bringen. Genau hier sieht der Krypto-Experte Timo Emden aber ein Problem: "Bis der Gesetzgeber die neuen Regelungen durchwinkt, ist der Zug womöglich bereits abgefahren. Gut möglich, dass vermögende Russen bereits im großen Stil ihre Gelder bewegt und verschleiert haben."

Damit die Oligarchen sanktioniert werden könnten, müssten die Länder nachweisen, dass deren Reichtum mit Putin verbunden sei. So könnten Monate vergehen, bis die meisten Oligarchen tatsächlichen sanktioniert würden. Das Verhindern der Krypto-Flucht könnte also am Ende an der Bürokratie scheitern - und nicht an den technischen Hürden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. März 2022 um 09:00 Uhr.