Dampf steigt aus dem Braunkohlekraftwerk Niederaußem des Energieversorgungskonzerns RWE auf. (Archivbild: 18.11.2020) | dpa
Analyse

Geldanlage Was Pensionsfonds gegen die Klimakrise tun

Stand: 09.11.2021 08:07 Uhr

Klimafreundliche Geldanlage ist im Trend - auch weil Ersparnisse für die Rente zunehmend in nachhaltige Investments gelenkt werden. Doch Kritiker halten die Wirkung bislang für sehr begrenzt.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Die Mitteilung kam in der Vorwoche des Weltklimagipfels von Glasgow: Der mit einem Anlagevermögen von 528 Milliarden Euro größte Pensionsfonds der Europäischen Union, ABP, will sich von seinen Anlagen in Firmen aus dem Öl-, Gas- und Kohlegeschäft trennen. Dabei handelt es sich um 80 Beteiligungen mit einem Volumen von 15 Milliarden Euro. ABP verwaltet die Betriebsrenten der Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst und im Bildungswesen der Niederlande.

Die Beteiligungen, darunter an Royal Dutch Shell, sollen voraussichtlich im ersten Quartal 2023 verkauft sein. Die Investitionen in erneuerbare Energien - derzeit gut 4 Milliarden Euro - sollen dagegen ausgebaut werden. Die Rendite soll dabei nicht unter der Umschichtung leiden. "Wir erwarten, dass diese Entscheidung keine negative Auswirkung auf die langjährige Rendite und ihre Betriebsrente hat," sagte ABP-Chefin Corien Wortmann.

Der "radikale Wandel" in der Anlagestrategie des Pensionsfonds sei notwendig. Die globalen Temperaturen stiegen wegen des Klimawandels innerhalb von sieben Jahren um 1,5 Grad an. Die langfristigen Ersparnisse der Rentensysteme gelte es vor der Bedrohung dieses Wandels zu schützen, sagte Wortmann. Einen anderen Weg, "die notwendige Energiewende bei diesen Unternehmen voranzutreiben", sehe sie derzeit nicht.

Auch große Versicherer steuern um

Mit ihrer Entscheidung liegen die Niederländer im Trend. Immer mehr Investoren wollen Anlagevermögen in nachhaltige Beteiligungen lenken und lehnen Aktien von Firmen ab, deren Geschäftsmodell nicht mit dem Zwei-Grad-Ziel der Pariser Klimakonferenz vereinbar ist. So steigt die Zahl der Investmentfonds, die ausschließlich in klimaneutrale Produkte investieren, stetig an. Allein in Deutschland und Österreich warben Ende September insgesamt 112 Fonds damit, nur in "saubere" Beteiligungen sowie in Firmen zu investieren, die sich dafür einsetzen, den globalen Treibhausgasausstoß zu reduzieren. Dabei handelt es sich um 27 ETFs, also Indexbasierte Fonds, und 85 herkömmliche Publikumsfonds.

Begonnen hat dieser Trend vor sechs Jahren. Damals, im Juni 2015, verkündete der norwegische Pensionsfonds, der sich pikanterweise aus Einnahmen aus der dortigen Ölindustrie speist, sich von Beteiligungen an Unternehmen zu trennen, in denen entweder mehr als 30 Prozent des Umsatzes oder des benötigten Stroms mithilfe von Kohle erzeugt wird. Das entsprach damals einem Volumen von vier Milliarden Euro. Seither hat der Ölfonds seinen Rückzug aus nicht nachhaltigen Investments ausgebaut.

Auch große Versicherungen wie die Allianz, Münchener Rück und Axa haben sich aus Kohleinvestitionen zurückgezogen. Als erster deutscher Vermögensverwalter hat Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, den vollständigen Ausstieg aus der Finanzierung von Kohleförderung (bis zum Jahr 2025) und Kohleverstromung (bis 2035) beschlossen.

Banken als Finanzierer

Klimaaktivisten bezweifeln allerdings den Nutzen dieser Entscheidungen. Denn Kohleförderern und Betreibern von Kohlekraftwerken stünden weiterhin genügend Geldquellen zur Verfügung, vor allem durch die Banken als Finanzierer. Die Publikumsfonds und ihr Investment in nachhaltige Produkte fielen da kaum ins Gewicht.

Zumal ein Großteil der weltweiten Fonds die Klimaziele weiterhin komplett verfehlt. Einer Untersuchung der gemeinnützigen Organisation Carbon Disclosure Project (CDP) zufolge investieren weniger als 0,5 Prozent der untersuchten 16.500 Aktien- und Unternehmensanleihefonds aus Europa, Asien und den USA, die zusammen rund 27 Billionen Dollar verwalten, investieren ausschließlich in Firmen, die sich dem Pariser Zwei-Grad-Ziel verpflichtet haben. In absoluten Zahlen sind das gerade einmal 158 Produkte.

In Europa bieten demnach unter anderem die Deutsche-Bank-Tochter DWS, Union Investment sowie die französischen Häuser Amundi, Axa und Credit Mutuel jeweils einige Paris-konforme Fonds oder ETFs an. Mehr als 8000 Fonds, rund 62 Prozent der untersuchten Produkte, befinden sich dagegen auf einem Temperaturpfad von über 2,75 Grad Celsius.

Nur ein Prozent des Fondsvermögens

Laurent Babikian, bei CDP verantwortlich für Kapitalmarktthemen, dämpft deshalb die Freude über die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Investments: "Trotz eines offensichtlichen Booms gehört zur Wahrheit, dass nicht einmal ein Prozent des Fondsvermögens derzeit auf Paris ausgerichtet ist." Diese Art "Röntgenaufnahme der Branche" zeige, dass fast alle Vermögenswerte auf dem Planeten gegen die Klimaziele arbeiteten und die Fondsbranche im krassen Gegensatz zu dem Bild stehe, das sie von sich selbst zeichne.

Außerdem sind zuletzt einzelne Fondsanbieter unter "Greenwashing"-Verdacht geraten, weil ihre Investments bei weitem nicht so nachhaltig waren wie sie vorgaben - möglicherweise auch zum Teil aus Unwissenheit. "Manche Anbieter nachhaltiger Fonds wissen gar nicht genau, worüber sie reden", kritisierte kürzlich Hans Joachim Reinke, Chef von Union Investment, im Interview mit dem "Handelsblatt". "Als Anbieter muss ich transparent zeigen, was ich unter Nachhaltigkeit verstehe."

Warnung vor der Blase

Dennoch ist die Nachfrage so hoch, dass auch die weltgrößten Fondsgesellschaften BlackRock und Fidelity International ihre Portfolios klimafreundlicher ausrichten wollen. Schon warnen erste Experten vor dem Entstehen einer Blase. Die hohen Mittelzuflüsse in nachhaltige Fonds hätten zu einem sich selbst verstärkenden Zuwachs geführt und die Kurse drastisch steigen lassen. Der Effekt sei vergleichbar mit dem Aufstieg einer Aktie in einen neuen Index, sagt der Experte Peter Seppelfricke von der Hochschule Osnabrück. Die Indexaufnahme erzeuge ebenfalls einen Kaufdruck und lasse den Kurs steigen.

Dass es zum Platzen einer "Nachhaltigkeitsblase" kommen wird, weil der Wertzuwachs der Fonds vor allem von überwiegend unerfahrenen und deshalb unkritischen Investoren befeuert wird, ist nach Seppelfrickes Einschätzung nur eine Frage der Zeit. Für den Kampf gegen den Klimawandel wäre dies ein Rückschlag, denn das Misstrauen gegenüber klimafreundlichen Fonds würde so geschürt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. November 2021 um 18:40 Uhr.