Passanten spazieren am kopenhagener Nyhavn entlang. | picture alliance/dpa
Interview

Vorbild Dänemark? "Alles schneller und effizienter"

Stand: 25.09.2022 14:14 Uhr

Der frühere Commerzbank-Chef Martin Blessing ist heute für die Danske Bank tätig. Im tagesschau.de-Interview erklärt er, warum Dänemark gerade besser durch die Krise kommt - und was Deutschland vom skandinavischen Nachbarn lernen kann.

tagesschau.de: Dänemark hat das Image, liberal und locker zu sein. Wie blicken Däninnen und Dänen auf die Deutschen?

Martin Blessing: Wie jedes erfolgreiche, aber auch kleinere Land blickt Dänemark mit einer Mischung aus Freundlichkeit, aber auch leichtem Unverständnis auf den großen Nachbarn Deutschland. Sie sind stolz darauf, was sie mit ihrem Wirtschaftsmodell hinkriegen. Sie glauben, dass es bei ihnen im Moment besser läuft als bei uns. Wenn wir uns die Zahlen angucken, glauben sie das zu Recht. Die Leute in Dänemark wundern sich manchmal über ideologische Grundsatzdebatten in Deutschland, während sie selbst pragmatisch sind - und das unabhängig von der politischen Ausrichtung.

Martin Blessing (Archivbild: 2017) | picture alliance / Lukas Rapp
Zur Person: Martin Blessing

Martin Blessing, geboren 1963 in Bremen, war nach Banklehre und Betriebswirtschaftsstudium sieben Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey und wechselte dann in die Bankbranche. Mit 37 Jahren wurde er Bankvorstand, war acht Jahre Chef der Commerzbank und drei Jahre Vorstand der Schweizer Großbank UBS.

2020 rückte Blessing in den Aufsichtsrat der Danske Bank, im Frühjahr 2022 wurde er zum Vorsitzenden gewählt. Blessings Großvater Karl war Präsident der Bundesbank, sein Vater Werner Deutsche-Bank-Vorstand. Seine Frau Dorothee stammt aus der Bankiersfamilie Wieandt und ist bei der US-Bank JP Morgan Chefin für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

Pragmatismus als Prinzip

tagesschau.de: Wo ist Dänemark vorne - im Unterschied zu Deutschland?

Blessing: Dänemark hatte in den 1970er-Jahren große ökonomische Probleme. Das Land stand kurz von einem Rettungsprogramm des Internationalen Währungsfonds. Um ihr staatliches Rentensystem aufzufangen, haben sie ein kapitalgedecktes Pensionssystem eingeführt. Dass man darüber in Deutschland immer noch diskutiert und es nicht einfach mal gemacht hat, versteht man dort überhaupt nicht. Sie haben auch das Renteneintrittsalter pragmatisch angepasst: mit einer Formel aus durchschnittlicher Arbeitszeit und Lebenserwartung - in etwa nach dem Prinzip: Wenn die Lebenserwartung um ein Jahr steigt, muss man ein paar Monate länger arbeiten.

tagesschau.de: Gibt es in Dänemark auch Dinge, wo Sie sagen: Das ist ja völlig absurd, wie die das machen.

Blessing: Absurd nicht gerade, aber wenn ich mir die Flüchtlingspolitik angucke, ist das schon sehr ungewöhnlich. Dänemark kontrolliert die Zuwanderung sehr strikt. Sie haben während der Flüchtlingskrise sogar die Grenzen zu Schweden zugemacht - das war bis dahin in Skandinavien unvorstellbar. Bei aller Offenheit sind Dänen bei manchen Themen sehr restriktiv.

tagesschau.de: Das ist für einen Deutschen schon fremd?

Blessing: Ja.

Schnelle Kommunikation mit dem Staat

tagesschau.de: Die Wachstumsaussichten für Dänemark sind besser als die für Deutschland. Wo sind die wirtschaftlichen Vorteile im Norden?

Blessing: Dänemark hat eine sehr niedrige Staatsverschuldung, weil sie damals durch diese Krise gegangen sind. Das Pensionssystem mit seinem stabilen Kapitalstock entlastet den Staat. Sie haben eine parteiübergreifende Einigkeit, wie Wirtschaft und Staatsfinanzen funktionieren sollen. Sie haben eine sehr gute Digitalisierung: Jeder Bürger hat eine elektronische Identität. Damit können Sie mit dem Staat kommunizieren, und die Behörden funktionieren viel flotter. Sie können das aber auch nutzen, um zum Beispiel Bankgeschäfte zu machen. Es gibt eine elektronische Gesundheitsakte. Lauter Sachen, die in Deutschland aus Datenschutzgründen nicht laufen, gehen in Dänemark. Das spart Kosten, es geht alles schneller und effizienter, und das hilft dem Wachstum.

tagesschau.de: Und wenn Sie als Neu-Däne aus dem Büro bei der Danske Bank Deutschland betrachten, was fällt Ihnen auf?

Blessing: Ich bin ja nicht Däne geworden. Ich verbringe zwei bis drei Tage die Woche in Dänemark. Aber was mir als Unterschied auffällt, ist diese moralische Aufgeregtheit in Deutschland bei Themen, die in Dänemark gelassen diskutiert werden. Diese Empörung beim Gendern - aus beiden Richtungen. Oder wenn bei einem berufstätigen Ehepaar Vater oder Mutter sagen: Ich muss heute früher weg und das Kind abholen. Das ist in Dänemark selbstverständlich, bei uns aber noch längst nicht voll akzeptiert.

"Es gibt riesige Aufgaben"

tagesschau.de: Bei Ihnen ist Kinderbetreuung ja ein bisschen her. Was raten Sie jungen Leuten: Was sollen die lernen, studieren, machen?

Blessing: Die Branchen der Zukunft sind schon immer die, die an der Spitze technischer Entwicklungen stehen: heute Biotech, Healthtech, Software … Da gibt es riesige Aufgaben, und zwar ganz egal, ob Sie Ingenieurin sind oder Designer oder im Marketing.

tagesschau.de: Sie haben das große Glück, drei Töchter zu haben …

Blessing: … wunderbares Glück!

tagesschau.de: … und die Eltern Ihrer Töchter, die Großeltern, teils gar Urgroßeltern: alles Bankiers und Banker. Was machen Ihre Töchter? Traumatisiert oder vom Kapitalismus geprägt?

Blessing: Die studieren noch. Und keine von ihnen macht irgendetwas Technisch-Naturwissenschaftliches. Aber um meine Töchter ist mir nicht bange - die kriegen das schon hin.

Die Fragen stellte Ingo Nathusius.